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2.3 Sozialer Wandel und dessen Einfluss auf Kinder- und Jugendhilfe

Um die gegenwärtigen Lage der Kinder und Jugendlichen zu verstehen, muss das betroffene soziale Umfeld und die beeinflussenden Faktoren analysiert werden. Wie oben bereits erwähnt, war in Südkorea durch jahrzehntelange japanische Kolonialherrschaft (1910-1945) und den Koreakrieg (1950-1953) das ganze Land verwüstet sowie alle Eisenbahnen und mehr als 75% der Industrieanlagen zerstört. Ebenfalls waren wegen des Kriegs mehr als 4 Millionen Menschen ums Leben gekommen. Deshalb hatte Südkorea im Jahr 1960 pro Person nur 79 Dollar des Bruttoinlandsprodukts[1], (im Vergleich zu Südkorea hatten zur selben Zeit die Philippinen 254 Dollar pro Person, mehr als drei Mal so viel zur Verfügung). Ab 1970 war eine der größten Veränderungen das wirtschaftliche Wachstum. Deutlich wird das an der Firma Samsung: Das Unternehmen Samsung beschäftigte sich in den 60er Jahren mit der primär-Sektoren-Basis und produzierte in den 80er Jahren Speicherchips (jetzt Mobiltelefone). Vom primären Sektor über den sekundären bis zum tertiären Sektor hat sich dieses Unternehmen atemberaubend entwickelt. Das Bruttoinlandsprodukt erhöhte sich kontinuierlich über den Zeitraum von 1970 bis 2011 (Abb. 2). Zudem gab es einen Wandel im koreanischen Produktionsystem. Es kam zu einer Abnahme bei der agrarischen Produktion und zu einer Zunahme der industriellen Produktion (Abb. 3).

Quelle: World bank, Statistisches Amt von Südkorea

Abbildung 2: Bruttoinlandsprodukt in Südkorea 1970-2011 (in Mrd., Dollar)

Quelle: Statistisches Amt von Südkorea

Abbildung 3: Beschäftigte nach Wirtschaftssektoren 1960-2008 (in Prozent)

Diese Tendenz des Strukturwandels in der Wirtschaft weist darauf hin, dass die Berufsstruktur mit der raschen Industrialisierung zunehmend differenzierter wurde und dass damit die Heterogenität unter den Mitgliedern der Gesellschaft wuchs. [2] Im Vergleich zu den USA, die fast zwei Jahrhunderte Modernisierung und Deutschland das fast ein Jahrhundert zur Modernisierung benötigte, brauchte Südkorea nur ein halbes Jahrhundert für die Modernisierung und trat im Jahr 1996 der OECD bei. Die wirtschaftliche Entwicklung hatte zur Folge, dass viele Menschen ihre Heimat verließen und in die Großstadt Seoul gezogen sind (bereits im Jahr 1990 über 10 Million Einwohner). In dieser Zeit spielte das Wohl des Kindes und Jugendlichen oder die Gewalt gegen Kinder keine Rolle und wurde nicht als soziales Problem angesehen. Kim (1986) stellte in seiner Forschung fest, dass dabei der ab den 1960er Jahren eingeleitete Industrialisierungsprozess spezifische und nachhaltige Probleme erzeugte:

„Die meisten Sozialprobleme der gegenwärtigen Gesellschaft entstanden im Prozess und im Gang der Industrialisierung, in dem sich die Industrialisierung in extrem raschem Tempo vollzogen hat und dabei nur einseitig das quantitative Wachstum in den Vordergrund gestellt wurde. Die gemeinsame Ursache der sozialen Probleme liegt in der ungleichmäßigen Entwicklung der unterschiedlichen Sektoren der Wirtschaft und der gesellschaftlichen Gebiete.“ [3]

Durch den Industrialisierungsprozess und die wirtschaftliche Entwicklung entstanden neue soziale Phänomene. Eine der wichtigsten und deutlichsten Phänomene war der Wandel der Familienstruktur. Eine traditionelle, koreanische Familienstruktur war die Großfamilie, welche vom Konfuzianismus geprägt war. Doch aufgrund der seit den 60er Jahren rapide gestiegenen Industrialisierung hat allmählich die Zweigenerationen-Kleinfamilie die Mehrgenerationen-Großfamilie abgelöst, wie Tab. 2 zeigt.

Quelle: Statistisches Amt von Südkorea

Tabelle 2: Familienformen 1970-2010 (in Tsd, %)

Mit der raschen Urbanisierung und der massiven Land-Stadt-Migration ist das traditionelle Altersversorgungssystem der Großfamilie brüchig geworden. [4] Die Zunahme der Ehe ohne Kind war von 5,4 Prozent im Jahr 1970 auf 20,6 Prozent im Jahr 2010 gestiegen, während gleichzeitig die Ehe mit Kind von 55,5 Prozent auf 49,4 Prozent langsam sank. Besonders auffallend ist, dass Ehe, Großeltern und Kind von 17,4 Prozent auf 5,0 Prozent rasche Abnahme fand und sich Alleinerziehende mit Kind und sonstige, z.B. Großeltern mit Kind, Gemeinschaften usw. allmählich erhöhte. Insbesondere unterliegen Alleinerziehende mit Kind hohen Belastungen wie Haushalt, Erziehung und Versorgung, wirtschaftliche Verantwortung, Stress usw., die wiederum hohe Risikofaktoren für die Gewalt gegen Kinder darstellen. Es wird deutlich, dass das Versorgungssystem innerhalb der Familie sowie Schutz, Pflege und Erziehung in der Moderne einem schnellen Wandel unterliegt und diese Funktion zunehmend in den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen wie Kindergarten und Krippe ersetzt wird. Eine der wichtigsten Gründe für die Wandlung der Familien ist die Zunahme der Ehescheidungen von 2000 bis 2011 wurden jährlich jeweils über 1 000 000 Ehen annulliert (Abb. 4).

Quelle: Statistisches Amt von Südkorea

Abbildung 4: Ehescheidungen in Südkorea 1995-2011 (in Tsd.)

Quelle: Statistisches Amt von Südkorea

Abbildung 5: Die Zahl der Geburten von Kindern und Erwerbstätigkeit von Frauen in Südkorea 1970-2012 (in Zehntausend, %)

Eine weitere wichtige Veränderung neben den neuen Familienformen in Südkorea ist die rasche Zunahme der Berufstätigkeit der Frauen wie Abb. 5. zeigt. Im Zeitraum von 1970 bis 2012 erhöhte sich die Zahl der Berufstätigkeit der Frauen von 39,3 Prozent auf 55,2 Prozent kontinuierlich. Mit zunehmender Berufstätigkeit der Frauen wird der Familienwandel stark beeinflusst. Berufstätige Frauen, die zwischen Job, Haushalt und Familie in der koreanischen Gesellschaft stehen, sind komplexen Herausforderungen unterlegen, da sie zwischen diesen zwei Welten funktionieren müssen und dies direkten Einfluss auf die Pflege und Erziehung des Kindes haben kann (z.B. Stress, wenig Zeit für Familie wegen dem Beruf, usw.). In erster Linie ist die Kinderbetreuung von berufstätigen Frauen durch soziale Einrichtungen, z.B. Kindergarten, Kinderkrippe oder Betreuungspersonen wie Verwandte und Großeltern sichergestellt. Fehlen jedoch die sozialen Einrichtungen oder die Unterstützungen, ist die Versorgung der Kinder nicht sichergestellt und die berufstätigen Frauen verzichten auf die Geburt eines Kindes [5].

Die Abnahme der Zahl der Geburten hat sich in Südkorea rapide entwickelt. Von 1970 bis 2005 ist die Geburtenrate von 4,53% auf 1,08% stark gesunken[6] und im Jahr 2010 wieder gestiegen. Jedoch ist sie im Jahr 2012 nur 1,3% niedriger als in im Durchschnitt der restlichen Welt. Gründe dafür sind nicht nur, dass sich das Heiratsalter durch die Veränderung der sozialen Lage und der Wertvorstellungen erhöht hat (das Durchschnittsalter der Frauen bei der ersten Heirat: im Jahr 1990, 24,9 Jahre, 2005, 27,7 Jahre, 2012, 30,2 Jahre[7]), sondern auch, dass die Unsicherheit der Beschäftigungsverhältnisse in der gesamten Zeit der Ausbildung zunimmt und sich bei unzureichenden Arbeitsbedingungen die Frauen entweder für den Arbeitsplatz oder die Familie entscheiden. Ebenfalls ist die unzureichende Tragbarkeit der zu hohen Kosten der Kinderbetreuung auf verschiedene komplizierte Faktoren zurückzuführen [8] . Neben abnehmenden Geburtenzahlen sank die Gesamtzahl der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren kontinuierlich (197016419 Tsd., 50,9%, 198016545, 43,4%, 1990- 14489, 33,8%, 200012904, 27,5%, 201010763, 21,8%, 201310019, 20,0%[6]).

Quelle: Ministry of Education [10] , National Statistical Office von Südkorea

* Die koreanischen Kinder sollen ab 7 Jahren die Schule besuchen.

** Grundschule: 6 Schuljahre, Mittelschule: 3 Schuljahre, Oberschule: 3 Schuljahre.

Abbildung 6: Bildungsbeteiligung 1980-2011 (in Prozent)

Im Laufe des rasanten Modernisierungsprozesses entwickelte sich das Bildungswesen ebenso sprunghaft. Mit dem raschen Wirtschaftsaufstieg entstand ein Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften, was in kurzer Zeit zu einer Bildungsexpansion führte, wie Abb. 6 zeigt. Es fällt auf, dass sich die Bildungsbeteiligung an Universitäten und Colleges von 11,4% auf 71,1% im Zeitraum 1980 bis 2011 rasch erhöhte. Es weist vieles darauf hin, dass immer mehr Kinder und Jugendliche einen höheren Schulabschluss anstreben und ein Studium an Universtiäten oder Hochschulen planen.

  • [1] Statistisches Amt, kostat.go.kr. Südkorea
  • [2] Kim, Y., 1986. Jugendpolitik in Korea und in der Bundesrepublik Deutschland. Diss. Bochum,S. 26
  • [3] Ebd., S. 38
  • [4] Engelhard, K., 2004. Südkorea vom Entwicklungsland zum Industriestaat. Münster, S. 88
  • [5] Vgl. Chang, J., Boo, G., 2003. Hidden Choice: Paid Work and Child Care for Married Female Workers. Korean Women´s Development Institute (65). Seoul, S. 3
  • [6] Statistisches Amt, index.go.kr
  • [7] Statistisches Amt. 115.84.165.91/jsp/WWS00/outer_Seoul.jsp?stc_cd=1201
  • [8] Statistisches Amt; Vgl. Oh, J., Jeong, I., 2008. Child Welfare. Seoul, S. 13
  • [9] Statistisches Amt, index.go.kr
  • [10] Ministry of Education, 2009. Bericht für statistische Ausbildung. Sejong, S. 22
 
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