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3.2 Die historsiche Entwicklung des Kinderschutzes in Deutschland

Eine Perspektive, die sich auf die geschichtliche Entwicklung des Kinderschutzes bezieht, zeigt, dass die Praxis des Kinderschutzes gegenwärtig und in vergangenen Zeiten von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren beeinflusst wurde und wird. Normalerweise waren die Eltern in antiken und mittelalterlichen Epochen des Europas vor der Industrialisierung verantwortlich für ihre Kinder. Waisen- und Findelkinder wurden meistens in religiösen Einrichtungen wie Klöstern und Kirchen geschützt. Nach der Industrialisierung erweiterte sich jedoch allmählich die Verantwortung und Wahrnehmung des Schutzes der Kinder von den Familien bis hin zur Gesellschaft bzw. zum Staat. In diesem Kapitel werden daher zwei Perspektiven behandelt. Zum einen die antiker und mittelalterlicher Zeit vor der Industrialisierung und zum anderen die der Neuzeit und Modernen nach der Industrialisierung in Deutschland.

3.2.1 Kinderschutz in der vorindustriellen Zeit

Bis zum späten 19. Jahrhundert waren Kinder, wegen der hohen Geburts- und Sterberate, ein großer Anteil der Gesamtbevölkerung und die Anzahl dieser blieb stets konstant. Bis dahin bekam eine verheiratete Frau durchschnittlich alle zwei Jahre ein Kind. [1] Aber Kinder waren im Mittelalter vielen Gefahren und Leiden ausgesetzt wie Seuchen, Kriegen und Hungersnöten, wodurch sie auch ihren Familien zur Last fielen. Ein Leben war zu dieser Zeit schwer finanzier- und tragbar. Aus diesem Grund gab es tausende Waisenkinder [2]. Arme Eltern zwangen ihre Kinder zum Betteln. [3]Aus mittelalterlichen Aufzeichnungen kann man entnehmen, dass durchschnittlich etwa 20%-25% der Kinder unter einem Jahr starben [4] und Mitte des 19. Jahrhunderts europaweit jährlich über 100000 Kinder ausgesetzt wurden. [5] Im Jahr 1905 starb in Berlin etwa jedes dritte Kind. [6]

Fegert stellte in seiner Forschung dar, dass die Perspektive über die richtige Behandlung und Erziehung von Kindern im Mittelalter und der frühen Neuzeit aus antiken Überlieferungen und christlichen Quellen umfangreich beeinflusst wurde. Bereits in der antiken Zeit in Europa wurde das Aussetzen des Kindes praktiziert und als legitimes Mittel angesehen, sich unerwünschter Kinder zu entledigen. Seit dem Mittelalter gab es zwar eine Strafe für die Aussetzung des Kindes, aber nur ein kleiner Teil konnte wegen der hohen Zahlen der ausgesetzten Kinder ermittelt werden. [7]Noch im 16. und 17. Jahrhundert durften Kinder im Kleinkindalter mit Duldung ihrer Eltern von anderen Erwachsenen sexuell missbraucht werden [8] und es war nirgends die Rede von einem Erziehungsziel und einer Berufsausbildung. [9]

Meier beschreibt in seiner Studie, dass die Eltern ihre Kinder in Grenzgebieten von Städten, an Klöstern oder Kirchen bzw. Wäldern aussetzten, da diese Orte die Entdeckung des Kindes in Folge dessen eine gerichtliche Verfolgung erschwerten und die Eltern schnell von den Orten fliehen konnten. Zudem versuchten manche Eltern bei schwerer Not, ihre Kinder in soziale Einrichtung sowie Klöstern, Hospitalen und Findelhäusern, oder bei einer anderen Familie bzw. bei Verwandten unterzubringen. [10] Die Kinder arbeiteten dort in Haus- und Heimarbeiten und wurden zum Betteln für das Hospital oder die Stiftung gezwungen. Die damalige Atmosphäre in Waisen- und Findelhäusern stellte Jordan so dar, dass sie „durch eine Mischung aus Arbeit, Prügel und Frömmelei, aus Ordnungsrecht, Lieblosigkeit und bornierter Psalmsingerei“ bestimmt wurde. [11] Eine hohe Zahl von Kindern starb in den Findel- und Waisenhäusern wegen der schlechten Versorgung und Hygiene. Auch gab es dort kaum Rechte für Waisen- und Findelkinder. [12] In der frühen Literatur finden sich Hinweise, dass 31,4% der Kleinkinder unter drei Jahren im Zeitraum von 1762 bis 1842 in den Kirchengemeinden der Stadt Fulda gestorben sind. Dazu kommen weitere 10,2% die im Altern von drei Jahren bis zum heiratsfähigen Alter gestorben sind. (Insgesamt 41,6% aller Todesfälle von junger Generation). [13] Zudem starben im Jahr 1902 in Berlin 59,7% der Pflegekinder im ersten Lebensjahr und im Stuttgarter Waisen-Arbeitshaus kamen bereits in den ersten Jahren von 457 Waisenkindern, 118 um. [14]

Erste Maßnahmen der Kinderfürsorge begann im späten Mittelalter: Ab dem

13. Jahrhundert hatten die kirchlichen Stiftungen in den Städten Findel- und Waisenhäuser eingerichtet[15] und seit dem 14. Jahrhundert richteten die Städte und Gemeinden ebenfalls Findelhäuser ein. Dabei existierten bereits die Babyklappe und Ammen für die Versorgung der Säuglinge. [16] Fegert beschrieb in seiner Studie, dass die Kindstötung bereits im frühen Mittelalter als Verbrechen angesehen wurde und dafür mit verschiedenen Strafen und Bußformen belegt wurde. Beispielweise wurde bei Kindsmord durch Ertränken, lebendiges Begraben, Pfählen oder Zerreißen mit glühenden Zangen oder die Todesstrafe angewandt, und somit wurden von 1500 bis 1800 in Deutschland mindestens 30000 Frauen als Kindsmörderinnen hingerichtet. [17] Jedoch war der Schutz der Kinder, mit der Aussicht auf Bestrafung, nur teilweise gewährleistet, weil die Aussetzungshandlungen oder Kindermorde im Verborgenen geschahen oder als Unfälle getarnt wurden. Aus diesem Grund wurden Kindermorde nur in den seltensten Fälle aufgedeckt. Entdeckte Kindermorde jedoch wurden im über das gesamte Mittelalter hinweg streng bestraft[18], und die Strafe für die Aussetzung von Kindern im Laufe der Zeit verschärft. [19] Im Vergleich zum Kindsmord wurden andere Formen der Gewalt gegen Kinder sowie körperliche Züchtigung als legitimes und notwendiges Mittel zur Erziehung angesehen und nur in Ausnahmefällen geahndet. [20]

Viele Studien über die Kindheit im Mittelalter gehen davon aus, dass in der mittelalterlichen Gesellschaft kein Verständnis für Kindheit existierte. [21] Es wird darauf hingewiesen, dass Kinder in der mittelalterlichen Gesellschaft lange Zeit keine Rechte hatten und Gewalt gegen Kinder akzeptiert sowie toleriert wurde. Jedoch veränderte sich die Sicht auf die Kindheit im 18. Jahrhundert. Ariés ging davon aus, dass sich im 17. Jahrhundert die starke Veränderung in der Bewertung von Kindheit vollzog, während die meisten Historiker dies dem 18. Jahrhundert zuweisen. [22] Cunningham (2006) geht daher davon aus, dass sich im Laufe der Zeit von 1500 bis 1900 die Rolle der Kinder in der Familie stark veränderte. Am Anfang dieses Zeitraums bedeutete Kindheit ab dem sechsten Lebensjahr, die langsame Einführung in die Arbeitswelt der Erwachsenen und am Ende dieser Periode wurde in beinahe jedem Land der Schulbesuch für Kinder obligatorisch. [23] Weiterhin stellte Fegert dar, dass die Kindheit ab dem Hoch- und Spätmittelalter von einer defizitären Lebensphase hin zu einer eigenständigen förderwürdigen Lebensphase, wahrgenommen wurde und dass Eltern materiell und emotional in ihr Kind investierten. [7] Weiterhin entstand am Ende des 18. Jahrhunderts ein öffentlicher Diskurs über und Kritik an Manufakturen mit Waisenhäusern, ein „Waisenhaussstreit“[25].

  • [1] In ihren ersten Lebensjahren stellten Kinder für die Familien also einen hohen Kostenfaktor dar. Daher war es umso wichtiger, dass sie möglichst schnell zum Familieneinkommen beitragen konnten: Gerade für bäuerliche Familien waren Kinder als zukünftige Arbeitskräfte und Hoferben unverzichtbares Humankapital. Überstieg die Zahl der Kinder die Möglichkeiten zum ökonomischen Kapital beizutragen, bestand die Überlebensstrategie armer Familien häufig darin, ihre soziale Not durch ein Weggeben oder Aussetzen „überzähliger“ Kinder zu lindern. Fegert, J., Ziegenhain, U., Fangerau, H., 2010. Problematische Kinderschutzverläufe. Weinheim und München, S. 24-26
  • [2] Wegen der niedrigen Lebenserwartung ihrer Eltern wurden viele Kinder vor Erreichen des Erwachsenenaltes zu Halboder Vollwaisen. Cunningham, H., 2006. Die Geschichte des Kindes in der Neuzeit. Düsseldorf, S. 144
  • [3] Vgl. Alexandre, D., Riché, P., 2007. Das Leben der Kinder im Mittelalter. München, S. 14
  • [4] Vgl. Fegert, J., Ziegenhain, U., Fangerau, H., 2010. Problematische Kinderschutzverläufe. Weinheim und München, S. 24-25; Vgl. Shahar, S., 1991. Kindheit im Mittelalter. München, S. 144145
  • [5] Vgl. Cunningham, H., 2006. Die Geschichte des Kindes in der Neuzeit. Düsseldorf, S. 138
  • [6] Johansen, E., 1978. Betrogene Kinder. Frankfurt am Main, S. 101
  • [7] Vgl. Fegert, J., Ziegenhain, U., Fangerau, H., 2010. Problematische Kinderschutzverläufe. Weinheim und München, S. 25-26
  • [8] Vgl. Johansen, E., 1978. Betrogene Kinder. Frankfurt am Main, S. 43
  • [9] Vgl. Jordan, E., Maykus, S., Stuckstätte, E., 2012. Kinder- und Jugendhilfe. 3 überarbeitete Auflage. Weinheim und München, S. 26
  • [10] Vgl. Meier, F., 2006. Mit Kind und Kegel. Kindheit und Familie im Wandel der Geschichte. Stuttgart, S. 70; Alexandre, D., Riché, P., 2007. Das Leben der Kinder im Mittelalter. München, S. 14, 32-33
  • [11] Beispielweise entstand in Halle eine Waisen-, Schüler- und Studentenstadt mit 3.000 Zöglingen. Franckes Stiftungen waren Impuls für weitere Einrichtungen mit ähnlicher Programmatik: „Härter noch als in Franckes Anstalten in Halle stellte sich die pietistische Erziehung bei den Herrnhutern dar: fünf Stunden Unterricht, sechs Stunden körperliche Arbeit, drei Stunden Andachtsübungen, das war der Tageslauf im Herrnhuter Waisenhaus...“. (Zitiert nach Blankertz, H., 1982. Geschichte der Pädagogik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Wetzlar, S. 53). Jordan, E., Maykus, S., Stuckstätte, E., 2012. Kinder- und Jugendhilfe. 3. überarbeitete Auflage. Weinheim und München, S. 26-30
  • [12] Vgl. Fegert, J., Ziegenhain, U., Fangerau, H., 2010. Problematische Kinderschutzverläufe. Weinheim und München, S. 27
  • [13] Vgl. Johansen, E., 1978. Betrogene Kinder. Frankfurt am Main, S. 55
  • [14] Vgl. Ebd., S. 59, 79
  • [15] Vgl. Jordan, E., Maykus, S., Stuckstätte, E., 2012. Kinder- und Jugendhilfe. 3 überarbeitete Auflage. Weinheim und München, S. 25-26
  • [16] Schon Ende des 12. Jahrhundert wurden auf päpstliche Anordnung hin an den Eingangstüren der Findelhäuser und Klöster Drehladen montiert, um anonyme Kindsaussetzungen zu ermöglichen. Zwar wurden viele Kinder unmittelbar nach der Geburt ausgesetzt, doch wurden einige der Kinder vorher noch getauft, um die eventuelle Bestrafung der Eltern abzumildern. (Rechtlich wurde das Aussetzen eines getauften Kindes als weniger schwerwiegend bewertet, als das eines ungetauften, da nur ersteres im Todesfall die Aufnahme im Paradies gefunden hätte). Fegert, J., Ziegenhain, U., Fangerau, H., 2010. Problematische Kinderschutzverläufe. Weinheim und München, S. 27; Meier, F., 2006. Mit Kind und Kegel. Kindheit und Familie im Wandel der Geschichte. Stuttgart, S. 72; Alexandre, D., Riché, P., 2007. Das Leben der Kinder im Mittelalter. München, S. 11
  • [17] Vgl. Fegert, J., Ziegenhain, U., Fangerau, H., 2010. Problematische Kinderschutzverläufe. Weinheim und München, S. 29-30
  • [18] Vgl. Meier, F., 2006. Mit Kind und Kegel. Kindheit und Familie im Wandel der Geschichte. Stuttgart, S. 74; Schwarz, H., 1993. Der Schutz des Kindes im Recht des frühen Mittelalters. Siegburg, S. 169
  • [19] Vgl. Jordan, E., Maykus, S., Stuckstätte, E., 2012. Kinder- und Jugendhilfe. 3 überarbeitete Auflage. Weinheim und München, S. 27
  • [20] Vgl. Fegert, J., Ziegenhain, U., Fangerau, H., 2010. Problematische Kinderschutzverläufe. Weinheim und München, S. 28
  • [21] Vgl. Ariés, P., 1977. Geschichte der Kindheit. 4. Auflage. München, S. 209; Cunningham, H., 2006. Die Geschichte des Kindes in der Neuzeit. Düsseldorf, S. 49
  • [22] Ein Grund für die völlige Umwertung der Kindheit, von einem reinen Stadium der Unvollkommenheit hin zu einer eigenen Lebensphase mit eigenem Wert und eigenen Fertigkeiten wird vielfach in der Säkularisierung der Haltung gegenüber Kindern gesehen. Durch den schleichenden Autoritätsverlust des Erbsünde-Gedankens kehrte sich die Wahrnehmung und Bewertung des Kindes und kindlichen Verhaltens fast vollständig ins Gegenteil um. Fegert, J., Ziegenhain, U., Fangerau, H., 2010. Problematische Kinderschutzverläufe. Weinheim und München, S. 32; Cunningham, H., 2006. Die Geschichte des Kindes in der Neuzeit. Düsseldorf,S. 94
  • [23] Vgl. Cunningham, H., 2006. Die Geschichte des Kindes in der Neuzeit. Düsseldorf, S. 120-121
  • [24] Vgl. Fegert, J., Ziegenhain, U., Fangerau, H., 2010. Problematische Kinderschutzverläufe. Weinheim und München, S. 25-26
  • [25] Jordan, E., Maykus, S., Stuckstätte, E., 2012. Kinder- und Jugendhilfe. 3 überarbeitete Auflage. Weinheim und München, S. 30
 
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