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3.2.2 Kinderschutz ab dem 19. Jahrhundert bis heute

Am Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Industriegesellschaft in Deutschland rasch weiter und damit trat ein massiver Anstieg der Ausbeutung von Kindern und eine Vernachlässigung von Kindern wegen Armut und auseinanderbrechenden Familien auf. Darauf änderte sich die Sicht auf den Schutz vor Gewalt gegen Kinder und deren Ausbeutung. Als Reaktion darauf entstanden am Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten Kinderschutzinitiativen. [1] Im Jahr 1829 etablierte sich der Schutz von sittlich vernachlässigten Kindern, was somit als Vorläufer des Kinderschutzbundes galt. Am 6. April 1839 wurde das erste gesetzgeberische Arbeitsverbot für Kinder unter neun Jahren durch das „Preußische Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken“ erlassen und 1853 mit der Begrenzung der Arbeitszeit von Kindern unter 12 Jahren überarbeitet. Schließlich erfolgte 1891 das gänzliche Arbeitsverbot der Fabrikarbeit für schulpflichtige Kinder. Im Jahr 1898 wurde der Verein zum Schutze der Kinder gegen Ausbeutung und Misshandlung in Berlin etabliert. Ende des Jahrhunderts wurden staatliche Kinderschutzinitiativen, z.B. regionale und staatliche Gesundheits- und Sozialämter und freiwillige Verbände, wie Kinderhilfsorganisationen zu einem übergreifenden Kinderfürsorgesystem, für institutionelle Programme, Gruppenprogramme und Tagesbetreuung bzw. soziale Beratung zur Familienbildung, vereint. Im Jahr 1903 wurde das erste Reichsgesetz zur Beschäftigung von Kindern, das „Gesetz betreffend die Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben“, verabschiedet, welches nicht nur die Ausbeutung der Kinder in der Industrie, sondern auch die Eingriffsmöglichkeit in die elterliche Verfügungsgewalt beeinflusste. Damit wurden Kinder vor der Ausbeutung und Misshandlung durch die eigenen Eltern geschützt. [2] Am Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgte die Verbreitung des Kinderschutzes auf internationaler Ebene. In Deutschland wurde die Wende in der öffentlichen Wahrnehmung von juristischen Reformen begleitet. Das Bürgerliche Gesetzbuch führte beispielsweise 1900 die Strafen für Eltern ein, die ihre Kinder misshandelten oder vernachlässigten. Im Jahr 1912 wurde Kindesmisshandlung mit schwerer Körperverletzung dem Strafrecht hinzugefügt. [3] Das Kinderschutzsystem wurde durch das nationalsozialistische Regime (1933-1945) zentralisiert und der Bereich der gemeinnützigen Sozialarbeit verstaatlicht. Dieses Regime benutzte deviantes Verhalten und Kindesmissbrauch zur Propaganda und verstärkte den bestrafenden Ansatz zur Sicherung sozialer Kontrolle, die mit schnellerem Eingreifen in die Rechte und Privatsphäre der Familie verbunden war. Aus diesem Grund wurden in dieser Zeit die Rechte des Kindes weniger verwirklicht. [4] Nach dem nationalsozialistischen Regime wurde 1953 die Einrichtung von Jugendämtern mit der Novellierung des Jugendwohlfahrtsgesetzes eingerichtet und 1953 etablierte sich in Hamburg der Deutsche Kinderschutzbund. 1973 wurde das Züchtigungsrecht an deutschen Schulen (Prügelstrafe) abgeschafft, die körperliche Züchtigung zu Haus und in der Schule als normales, notwendiges Korrektiv und privates Erziehungsmittel legitimierte. Ebenso wurde seit 2000 das Recht auf gewaltfreie Erziehung in Familien verabschiedet (§ 1631 BGB). [5] Im Jahr 1976 etablierte sich das erste deutsche Kinderschutzzentrum in Berlin [6] und in der öffentlichen Auseinandersetzung beschleunigten sich die Kinderschutzdebatten besonders seit 1980: die Fokusverschiebung in den deutschen Medien von Fällen der Misshandlung in den 1970er Jahren, Missbrauch in den 1980er Jahren und Vernachlässigung ab den 2000er Jahren. [7] Im Jahr 1989 verfasste die Vollversammlung der Vereinten Nationen ein Menschenrechtsdokument für Kinder sowie die UN-Kinderrechtskonvention (KRK). Der Artikel 19 der KRK definiert den Schutz des Kindes, als Schutz „vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung, Schadenszufügung oder Misshandlung, vor Verwahrlosung oder Vernachlässigung, vor schlechter Behandlung oder Ausbeutung einschließlich des sexuellen Missbrauchs“[8]. Der Staat, der die Konvention ratifiziert, ist dazu verpflichtet, alle Schutzmaßnahmen gegen Gewalt an Kindern zu ergreifen[9]. Nachdem im Jahr 1991 einige Bundesländer die Kinderrechte in ihre Landesverfassung aufgenommen hatten, bemühten sich in Deutschland verschiedene Verbände für die Umsetzung der Kinderrechte und eine Sensibilisierung für Gewalt gegen Kinder. [3] 1991 wurde das Kinder- und Jugendhilfegesetz verabschiedet, das nicht nur Eingriffsmöglichkeiten zur Gewalt gegen Kinder, sondern auch Unterstützung und Hilfeangebote für die Familien bereit stellte. 1994 erfolgte der multiprofessionelle Ansatz in der Arbeit mit Gewalt gegen Kinder durch die Gründung der Deutschen Gesellschaft gegen Kindesmisshandlung undVernachlässigung (DGgKV) in Hannover. 2009 entstand die Fusion mit dem Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch „Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung(DGfPI). [4]

  • [1] Vgl. Herrmann, B., Dettmeyer, R., Banaschak , S., Thyen, U., 2010. Kindesmisshandlung. 2. Auflage. Heidelberg, S. 6-9
  • [2] Vgl. Herrmann, B., Dettmeyer, R., Banaschak , S., Thyen, U., 2010. Kindesmisshandlung. 2. Auflage. Heidelberg, S. 6-9; Jordan, E., Maykus, S., Stuckstätte, E., 2012. Kinder- und Jugendhilfe. 3. überarbeitete Auflage. Weinheim und München, S. 36-38; Fegert, J., Ziegenhain, U., Fangerau, H., 2010. Problematische Kinderschutzverläufe. Weinheim und München, S. 36-37; Flitner, A., Hornstein, W., 1964. Kindheit und Jugendalter in geschichtlicher Betrachtung. Zeitschrift für Pädagogik 10. S. 311-339; Bange, D., 2005. Gewalt gegen Kinder in der Geschichte. In: Deegener, G., Körner, W. (Hrsg.), Kindesmisshandlung und Vernachlässigung Göttingen, S. 16; Vgl. Hering, S., Münchmeier, R., 2003. Geschichte der Sozialen Arbeit. 2. Auflage. Weinheim und München, S. 24-26.
  • [3] Vgl. Herrmann, B., Dettmeyer, R., Banaschak , S., Thyen, U., 2010. Kindesmisshandlung. 2 Auflage. Heidelberg, S. 6-9
  • [4] Vgl. Ebd., S. 6-9
  • [5] Vgl. Ebd., S. 5-6
  • [6] Aus der Gewaltdiskussion um den Vietnamkrieg und der in Deutschland parallel einhergehenden Verarbeitung der Enttabuisierung der Gewalterfahrung des Nationalsozialismus entstand 1976 das erste deutsche Kinderschutzzentrum in Berlin. Bange, D., 2005. Gewalt gegen Kinder in der Geschichte. In: Deegener, G., Körner, W. (Hrsg.), Kindermisshandlung und Vernachlässigung. Göttingen, S. 22
  • [7] Fegert, J., Ziegenhain, U., Fangerau, H., 2010. Problematische Kinderschutzverläufe. Weinheim und München, S. 21-22; z.B. 1982 wurde durch Alice Miller in der Zeitschrift Brigitte mit dem Titel: Die Töchter schwiegen nicht mehr und 1984 durch Barbara Kavemann und Ingrid Lohstöter mit dem Buch Väter als Täter, der sexuelle Missbrauch erstmals öffentlich thematisiert. Es bildeten sich im Rahmen der Frauenbewegung Initiativen zur Bearbeitung des Tabuthemas, wie 1983 Wildwasser in Berlin und 1986/87 Zartbitter in Münster und Köln. Doch erst in den 90er Jahren beherrschte das Thema die fachliche Diskussion und ließ andere Bereiche wie körperliche und seelische Gewalt in den Hintergrund rücken. Die Diskussion wurde von „Kinderschänder“ Skandalen, Sexualmorden, Sex-Tourismus und Internetpornographie beherrscht. Gleichzeitig kam es zu einer kritischen Gegenbewegung, die den Missbrauch des Missbrauchs postulierte. (Herrmann, B., Dettmeyer, R., Banaschak , S., Thyen, U., 2010. Kindesmisshandlung. 2. Auflage. Heidelberg, S. 6-9)
  • [8] Vgl. Fegert, J., Ziegenhain, U., Fangerau, H., 2010. Problematische Kinderschutzverläufe. Weinheim und München, S. 47
  • [9] Vgl. Ebd., S. 47
  • [10] Vgl. Herrmann, B., Dettmeyer, R., Banaschak , S., Thyen, U., 2010. Kindesmisshandlung. 2 Auflage. Heidelberg, S. 6-9
  • [11] Vgl. Ebd., S. 6-9
 
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