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4 Die gegenwärtige soziale Stellung der Kinder und Jugendlichen in der Gesellschaft – Zum Thema „Gewalt gegen Kinder“

Während die heutige soziale Stellung der Kinder und Jugendlichen in der Gesellschaft in Südkorea seit den 1960er nur ein halbes Jahrhundert durch den starken sozialen Wandel beeinflusst wurde, wobei der Aufstieg zur Industrienation ohne sozialpolitische Absicherung erfolgte, hat sich in Deutschland die soziale Stellung fast ein Jahrhundert mit der Modernisierung verändert. Obwohl die unterschiedliche Geschwindigkeit und Dauer des sozialen Wandels mit den Modernisierungsprozessen in beiden Ländern zusammenhängt, entstand eine weite Verbreitung des Individualismus, der Schwächung der Solidarität in der Gemeinschaft, eine geschwächte Funktion der Moral und der Ethik als gemeinsamer Wertemaßstab bei Kindern und Jugendlichen.

Obwohl in beiden Ländern das traditionelle Zusammenleben (Ehepaar mit Kindern) zurückging, leben die meisten Familien heute in solch einer Lebensgemeinschaft. Jedoch erhöhte sich die Anzahl an alternativen Lebensgemeinschaften, wie alleinerziehende Mütter und Väter, Wohngemeinschaften/ Alleinstehende sowie Einpersonenhaushalte kontinuierlich. Ebenfalls leben viele Kinder und Jugendliche (in Deutschland mehr als die Hälfte der Kinder[1]) mit Halbgeschwistern, durch einen Partnerwechsel eines Elternteils oder einer neuen Zusammensetzung der Familie, zusammen. Während zudem in Deutschland die Frauen mit Kindern wegen Familiengründung und Veränderungen in der Lebensplanung überwiegend in Teilzeit arbeiten [2] , arbeiten Frauen in Südkorea meistens in Vollzeit. In beiden Ländern wachsen aus diesen Gründen die Kinder und Jugendlichen nicht mehr in dem Konzept der „häuslichen Erziehung“ auf, sondern verbringen die meiste Zeit allein zu Hause oder in Tageseinrichtungen, bei Betreuungspersonen, usw. [3]. Als Grund hierfür kann man die Schwächung der familiären Struktur und die zunehmende Berufstätigkeit der Mütter nennen. Anders gesagt: immer mehr Kinder werden in Sozialeinrichtungen betreut.

Weiterhin verlängert sich immer mehr die Zeit in der Schule oder anderen Bildungsstätten, d.h. die meiste Zeit werden Kinder und Jugendliche fremd betreut. Insbesondere in Südkorea stehen durch die umfangreiche Bildungsexpansion die Kinder ständig unter dem Druck ihrer Eltern, in der Schule gute Noten zu erreichen und später einen Platz an einer guten Universität zu bekommen. Aus diesem Grund entsteht in der Gesellschaft eine Tendenz zu einem anhaltenden Konkurrenzdenken und ein ständiges Konkurrieren um eine gute Ausbildung. Deshalb müssen die Kinder sehr viel Zeit mit Lernen verbringen. Hinzu kommt der Konflikt zwischen den Eltern und ihren Kindern, bei welchem elterliche Vorstellungen und Wünsche zur Alltagsgestaltung konträr zu denen des Kindes und Jugendlichen stehen. [4]Die Pisa-Studie 2012 zeigte im Vergleich der OECD-Staaten, dass die Schulleistungen 15-jähriger Schüler in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften in Deutschland im Gegensatz zu Südkorea tendenziell schwach waren. Deutschland kam nur auf einem mittleren Platz während Südkorea auf einem oberen Platz liegt (z.B. Mathematik auf dem ersten Platz).

Jedoch liegt in der gleichen Studie Südkorea „die Motivation und Zufriedenheit mit Mathematik“ an letzter Stelle. Auch das National Youth Policy Institute ist 2009 zu dem Ergebnis gekommen, dass 40% der Kinder und Jugendlichen in Südkorea wegen Stress im Studium an Selbstmord gedacht haben. [5]

In Deutschland veränderte sich das erzieherische Verhalten der Eltern und ErzieherInnen durch viele Jahrhunderte, daher wurden Prügelstrafen in der modernen Pädagogik nicht mehr als geeignetes Mittel angesehen, um Kinder zum Lernen zu motivieren oder in ihrer moralischen Entwicklung zu fördern. [6] Ebenfalls haben Eltern und LehrerInnen in der Schule bzw. zu Hause ihr Züchtigungsrecht gemäß verabschiedener Gesetze verloren. Dagegen ist in Südkorea jeder Mensch und seine Verhaltensweisen sowie die gesamte gesellschaftliche Moral durch den Konfuzianismus beeinflusst. Dieses Wertesystem bildete eine gehorsame Gesellschaft auf Grundlage der Grundbeziehung zwischen Eltern und Kindern als senkrechter Subordination und führte zur körperlichen Züchtigung bzw. Gewalt gegen Kinder und Jugendlichen als legitime Disziplin in der Gesellschaft.

Zudem gibt es in beiden Gesellschaften stark ausgeprägte Ungleichheiten zwischen den sozialen Schichten, wobei sich insbesondere Armut auf das Aufwachsen der Kinder und Jugendlichen ausprägt. Viele Armutsforschungen beweisen deutlich, dass die Anteile von Kindern und Jugendlichen, die in Armut aufwachsen, angestiegen sind. [7]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Lage von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten tiefgreifend gewandelt hat und sie auch in der modernen Zeit in beiden Ländern nicht einheitlich sind. Jedoch stellen Veränderungsprozess der Modernisierung die Eltern aus unterschiedlichen Gründen vor eine große Belastung, bei der zumindest Erziehungsschwierigkeiten und Überforderungssituationen in der Gesellschaft dazu führen, dass die Erziehung und Betreuen von Kindern und Jugendlichen erschwert werden und darüber hinaus die Kinder und Jugendlichen von ihren Eltern negativ beeinflusst werden können. Dauern diese Belastungen länger, führen sie zu einer Belastung in der Erziehung und somit zu einer Erhöhung des Risikos für Kinder, Gewalt zu erleben. Dabei spielt es eine große Rolle, wie die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Eltern und Familie ist, wie die Eltern ihre Probleme bewältigen oder ob sie ihrer Verantwortung gerecht werden können.

Im nachfolgenden Kapitel geht es darum, die theoretischen Überlegungen der Gewalt gegen Kinder sowie unterschiedliche Begriffe und Formen, den Umfang der statistischen Daten, die Risikofaktoren und Folgen in Deutschland und Südkorea zu überprüfen.

  • [1] Vgl. Schone, R., Tenhaken, W. (Hrsg.), 2012. Kinderschutz in Einrichtungen und Diensten der Jugendhilfe. Weinheim, S. 41
  • [2] Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2012. Bildung in Deutschland 2012. Bielefeld, S. 28
  • [3] Statistische Ämter, 2015. Kindertagesbetreuung regional 2014. Wiesbaden, S. 7
  • [4] Vgl. Shin, S., 2004. Die Familie in der koreanischen Gesellschaft. In: Chei, W. (Hrsg.), Aspekte der koreanischen Kultur und Gesellschaft. Seoul, S. 105
  • [5] Vgl. National Youth Policy Institute, 2011. The study on the current status of Korean children´s and youth´s rights I. Seoul
  • [6] Vgl. Helfer, R., Kempe, C., 1978. Das geschlagene Kind. Frankfurt am Main, S. 17-18
  • [7] Vgl. BMFSFJ, 2013. 14. Kinder- und Jugendgericht. Berlin, S. 96; Vgl. Kim, M., Yang, S., 2007. Korean Children in Crisis and Policy Measures. Health and Welfare Policy Forum (128): The Korea Institue for Health and Social Affairs. Seoul, S. 10-11
 
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