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5.2 Der Begriff „Gewalt gegen Kinder“

Gewalt gegen Kinder ist in der Geschichte der Menschheit ein immer wiederkehrendes Phänomen und eine Form[1] von Gewaltausübung. Im Jahre 1962 wurde vom amerikanischen Kinderarzt Henry Kempe der Begriff des „Kindesmisshandlungssyndrom“ (engl. Battered Baby, oder Child Syndrome) erfasst und zum ersten Mal verwendet[2]. Dieser Begriff prägte die Literatur der meisten Länder und wurde in der europäischen[3] und koreanischen Fachliteratur ebenfalls erwähnt. Damals wurde in Südkorea sowohl die körperliche Gewalt, als auch die sexuelle Gewalt, als Kindesmisshandlungssyndrom bezeichnet und anerkannt. Der Grund für diese Anerkennung des Begriffs war, dass Kinderärzte durch eine einfache Diagnose die Annahme von Kindesmisshandlung bestätigen konnten. Von dieser Zeit an wurde die Anzahl an Definitionen erweitert und andere Formen von Gewalt gegen Kinder gewannen an Bedeutung, so z.B. psychische Gewalt und Vernachlässigung. Dadurch variierte das Kriterium für die Bewertung der Gewalt gegen Kinder und es folgten Diskussionen über die Leistungen und Anwendungen. In Deutschland wurden Diskussionen über Gewalt an Kindern erst in den 1970er Jahren durch Veröffentlichungen aus den USA, England und auch den Niederlanden angeregt, sodass sich die multiprofessionelle Misshandlungsarbeit zunächst auf körperliche Kindesmisshandlung und Vernachlässigungen konzentriert. Jedoch wurde Ende der 1980er Jahre und zu Beginn der 1990er Jahre, sexualisierte Gewalt gegen Kinder in das öffentliche Interesse gerückt und gegen Ende der 1990er Jahre die körperliche Gewalt und Vernachlässigung von Kindern in einem breiteren Raum propagiert. Danach wurde der Umfang der Definition des Gewaltbegriffes erweitert und mit der emotionalen- und seelischen Misshandlung und Vernachlässigung sowie dem Münchhausen-by-proxy-Syndrom ergänzt. [4]

Es ist jedoch heftig umstritten, was die genaue Definition von Gewalt gegen Kinder ist. Je nach Begriffserläuterung beeinflusst diese die staatliche Politik und die daraus folgenden operierenden Handlungen. Damit spielt es eine große Rolle, das Wesen und die Definition der Gewalt gegen Kinder in der Familie als sozial wichtiger Bestandteil aus multidimensionalen Aspekten zu berücksichtigen. Allerdings ist die bisherige Beurteilung des Geschehens nach den Gesichtspunkten legitime Erziehungsmaßnahme oder Misshandlung problematisch. Was als Misshandlung anerkannt wird, wird stark von den gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Normen, den anerkannten Erziehungspraktiken und den wissenschaftlichen Erkenntnissen beeinflusst [5] . Daraus entsteht die grundsätzliche Frage, wie mit dem Kindeswohl in der heutigen Gesellschaft umgegangen und welche normativen Bewertungsmaßstäbe in Bezug auf die Gewalt gegen Kinder gelten sollen. Die genaue Definition und das Wesen von Gewalt gegen Kinder ist deswegen schwierig in ein Wort zu fassen.

Kindler[6] erstellte eine Definition, die in unterschiedlichen Forschungs- und Anwendungszusammenhängen entstanden ist und noch Unterschiede hinsichtlich folgender Punkte enthält:

Ÿ inwieweit absichtliche oder auch fahrlässige Schädigungen eines Kindes erfasst werden;

Ÿ inwieweit bei tatsächlich eingetretenen oder auch bei drohenden Schädigungen von Misshandlung gesprochen wird;

Ÿ inwieweit körperliche Verletzungen oder auch psychische Beeinträchtigungen der Entwicklung eines Kindes Berücksichtigung finden;

Ÿ inwieweit die Ausnahmeregelungen bei weniger schwerwiegenden Verletzungen, infolge von religiösen oder kulturellen Praktiken (z.B. männlicher Beschneidung), berücksichtigt werden.

In dieser Arbeit wird zwischen einer engeren und einer weiteren Definition unterschieden. Wetzels beschrieb in seiner Literatur diese beiden Definitionen:

„die weiteren Definitionen der Gewalt gegen Kinder versuchen sämtliche, als potenziell schädlich angesehene Handlung zu erfassen – auch solche, die sich möglicherweise nur unter bestimmten Zusatzbedingungen letztendlich als schädigend erweisen. Enge Definitionen sind demgegenüber bestrebt, nur bereits als schädlich identifizierte bzw. nach einem allgemeinen sozialen Konsens normativ als solche bewertete Handlungen einzubeziehen, hingegen zweifelhafte Fälle auszuklammern. Enge Definitionen sind Ausdruck des Bestrebens, möglichst wenig sogenannte falsch positive Fälle einzubeziehen. Weite Definitionen versuchen demgegenüber, das Spektrum auch weniger eingriffsintensiver, weniger schädlicher Vorfälle einzubeziehen, um so die Anzahl der falschen negativen Fälle so gering wie möglich zu halten“[7]. Der aktuelle Diskurs über die Definition der Gewalt gegen Kinder aus sozialpädagogischem Gesichtspunkt, wird im weiteren Sinne angesichts der Rechte, des Kindeswohls und der Prävention diskutiert. Aus diesem Grund hat der Staat einen starken Einfluss auf die Familie im Hinblick auf die umfassende Intervention und einflussreichen Kinderschutz. Die Verwendung weiterer Misshandlungsbegriffe ist in folgenden Situationen sinnvoll[8]:

Ÿ bei präventiven Ansätzen, wenn man misshandlungsgefährdeten Familien Hilfen anbieten will, bevor Kinder verletzt werden

Ÿ bei diffusen körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen: gerade bei Säuglingen und kleinen Kindern muss jeder Verdacht der Misshandlung abgeklärt werden, damit kein Fall übersehen wird

Ÿ in der sozialwissenschaftlichen Forschung

In Deutschland gibt es vielfältige Darstellungen in der Fachliteratur in Bezug auf Gewalt gegen Kinder und Kindesmisshandlung. Der Begriff „Gewalt gegen Kinder“ wird in Deutschland häufig wie folgt definiert.

Gewalt gegen Kinder ist „eine Misshandlung und/oder Vernachlässigung, die den Adressaten gegen seinen Willen negativ beeinflusst und/oder schädigt. Hierbei ist zu unterscheiden zwischen physischer, sexueller, emotionaler/ psychischer Misshandlung sowie der Vernachlässigung und finanziellen Ausnutzung. Vernachlässigung bezieht sich auf die Unterlassung von Handlungen. Misshandlung bezieht sich auf aktives Tun“[9]

Damit wird verdeutlicht, dass Gewalt gegen Kinder, sei es eine Misshandlung oder Vernachlässigung, diese negativ beeinträchtigt oder schädigt. Es bestehen mehrere Formen, z.B physischer, sexueller, emotionaler oder psychischer Gewalt. Im gleichen Sinne wird Kindesmisshandlung vom Kinderschutzzentrum Berlin definiert: [10]

Kindesmisshandlung/ Kindeswohlgefährdung ist ein das Wohl und die Rechte eines Kindes (nach Maßgabe gesellschaftlich geltender Normen und begründeter professioneller Einschätzung) beeinträchtigendes Verhalten oder Handeln bzw. ein Unterlassen einer angemessenen Sorge durch Eltern oder andere Personen in Familien oder Institutionen (wie z. B. Heimen, Kindertagesstätten, Schulen, Kliniken oder in bestimmten Therapien) das zu nicht-zufälligen Verletzungen, zu körperlichen und seelischen Schädigungen und/ oder Entwicklungsbeeinträchtigungen eines Kindes führen kann, was die Hilfe und eventuell das Eingreifen von Jugendhilfe-Einrichtungen und Familiengerichten in die Rechte der Inhaber der elterlichen Sorge im Interesse der Sicherung der Bedürfnisse und des Wohls eines Kindes notwendig machen kann[11].

Es sollte ebenfalls erwähnt werden, dass das Verständnis von Kindesmisshandlung und Kindeswohlgefährdung umfangreich ist und ein extrem weites Feld umfasst, das auch die soziale Umgebung in Bezug auf das Wohl und Recht des Kindes einbezieht. In diesen beiden Definitionen wird der Begriff der Kindesmisshandlung synonym mit dem weiten Begriff der Gewalt gegen Kinder und Kindeswohlgefährdung aus der Fachliteratur verwendet.

In Südkorea wird ebenfalls nur der weite Begriff „Kindesmisshandlung“ in der Literatur verwendet. (§ 3 Abs.7 KWG)

Der Begriff „Kindesmisshandlung“ bedeutet der Gesundheit und dem Wohlbefinden des Kindes zu schaden oder stellen körperliche, seelische und sexuelle Gewalt, sowie Grausamkeiten von Erwachsenen, einschließlich Erziehungsberechtigten, an Kinder dar, sowie die Vernachlässigung und das unterlassene Eingreifen durch Erziehungsberechtigte, die das normale Wachstum eines Kindes beeinträchtigen können. [12]

Kindesmisshandlung in Südkorea bedeutet, die körperliche und seelische Schädigung in verschiedenen Formen, sowie sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung, und wird als Störung des normalen Aufwachsens eines Kindes durch Erwachsene oder Erziehungsberechtigte im weiteren Sinne betrachtet. Der Begriff „Kindesmisshandlung“ schließt in Südkorea alle Formen der Gewalt gegen Kinder, z.B. körperliche, sexuelle, emotionale Gewalt, ein.

Typischerweise verwendet man den Begriff Kindesmisshandlung im engeren Sinne in der Regel bei strafrechtlich- und polizeilichen Ermittlungen sowie bei körperlicher- und sexualisierter Gewalt. Das Fachlexikon der Sozialen Arbeit in Deutschland definiert im engeren Sinne nur körperliche Gewalthandlungen, was zur Folge hat, dass nur sichtbare Verletzungen als Kindesmisshandlung gewertet werden. Zudem wird im Strafgesetzbuch die Körperverletzung sowohl in Deutschland als auch in Südkorea beschrieben (§ 223 StGB).

Unter Kindesmisshandlung werden in engeren Sinne körperliche Gewalthandlungen verstanden, die von Erwachsenen gegen Kinder ausgeführt werden und die zu (sichtbaren) Verletzungen führen (schlagen, rütteln, verbrennen, würgen etc.). [13] Wer eine andere Person körperlich misshandelt oder an der Gesundheit schädigt, ...(§ 223 Abs. 1 DStGB); Wer einer anderen Person Verletzungen zufügt bzw. tötet, ...(§ 275 Abs. 1 KoStGB)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Gewalt gegen Kinder in den Fachliteraturen bzw. Gesetzen in Deutschland und Südkorea nicht nur im erweiterten Sinne, sondern auch im engeren Sinne definiert wird. Allerdings gibt es auf die gestellte Frage nach der genauen Definition und dem Wesen der Gewalt gegen Kinder in der Forschung bisher keine einheitliche Antwort. Es fällt auf, dass während in Deutschland vielfältige Definitionsversuche von Wissenschaftlern den Begriff dynamisch machten, in Südkorea nur ein einziger Definitionsversuch unternommen wurde, der sehr statisch ist. Trotzdem wird in beiden Ländern deutlich beschrieben, was unter Gewalt gegen Kinder bzw. als Kindesmiss-handlung in der sozialpädagogischen Perspektive zu verstehen ist, dass der körperliche und seelische Schaden, sexueller Missbrauch und Vernachlässigung durch Eltern einschließlich der Institutionen, kein Zufall ist, sondern entweder aktiv durch den Vollzug oder passiv durch das Unterlassen bestimmter Handlungen herbeigeführt wirde. Im nächsten Kapitel wird auf die genauen Formen der Gewalt gegen Kinder eingegangen.

  • [1] Das Wort „Gewalt“ wird auf nationaler und internationaler Ebene verwendet, z.B. als unpolitische Gewalt im sozialen Nahbereich (z.B in der Familie, in der Schule, auf Plätzen und Straßen, gegen Kinder und Frauen), als Gewaltkriminalität (in all ihren unterschiedlichen Schattierungen, angefangen mit Mord und Totschlag, bis hin zur organisierten Kriminalität) und reicht bis hin zur politisch motivierten Gewalt (Terrorismus und Attentate, Verfolgung und Folter) Imbusch, P., 2002. Der Gewaltbegriff, In: Heitmeyer, W., Hagan, J. (Hrsg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden, S. 27
  • [2] Vgl. Stopfel, U., Bohne, P., Herborth, R. (Helfer, M., Kempe, R., Krugman, R.) 1997. Das misshandelte Kind (The Battered Child). 5. Auflage. The University of Chicago, S. 40-44
  • [3] Vgl. Mertens, B., Pankofer, S., 2011. Kindesmisshandlung. Körperliche Gewalt in der Familie. Paderborn, S. 26
  • [4] Vgl. Bange, D., 2005. Gewalt gegen Kinder in der Geschichte. In: Deegener, G., Körner, W. (Hrsg.), Kindermisshandlung und Vernachlässigung. Göttingen, S. 16-23
  • [5] Vgl. Mertens, B., Pankofer, S., 2011. Kindesmisshandlung. Körperliche Gewalt in der Familie. Paderborn, S. 27
  • [6] Kindler, H., Lillig, S., Herbert, B., Meysen, T., Werner, A. (Hrsg.), 2006. Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). München, Kap. 5-1
  • [7] Wetzels, P., 1997. Gewalterfahrungen in der Kindheit. Baden-Baden, S. 62
  • [8] Engfer, A., 2005. Formen der Misshandlung von Kindern. Definitionen, Häufigkeit, Erklärungsansätze, In: Egel, U. T., Hoffmann, S. O., Joraschky, P. (Hrsg.), Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. 3. Auflage. Stuttgart, S. 4
  • [9] Hagen, B., 2004. Annäherung an die Begriffe Gewalt, Macht und Vertrauen, In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Institutionen, Hannover: AFET-Veröffentlichung Nr. 63. S. 47
  • [10] Wetzels, P., 1997. Gewalterfahrungen in der Kindheit. Baden-Baden, S. 59
  • [11] KinderschutzZentrum Berlin e. V. (Hrsg.), 2000. Kindesmisshandlung. Erkennen und Helfen. Berlin, S. 26; KinderschutzZentrum Berlin e. V. (Hrsg.), 2009. Kindeswohlgefährdung. Erkennen und Helfen. Berlin, S. 32; Engfer und Deegener stellten eine Definition von Kindesmisshandlung auf, die erläutert, dass Kindesmisshandlung eine Beeinträchtigung sei, die durch elterliche Handlungen oder Unterlassungen zustande kommen könnte: „Kindesmisshandlungen sind gewaltsame psychische oder physische Beeinträchtigungen von Kindern durch Eltern oder Erziehungsberechtigte. Diese Beeinträchtigungen können durch elterliche Handlungen (wie bei körperlicher Misshandlung, sexuellem Missbrauch) oder Unterlassungen (wie bei emotionaler und physischer Vernachlässigung) zustande kommen“ (Engfer, A., 2005. Formen der Misshandlung von Kindern. Definitionen, Häufigkeit, Erklärungsansätze, In: Egel, U.T., Hoffmann, S.O., Joraschky, P. (Hrsg.), Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. 3. Auflage. Stuttgart, S. 3); „als eine nicht zufällige, gewaltsame psychische und/oder physische Beeinträchtigung oder Vernachlässigung des Kindes durch Eltern/Erziehungsberechtigte oder Dritte, die das Kind schädigt, verletzt, in seiner Entwicklung hemmt oder zu Tode bringt und die Formen der Kindesmisshandlung unterscheiden sich nach körperlicher Misshandlung, Vernachlässigung, seelischer Gewalt sowie sexuellem Missbrauch“. (Deegener, G., 2005. Formen und Häufigkeiten der Kindesmisshandlung. In: Deegener, G., Körner, W. (Hrsg.), Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Göttingen, S. 37)
  • [12] (Eng.) The term "child abuse" means to do harm on a child's health or welfare or physical, mental and sexual violence or cruel acts that are likely to impede normal growth of a child by adults including the protector, and abandonment and nonintervention committed by a protector. Korea Legislation Research Institute. klri.re.kr: 11.04.2013
  • [13] Faltermeier, J., 2011. Kindesmisshandlung. In: Fachlexikon der sozialen Arbeit. (Hrsg.), 7 Auflage. Baden-Baden, S. 512
 
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