Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Sozialwissenschaften arrow Kinderschutz in institutionellen Arrangements
< Zurück   INHALT   Weiter >

6.2.2 Dunkelfeld

Die vielen Dunkelfeldforschungen in Deutschland versuchen das Ausmaß von Gewalt gegen Kinder gemäß eigenen Schätzungen zu erfassen, dabei entstanden bisher jedoch sehr unterschiedliche Bilder. Es gibt also lediglich Schätzungen, die Angaben, wie viele Kinder und Jugendliche in einem gefährlichen, gewaltgeprägten Umfeld leben. Einer aktuellen repräsentativen Studie zur Häufigkeit von Gewalt gegen Kinder in Deutschland legt folgendes vor.

• Häuser untersuchte u.a. 2011 in einer repräsentativen Stichprobe im Rahmen einer Querschnittsstudie mit standardisierten Fragebögen insgesamt 2504 Befragte im Alter von 14 Jahren. Dabei ergab sich, dass 15,0% der Befragten über emotionale Misshandlung, 12,0% über körperliche Misshandlung, 12,6% über sexuellen Missbrauch und 49,5% über emotionale und 48,4% über körperliche Vernachlässigung in Kindheit und Jugend angegeben hatten. Dabei wurden aber auch schwere emotionale Misshandlungen (1,6%), schwere körperliche Misshandlung (2,8%) und schwerer sexueller Missbrauch (1,9%) aufgeführt. Auch gaben 6,6% der Befragten über schwere emotionale und 10,8% über schwere körperliche Vernachlässigung Auskunft. [1]

• Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachen (KFN) führt seit 1998 in verschiedenen Bundesländern Dunkelfelduntersuchungen durch. Die aktuelle Forschung befragte 2009 insgesamt 44610 im Durchschnitt 15-jährige Schüler aus 61 repräsentativ ausgewählten Landkreisen bzw. kreisfreien Städten. Dabei gaben 42,1% der Befragten an, in ihrer Kindheit keine elterliche Gewalt erlebt zu haben. Über ihre gesamte Kindheit waren insgesamt 15,3% schwerer elterlicher Gewalt ausgesetzt, wobei von diesen 9% als Opfer elterlicher Misshandlung in der Kindheit aussagten. [2] Mit anderen Worten macht knapp jeder sechste Jugendliche Erfahrungen mit massiver körperlicher Gewalt durch die Erziehungsberechtigten. Da die Studie den Anspruch hat, repräsentativ zu sein, bietet sich die Möglichkeit, auf das Gesamtausmaß der körperlichen Elterngewalt in Deutschland zu schließen. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes leben in Deutschland rund 8,5 Millionen Kinder dieser Altersgruppe. Somit sind knapp 1,3 Millionen Kinder von schweren Züchtigungen oder Misshandlung betroffen. [3]

• In einer vom gleichen Forschungsinstitut 1992 durchgeführten repräsentativen Opferbefragung gaben 3289 Personen im Alter von 16 bis 59 Jahren zu ihren Kindheitserfahrungen Gewalt durch Eltern an. Das Ergebnis der Studie zeigt, dass insgesamt 2432 (74,9%) der Befragten in ihrer Kindheit physische Gewalt seitens ihrer Eltern erlitten haben. Darunter fanden sich 350 (10,6%) der Befragten als Opfer körperlicher Misshandlung, davon erlebten wiederum 4,7% eher selten und 38,4% wurden häufiger als selten körperlich gezüchtigt. [4]Außerdem haben 2,8% der Männer und 8,6% der Frauen vor dem 16. Lebensjahr sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt durch erwachsene Täter erlitten. Etwas weniger als die Hälfte waren mehrfach betroffen. Etwa 2/3 der Delikte mit Körperkontakt betrafen sexuelle Berührungen, ohne dass es zu Penetrationen kam. [5]

Ÿ Zudem wurden vom KFN im Jahr 1998 insgesamt 16190 Jugendliche einer 9. bzw. 10. Jahrgangsstufe in einer allgemeinbildenden Schule aus neun verschiedenen Städten zu innerfamiliären Gewalterfahrungen befragt. Ergebnis dieser Studie ist, dass 43,3% der Befragten ohne elterliche Gewalt aufgewachsen sind. 29,7% erlebten leichte elterliche Züchtigung, 17,1% wurden schwer gezüchtigt und 9,8% wurden misshandelt. Es wird darauf hingewiesen, dass mehr als ein Viertel der Jugendlichen durch häufigere oder massive Formen von Gewalt durch die Eltern in der Kindheit betroffen gewesen sind. [6]

Ÿ Was die spektakulären Fälle anbelangt, lässt die UNICEF studien aus dem jahr 2003 einen Rückschluss zu. Diese untersuchten die Anzahl der Kindstötungen in den OECD-Ländern. Es konnte nachgewiesen werden, dass durch die Prävalenz von Misshandlung und Vernachlässigung in Deutschland jede Woche mindestens zwei Todesfälle geschehen. Dabei ist das nach Einschätzung von UNICEF nur die Spitze des Eisbergs alltäglicher Gewalt gegen Kinder. [7] Prävalenz abnehmend wurde die Kindestötung nach der UNICEF-Studie seit den 70er Jahren in 14 von 23 Industrieländern beobachtet. Dies ist zum einen auf die gewachsene Sensibilität in der Öffentlichkeit und das vermehrte Angebot des Kinderschutzes zurückzuführen. Zum anderen haben Fortschritte in der Notfallmedizin dazu beigetragen, dass mehr Kinder überleben konnten. Gleichzeitig steigen hingegen die Berichte über nichttödliche Misshandlungen an. [8]

Ÿ Im Jahr 2011 führte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) eine Repräsentativumfrage durch, die insgesamt 11428 Personen zwischen 16 und 40 Jahren über sexuelle Missbrauchserlebnisse in ihrer Kindheit befragte. Dabei gaben bei einer Schutzaltersgrenze unter 14 Jahren 5,0% der weiblichen und 1,0% der männlichen Befragten an, sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt erlebt zu haben. Unter Einbezug der aktuellen Zahlen zum Missbrauch von 14- und 15-Jährigen erhöhen sich die Quoten zum sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt bei weiblichen Befragten auf 6,4% und bei männlichen auf 1,3%. Es wird ersichtlich, dass die sexuellen Missbrauchsfälle bei Frauen auch häufig unter 14 Jahre auftreten. [9]

Zusammenfassend stellte schon Engfer bei der Analyse der Ergebnisse solcher sozialwissenschaftlichen Studien fest, dass ca. die Hälfte bis zwei Drittel der deutschen Eltern ihre Kinder schwerwiegend und relativ häufig körperlich bestrafen[10]. Außerdem stellt Ernst in ihrer umfassenden Forschungsübersicht fest, dass 10-15% der Frauen und 5-10% der Männer bis zum Alter von 14 oder 16 Jahren mindestens einmal einen unerwünschten oder durch die moralische Übermacht einer deutlich älteren Person oder durch Gewalt erzwungenen sexuellen Körperkontakt erlebt haben. [11]

  • [1] Häuser, W., Schmutzer, G., Brähler, E., Glaesmer, H. 2011. Maltreatment in childhood and adolescence. Results from a survey of a representative sample of the German population, Dtsch Arztebl Int. 108 (17): 287-294. aerzteblatt.de/archiv/87643.pdf: 26.04.2013
  • [2] Baier, D., Pfeiffer, C., Simonson, J., Rabold, S., 2009. Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt. Hannover, S. 51-53
  • [3] Becker, M., Schulz, A., 2013. Epidemiologie von Kindesmisshandlung, In: Spitzer, C., Grabe, H. (Hrsg.), Kindesmisshandlung. Stuttgart, S. 16
  • [4] Pfeiffer, C., Wetzels, P., 1997. Kinder als Täter und Opfer. Eine Analyse auf der Basis der PKS und einer repräsentativen Opferbefragung. Hannover, S. 26
  • [5] Wetzels, P., 1997. Gewalterfahrungen in der Kindheit. Honnover, S. 171
  • [6] Pfeiffer, C., Wetzels, P., Enzmann, D., 1999. Innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und ihre Auswirkungen. Hannover, S. 10-12
  • [7] UNICEF, 2003. A league table of child maltreatment. Deaths in rich nations. www-.unicef- irc.org/publications/pdf/repcard5e.pdf:05.11.2012. S.2; UNICEF, 2008. Gewalt gegen Kinder. unicef.de/fileadmin/content_media/media-thek/I_0077_Gewalt_gegen_Kinder_2008. pdf: 05.11.2012. S. 1
  • [8] Mertens, B., Pankofer, S., 2011. Kindesmisshandlung. Körperliche Gewalt in der Familie. Paderborn, S. 55
  • [9] Bieneck, S., Stadler, L., Pfeiffer, C., 2011. Erster Forschungsbericht zur Repräsentativerhebung Sexueller Missbrauch. Hannover, S. 40
  • [10] Engfer, A., 2005. Formen der Misshandlung von Kindern. Definitionen, Häufigkeit, Erklärungsansätze. In: Egel, U.T., Hoffmann, S.O., Joraschky, P. (Hrsg.), Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. 3. Auflage. Stuttgart, S. 8
  • [11] Ernst, C., 1998. Zu den Problemen der epidemiologischen Erforschung des sexuellen Missbrauchs, In: Amann, G., Wipplinger, R. (Hrsg.), Sexueller Missbrauch. Überblick zu Forschung, Beratung und Therapie. 2. Auflage. Tübingen, S. 69
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften