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11.2.3 Die Einschätzung und die Entscheidung über die Maßnahme

Nach der Untersuchung vor Ort müssen die SozialarbeiterInnen die Evaluation nach dem Risikoabschätzungs- und Screeningsmaßstab durchführen. Es wird evaluiert, ob es sich um einen Fall von Gewalt gegen Kinder handelt bzw. zu welcher Form von Gewalt dieser zuzuordnen ist. Bei Bedarf können innere und externe Entscheidungsausschüsse [1] für die Abschätzung zu Rate gezogen werden und geeignete Maßnahmen bei Gewalt gegen Kinder eingeleitet werden. Dabei sollen die SozialarbeiterInnen bei den gesammelten Informationen, Beweisen und Interviews, die betroffener Personen berücksichtigen.

In Südkorea wird zur Einschätzung der Situation des Kindes und Jugendlichen der Screeningsmaßstab nach Tab. 28 verwendet. Dieser Screeningsmaßstab wird in mehrdimensionalen Aspekte und verschiedenen Faktoren wie Kinder, Eltern, Familie und Umwelt unterteilt. Dieses Instrument ist eine Handreichung zur Entscheidungsfindung, die SozialarbeiterInnen helfen soll, einzuschätzen, ob für das Kind oder den Jugendlichen Schutzmaßnahmen, wie die Inobhutnahmen in Betracht kommen. Die Sicherheitseinschätzung schließt 20 Fragen ein, sieben Fragen beziehen sich auf kindliche-Faktoren, fünf Fragen beziehen sich auf elterliche-Faktoren, vier Fragen wurde für die familiäre Situation formuliert und vier weitere Fragen beziehen sich auf die Lebens- und Umweltsituation. Die Antwort besteht aus ja (1 Punkt), nein (0 Punkte) und nicht identifiziert. Anhand der Punkte haben die SozialarbeiterInnen die Situation abzuschätzen.

Ÿ 0-1 Punkt : Latent gefährlicher Fall oder normaler Fall

Ÿ 2-4 Punkte : Fall von Gewalt gegen Kinder folgend

der Maßnahme „Verbleiben bei der Familie“

Ÿ 5-9 Punkte : Der Fall von Gewalt gegen Kinder und die Maßnahme „Verbleiben bei der Familie oder Herausnahme“

Ÿ 10-20 Punkte: Der Fall von Gewalt gegen Kinder und

die Maßnahme „Herausnahme“

Faktor

Indikator

Ja (1)

Ne in (0)

Nicht identifiziert

Bemerkung

Kindlicher Faktoren

1) Dringende körperliche bzw. psychischmedizinische Maßnahme wird gebraucht

2) Das Verhalten und Sprache des Kindes ist aggressiv bzw. das Kind hat ein Leben auf der Straße erfahren.

3) Das Kind wird stark entmutigt und schlecht behandelt

4) Der Körper und das Gewicht liegt deutlich unter dem Durchschnitt und auch Körperhygiene ist mengelhaft (Kleidung)

5) Symptome von Körperverletzung durch körperliche oder sexuelle Gewalt wurden entdeckt

6) Das sexuelle Interesse und Verhalten scheint nicht dem Alter entsprechend

7) Abwesenheit in der Schule ohne rechtlichen Grund

Die Faktoren der Eltern und der Täter

8) Psychische Probleme (Alkohol, Drogen, psychische Erkrankung)

9) Weisen unangemessene Erziehungskompetenz auf

10) Gewalt gegen Kinder durch die Eltern

11) Vermittlung von unsinnigen oder falschen Sachverhalten/ Lebensituationen

12) Dem Täter ist das Kind leicht zugänglich

Familiärer Faktoren

13) Die Familien haben öfter Konflikte verbunden mit Gewalt

14) Die Familien sind isoliert

15) Hoher Stress (Akut)

16) Ein Familienangehöriger ist arbeitslos oder der Haushalt ist instabil

Lebens- und Umweltfaktoren

17) Das Lebensumfeld ist unhygienisch und somit ein Risikofaktor

18) Die finanziellen Mittel zur Kinderbetreuung sind nicht ausreichend

19) Gewalt in der Nachbarschaft oder Gemeinde

20) Die Gewalt gegen Kinder ist nicht deutlich sichtbar

Insgesamt

Quelle: National Child Protection Agency

Tabelle 28: Sicherheitseinschätzung von Gewalt gegen Kinder

Zur Abschätzung des Gewaltrisikos gegen Kinder wird der Maßstab Tab. 29 (Kim, 2003[2]) verwendet. Er besteht aus insgesamt 66 Fragen und verschiedenen Risikofaktoren. Nach dem Ergebnis können die SozialarbeiterInnen des KSZ entsprechende Maßnahmen ausarbeiten, auch bei Änderungen der Situation sind die SozialarbeiterIhnen verpflichtet, mit dem Bogen zur Sicherheitseinschätzung zu arbeiten.

Ÿ 0-9 Punkte: Normaler Fall und Abschluss des Falls

Ÿ Über 10 Punkte: die Aufsicht und Beratung von Kind und Familie, Erziehungshilfe für Eltern

Ÿ Über 30 Punkte: Die Überlegung und Abwägung der

Herausnahme des Kindes

Ÿ 50-69 Punkte: Die Anklage des Täters und dessen medizinische Behandlung

Ÿ Über 70 Punkte: Eine Strafverfolgung und Behandlung des Täters

Stimmen die Ergebnisse zwischen den Instrumenten und den Maßnahmen für Kinder und Familien nicht überein, müssen die SozialarbeiterInnen den Grund dafür ausführlich beschreiben.

Faktor

Indikator

Kein(0) Niedrig(1) Mittel(2) Hoch(3)

Nicht bestimmt

Gewicht*

Kindliche Faktoren

1) Das Kind hat eine Körperbehinderung

0-2 Jahre

2) Das Kind hat eine geistige Behinderung

0-2 Jahre

3) Das Kind hat körperliche Probleme und ist häufig krank

0-2 Jahre

4) Das Kind hat eine sprachliche Entwicklungsverzögerung

0-2 Jahre

5) Das Kind ist nervös und aggressiv

0-2 Jahre

6) Das Kind kann nicht schlafen und hat Alpträume

0-2 Jahre

7) Das Kind ist kleptomanisch

8) Das Kind will von zu Hause fliehen

9) Das Kind lügt ohne einen Grund

10) Das Kind konsumiert Tabak, Alkohol, Drogen oder schnüffelt z.B. Kleber

11) Das Kind ist rebellisch und aggressiv gegenüber Eltern, Nachbarn und Verwandten

12) Sprache und Verhalten des Kindes ist aggressiv

13) Das Kind weist Suizid- und Selbstverletzungsneigungen auf

14) Das Kind verwendet sexuelle Begriffe und neigt dazu sexuelle Handlungen sehen zu wollen

15) Das Kind führt sexuelle Handlungen aus

16) Das Kind masturbiert

Mädche n

17) Das Kind weist ein geringes Gewicht und Körpergröße auf

0-2 Jahre

18) Das Kind weist körperliche Schäden auf, die kein Zufall sind

0-2 Jahre

19) Das Kind hat Verletzungen im Genitalbereich

20) Das Kind hat Geschlechtskrankheiten oder ist schwanger

21) Das Kind hat Angst vor den Eltern (ohne ersichtlichen Grund)

22) Das Kind ist entmutigt, hat eine ausdruckslose Mimik und ist eingeschüchtert

23) Das Kind weist einen „Tick“ auf

24) Das Kind hat Somatisierung (wie Kopfschmerzen)

25) Das Kind weist ein Aufmerksamkeits-Defizit(Hyperaktivitäts-)Syndrom auf

26) Das Kind hat schlechte soziale Kontakte

27) Das Kind weicht sozialen Kontakten zu anderen Menschen ohne Grund aus

Elterliche Faktoren

28) Die Sauberkeit des Kindes sowie Körper und Kleidung ist ungeeignet für Wetter und Jahreszeit

0-2 Jahre

29) Bei Bedarf kein Aufsuchen eines Arztes

0-2 Jahre

30) Das Kind bleibt allein zu Hause bis spät in die Nacht

0-2 Jahre

31) Die Sorgeberechtigten sind nicht die leiblichen Eltern

32) Unerwünschte Schwangerschaft

0-2 Jahre

33) Das Kind ist unerwünscht nach der Geburt (Aberglaube/Glaube an Unglück)

0-2 Jahre

34) Die Eltern haben Verletzungen am Körper

35) Die Eltern weisen geistige Defizite auf

36) Die Eltern haben chronische/ körperliche Erkrankungen

37) Die Eltern konsumieren Alkohol und/oder Drogen

38) Die Eltern haben psychische Krankheiten (wie Schizophrenie, Suizidversuche, Depressionen)

39) Die Eltern haben keine Kontrolle über ihre Emotionen (z.B. Wut)

40) Die Eltern haben eine Gewalttat begangen

41) Die Eltern haben ein Sexualverbrechen begangen und wurden verhaftet

42) Die Eltern haben in ihrer Kindheit Gewalterfahrungen durch die Eltern erlebt

43) Die Eltern haben in der Vergangenheit gegen ihr Kind oder ein anderes Kind Gewalt ausgeübt

44) Die Eltern haben unrealistische Erwartungen an das Kind

45) Die Eltern zeigen kein Interesse an der Erziehung des Kindes.

46) Die Eltern empfinden das Kind als lästig

47) Die Eltern gebrauchen körperliche Züchtigung als Erziehungsmittel

48) Die Eltern weisen mangelnde Erziehungskompetenzen auf

49) Die Eltern lehnen die Untersuchung des Falles durch die SozialarbeiterInnen ab

50) Die Eltern vermitteln ihrem Kind unsinnige oder falsche Sachverhalte/ Lebensituationen

51) Die Eltern verweigern die Hilfeleistung des KSZ

Familiäre Faktoren

52) Die Familie lebt in Trennung

53) Die Familie ist isoliert

54) Die Familie leidet unter schwerem Stress

55) Ein Familienangehöriger ist arbeitslos oder der Haushalt ist instabil

56) Den Familienangehörigen fehlt die Fähigkeit der Stressbewältigung

57) Die Familienangehörigen sprechen nicht miteinander

58) Die Familie hat Ehekonflikte

59) Es gibt häusliche Gewalt

60) Die Rollen in der Familie funktionieren nicht

Lebens- und Umweltfaktoren

61) Das Kind ist dem Täter leicht zugänglich

0-2 Jahre

62) Das soziale Umfeld trägt das Risiko von Gewalt

63) Das soziale Umfeld wird bestimmt von Aggressivität und Gewalt

64) Das soziale Umfeld weist mangelnde Ressourcen im Bezug auf Gewalt gegen Kinder auf

65) Das Lebensumfeld ist unhygienisch

66) Das Lebensumfeld weist Gefahren im Bezug auf die Absicherung des Kindes auf

Quelle: National Child Protection Agency

* Gewicht: Wenn es sich auf das Gewicht bezieht, können die SozialarbeiterInnen bei der Einschätzung einen Punkt mehr vergeben, also z.B.(3) Hoch+1.

Tabelle 29:Leitfaden für die Risikoeinschätzung von Gewalt gegen Kinder

Nach der Risikoeinschätzung haben SozialarbeiterInnen zwischen drei Typen zu entscheiden: Fall von Gewalt gegen Kinder, latent gefährlicher Fall oder normaler Fall. Der Fall von Gewalt gegen Kinder bedeutet, dass bereits Gewalt gegen das Kind oder den Jugendlichen mit deutlich ersichtlichen Beweisen aufgetreten ist. Der latent gefährliche Fall definiert, dass Gewalt gegen Kinder im Moment nicht vorkommt, aber die zukünftigen möglichen Risiken zur Gewalt gegen Kinder bekannt sind und die SozialarbeiterInnen daher den Fall weiterhin beaufsichtigen müssen. Schließlich bedeutet der normale Fall, dass keine Gewalt gegen Kinder deutlich und ersichtlich erkennbar ist und keine Gefahr einer Entwicklung von Gewalt gegen Kinder besteht. Dieser Fall wird dann abgeschlossen. Nachdem über den Fall entschieden wurde, müssen die zuständige SozialarbeiterInnen geeignete Maßnahmen für die Kinder bzw. Jugendlichen planen und einleiten. Dabei gibt es vier zentrale Maßnahmen:„die Strafverfolgung gegen Täter“, „Herausnahme über drei Tage“, „Belassen bei den Eltern“ und „die Übergabe an andere Einrichtungen“.

11.2.4 Hilfeprozesse für das Kind, den Jugendlichen und die Familie

Die SozialarbeiterInnen des KSZ führen den geplanten Hilfeprozess für das Kind oder den Jugendlichen, die Familie und den Täter durch, dabei arbeiten sie nach dem mehrdimensionalen Ansatz. Sie berücksichtigen bei der Planung und Umsetzung von Interventionen das Individuum, die Familie und das soziale Umfeld. Dabei müssen, sowohl nach kurzfristigenwie auch nach langfristigen Hilfeprozessen, die Risiko- und Schutzfaktoren berücksichtigt und angemessene Leistungen durch die Kommune, z.B. psychische Therapie, Beratung oder medizinische Handlung, gefördert werden.

11.2.5 Abschluss der Fallbearbeitung und Follow-up Service

Nehmen die Risikofaktoren für das Kind ab oder sind diese beseitigt, kann der Hilfeprozess für die Kinder und deren Familie abgeschlossen werden. Der geeignete Zeitpunkt für den Abschluss ist 1. bei Abnahme von Risikofaktoren, 2. wenn das Opfer das 18te Lebensjahr erreicht hat 3. bei einer Überweisung an eine andere Behörde, 4. wenn nachhaltige Schutzmaßnahmen für das Opfer gewährleistet sind oder 5. bei Tod des Opfers bzw. Täters. Nach Abschluss müssen die SozialarbeiterInnen im Follow-up einmal im Monat einen Hausbesuch oder einen Anruf beim Opfer, über einen Zeitraum von drei Monate, durchführen. [3] Die zuständigen SozialarbeiterInnen nehmen also bedeutende Rollen ein, sie begleiten den Fall von Beginn an und wirken bis zum Abschluss mit. Sie nehmen die Risikoeinschätzung vor und sind an allen Entscheidungsprozessen beteiligt bzw. nehmen dieser selbstständig vor.

  • [1] Der innere Entscheidungsausschuss: Alle SozialarbeiterInnen des KSZ versammeln sich zu einer Besprechung über schwerwiegende Fälle und legen die konkreten Maßnahmen oder Hilfeprozesse, die eingeleitet werden sollen, fest. 2. Der externe Entscheidungsausschuss: 10 Regionale Experten wie Professoren, Rechtsanwälte, Beamte, Ärzte, ErzieherInnen, Polizisten, Leiter des KSZ oder anderer sozialer Einrichtungen, die zu Kommissaren berufen wurden, bilden den externen Entscheidungsausschuss. Sie entscheiden über einen regional schwerwiegenden Fall, und besprechen die einzuleitenden Maßnahmen und Hilfeprozesse. Der externe Entscheidungsausschuss übernimmt schwerwiegende Fälle, die der Innere Entscheidungsausschuss nicht zu bewältigen vermag.
  • [2] Kim, S., Lee, J., Kim, H., 2003. Die Forschung für die Maßstäbe von Gewalt gegen Kinder. Korea Institute for Health and Social Affairs.
  • [3] Follow-up § 28 Abs. 1-2 KWG; 1. Es soll nach erbrachter Leistung und Abschluss des Falls durch den Hausbesuch bzw. Anruf überprüft werden, ob noch immer Gewalt gegen Kinder auftritt. 2. Nach Leistungsabschluss muss das KSZ weiterhin geeignete Unterstützung anbieten, um Gewalt gegen Kinder zu vermeiden.
 
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