Ökonomische Globalisierung

Das Globalife-Projekt um Hans-Peter Blossfeld untersuchte die Auswirkungen des Globalisierungsprozesses auf individuelle Lebensverläufe von Menschen in 17 verschiedenen Ländern in den Jahren 1999 bis 2005 auf der Basis repräsentativer Längsschnittdaten (Blossfeld et al. 2008). Demnach habe die Globalisierung in den letzten zwei Jahrzehnten in den westlichen Industriegesellschaften zu Produktivitätszuwächsen geführt. Andererseits führten zunehmend unerwartete Marktentwicklungen und schnelle, wenig vorhersagbare soziale und ökonomische Wandlungsprozesse zu einer zunehmenden allgemeinen Unsicherheit (Blossfeld et al. 2008, S. 2). So werde es schwerer, langfristig bindende Lebenslaufentscheidungen zu treffen. Die Verfügbarkeit von Handlungsalternativen sowie die Vorhersehbarkeit ihrer Handlungsfolgen würden unklarer. Die Reduzierung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen verstärke diese Verunsicherungstendenzen. Individuen reagierten auf die steigende Unsicherheit mit einer Orientierung an lokalen Routinen, regionalen Traditionen und Normen. Die Schwierigkeit, langfristig Entscheidungen zu treffen, führe dazu, dass sozial und ökonomisch eine stärker an kurzfristigen Zeithorizonten orientierte Planung erfolgt (Blossfeld et al. 2008, S. 2 f.).

Daneben wird eine Verschiebung der Machtkonstellationen am Arbeitsmarkt im Zuge der Globalisierung festgestellt. Verhandlungsstärkere Gruppen, vor allem Arbeitgeber, verlagern demnach verstärkt Marktrisiken auf verhandlungsschwache Arbeitnehmergruppen. Insgesamt führen demzufolge diese Prozesse zu einer Verstärkung sozialer Ungleichheit in den westlichen Industriegesellschaften. Im Zuge der wachsenden Bedeutung von Märkten werden individuelle Arbeitsmarktressourcen und Merkmale wie Bildung, berufliche Qualifikationen, Berufserfahrung, Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit für den Erwerbsverlauf immer wichtiger. Die durch das Bildungssystem angelegten Ungleichheiten moderner Gesellschaften würden so verstärkt (Blossfeld et al. 2008, S. 3).

Neben einer Zunahme sozialer Ungleichheit berichten Blossfeld et al. von einem schwerer werdenden Aufbau und Aufrechterhaltung von Vertrauensbeziehungen. Unter unsicheren Bedingungen werden demnach auf Reziprozität beruhende Versprechen immer problematischer. Vertrauensbeziehungen unterschiedlicher Art seien davon betroffen. Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern, partnerschaftliche Beziehungen, das Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie das Verhältnis des Staatsbürgers zum Staat. Erwartete Gegenleistungen könnten oftmals nicht mehr in versprochenem Umfang erbracht werden. Als Folge des Vertrauensverlustes wird eine Abnahme der Sicherungsfunktion von Familie, Verwandtschaft, Betrieb und Wohlfahrtsstaat genannt (Blossfeld et al. 2008, S. 3).

Im Globalife-Projekt wurden neben diesen allgemeinen Trends auch gezielt die Auswirkungen der Globalisierung auf Jugendliche und junge Erwachsene untersucht. Entwicklungen bezüglich Beschäftigung und sozialer Beziehungen in 14 Ländern mit liberalen, konservativen, sozialdemokratischen, familienorientierten und post-sozialistischen Wohlfahrtsregimen standen im Mittelpunkt der Erhebungen. Danach fällt es jungen Menschen in allen untersuchten Ländern immer schwerer, einen Einstieg in das Erwerbsleben zu finden. Prekäre, atypische Formen der Beschäftigung führten zu wachsender Unsicherheit. Aufgrund einer Zunahme zeitlich befristeter Beschäftigungen, Teilzeitarbeit, prekärer Formen der Selbstständigkeit, gering angesehener Arbeiten und geringer Einkommen werden Jugendliche, trotz Unterschieden in den einzelnen Ländern, als die „Verlierer des Globalisierungsprozesses“ bezeichnet (Blossfeld et al. 2008, S. 6). Im besonderen Maße sei die Bildung für junge Menschen eine wichtige Größe beim Übergang in das Erwerbsleben. Von den globalen Veränderungen sind demzufolge besonders hart Berufseinsteiger ohne Qualifikation betroffen. Blossfeld et al. schreiben:

„Globalisierung verstärkt insgesamt die sozialen Ungleichheiten innerhalb der jungen Generation, weil individuelle Ressourcen durch die zunehmende Relevanz des Marktes und der individuellen Konkurrenz an Bedeutung gewinnen.“ (Blossfeld et al. 2008, S. 6)

Schäfer zeigt, wie der Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt im Zuge des Globalisierungsprozesses einhergeht mit steigenden Erwartungen an Erwerbstätige. Die Anforderungen an Flexibilität und Selbstorganisationskompetenz sind demnach merklich gestiegen und werden als Schlüsselqualifikationen für den Erfolg am Arbeitsmarkt immer wichtiger (vgl. Schäfer 2007, S. 195 ff.). Gerade Jugendliche aus sozial schlechter gestellten Milieus scheinen hinsichtlich des geforderten Maßes an souveräner Selbstorganisation und „flexibler Egotaktik“ (Hurrelmann et al. 2002, S. 36) überfordert zu sein. Die Shell-Jugendstudie 2002 kommt zu dem Ergebnis, dass es vor allem Jugendliche aus der breiten sozialen Mitte und den bildungsbürgerlichen Schichten sind, die auf der Gewinnerseite einer sich globalisierenden Ökonomie stehen. Sozial schwächere Jugendliche hingegen hätten, insbesondere beim Übergang in den sich schnell wandelnden Arbeitsmarkt, große Probleme (vgl. Shell Deutschland Holding 2002, S. 20 f.). Nach einer Studie von Oehmke et al. fürchteten sich insgesamt drei Viertel aller Jugendlichen vor der Möglichkeit eines Verlusts des Arbeitsplatzes (vgl. Oehmke et al. 2009, S. 49). Dabei ist die Gefahr arbeitslos zu werden sehr ungleich verteilt. Laut einer Studie der IG-Metall haben Hauptschüler mit 49 % ein beinahe viermal größeres Risiko erwerbslos zu werden als Abiturienten mit 13 % (vgl. IG-Metall 2009, S. 9).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es eine zunehmende Spaltung unter den Jugendlichen gibt. Zum einen scheint es eine große Anzahl von Jugendlichen zu geben, deren Sozialisationsbedingungen eine hinreichend funktionale Ausbildung arbeitsmarktrelevanter Qualifikationen erlauben, und die, ausgestattet mit entsprechenden Bildungsabschlüssen, in einer stärker auf Konkurrenz basierenden Ökonomie ihren Platz finden. Zum anderen gibt es aber eine beträchtliche Anzahl von Jugendlichen, die von der sich wandelnden Arbeitswelt überfordert sind. Ihnen fällt es schwerer, sich für einen flexiblen Arbeitsmarkt zu qualifizieren.

 
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