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13 Vergleich

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Dieses Kapitel beschäftigt sich mit einem direkten Vergleich von deutschen Jugendämtern und südkoreanischen KSZ und deren intervenierenden Handlungsverfahren und Instrumenten der Risikoeinschätzung. Dafür gilt es die Kooperation und Vernetzung zu erörtern. Das allgemeine Bearbeitungsverfahren im jeweiligen Land ist ähnlich, jedoch gibt es unterschiedliche Konzepte und Bearbeitungsansätze.

1. Wie oben erwähnt, wurde das Kinderschutzsystem in Südkorea durch das Meldungssystem zentriert entwickelt, die allgemeinen Prozesse sind folgende:

Ÿ Meldungsannahme unter den Nummern 1577-1391 bzw. 129, 119, 112

Ÿ Nach einem Leitfaden wird evaluiert, ob es sich um einen verdächtigen Fall handelt. Ist dies gegeben, wird dieser als ein Fall von Gewalt gegen Kinder weiter bearbeitet.

Ÿ Der Fall wird dem/der zuständigen SozialarbeiterIn zugeteilt und vor Ort untersucht.

Ÿ Basierend auf den Ergebnissen der Untersuchung vor Ort, wird der Fall von Gewalt gegen Kinder mit dem einheitlichen Instrument der Risikoeinschätzung bearbeitet.

Ÿ Der Hilfeprozess und die Maßnahme wird geplant und ausgeführt. Nach der Risikoeinschätzung wird der Fall abgeschlossen und für drei Monate überwacht.

Das südkoreanische Kinderschutzsystem startet mit dem Zeitpunkt der Meldung. Nach der Meldung im KSZ wird meistens mit Hilfsangeboten und Förderungen im Rahmen von Gewalt gegen Kinder reagiert. Auf Basis der Untersuchung vor Ort müssen die SozialarbeiterInnen entscheiden, welcher Schweregrad der Gefährdung vorliegt, entweder bestätigt sich die Gewalt oder es liegt ein latent gefährlichen Fall bzw. ein normaler Fall, ohne weitere Folgen vor. Entsprechend dem Fall bieten die SozialarbeiterInnen den Kindern bzw. Jugendlichen und deren Familien Hilfe und Förderung an [2]. Wird der Fall als latent gefährlicher Fall eingestuft, wird keine Unterstützung und Förderung angeboten, sondern wird der Fall nur über eine eventuelle Gefährdung des Kindes beaufsichtigt. Dieser latent gefährliche Fall bedeutet, dass keine auffällig großen Risikofaktoren und eindeutigen Beweise von Gewalt gegen Kinder vorliegen. Es besteht jedoch das Risiko, das Gewalt gegen Kinder in den Familien aufkommt oder verschiedene soziale- und ökologische Konflikte und Probleme koexistieren. Deswegen sollten dieser Gruppe Angebote unterbreitet werden, welche die vermeindlichen Risikofaktoren beseitigen. Dabei gibt es jedoch das Problem, dass die meisten Eltern Unterstützung, Förderung und Beratung im Rahmen der Erziehungshilfe durch das KSZ erhalten wollen, jedoch diese gesetzlich nicht möglich sind. Hilfe und Unterstützung wird erst dann erbracht, wenn Gewalthandlungen nachgewiesen werden können. Dagegen werden in Deutschland vor der Entscheidung über eine potentielle Kindeswohlgefährdungen erzieherische Hilfeangebote und Unterstützungen durch das Jugendamt gemäß §§ 16-35 SGB VIII gestellt.

2. Im Weiteren wird das südkoreanische Meldungssystem betrachtet. Hier muss von einer doppelten Struktur ausgegangen werden, weil das KSZ und die Polizei nicht miteinander intervernieren können. Die Meldungen, die über verschiedene Notrufnummern eingehen können (1577-1391, 129, 119, 112), sollen an beide zuständigen Instanzen, die Polizei und das KSZ, weitergeleitet werden. Dabei reagieren die beiden Instanzen mit unterschiedlichen Gesetzen und Vorgehensweisen, das KSZ arbeitet auf der Grundlage des KWG und die Polizei handelt nach den Gesetzen des GfBhG oder KWG. Wird ein Notfall der Polizei gemeldet, dann hat sie zunächst die Aufgabe die Situation vor Ort sicher zu stellen und zu klären, ob das Kind bzw. der Jugendliche Gewalt ausgesetzt ist. Dabei hat die Polizei keine Meldepflicht gegenüber dem KSZ. Diese fehlende Verpflichtung bringt die Gefahr das Kind bzw. den Jugendlichen einer ständigen Bedrohung des Kindeswohls auszusetzen. PolizeibeamtenInnen verfügen weder über die notwendige Fort- und Ausbildung noch über qualifizierten Kenntnisse, die notwenig sind, um eine Risikoeinschätzung vornehmen zu können. In diesem Fall kann es teilweise zu einer sehr gefährlichen Lage für Kinder und Familien kommen, in der die PolizeibeamtenInnen selbstständig vor Ort über das Gefährdungsrisiko für die Kinder und Familien entscheiden, wobei sie jedoch keine qualifizierten Kenntnisse und ebenfalls keine Fort- und Ausbildungen über professionelle Risikoeinschätzungen absolviert haben. Informiert die Polizei das KSZ, können diese zusammen den Fall einschätzen und den Fall untersuchen.

Allerdings bleibt auch dann die Situation schwierig, denn es bleibt weiter unklar, wer die Risikoeinschätzung und Entscheidung über die Herausnahme trägt oder wessen Entscheidung vorrangig ist und wie vorgegangen wird, wenn beide Instanzen in ihren jeweiligen Standpunkten verschiedene Meinung haben. Darüber hinaus gibt es keine gesetzlichen Vorschirften, welche die Situation regeln würden. Deswegen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Polizei nicht mit den SozialarbeiterInnen kooperiert. Im Gegensatz dazu gibt es in Deutschland keine spezifische Meldungstelefonnummer auf Landesebene, jedes Bundesland verfügt über eine eigene Notfallnummer. Lediglich die Polizeinotrufnummer 110, um Gewalt gegen Kinder zu melden, ist landesweit einheitlich. Die Polizei ist verpflichtet, das Jugendamt in Sachen Kindeswohlgefährdung zu informieren. Weiterhin trägt das Jugendamt als zuständige Institution die Gesamtverantwortung über die Maßnahmen und Entscheidungen zur Abwehr der Kindeswohlgefährdung.

3. Bei der Risikoeinschätzung ist in Deutschland nach § 8a SGB VIII ausdrücklich geregelt, dass das Jugendamt das Gefährdungsrisiko im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte einzuschätzen hat und dass die betroffenen Kinder oder Jugendlichen sowie die Eltern berücksichtigt werden müssen. Sind die Eltern nicht in der Lage oder gewillt ihren Pflichten nachzukommen, muss entweder das Familiengericht eingeschalten werden, oder eine andere Stelle der Kinder- und Jugendhilfe einbezogen werden. Dagegen können die SozialarbeiterInnen in Südkorea selbstständig eine Risikoeinschätzung vornehmen und verantworten den gesamten Hilfeprozess genauso an anderer Stelle. Dagegen konzentriert sich das ASD im Jugendamt auf die Meldung, die Untersuchung vor Ort, die Risikoeinschätzung und den Hilfeprozess. Die meisten Dienstleistungen für Kinder und Jugendliche werden von freien Trägern übernommen. Das bedeutet die Fallbearbeitung wird durch den öffentlichen Träger eingeleitet und die Leistungserbringung, wie zum Beispiel die Beratung erfolgt durch den freien Träger.

4. Eine weitere Beobachtung ist, dass die Meldungspflicht verbunden ist mit Schwierigkeiten. Die jährliche Meldungsrate von Kindeswohlgefährdungen in Südkorea ist sehr gering. Gemäß § 25 Abs. 2 KWG soll der Meldungspflichtige den Verdacht von Gewalt gegen Kinder alsbald dem KSZ bzw. der Polizei melden. Jedoch ist dies auf den Dienst des Meldungspflichtigen beschränkt, d.h. wenn sie zufällig außerhalb der Dienstzeit eine solchen Fall feststellen, sind sie nicht verpflichtet, diesen an das KSZ weiterzuleiten. Zudem ist der Zeitraum für die Meldung nicht vorgeschrieben. Wird der beobachtete Fall nicht sofort gemeldet, sondern erst lange Zeit später, ist dies nicht strafbar[3]. Glücklicherweise wurde dies in einer neuen Überarbeitung des KWG 2012 ergänzt (Strafbestimmung der Meldungspflichtigen), welches leider bisher noch nicht durchweg funktioniert. Der Hauptgrund dafür könnte ein mangelndes Selbstbewusstsein und Stigmatisierungen am Arbeitsplatz der Meldungspflichtigen sein[4].

5. In Deutschland wurden gemäß § 8a Abs. 2 Satz 1 SGB VIII und § 3 BkiSchG verbindliche Vorgaben geschaffen, die das Zusammenwirken, sowie die unterschiedlichen Aufgaben und Kompetenzen zwischen öffentlichen und freien Trägern regeln. Dagegen gibt es in Südkorea keine Bestimmungen, die zur verbindlichen Kooperation und Netzwerkarbeit zwischen öffentlichen und freien Trägern verpflichten. Bezieht das KSZ andere Einrichtungen oder Institutionen, z.B. Schulen oder staatliche Behörden, bei Untersuchungen oder bei der Informationsgewinnung mit ein, können die Einrichtungen autonom entscheiden, ob sie kooperieren wollen oder nicht. Verweigern diese eine Kooperation, gibt es keine gewichtigen Anhaltspunkte um einen Tatbestand, im Falle von Gewalt gegen Kinder, zu beweisen.

  • [1] Vgl. Kap. V
  • [2] Yoon, H., 2011. Die Überlegungen zur Entwicklung der Kinderschutzsystem, Prävention und Maßnahmen gegen Kindesmisshandlung der letzten und nächsten 10 Jahre: National Child Protection Agency und Ministerium für Gesundheit und Wohlfahrt, S. 39-40
  • [3] Lee, H., 2006. The Status of Child Maltreatment und Legal Limitations with Ways of Reform. The Korean Society of Family Law Vol. 20-1, S. 178
  • [4] Ebd., S. 178
 
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