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15.2 Vorgehensweise des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Jugendamtes Kassel

[1]

Die Vorgehensweise mit festem Ablaufschemata und Meldebögen für den Umgang mit Meldungen von Kindeswohlgefährdung trat für das Jugendamt Kassel zum 01. September 2004 in Kraft. Bei Verdacht auf eine Kindeswohl-gefährdung hat der ASD durch die Polizei, Fachdienste, Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen oder Privatpersonen schriftliche oder telefonische Informationen einzuholen. Bei Meldungen über Kindeswohlgefährdungen muss der ASD Näheres erfragen, um möglichst viele Informationen und Details zu erhalten. Die Aufgabe des Kinderschutzes ist vorrangig vor allen anderen Aufgaben. Dannach muss der ASD den Kontakt zu anderen Institutionen und Behörden aufnehmen, um ergänzende Angaben, Einschätzungen und Wahrnehmungen einzuholen. In diesen drei Arbeitsschritten der kollegialen Beratung muss der ASD weitere Vorgehensweisen bzw. Beratungen anbieten. Nach der Phase der Informationssammlung muss der ASD Kontakt zur betroffenen Familie in schriftlicher, telefonischer oder persönlicher Form aufnehmen. Die Art und Weise der Kontaktaufnahme steht in Abhängigkeit zu der Situation und Dringlichkeit. Hat dabei der ASD den Eindruck, dass das Wohl des Kindes oder Jugendlichen in Gefahr ist, hat der ASD, die Polizei, das Amtsgericht oder den Gerichtsvollzieher umgehend einzuschalten. Bei der Risikoeinschätzung oder beim Maßnahmenbeschluss sowie bei der Auswahl einer geeigneten Pflegestelle oder der Einrichtung müssen alle beteiligt werden. Der Wahl und den Wünschen des Leistungsberechtigten ist zu entsprechen, sofern sie nicht mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden sind (§ 5 Abs. 2 SGB VIII).

Ist nach der Einschätzung das Wohl des Kindes und Jugendlichen nicht gefährdet (Grundbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen werden erfüllt), besteht keine Notwendigkeit erzieherischer Hilfestellungen. Schildern die Eltern ihr Problem, zeigen sich einsichtig, erkennen den Hilfebedarf und wünschen externe Hilfen, werden in weiteren Beratungsgesprächen zwischen den ASDMitarbeiterInnen und den betroffenen Familien entsprechende Vereinbarungen getroffen und die Eltern erhalten entsprechende Unterstützung. Erkennen die Eltern keinen Hilfebedarf, lehnen externe Hilfe ab und liegt keine akute Gefährdung des Kindeswohls vor, stehen die MitarbeiterInnen des Jugendamtes auch weiterhin als Ansprechpartner zur Verfügung und begleiten die betroffene Familie weiterhin. Liegt hingegen aber eine akute Gefährdung des Kindeswohls vor, hat der ASD die Pflicht das Kind oder den Jugendlichen im Sinne einer Krisenintervention zur Entlastung der Familie aus der Familie zu nehmen. Diese erfolgt entweder im Einvernehmen der Eltern oder infolge einer Inobhutnhame nach dem § 42 SGB VIII. Um die kollegiale Beratung und Entscheidung des Jugendamtes Kassel zu verdeutlichen, ist der Arbeitsablauf in Tab. 36 abgebildet.

Inhalte

Moderationsaufgaben

1. Fallvorstellung

ca. 5 Min.

Vorstellung anhand

a) der Daten und Fakten (möglichst schematisiert) z.B. Genogramm,

b) des aktuellen Beziehungserleben zu den beteiligten Personen

Darauf achten, dass die Fallvorstellung ungestört von Zwischenfragen erfolgen kann.

2. Beratungsfrage

ca. 5 Min.

Die fallvorstellende Fachkraft formuliert ihr Problem, Anliegen zu dem sie beraten werden will.

Die Beratungsfrage muss bearbeitbar sein und vom Team akzeptiert werden.

3. Rückfragen

ca. 5 Min.

Die TeilnehmerInnen formulieren Informationsfragen, um die Beratungsfrage bearbeiten zu können.

Informationsfragen dürfen keine Interpretationen, vorzeitige Lösungsvorschläge oder verdeckte fachliche Angriffe sein.

4. dentifikatonsrunde

ca.15 Min.

Die Teilnehmer übernehmen jeweils eine Rolle aus dem betroffenen System und beschreiben aus dieser Rolle heraus das derzeitige Erleben der Einzelnen.

Die zu identifizierenden Personen werden benannt und die Rollen verteilt, am Ende der Runde fragt die Moderation nach spontanen Antworten, Erwiderungen untereinander, achtet darauf, dass jeder zu Wort kommt, fragt die Wünsche der Beteiligten ab.

5. Sammeln von Bildern, Stimmungen, Eindrücken während der Identifikationsrunde, ca.10Min.

Die aufgetauchten Gefühle, Befindlichkeiten, Begriffe, Bilder etc. werden genannt, die z.Zt. herrschende Atmosphäre im Team beschrieben, Assoziationen zusammengetragen.

Rückmeldung der Fachkraft

Die Begriffe und Einfälle werden aufgeschrieben, keine Diskussion, alles ist wichtig, am Ende Rückfrage an die fallvorstellende Fachkraft zu ihren Eindrücken und ihrer Befindlichkeit.

6. Was wird gebraucht? ca. 10 Min.

Einfälle werden zusammengetragen, die noch keine konkreten Lösungsschritte sein sollen.

Einfälle und Wünsche werden zusammengetragen, die noch keine konkreten Lösungsschritte sein sollen.

7. Wie kann ein erster Schritt aussehen?

ca. 10 Min.

Mögliche erste Schritte in der weiteren Fallbearbeitung werden zusammengetragen, die fallzuständige Fachkraft entscheidet, welchen Schritt sie machen will.

Einfälle der Gruppe aufschreiben und die fallzuständige Fachkraft fragen, wie sie sich entscheiden will und ob das Team diese Entscheidung mittragen will, bei gegensätzlichen Lösungsschritten nach Verbindungen suchen, Diskussionen unterbinden.

8. Reflexion

ca. 10 Min.

Wie hat sich das Team in seiner Beratungskompetenz erlebt, wurde die Beratungsfrage zufriedenstellend beantwortet, wie war die Arbeitsatmosphäre, welche Probleme in der Zusammenarbeit, der Institution, den Rahmenbedingungen sind aufgetaucht, wie können sie angegangen werden?

Darauf achten, dass diese Punkte nicht verloren gehen und sorgfältig bearbeitet werden.

Quelle: Universtität Koblenz-Landau[2]

Tabelle 36: Exemplarischer Arbeitsablauf der kollegialen Beratung und Entscheidungsfindung des Jugendamtes Kassel (Dauer ca. 60-90 Min.)

Zusammenfassend lässt sich das Verfahren nach § 1666 BGB mit folgendem Verlauf, beispielsweise an dem Jugendamt Kassel, verdeutlichen[3]:

1. Das Jugendamt erlangt Kenntnis von einer Kindeswohlgefährdung (z.B. durch den anonymen Anruf eines Nachbarn)

2. Das Jugendamt ermittelt die Situation

3. Das Jugendamt kommt zu einer eigenen Entscheidung

- Kann das Kind in seiner Familie bleiben; welche öffentlichen Hilfen reichen ggf. aus?

- Muss das Kind aus seiner Familie herausgenommen werden?;

- Kann dies ggf. mit Einverständnis der Personensorgeberechtigten geschehen?

4. Das Jugendamt klärt, ob eine geeignete Unterbringungsmöglichkeit vorhanden ist

- Kontaktaufnahme mit geeigneter Pflegefamilie

- Aufnahmebereitschaft eines geeigneten Heims

- Klärung der Kontingenzfrage

5. Das Jugendamt leitet eine familiengerichtliche Maßnahme ein (bei

„Gefahr im Verzug“ auf vorläufige)

- Entzug des Sorgerechts (bzw. des Aufenthaltsbestimmungsrechtes)

- Übertragung des Sorgerechts (bzw. des Aufenthaltsbestimmungsrechtes) auf das Jugendamt als Pfleger

6. Familiengericht entscheidet über die Einleitung eines Verfahrens nach

§ 1666 BGB

- es lehnt die Einleitung ab

- es eröffnet das Verfahren

7. Familiengericht ermittelt von Amts wegen (§ 12 FamFG)

- zieht Akten ein

- vernimmt Zeugen

- holt Gutachten ein

- beauftragt das Jugendamt mit (weiteren) Ermittlungen

- hört das Kind (§ 50b FamFG), seine Eltern (§ 50a FamFG)

- (ggf.) Pflegepersonen (§ 50 c FamFG) an

- hört das Jugendamt an (§ 49 Abs. 1 Nr. 1 f FamFG)

8. Familiengericht entscheidet durch Beschluss

hier entsprechend dem Vorschlag des Jugendamtes

9. Beschluss wird mit der Bekanntmachung wirksam (§ 16 FamFG)

10. . Jugendamt nimmt das Kind aus seiner Familie heraus und bringt es in eine Pflegefamilie oder einem Heim unter

11. . Wenn sich Eltern weigern, das Kind herauszugeben, erwirkt das Jugendamt beim Familiengericht eine Vollstreckungsanordnung

12. Gerichtsvollzieher nimmt den Eltern das Kind – notfalls mit Gewalt – weg

13. . Jugendamt schafft Kontakt zu Pflegeeltern, Heim und Eltern (Vgl. § 37 SGB VIII)

14. Jugendamt überprüft die Notwendigkeit der Fortdauer der familiengerichtlichen Maßnahme (Vgl. § 1696 Abs. 2 V. m. § 50 Abs. 1 SGB VIII)

15. . Der Vormund berichtet dem Vormundschaftsgericht „in angemessenen Zeitabständen“ (Vgl. § 1696 Abs. 3 GBG i.V.m. § 50 Abs. 2 SGB VIII)

  • [1] Vgl. Janz, A., 2004. Umgang mit Meldungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen. Ein Arbeitspapier der AG der Nordhessischen Jugendämter für eine Vereinheitlichung im Vorgehen. Jugendamt Kassel; Vgl. Präventionsrat der Stadt Kassel, 2013. Kinder im Klima häuslicher Gewalt. Maßnahmen zum Schutz gefährdeter Kinder. Kassel.
  • [2] Universität Koblenz-Landau, Vom Falleingang bis zur Kollegialen Beratung – Grundsätze und Arbeitshilfen, Bundesmodellprojekt „Hilfeplanung als Kontaktmanagement?“ Modellstandort Düsseldorf. S. 22
  • [3] Janz, A., 2004. Umgang mit Meldungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen. Ein Arbeitspapier der AG der Nordhessischen Jugendämter für eine Vereinheitlichung im Vorgehen. Jugendamt Kassel, S. 16
 
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