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17 Diskussion und Ausblick

Die vorliegende Studie stellt eine vergleichende Untersuchung über Gewalt gegen Kinder und die Schutzsysteme in Deutschland und Südkorea dar. Im Rahmen der Studie wurde zunächst die gesellschaftliche und kulturelle bzw. historische Lage von Kindern und Jugendlichen in beiden Ländern offen gelegt. Zudem wurden die unterschiedlichen Definitionen und Formen von Gewalt gegen Kinder untersucht, statistische Analysen durchgeführt sowie Risikofaktoren und Folgen von Gewalt gegen Kinder betrachtet. Zudem wurden in einem Rechtsvergleich die Gesetze in Bezug auf Gewalt gegen Kinder und die jeweiligen Instanzen beider Länder, der Entzug und die Einschränkung der elterlichen Sorge sowie strafrechtliche Aspekte betrachtet. Überdies wurden Handlungsverfahren bei Kindeswohlgefährdungen, Risikoeinschätzungen und die Kooperations- und Netzwerkarbeit analysiert. Abschließend fand eine Rekonstruktion und ein Vergleich der Praxis des Kinderschutzzentrums Stadt Iksan in Südkorea und des Jugendamtes Kassel in Deutschland statt. Als zentrale Aspekte wurden die nachfolgenden Aspekte notiert (Tab. 37):

1. Das Child Protection System in Südkorea ist ein gefährdungsfokussiertes Kinderschutzsystem, das in Gefährdungsfällen mit Interventionen reagiert und sich auf Meldungen durch freie Träger stützt. Im Gegensatz dazu gibt es im Family Service System in Deutschland zwei Möglichkeiten der Intervention: einerseits eine präventionsfokussierte Familienhilfe und andererseits gefährdungsfokussierte Ansätze als Kinderschutzmodell. [1] Beide Ansätze verfolgen das Ziel, Gewalt gegenüber Kindern zu vermeiden oder zu verhindern, indem die entsprechenden Institutionen zum Beispiel Aufklärungsarbeit in Form von Beratung und Begleitung von Eltern anbieten bzw. die Untersuchung und Intervention bei einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung durchführen.

2. In Südkorea reagiert nicht nur das Kinderwohlfahrtgesetz auf alle Formen der Gewalt gegen Kinder, sondern auch das Strafgesetz, das bei schwerwiegender körperlicher und sexueller Gewalt greift. Die Gesetze für besondere Fälle zur Bestrafung von Verbrechen von häuslicher Gewalt und der Prävention sowie zum Schutz der Opfer bestimmen, wie bei häuslicher Gewalt verfahren wird. Das Jugendschutzgesetz, welches das Verfahren jugendlicher Misshandung regelt und schließlich das Bürgerliche Gesetzbuch, das die elterliche Sorge behandelt. Obgleich mehrere Gesetze existieren und diese Gesetze auch zu den besonderen Rechten und allgemeinen Pflichten von Eltern und staatlichen Institutionen gehören, lassen sie in der Regel wenig Möglichkeiten, um bei Gewalt gegen Kindern zu intervenieren. Dies liegt vor allem daran, dass diese unterschiedlichen Gesetze durch unterschiedlich zuständige Instanzen und Ministerien bewertet werden und entsprechend auch interveniert wird. Es könnte sich zudem eine überlappende und unsynthetische Interventionsstruktur entwickeln, die in der fachlichen Praxis zur Verwirrung führt.

In Deutschland sind die präventiven Hilfeleistungen und Eingriffsmöglichkeiten bei einer drohenden oder bereits eingetretenen Kindeswohlgefährdung im SGB VIII geregelt und die Einschränkung der elterlichen Sorge und familiengerichtlichen Maßnahmen im BGB festgelegt. Liegt eine Gefährdung des Wohls des Kindes oder des Jugendlichen vor, greift sowohl das SGB VIII als auch das BGB, beide regeln das Vorgehen bei Gewalt gegen Kinder. Das StGB regelt die Vorgehensweise bei körperlicher Gewalt, sexuellem Missbrauch und bei Vernachlässigung sowie Verletzung der Fürsogeoder Erziehungspflicht durch Eltern oder Dritte. Zudem legt das BkiSchG eine verbindliche Kooperation und einen Informationsaustausch im Kinderschutz fest. Es verpflichtet mehrere Stellen öffentlicher und freier Träger zusammenzuarbeiten und bei drohender Kindeswohlgefährdung rechtzeitig einzugreifen.

3. Das Kinderschutzsystem in Südkorea funktioniert durch die Meldungsaufnahme des KSZ während präventive Aktivitäten nur als Beratungsangebot gelten. Liegt kein Verdacht auf Gewalt gegen Kinder bei der Meldungsaufnahme vor, wird der Fall unverzüglich an andere Institutionen übergeben. Das Jugendamt in Deutschland kann dagegen gemäß den §§ 11-32 KJHG die Erziehungsberechtigten bzw. Eltern bei der Erziehung der Kinder und Jugendlichen mit abgestuften Leistungsangeboten unterstützen. Es wird deutlich, dass der Weg für präventive Interventionen und Dienstleistungen durch den Gesetzgeber eröffnet wird. Das Jugendamt und andere Institutionen bzw. soziale Einrichtungen können dadurch Risikofaktoren vor dem Auftreten von Gewalt erkennen und durch Unterstützung und Beratung dazu beitragen, dass Kinder in einer sicheren Umgebung aufwachsen.

4. Das KSS in Südkorea liegt in der Verantwortung der freien Träger. Diese sind verantwortlich für den gesamten Prozess bei drohender oder bereits bestehender Gewalt gegen Kinder. In akuten Fällen von Gewalt gegen Kinder oder Jugendlichen bestehen direkte Handlungsmöglichkeiten. Als Beispiel gibt es die bis zu drei Tage andauernde Inobhutnahme, auch ohne elterliche Zustimmung. Bei Bedarf einer Inobhutnahme des Kindes oder Jugendlichen über drei Tage hinaus muss das KSZ einen Antrag bei der zuständigen staatlichen Behörde, oder Kommune stellen. Mit der Genehmigung der zuständigen Behörde können Kinder und Jugendliche dann auch mehr als drei Tage in einer sicheren Umgebung oder einer medizinischen Einrichtungen betreut werden. Dabei ist die Fremdunterbringung unabhängig von familiengerichtilichen Bestimmungen, d.h. staatliche Entscheidungen erfolgen autonom. Jedoch gilt hier bei einer Maßnahme zum Kinderschutz über drei Tage hinaus, dass das Sorgerecht bei den Sorgeberechtigten bleibt. Dies gilt auch dann, wenn die Eltern als Täter in Frage kommen könnten und gegen die Entscheidung des KSZ ein Veto einlegen bzw. ihre Kinder wieder zurück haben wollen. Das bedeutet, dass das KSZ nicht befugt ist, nötige Maßnahmen ohne die Zustimmung der Eltern einzuleiten. Das KSZ ist verpflichtet, die Kinder und Jugendlichen unverzüglich an die sorgeberechtigten Eltern zurückzugeben, egal ob die Kinder oder Jugendlichen weiterhin einem Risiko von Kindeswohlgefährdung ausgesetzt sind. Mit dieser Struktur kann das Kinderschutzsystem, das mit staatlich hoheitlicher Kompetenz gegen Gewalt an Kindern vorgeht, in das Sorgerecht nicht eingreifen. Eine Einschränkung oder ein Entzug des Sorgerechts ist erst möglich, wenn ein gerichtliches Verfahren beim Familiengericht eingeleitet wurde. Jedoch ist ein solches Verfahren aufgrund der gegenwärtigen gerichtlichen Struktur schwierig, da es wenige Präzedenzfälle gibt und es oft zu lange braucht (ca. drei Monate), um ein gerichtliches Verfahren einzuleiten. Aus diesen Gründen erscheint das Eingreifen sowie die Maßnahme der familiengerichtlichen Struktur als nicht ausreichend. Weiterhin ist ein polizeiliches Eingreifen aufgrund eines Tatverdachts nur begrenzt möglich, da im südkoreanischen Recht meistens nur schwerwiegende körperliche und sexuelle Gewalt als ein Grund kriminellen Handelns angesehen werden.

In Deutschland übertrug der Gesetzgeber dem Jugendamt die gesetzliche Gesamtverantwortung über den Kinderschutz und soll so die Kinderschutzarbeit neben anderen öffentlichen und freien Trägern leisten. Droht seitens der Eltern eine besonderes aktue Gefährdung des Wohls des Kindes oder Jugendlichen, ist das Jugendamt verpflichtet, Maßnahmen auch gegen die Zustimmung der Sorgeberechtigten auszuüben. Jedoch ist es nicht befugt, endgültige Entscheidungen und Maßnahmen für einen andauernden Kinderschutz zu treffen. In diesem Fall hat das Familiengericht die Entscheidungsbefugnis über den Kinderschutz, um mögliche Maßnahmen gegen die Eltern einzuleiten. Dieses Verfahren hat zum Ziel, die Balance zwischen staatlicher Macht und Sorgerecht aufrechtzuerhalten. Dem Familiengericht kommen dabei zwei Funktionen zu: Zum einen die Kontrolle, die dann ausgeübt wird, wenn über einen Missbrauchsfall entschieden wird, zum anderen die Überprüfung der Angemessenheit von Maßnahmen, die von der Exekutivgewalt durchgeführt wird.

5. Eine Risikoeinschätzung und Bewertung von Gewalt gegen Kinder und Jugendlichen zu treffen, ist sehr wichtig, da diese für die Betroffene, sowie deren Familien unterschiedliche Maßnahmen zur Folge haben kann. In Südkorea entscheidet ein/e SozialarbeiterIn im KSZ über das gesamte Verfahren, d.h. der Prozess von der Aufnahme und der Einschätzung des Gefährdungspotenzials, die mögliche Maßnahme bis hin zum Abschluss entscheidet und verantwortet eine einzelne Fachkraft. Dabei helfen Instrumente zur Risikoeinschätzung, um den Prozess professionell zu gestalten, zudem aber auch ein innerer und äußerer Ausschuss der gemeinsam über einzelne Einschätzungen berät. Jedoch gibt es im Gesetz keine verbindlichen Vorgaben zum Vorgehen, das heißt z.B. das Risikoeinschätzung mit mehreren Fachkräften oder auch Beratungen in Ausschüssen nirgends verbindlich festgelegt werden müssen. Deswegen birgt diese Struktur die Gefahr, dass ein einzelner zuständiger MitarbeiterIn im KSZ wichtige Prozesse und Entscheidungen alleine treffen muss und so Fehler gemacht werden könnten. In Deutschland fallen solche Risikofaktoren bei der Risikoeinschätzung niedriger aus, da die fallzuständige Fachkraft des ASD im Jugendamt die Gefährdungseinschätzung nicht alleine durchführt und stattdessen gemäß § 8a SGB VIII mit anderen Fachkräften den Fall reflektieren. Zudem hat das Jugendamt das Familiengericht anzurufen, wenn die Eltern den Entscheidungen und Maßnahmen des Jugendamtes nicht zustimmen, wobei es eine große Rolle für das Kinderschutzsystem spielt, dass die familiengerichtlichen Maßnahmen für Eltern oder Täter verbindlich sind.

6. In Südkorea gibt es solche verbindlichen Gesetze nicht, die zur Kooperation und Netzwerkarbeit zwischen verschiedenen Institutionen und sozialen Einrichtungen in öffentlicher- und freier Trägerschaft führen. Erkennen die verschiedenen Fachkräfte in der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeiten gewichtige Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen, dann hat ihre berufliche Schweigepflicht Vorrang vor der Übermittlung von Informationen an andere zuständige Instanzen. Dazu kommt, dass die SozialarbeiterInnen, neben der fehlenden Befugnis, auch keinerlei Verpflichtung haben, die Informationen weiterzuleiten. Deswegen gestaltet sich die Aufgabe der SozialarbeiterInnen bei Kooperationen und Netzwerkarbeit mit verschiedenen Institutionen oder sozialen Einrichtungen schwierig.

In Deutschland ist das verbindliche Zusammenwirken bei unterschiedlichen Aufgaben und Befugnissen zwischen öffentlichen- und freien Trägern gemäß § 8a Abs. 2 Satz 1 SGB VIII und § 3 BkiSchG geregelt. Besteht ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, sind die Institutionen oder sozialen Einrichtungen mit den zuständigen Personen, z.B. SozialarbeiterInnen in der Schule oder medizinischen Einrichtungen, verpflichtet, zunächst selbstständig einzuschätzen, ob ein Gefährdungsfall vorliegt. Dabei werden sie von erfahrenen Fachkräften oder der zuständigen Kinder- und Jugendhilfe (z.B. dem Jugendamt) unterstützt. Wenn nun also verschiedene Fachkräfte wichtige Anhaltspunkte zur Gefahr des Kindeswohles erkennen, haben sie die Pflicht mit dem Jugendamt die Situation des Kindes und Jugendlichen gemäß § 4 BkiSchG einzuschätzen.

Merkmale

Südkorea

Deutschland

Fokus

Gefährdungsfokussierter Kinderschutz

Präventivfokussierte Familienhilfe, Gefährdungsfokussiert bei Kindeswohlfährdung

Gesetze

Kinderwohlfahrtgesetz (KWG), Gesetz für besondere Fälle zur Bestrafung von Verbrechen von häuslicher Gewalt (GfBhG),

Gesetz für die Prävention von häuslicher Gewalt und zum Schutz der Opfer (GPhGS),

Jugendschutzgesetz (JSG) Zivilrecht (ZR), Strafrecht (StGB)

Kinder- und Jugendhilfegesetz (Sozialgesetzbuch Achtes Buch – SGB VIII)

Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) Bundeskinderschutzgesetz (BkiSchG) Strafrecht (StGB) Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG)

Reaktionsmöglichkeit

Nach der Meldung innerhalb von 2 Jahren Intervention

Andauernde präventive Hilfe und Unterstützung, ggf. Eingriff bei Kindeswohlgefährdung

Form

Freier Träger im Auftrag (Für alle Prozesse)

Gesamtverantwortung: Jugendamt (hoheitliche Intervention und Einschätzung)

Freie Träger im Auftrag für Dienstleistungen und Maßnahmen

Instrument der Einschätzung

Standardisiert

Unterschiedlich in den Bundesländern

Kinderschutz

Vorübergehender Kinderschutz – Innerhalb von 3 Tage durch KSZ Nachhaltiger Kinderschutz – Staatliche Behörde

Vorübergehender Kinderschutz – Jugendamt

Nachhaltiger Kinderschutz Elterliche Maßnahme – Familiengericht

Entzug und Einschränkung des Sorgerechts

Familiengericht, aber langes Verfahren ca. 3 Monate

(KSZ---Kommune---Familiengericht)

Familiengericht

Jugendamt hat direkt anzurufen Familiengericht reagiert sofort

Strafrechtlicher Aspekt

Strafgericht

Nur schwerwiegende körperliche Gewalt und sexuelle Gewalt

Strafgericht

Körperlich, sexuelle Gewalt und Vernachlässigung

Instanz und Mitarbeiter

45 Kinderschutzzentren,

312 MitarbeiterInnen

Ca. 619 Jugendämter

Meldung

Notrufnummer 1577-1391, 129, 112 Meldungspflichtig

Nummer 110 (Polizei) Jugendamt und Polizei sind anzeigepflichtig

Sorgetelefon in Deutschland z.B. 09001-445330

Kommunales Sorgentelefon Kassel 0800-2244144

Tabelle 37: Charakteristiken des Kinderschutzsystems im Hinblick auf Gewalt gegen Kinder in Südkorea und Deutschland

Die Zusammenfassung der Ergebnisse führt zu der eingangs gestellten Frage, ob durch die hier vorgelegte Studie Möglichkeiten aufgezeigt werden, die empfehlen, einzelne Aspekte aus beiden Ländern zu übernehmen, um ein effektives Kinderschutzsysem aufzubauen und zu verbessern.

Zunächst einmal gibt es zwischen Südkorea und Deutschland ein Spannungsverhältnis in Bezug auf die Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung durch die zuständigen Instanzen. Dieses Spannungfeld also zwischen dem Jugendamt und dem Kinderschutzzentrum, entsteht bei den Unterschieden in Sachen Mithilfe, Unterstützung und Förderung der Kinder und Jugendlichen bzw. Familien. Das Kinderschutzsystem in Deutschland bietet vor der Meldung einer Kindeswohlgefährdung präventive Förderung und Unterstützung an, um Risikofaktoren von Gewalt gegen Kinder zu reduzieren. Durch diese präventive Förderung und Unterstützung kann das Gefährdungspotenzial minimiert bzw. neutralisiert werden. D.h. bevor Gewalt gegen Kinder überhaupt auftritt, können durch verschiedene Arten der präventiven Förderung und Unterstützung die Risikofaktoren gesenkt werden und zur Abwehr der Kindeswohlgefährdung in der Familie führen.

Jedoch ist es schwer einzuschätzen, ob die soziale Leistungen, welche die Familien unterstützen und fördern sollen, ein ausreichendes Kindeswohl gewährleisten, oder ein Auftreten von Gewalt in der Familie durch diesen Förderungsprozess gar verstärkt wird. Darüber hinaus ist es wahrscheinlich, dass die präventive Unterstützung, sowie frühe Hilfe aus einem universellen und totalitären Aspekt, z.B. aufgrund eines genau bestimmten Budgets, oder durch mangelnde Kooperation bzw. fehlende Handlungsmöglichkeiten der Fachkräfte eingeschränkt wird. Die direkte und intensive Intervention und Förderung von Familien, in denen bereits Kindeswohlgefährdung vorliegt, kann dadurch eventuell nicht erfolgen, bzw. falsch behandelt werden. Trotzdem führt diese Art der präventiven Förderung und Unterstützung in Deutschland zu vielfältigen Diskussionen im Vergleich mit dem Kinderschutzsystem in Südkorea.

In Südkorea muss mit dem Zeitpunkt der Entscheidung der Kindeswohlgefährdung durch die zuständige Instanz eine angemessene Intervention und Unterstützung der Betroffenen bzw. Eltern durchgeführt werden. Auch muss durch die zuständige Instanz untersucht und geprüft werden, ob von den Betroffenen, Mitgliedern der Familie und Dritten (z.B. Verwandten, Nachbarn etc.) ausreichend Information eingeholt wurden. Eine Problematik hierbei ist, dass durch diesen laufenden Untersuchungsprozess soziale Stigmatisierungen (Ausgrenzungen z.b) und emotionale Schwierigkeiten entstehen können. D.h. dass im südkoreanischen KSS die gemeldeten Betroffenen und die sie umgebenden Personen durch die zuständige Instanz untersucht werden müssen und es nur so möglich ist, die Unterstützung und Förderung, nach geltenden Leitprinzipien von Meldungen, Untersuchungen und Entscheidungen bis hin zu den Interventionen durchzuführen.

Schließlich ist dieser Schwerpunkt der Intervention mit der Definition von Gewalt gegen Kinder, welche die Formen und den Umfang von Gewalt auch in Bezug auf soziale Sensibilisierung und Wahrnehmung bzw. Gesetze mit einschließt, eng verzahnt. Der Staat und die Gesellschaft entscheiden darüber, wie auf das Problem von Gewalt gegen Kinder reagiert wird. Hierbei werden entweder universelle oder individuelle Maßnahmen und Methoden verwendet, die sich dann. zusammen mit dem Wohlfahrtstaatsmodell, sowie der sozialen, kulturellen und geschichtlichen Identität des Landes zum eigenen Kinderschutzmodell entwickeln. Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich die Soziale Arbeit kontinuierlich und allumfassend weiterentwickelt, ist in Südkorea nur eine teilweise Wandlung zu beobachten. Jedoch können Wissenstransferprozesse, die auf vergleichende Analysen basieren, dazu beitragen, dass das KSS in Südkorea Anregungen zur Prävention von Gewalt und zur Sicherung des Kindeswohls erhält. Im südkoreanischen KSS sollte mit intensiven Post-Interventionen, Präventionen sowie Unterstützungen und Förderungen vor dem Auftreten von Gewalt gegen Kinder und für das Wohl des Kindes und Jugendlichen gesorgt werden.

Des Weiteren kommen im präventiven Ansatz noch weitere Spannungsverhältnisse vor. Hier stellt sich die Frage nach der Dauer der präventiven Unterstützung und ab wann eine Intervention im Hinblick auf das KSS eingeleitet werden soll. Bei dem in Deutschland betrachteten KSS wird diese Aufgabe durch das Doppelmandat von Prävention und Intervention, sowie Hilfe und Kontrolle durch die zuständige Instanz gelöst. Jedoch bleibt offen bis zu welchem Zeitpunkt die Förderung und Unterstützung als Prävention geleistet und ab wann der Kinderschutz als Intervention behandelt wird. Dieser Schwerpunkt liegt beim ASD der Jugendämter, die für die jeweiligen Einzelfälle verantwortlich sind, es jedoch schwer ist, einen genauen Maßstab für eine Trennung zwischen Prävention und Intervention festzusetzen. Zwischen den einzelnen Bundesländern unterscheiden sich die Risikoeinschätzungen und Instrumente stark. Schließlich spielt in Deutschland nicht nur der Aufbau eines systematischen Kinderschutzsystems eine wichtige Rolle, sondern auch die kontinuierliche Qualifizierung und Ausbildung zuständiger Fachkräfte in den Jugendämtern. Entscheidet sich der ASD durch die Risikoeinschätzung für eine milde Maßnahme, so wird ein enger Kinderschutz eingeleitet. Wird das Risiko dagegen als sehr hoch bewertet, entscheidet sich der ASD für weitreichende Intervention durch den Staat. Aus diesem Aspekt wird deutlich, wie bedeutsam es ist, einheitliche Risikoeinschätzungen einzuführen und die zuständigen Fachkräfte mit vielfältigen Fortbildung, kollegialen Beratungen und dem Training von Kommunikationsfähigkeit in Team zu qualifizieren.

In Südkorea wäre dieses Spannungsverhältnis zwischen Prävention und Intervention vermeidbar, wenn bei der Meldung einer Kindeswohlgefährdung, gleichzeitig interveniert werden würde. Jedoch sucht das KSS in Südkorea nach einer Lösung, welche dem Gedanken einer intensiven Intervention im Zeitraum von zwei bis drei Jahren verfolgt. In diesen Jahren soll die Familie unterstützt oder in schwerwiegenden Fällen eine Inobhutnahme der Kinder und Jugendlichen stattfinden. Jedoch ist dies problematisch, da bereits geschädigte Betroffene, die der Gewalt über mehrere Jahre ausgesetzt waren, einer langfristigen Intervention/ Therapie benötigen, der vorgegebene Zeitraum somit schlicht und ergreifend zu kurz ist. Die gegenwärtigen familiären Probleme sind nicht mehr als Problem des Einzelnen anzusehen, sondern entstehen durch verschiedene komplizierte Phänomene aus vielfältigen Konflikten. Gleichzeitig muss diese hohe Anzahl an Risikoeinschätzungen und Hilfeprozessen langfristig analysiert und reguliert werden. Das heißt also, dass sich die Anzahl jener Familien die nicht nur kurzfristige Maßnahmen, sondern vor allem langfristige Unterstützung und Therapien benötigen, kontinuierlich erhöht (z.B. Eltern mit psyschischen Erkrankungen, Suchterkrankungen, Delinquenz, Erziehungsunfähigkeit usw.). Dieses Phänomen lässt sich durch den sukzessiven Anstieg der Rückfälle im Bericht des nationalen KSZ in Südkorea belegen.

Drittens ist das Spannungssverhältnis zwischen öffentlichen und freien Trägern deutlich zu machen. Es ergibt sich die Frage, wer für die Gesamtverantworung geeignet ist, da doch die Auflösung dieses Verhältnisses zu einem funktional und kommunikativ besseren KSS führen würde. Die Stärke der öffentlichen Träger kann in Deutschland mit der Sozialpolitik und dem damit verbundenen Budget relativ stabil gehalten werden. Zudem werden Unterstützungen und Interventionen als Gesamtverantwortungsmaßnahmen durchgeführt und mit hoheitlichen Aufgaben in betroffenen Familien interveniert. Allerdings zeigt dies eine Schwachstelle auf, welche dazu führt, dass die öffentlichen Träger vor Ort unflexibel sind, es ihnen an Anpassungsfähigkeit mangelt bzw. relativ langsame Risikoeinschätzungen und Entscheidungen zum Kinderschutz deutlich werden. Ein möglicher Lösungsansatz wäre eine schnellere Reaktion beim Verdacht einer Kindeswohlgefährdung und ein schnelleres Wahrnehmen der erforderlichen Schutzmaßnahmen.

Um dem Problem zu entgehen, könnten sich die öffentlichen Träger in Deutschland ein Beispiel am flexibleren Denken und den vielfältigen Initiativen südkoreanischer freier Träger nehmen. Jedoch sind die freien Träger in Südkorea nicht unabhänigig von der staatlichen Politik und deren Budget. So ist die tatsächliche hoheitliche Intervention für die betroffenen Familie eingeschränkt und begrenzt. Aus diesen Gründen müssen die Stärken und Schwächen der öffentlichen und freien Träger berücksichtigt werden, sodass bei Interventionen der öffentlichen Träger rasche Entscheidungen getroffen werden können, die Flexibilität vor Ort verbessert wird und die Qualifizierung sowie die Risikoeinschätzung der Fachkräfte verstärkt wird.

Kinderschutzverfahren in Bezug auf die elterliche Sorge, eingeleitet durch das KSZ, Polizei, Staatsanwaltschaft, sollten in Südkorea ebenfalls direkt mit dem Familiengericht verbunden sein, wie es in Deutschland der Fall ist. Das Jugendamt könnte bei einer solchen Kooperation direkt das Familiengericht über eine Kindeswohlgefährdung informieren oder sofort Maßnahmen einleiten, wenn sich Erziehungsberechtigte bzw. Eltern nicht kooperativ zeigen. Bei einem solchen Vorgehen kann das Jugendamt noch vor der Intervention mit dem Familiengericht zusammenarbeiten und Einfluss auf den weiteren Hilfeprozessen nehmen. Ein viertes Spannungsverhältnis ergibt sich aus der zentralen kommunikativen und entscheidenden Instanz der Gesamtverantwortung zum Kinderschutz. Wird in Südkorea ein Fall von Kindeswohlgefährdung bei der Polizei gemeldet, muss sie vor Ort reagieren und kann nach eigenem Ermessen mit SozialarbeiterInnen des KSZ zusammenwirken. Jedoch ist diffus, wer letztendlich die Entscheidungen über weitere Maßnahmen zum Wohl des Kindes trifft, insbesondere wenn die Einschätzung der Polizei und der Fachkraft des KSZ auseinander gehen. Das Spannungsverhältnis ergibt sich hierbei aus der Frage, wer in der jewiligen Situation die prioritäre Beschlusskraft besitzt.

In Südkorea wurde in über 80% der Fälle Gewalt gegen Kinder durch deren eigene Eltern ausgeübt, dabei ergibt sich folgende Diskrepanz: die Justizgewalt durch die Polizei verlangt eine Bestrafung, während das KSZ Interventionsprogramme für Eltern vorsieht. Ideal wäre, wenn die Befugnis einer familiären Intervention der Polizei obliegen würde, (z.B. zwingende, gerichtlich, festgelegte Hausbesuche) während Interventionen, die die Kinder und Jugendlichen betreffen, (z.B. in Form von Therapien) zur Zuständigkeit des KSZ gehören sollte. Dabei müsste das KSZ bei Verfahren, die das elterliche Sorgerecht betreffen oder bei der Bestimmung von Maßnahmen eng mit dem Familiengericht zusammenarbeiten. Da sich gegenwärtig die Definition von Gewalt gegen Kinder langsam, jedoch kontinuierlich verändert und diese nicht nur äußere, körperliche Spuren, sondern auch potentielle Gefährdungen psychischer Art berücksichtigt, ist eine Verbesserung des gesamten planenerischen Sicherungsystems zu erkennen.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass das KSS in Südkorea aus geschichtlicher Perspektive noch immer in Kinderschuhen steckt, da die südkoreanische Gesellschaft meist auf die Post-Intervention im sozialen Entwicklungsprozess konzentriert ist. Ebenfalls spielt das südkoreanische KSS eine wichtige Rolle und wird mehr als häufig diskutiert, da nach dem Auftreten von Gewalt gegen Kinder die Maßnahmen gegen Eltern, als auch das effektivere systematische Verfahren in Bezug auf Gewalt gegen Kinder oft in der Kritik steht. Doch kann der Staat anstatt der Eltern die Rechte und Pflichten dieser übernehmen, wenn die Ansichten nicht auf einer guten Kinderschutzprävention beruhen, sondern lediglich Maßnahmen zur Post-Intervention durchgeführt werden?

Das KSS sollte nicht nur Inobhutnahmen, elterliche Maßnahmen, kurzfristige Hilfeprozesse und die Entwicklung sowie die Therapie von Kindern und Jugendlichen überwachen, sondern auch beständig die langfristige Infrastruktur und familiäre Unterstützung und Förderung planen und leisten. Bevor jedoch von Gefahr des Kindeswohls die Rede sein kann, sollte die staatliche Förderung präventiver Ansätze verstärkt werden. Zudem sollten die Gesetze ausführliche Definitionen enthalten, die den Umfang von Gewalt gegen Kinder bzw. die Gesamtverantworung der Instanz und die verbindliche Kooperationen festlegen. Ebenfalls sollte die Gesellschaft auch kleinere Gewalttaten als nicht akzeptabel anerkennen, damit auch diese vermieden werden können.

Nachdem diese Dissertation eingereicht wurde, traten am 29. September, 2014 in Südkorea neue besondere Gesetze zum Umgang mit Gewalt gegen Kinder in Kraft. Der Hauptgrund dafür waren häufig eingetroffene Kindstode durch die Gewalt von Eltern und die Veröffentlichung von Fallzahlen, welche die südkoreanische Gesellschaft sehr schockierten. Ein dafür etablierter neuer Ausschuss zur Untersuchung dieser Fälle schlug neue Gesetzesvorlagen vor. Nach langen Diskussionsdebatten wurden diese Gesetze nun endlich verabschiedet und traten am 29. September 2014 in Kraft. Jedoch werden diese zu Zeit bei der Umsetzung in der Praxis heftig diskutiert und neue Prozess zur Überarbeitung der Gesetze werden in die Wege geleitet. Eine weiterhin geforderte Überwachungsmaßnahme ist der Ausbau von Überwachungskameras in allen Kindergärten oder ähnlichen Einrichtungen. Zudem zeigten mehrere Berichte und Aufsätze, dass das neue Gesetz zur Gewalt gegen Kinder nur eine Zusammenfassung der bereits bestehenden Gesetze bildet. Aus diesen Gründen verändert sich das KSS in Südkorea nicht umfassend genug und verbleibt noch immer bei den grundlegenden, bestehenden Strukturen und Verfahrensweisen. Was jedoch als grundlegende Änderung durch die Verabschiedung des neuen Gesetzes genannt werden kann, ist, dass es nun eine einheitliche Telefonnummer für Notrufe an die Polizei gehen. Dadurch wird eine einfachere Erreichbarkeit gewährleistet. Darüber hinaus verlangt das neue Gesetz eine direkte Einschaltung der Polizei, die dazu verpflichtet ist, den Fall an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten, im Gegensatz zum Verfahren vor dem alten Gesetz, wo Fälle von Gewalt von einer staatlichen Behörde bearbeitet wurden. Zudem ist nun ein zeitlicher Rahmen gesetzt worden, den jede Instanz bei der Meldung einer Kindeswohlgefährdung einzuhalten hat. Noch immer ist eine langfristige Herausnahme aus der Familie und der Entzug der elterlichen Sorge ein schwieriges und langes Verfahren von KSZ, Polizei, Staatsanwaltschaft und Familiengericht, welches über mehrere Instanzen laufen muss, um überhaupt eingeleitet werden zu können. Die im Folgenden beschriebenen Aspekte sollten in Südkorea und Deutschland in Zukunft einer größeren Bedeutung erhalten.

Ÿ Weiterentwicklung des Kinderschutzes in Südkorea

1. Aufbau präventiver Ansätze

Das Kinderschutzsystem in Südkrorea sollte vor dem Auftritt von Gewalt gegen Kinder angemessene präventive Förderungen oder erzieherische Hilfen anbieten, um Eltern bei der Bewältigung von Erziehungsproblemen zu unterstützen oder um künftige Gefährdungen vorzubeugen. Besonders bei Kindern unter drei Jahren liegt ein großer Risikofaktor vor, weshalb eine frühe Hilfe für unter Dreijährige stark forciert werden sollte. Weiterhin braucht das Monitoringsystem einen stärkeren Fokus in Bezug auf frühe Erkennung, um ein schnelleres Mitwirken der anderen Institutionen oder sozialen Einrichtungen für die Kinder und Jugendlichen zu erreichen. Das Monitoringssystem der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland kann beispielsweise Mithilfe von medizinischen Einrichtungen und Hebammen, durch die abgestuften Impfungen oder Hausbesuche überwacht werden. Zudem kann das Jugendamt bei Bedarf anonyme erzieherische Beratung und Förderung für die Eltern anbieten, um diese präventiv zu unterstützen. In Südkorea sollte diese Art der Förderung und Unterstützung ausgebaut, in dem Ressourcen verstärkt, Gesetze überarbeitet und MitarbeiterInnen besser qualifiziert werden.

2. Entscheidung über Kinderschutz und elterliche Maßnahmen durch das Familiengericht in Südkorea sollte der langfristige Kinderschutz, z.B. die Inobhutnahme durch das Familiengericht bei Kindeswohlgefährdung eindeutiger geregelt werden. Dafür müssten die genauen Rollen und Aufgaben bzw. die Kooperationen zwischen KSZ, staatlicher Behörde und Familiengericht erneut ausgearbeitet werden. Ebenfalls sollten auch über Maßnahmen, welche das elterliche Sorgerecht betreffen, (z.B. zwingende medizinische Handlungen) oder die Einschränkung des Sorgerechts, neu ausgerichtet werden. Dies ist vor allem relevant, da die Gewalt an Kindern bei über 80% von Eltern und/oder Verwandten ausgeübt wird. Es wäre notwendig, dass Täter an verschiedenen Programmen, (z.B. Begleitung oder Überwachung der Erziehung) Besuch von Seminaren oder an einer medizinischen bzw. therapeutischen Behandlung teilnehmen. Darüber hinaus sollten Täter im Hinblick auf kindliche Erziehung geschult werden. Wie in der deutschen Struktur, sollte das KSZ das Familiengericht über bestehenden Verdachtsfall informieren, damit dieses von Amts wegen die Gewalt gegen Kinder untersuchen kann. Darauf sollten angemessene Maßnahmen erfolgen, die z.B. den Entzug oder die Einschränkung des elterlichen Sorgerechts beinhalten könnten. Zudem sollte bei der Rückkehr der/des Betroffenen nach Hause das Familiengericht erneut prüfen, ob die Risikofaktoren gesunken sind.

3. Verbindliche Kooperation und Netzwerkarbeit

In Südkorea sollte verbindlich festgelegt werden, wie die Aufgaben und Befugnisse zwischen öffentlichen und freien Trägern verteilt werden. Für die Übermittlung von Informationen müssten verbindliche Rahmenbedingungen eingeführt werden, die sowohl den Datenschutz als auch eine Verpflichtung zum Datenaustausch beinhalten. Die verschiedenen Stellen müssten verpflichtet werden auch präventiv zu handeln.

4. Die persönliche Sicherheit der SozialarbeiterInnen im KSZ und das Problem von Burnout Viele SozialarbeiterInnen des KSZ begeben sich wegen gewaltbereiten TäterInnen in eine gefährliche Lage, welches ein Eingreifen ernorm erschwert. Zudem haben die SozialarbeiterInnen des KSZ neben der Kinderschutzarbeit zusätzlich verwaltungstechnische sowie andere Aufgaben von freien Trägern zu bearbeiten, sodass dies eine Mehrfachbelastung darstellt und somit von der Kinderschutzarbeit ablenkt. Diese Kombination führt zu einer ineffizienten Wahrnehmung der Interessen und führt nicht selten zu einem Burnout Syndrom bei den MitarbeiterInnen, welches oftmals schlechte Qualität des Kinderschutzes in Südkorea begründet. Daher sollte auch die Organistations- und Verwaltungsstruktur der freien Träger geändert und an die Anforderungen angepasst werden, um die SozialarbeiterInnen zu entlasten.

Ÿ Weiterentwicklung des Kinderschutzes in Deutschland

1. Ausweitung vorbeugender Maßnahmen und Aktivitäten zur Prävention

In Deutschland stellen die Frühen Hilfen ein relativ junges Handlungsfeld dar. Der weitere, auch interdisziplinäre Ausbau, ist sicherlich zu empfehlen. In Südkorea gibt es beispielsweise je nach Altersgruppe des Kindes und Jugendlichen vielfältige präventive Aktivitäten. BeamtenInnen und LehrerInnen sowie andere Berufsgruppen sind verpflichtet, an Fortbildungen zur Prävention der Gewalt gegen Kinder teilzunehmen.

2. Schaffung einer einheitlichen Einschätzung zur Kindeswohlgefährdung und eines zentralen Datenlagesystems in allen Bundesländern In der Bundesrepublik Deutschland sind die Instrumente bei der Einschätzung der Kindeswohlgefährdung in allen Bundesländern unterschiedlich. Wird die soziale Diagnostik mit unterschiedlichen Instrumenten bei der Kindeswohlgefährdung eingesetzt, könnte dies möglicherweise dazu führen, dass Kindeswohlgefährdung uneinheitlich bewertet bzw. eingeschätzt wird. Es ist schwer zu sagen, wann der richtige Zeitpunkt für ein staatliches Eingreifen ist.

Im Vergleich dazu gibt es in Südkorea ein einheitliches Instrument bei der Einschätzung von Kindeswohlgefährdung, das alle SozialarbeiterInnen verwenden. Nach dem Leitprinzip dieses Instrumentes ist die Sicherheits- und Risikoeinschätzung vorzunehmen. Ferner sollten alle Verfahren und Prozesse in Bezug auf Gewalt gegen Kinder im nationalen Computersystem registriert werden. Für die Leistungen des regionalen KSZ sollte das nationale KSZ einmal pro Jahr überprüfen, welche KSZ die besten Leistungen erbracht haben.

3. Regelmäßige Teilnahme an gleichwertigen Fortbildungen und engere Kooperation und Netzwerkarbeit

In Zukunft wird die regelmäßige Teilnahme an angemessenen Fortbildungen, Qualifizierung der Fachkräfte des ASD und vermehrt engere Kooperationen und Netzwerkarbeit, bei der Kinderschutzarbeit in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Ÿ Aufgaben der Wissenschaft in beiden Ländern

Bevor in Südkorea und Deutschland Empfehlungen und Vorschläge anderer Systeme reflektiert bzw. übernommen werden können, müssen fachliche und disziplinäre Auseinandersetzungen in Bezug auf die unterschiedlichen Wohlfahrtsstaats- und Kinderschutzmodelle, sowie die Eingriffsorientierung und Familienzentrierung bzw. die ethischen Rechtfertigungen stattfinden.

Neben Forschungen auf der Makroebene ist es erforderlich, die praxisbezogene Mikroebene durch verschiedene Designs qualitativ und quantitativ zu untersuchen. Hier bieten sich vor allem qualitative Fallrekonstruktionen an, die auf Basis von Interviews, Gruppendiskussionen oder ethnografischen Daten ein tieferes Verständnis der Thematik ermöglichen. Zusammen mit quantitativen Studien in mixed-method-Designs könnten diese Analysen zu neuen Erkenntnissen in der Kinderschutzforschung führen und dazu beitragen, dass Kinder in Südkorea, Deutschland und auch weltweit in Zukunft sicherer und vor Gewalt geschützt aufwachsen können.

  • [1] Vgl. Müller, R., Nüsken, D. (Hrsg.), 2010. Child Protection in Europe. Münster, S. 31
 
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