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Gegenstandsbereich der Konstellationsanalyse: der geistige Verkehr von Personen, die sich coram publico äußern

Zu den Kennzeichen des Handelns und Zusammenhandelns öffentlicher Personen zählt es demnach, dass sie mit ihm Geltung im Rahmen einer größeren sozialen Einheit beanspruchen, die wir allgemein als „Verband“ bezeichnen wollen: als eine

„nach außen regulierend beschränkte oder geschlossene soziale Beziehung“, für deren „Ordnung […] das eigens auf deren Durchführung eingestellte Verhalten bestimmter Menschen“ sorgt (Weber 1976, S. 26).

In Sonderheit das Verhalten öffentlicher Personen ist auf die Ordnung von Verbänden ausgerichtet, indem sie „Klassifizierungsprinzipien“ zur Anwendung bringen bzw. die „Zuschreibung von Kategorien“ betreiben, um auf dieser Grundlage den Bedeutungsgehalt der gegebenen Ordnung und des Handelns ihrer Träger bzw. den Verband und dessen Mitgliedschaft vor dem Hintergrund „fundamentale[r] Ideen“ (‚Freiheit'; ‚Gerechtigkeit'; ‚Toleranz'; ‚Sittlichkeit'; ‚Wachstum'; usw.) zu diskutieren (Bourdieu 2001a, S. 51, 55–56) und in dieser Form dem Urteil einer Öffentlichkeit zu überantworten.

Wenn wir das ambigue (adressierende und objektivierende) Verhältnis der öffentlichen Personen zur Masse der Bevölkerung vermerkt haben, so illustriert dies zugleich, dass das Material einer Konstellationsanalyse, obschon ihr Gegenstandsbereich die Öffentlichkeit ist, nicht auf die öffentlichen Äußerungen öffentlicher Personen begrenzt sein sollte. Denn die Ambiguität dieses Verhältnisses verweist uns darauf, dass einem Handeln und Zusammenhandeln coram publico eine strategische Komponente eignet, oder dass doch immerhin zu prüfen ist, ob und inwiefern dies der Fall ist. So mag man sich z. B. einen Autoren vorstellen, der in einem Aufsatz die demokratische Kultur seines Verbands herausstellt, aber in seinen Briefen oder Tagebuchnotizen als Profiteur oligarchischer Strukturen kenntlich wird. Um des präziseren Verständnisses öffentlicher Äußerungen willen interessiert daher die Konstellationsanalyse sich neben Äußerungen in Form von Reden, Vorträgen, Artikeln, Aufsätzen, Interviews usw. auch für private Äußerungen öffentlicher Personen, z. B. in Form von Briefen, Notizen, Tagebüchern.

Material der Konstellationsanalyse

• öffentliche Äußerungen (Reden, Vorträge, Aufsätze o. ä.)

• private Äußerungen (Briefe, Notizen, Tagebücher o. ä.) öffentlich sich äußernder Personen

Mit den öffentlichen Personen bildet zwar nur ein begrenzter Ausschnitt einer Bevölkerung den Gegenstandsbereich von Konstellationsanalysen; allerdings kennzeichnet diesen Bevölkerungsausschnitt, dass er über außergewöhnliche Gestaltungsmacht verfügt. Öffentliche Personen sind, weil es öffentliche Personen sind: kraft der Reden oder Vorträge, die sie halten, der Artikel oder Aufsätze, die sie verfassen, der Interviews, die sie geben, in der Lage, bestimmten Tätigkeiten und Ansichten öffentlich höhere Weihen zu verleihen bzw. andere Tätigkeiten und Ansichten zu delegitimieren.

Weil öffentliche Personen in der Lage sind, bestimmte Tätigkeiten und Ansichten zu adeln und andere zu delegitimieren, finden sie mit ihren Gedanken, Argumenten, Vorschlägen und Forderungen Gehör bei den Personen im Verband, für die es, obschon wir sie in der Folge ‚die Mächtigen' nennen werden (die Besitzenden, die politischen Entscheider), von Bedeutung ist, dass im Verband ihre Tätigkeiten und Ansichten als Tätigkeiten und Ansichten zum Besten des Verbands gelten – solange ihre Macht nicht absolut ist. Die Konstellationsanalyse beschäftigt sich daher auch mit den Beziehungen zwischen öffentlichen Personen und den Mächtigen.

Wenn wir öffentliche Personen definiert haben durch ihr soziales Handeln coram publico und die besondere Gestaltungsmacht, die ihnen eignet, so können wir, mit einem Begriff Jan Assmanns, ihre soziale Stellung im Verband abstrakt als die von „Wissensbevollmächtigten“ beschreiben, kennzeichnend für die „eine gewisse Alltagsenthobenheit und Alltagsentpflichung“ ist (Assmann 2000, S. 54). Von welcher Art die Wissensvollmacht öffentlicher Personen konkret ist, hängt ab von dem Regime, in dessen Rahmen der Bevollmächtigte agiert; dabei verstehen wir unter einem ‚Regime' nicht eine Regierungsform, sondern die vorherrschende Lebensform: die Gesinnungen und Gepflogenheiten, die gemeinhin im Rahmen der Ordnung des Verbands (oder mitunter auch unter deren Oberfläche) die größte öffentliche Anerkennung erlangen (Strauss 1953, S. 136–137). So wird, grobgesprochen, die Wissensvollmacht z. B. im Fall eines religiösen Regimes eher dem Typus des Priesters bzw. des Propheten, z. B. im Fall eines hedonistischen Regimes eher dem Typus des life coaches bzw. des Wachstumsprognostikers zukommen.

Denkt man an die politischen Großverbände, die den europäischen Kontinent während der vergangenen Jahrhunderte geprägt haben, und an einige der Facetten ihrer Geschichte (vgl. Schulze 1994; Reinhard 1999), so zeigt sich, dass wir mit einer weiteren Differenzierung der Wissensvollmachten rechnen müssen. Denkbar ist demnach der Fall eines Verbands, dessen Regime gekennzeichnet ist dadurch, dass es der Regulation der Koexistenz von Sonderregimes (z. B. religiösen neben hedonistischen Regimes) gilt. In diesem Fall müssen wir von einer Mehrzahl heterogener Öffentlichkeiten ausgehen, die unterschiedliche Typen von Wissensbevollmächtigten aufweisen (hier life coaches, dort Propheten, usw.), aber zugleich mit bzw. im Rahmen einer allgemeinen Koexistenzregulationsexpertenschaft interagieren, z. B. in Form von Delegiertengremien oder gemäß der Weisung von als „freischwebend“ geltenden Großintellektuellen (Weber 2014; Mannheim 1985, S. 134–143).

Wir können jedenfalls festhalten, dass eine Konstellationsanalyse eine Analyse des Regimes, unter dem öffentliche Personen agieren, beinhalten muss, und dass sie u. a. die Möglichkeit prüfen muss, ob und inwiefern sie unter der Maßgabe der Koexistenz von Sonderregimes agieren.

 
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