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Konstellationsanalysen müssen den politischen Kontext ihrer Materialien berücksichtigen

• den Verband, in dem öffentliche Personen agieren, und seine Ordnung

• das Regime, d. h. die im Verband anerkannten Gesinnungen und Gepflogenheiten

• das Verhältnis der öffentlichen Personen, die sich coram publico

äußern, zu den Mächtigen

Die Konstellationsanalyse geht davon aus, dass die öffentlichen Personen, die ihren Gegenstandsbereich bilden, öffentliche Geltung nur unter der Voraussetzung entfalten können, dass sie (ohne, dass dadurch die Frage ihres Verhältnisses zu den Mächtigen an Virulenz verlöre) mit anderen öffentlichen Personen interagieren. Es geht darum, auf materialer Grundlage zu klären, von welcher Art diese Interaktionen sind. Der Begriff der Konstellation soll anzeigen, dass die Klärung der Interaktionsmodalitäten nicht in Form der Subsumtion gemäß eines vorgefertigten Kategorienschemas erfolgen soll, sondern in der Form der Rekonstruktion des konkreten Handelns und Zusammenhandelns der beteiligten Personen anhand empirischer Daten.

Im Folgenden werden wir näher auf den Begriff der Konstellation eingehen und mithin auf die Frage, warum dieser Begriff geeignet ist, eine rekonstruktive Verfahrenslogik im genannten Sinn anzuzeigen bzw. anzuleiten. Zuvor wollen wir uns anhand eines ausgewählten Fallbeispiels verdeutlichen, warum eigentlich wir davon ausgehen, dass die Geltung öffentlicher Personen ihre Interaktion mit anderen öffentlichen Personen voraussetzt, und was es heißt, wenn wir sagen, es gehe darum, auf materialer Grundlage zu rekonstruieren, von welcher Art diese Interaktion ist. Indem wir diesen exemplarischen Fall diskutieren, soll zudem deutlich werden, warum die Modalitäten der Interaktion öffentlicher Personen in der Form einer Subsumtion nicht hinreichend erfasst werden könnten; in diesem Zusammenhang werden wir uns überdies erste Hinweise zur Verfahrensweise der Konstellationsanalyse, der wir uns im Detail in den anschließenden Kapiteln widmen werden, erarbeiten.

Exemplifikation: Interaktion und Geltung öffentlicher Personen

Unser Beispiel ist der Fall eines charismatischen Wanderpredigers; wir wählen es, weil man dem ersten Anschein nach meinen könnte, dass dieser Fall die Annahme, die Geltung einer öffentlichen Person setze ihre Interaktion mit anderen öffentlichen Personen voraus, widerlege. Man könnte dies meinen, da z. B. im Fall der Jesus-Bewegung, dem Musterbeispieleiner„Vergemeinschaftung inder Gemeinde“, die der „persönlichen Hingebung“ an einen „Führer“ sich verdankt, welcher nicht auf eine „gesatzte Stellung oder traditionale Würde“ sich beruft, sondern in Form der „[a]ktuelle[n] Offenbarung oder aktuelle[n] Schöpfung, Tat und Beispiel, Entscheidung von Fall zu Fall“ wirkt, wir anscheinend es mit einer öffentlichen Person zu tun zu haben, die in einem Ausschnitt der ‚großen Masse' Geltung entfalten („Jünger“ werben) kann, gerade weil sie nicht mit anderen öffentlichen Personen interagiert (Weber 1968a, S. 481–482).

Allein, bei näherem Hinsehen wird man bemerken, dass die öffentlichen Äußerungen Jesu durchaus nicht ‚für sich' stehen, sondern eine spezifische Form der Fortschreibung der rabbinischen Tradition, mithin von öffentlichen Äußerungen anderer öffentlicher Personen, darstellen – sowohl hinsichtlich des „Predigtund Argumentationsstil[s]“, wie hinsichtlich seiner „Gleichnisse“ und „Bildersprache“; sowohl mit Blick auf seine „Toradeutung“, wie auch mit Blick auf seine „Haltung zum Gesetz“ (Homolka 2010, S. 18–19). Ja, dass es Jesu Jüngerschaft überhaupt möglich wurde, seine Äußerungen und Handlungen nachzuvollziehen und im Ergebnis ihn als mit bestimmten „Gnadengaben“ (Weber 1968a, S. 481) versehenen Wissensbevollmächtigten zu behandeln, hat seinen Grund darin, dass er anknüpfte an die öffentlichen Äußerungen bestimmter anderer Personen, nämlich anhand deren für sie als „Rabbi“ bzw. „Rabbuni“ identifizierbar war (Homolka 2010, S. 18). Wir können also schließen, dass selbst noch die Geltung einer solchen öffentlichen Person, die, wie z. B. Jesus, den Eindruck einer „persönliche[n] charismatische[n] Qualifikation“ erweckt, welche es ihr gestattet, zum Zwecke einer „Neuschaffung“ in großer Autonomie zu wirken (Weber 1968a, S. 482), nicht adäquat verstanden wäre, wenn man sich darauf beschränkte, die Handlungen dieser Person in der Form der Subsumtion einem vorgefertigten Kategorienschema (z. B.: legal – traditional – charismatisch) zuzueignen. Im Gegenteil muss es offensichtlich darum gehen, das Material, das für den Nachvollzug dieser Handlungen herangezogen wird, als Ausdruck von etwas seitens des Handelnden „Erkanntem“, d. h. als Ausdruck einer „kommunikativ erfahrenen Welt“, zu analysieren (Gadamer 1974, S. 1071) – z. B. Jesu Stil, Sprache, Deutungshandeln und Haltung zu analysieren als Ausdruck der kommunikativen Erfahrung der Welt des seinerzeitigen „Pharisäismus“ bzw. „galiläischen Chassidismus“ (Homolka 2010, S. 20–21). Denn erst auf diese Weise kann dem Analytiker das tatsächlich‚ neugeschaffene' Element, das dieses Handelns kennzeichnet – etwa im Fall Jesu: die „Weisung“ (Weber 1968a, S. 482), dass der „Glaube“ als rettende „Kraft […] dem Wunder vorausgeht“ (Dahlheim 2013, S. 64–65) – erkenntlich werden.

Um die kommunikative Erfahrung von Welt, die in einem Text (Rede, Vortrag, Artikel, Aufsatz, Interview; Brief, Notiz, Tagebuch) ihren materialen Ausdruck gefunden hat, angemessen nachvollziehen zu können, muss also sichergestellt werden, dass die Auseinandersetzung mit ihm in hinreichender Gründlichkeit erfolgt – wir werden im folgenden Kapitel ausführlicher auf diesen Aspekt zurückkommen. Als Maß der analytischen Gründlichkeit können wir anhand unseres Fallbeispiels immerhin bereits die Fertigkeit, anhand eines Textes (seines Argumentationsstils, der verwandten Sprachbilder, usw.) mit guten Gründen auf dessen sozialen Kontext (andere öffentliche Personen und Personenkreise) schließen zu können, identifizieren.

Unser Fallbeispiel zeigt allerdings zum anderen, dass die Geltung einer öffentlichen Person nicht adäquat verstanden wäre, wenn wir ihr Handeln Kategorien subsumierten, die wir aus einer vorauseilenden Kontextanalyse gewonnen haben. Denn trotz der kommunikativen Erfahrung der Welt des Pharisäismus bzw. des galiläischen Chassidismus agierte Jesus eben nicht so, wie jeder andere Pharisäer oder wie jeder galiläische Chassid seinerzeit agierte. Vielmehr ist das Handeln einer öffentlichen Person zu verstehen als eigensinnige Verknüpfung vielfältiger, in Interaktion mit verschiedenen Personen und Personenkreisen gewonnener Erfahrungsgehalte.

Sicher entstammen maßgebliche der Elemente, die dabei eine Rolle spielen, der Welt der Institutionen, wie sie in unserem Beispiel durch die Begriffe ‚Pharisäismus' und ‚galiläischer Chassidismus' zum Ausdruck kommen. Wenn wir davon gesprochen haben, dass die soziale Stellung öffentlicher Personen die von Wissensbevollmächtigten ist, so können wir sagen: Das kommunikative Anknüpfen an die Welt der Institutionen (in Stil, Sprache, Deutungshandeln, Haltung) ist der formale Ausweis dessen, dass jemand als bevollmächtigt, coram publico zu agieren, gelten darf. Um aber näherhin die Konkretion eines Handelns nachzuvollziehen, müssen überdies die informellen kommunikativen Erfahrungen des Handelnden (familiale Sozialisation, Freundschaften, Bündnisse, usw.) in die Analyse einbezogen werden.

Die Konstellationsanalyse versteht das Handeln von Personen, die sich coram publico äußern, als eigensinnige Verknüpfung vielfältiger, in fortgesetzter Interaktion mit verschiedenen anderen Personen, Personenkreisen und Institutionen gewonnener Erfahrungsgehalte.

Daher ist im Sinn der Konstellationsanalyse eine Handlung coram publico (eine Rede, ein Aufsatz, usw.) die vorerst letzte (d. h. für die Zukunft Geltung beanspruchende) Antwort, die der Handelnde gibt auf a) die allgemeine Frage der Ordnung des Verbandes; vor dem Hintergrund b) einer konkreten Frage hinsichtlich des gegenwärtigen Regimes; und auf der Grundlage c) der Serie von kommunikativen Erfahrungen von Welt, die er bis zu diesem Punkt vollzogen (d. h. zu allgemeinen und konkreten Fragen verdichtet und möglicherweise bereits in Form von Antworten bearbeitet) hat. Eine Handlung coram publico zu analysieren bedeutet daher, sie als Teil einer solchen Serie von kommunikativen Erfahrungen und deren Vollzugs zu rekonstruieren. – Warum nun ist gerade der Begriff der Konstellation geeignet, eine rekonstruktive Verfahrenslogik in diesem Sinn anzuzeigen bzw. anzuleiten? Wir werden diese Frage im Folgenden beantworten, indem wir das analytische Potential des Begriffs ‚Konstellation' einer genaueren Betrachtung unterziehen.

 
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