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2 Systematisierung: Das analytische Potential des Begriffs‚Konstellation'

In der Soziologie kennt man den Begriff der Konstellation seit längerem. Nicht zuletzt Max Weber verwandte ihn in bemerkenswerter Extension (Wagner und Härpfer 2015, S. 179–180). Die systematische Bedeutung des Begriffs lässt sich am ehesten auf Grundlage von Webers Objektivitäts-Aufsatz (Weber 1968b) erschließen. Hier hatte er den Begriff der Konstellation zunächst in seiner ursprünglichen Bedeutung im Feld der Astronomie eingeführt, um zu erläutern, dass das Erkenntnisinteresse einer Soziologie, die „Wirklichkeitswissenschaft“ sein will (ebd., S. 170–171), ihren Gegenstand, das „Kulturleben“, zuerst „in seinem […] individuell gestalteten Zusammenhange und in seinem Gewordensein aus anderen […] individuell gearteten […] Kulturzuständen heraus“ analysieren müsse – so wie auch Astronomen die „Wirklichkeit“ der Stellung von Planeten zueinander zuerst mit Blick auf die „individuell gestaltete Konstellation“ und „als Folge einer anderen gleich individuellen ihr vorhergehenden“ in Betracht zögen (ebd., S. 172–173). Im weiteren Textverlauf übertrug Weber den Begriff der Konstellation in metaphorischer Rede auf „Kulturerscheinung[en]“; er führte aus, in einer solchen „Konstellation“ würden sich bestimmte „‚Faktoren'“, von denen man vorerst allerdings nur „hypothetisch“ sprechen könne, „gruppier[en]“ (ebd., S. 174). Als eine „Aufgabe“ der Forschung könne demnach die „Analyse und ordnende Darstellung der jeweils historisch gegebenen, individuellen Gruppierung jener ‚Faktoren' und ihres dadurch bedingten konkreten, in seiner Art bedeutsamen Zusammenwirkens“ gelten; als eine weitere Aufgabe nannte er „die Zurückverfolgung der einzelnen, für die Gegenwart bedeutsamen, individuellen Eigentümlichkeiten dieser Gruppierungen in ihrem Gewordensein […] und ihre historische Erklärung aus früheren, wiederum individuellen Konstellationen“ (ebd., S. 174–175).

Weber wollte das Wort von der konstellativen Gruppierung von Faktoren und den Gedanken des Gewordenseins von Konstellationen aus früheren Konstellationen explizit nicht verstanden wissen als Hinweis auf die Möglichkeit der „Erkenntnis von Gesetzen“, wie sie „die exakte Naturwissenschaft“ anstrebt (ebd., S. 172, 179); um nicht missverstanden zu werden, setzte er den naturwissenschaftlichen Begriff ‚Faktoren' in Anführungszeichen und hob hervor, dass dieser Begriff, bezogen auf Kulturerscheinungen, ohnehin lediglich hypothetisch anwendbar sei. Statt einer „Reduktion des Empirischen auf ‚Gesetze'“, da auf diese Weise die wirklichkeitswissenschaftliche Soziologie „von der Fülle der Wirklichkeit“ abgelenkt werde (ebd., S. 180), sollte sie „nach konkreten kausalen Zusammenhängen“ fragen, aufgrund derer eine individuelle „Erscheinung“ anderen „als Ergebnis zuzurechnen ist“ (ebd., S. 178).

Weber selbst hat dieses Unternehmen nicht am Leitfaden des Begriffs der Konstellation weiterverfolgt; gleichwohl verwandte er ihn auch weiterhin zur Kennzeichnung individuell gestalteter Kulturzustände. Es blieb dabei, dass der Begriff eintrat, um die Unsinnigkeit einer Reduktion des Empirischen auf Gesetze zu signieren. So z. B., um den „amorph[en]“ Charakter von „Macht“ zu unterstreichen (Weber 1976, S. 28–29); oder um zu zeigen, dass „Geldpreise“ nicht zuerst sachliche „Rechnungsmittel“ sind, sondern vielmehr sich aus einem „Marktkampf“ ergeben (ebd., S. 58); um den „irrational[en]“ Charakter einer „Orientierung an Erwerbschancen […] durch […] Spekulation“ bzw. „durch berufsmäßige Kreditgewährung […] für Konsumzwecke“ hervorzuheben (ebd., S. 97, 95); oder um den latenten Einfluss „materieller Interessen“ auf die „Rechtsbildung“ zu verdeutlichen (ebd., S. 196); um die Sonderheit der Entwicklung des „mit den mosaischen Sozialgesetzen verknüpfte[n] Jahvekult[s]“ zur „eigentlich ethischen Religion“ zu erläutern (ebd., S. 285–286); oder um die Möglichkeit des Eindringens sachlich unbegründeter, „politischer Maßstäbe“ in amtliche Vorgänge unter dem preußischen bzw. englischen „Regime“ zu illustrieren (ebd., S. 833).

Die an Weber anschließende Soziologie hat, wenn sie von Konstellationen sprach, den Begriffsgebrauch Webers beibehalten, d. h. den Begriff verwandt, um die Unsinnigkeit einer Reduktion des Empirischen auf Gesetze anzuzeigen. So stellte M. Rainer Lepsius, als er 1993 einige ausgewählte Studien, die in einem Zeitraum von beinahe drei Jahrzehnten entstanden waren, gekennzeichnet als „[s] oziologisch-historische Konstellationsanalysen“ wiederveröffentlichte (Lepsius 1993), diesen den programmatischen Gedankengang voran, dass von einem Zusammenhang zwischen „politische[r] Ordnung“ und „Sozialstruktur“ nur unter der Voraussetzung gesprochen werden könne, dass die „[k]ulturellen Orientierungen“, die zwischen ihnen „vermitteln“, berücksichtigt werden; dabei sei von „erhebliche[n] Freiheitsgrade[n]“ auszugehen, die einerseits „durch Personen und Gruppen, Verbände und Institutionen ausgefüllt“ würden, andererseits durch die „Dynamik“, die „eine Ereigniskette“ entfalte, bzw. durch „die unbeabsichtigten Konsequenzen von Entscheidungen, die Manipulierbarkeit des Glaubens an die Legitimität einer politischen Herrschaft“ (ebd., S. 7). Öffentliche Personen in unserem Sinn spielen, da sie (und je nach dem Maß, in dem sie) über außergewöhnliche Gestaltungsmacht verfügen, für die Formulierung und den vermittelnden Einsatz solcher kulturellen Orientierungen eine besonders gewichtige Rolle.

Ebenso wenig wie Weber hat Lepsius das analytische Potential des Begriffs der Konstellation systematisch durchbuchstabiert. Wir werden im Folgenden versuchen, dies zu leisten. Dazu nehmen wir uns zunächst ein Fallbeispiel vor. Wir wollen uns einen ersten Eindruck des analytische Potentials des Begriffs der Konstellation verschaffen, indem wir einen Blick in die Textpassage werfen, der er seinen Eingang in den europäischen Bildungskanon maßgeblich verdankt: dem Auftakt des ersten Buchs von Dichtung und Wahrheit (Goethe 1994a). Zwar findet der Begriff hier nicht zum Zwecke einer wissenschaftlichen Aussage, sondern in symbolischer Rede Verwendung; auch wird er nicht in Sonderheit (wie es unser Anspruch ist) auf öffentliche Personen angewandt. Aber er legt, wie wir sehen werden, bereits die Denkoperation nahe, die mit dem soziologischen Konstellations-Begriff verbunden ist. Uns ermöglicht die Beschäftigung mit ihm überdies, einige weitere Hinweise zur Verfahrenslogik zu geben und so deren weitergehende Erläuterung im folgenden Kapitel vorzubereiten.

 
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