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Exemplifikation: Die konstellationsanalytische Denkoperation

Goethe schreibt mit Bezug auf seine Geburt „[a]m 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf“: „Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau, und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war“ (Goethe 1994a, S. 10). Das Bild der glücklichen astronomischen Konstellation, in die Goethes Geburt fällt, symbolisiert den Gedanken, dass, wenn nur die Perspektive weit genug gewählt wird, jedes einzelne Ereignis eines Menschenlebens, selbst das Geborenwerden, den Menschen ausweist als Element einer umfassenderen Ordnung, welches, wie ‚losgelöst' auch er zu agieren meint und wie ‚zufällig' ein Geschehen seinem Tun und Denken eine Richtung zu verleihen scheint, doch immer bereits eine „[g]e- prägte Form“ hat, „die lebend sich entwickelt“ (Goethe 1994b, S. 359).

Interessant für unser Thema ist nun, dass Goethe in der weiteren Darstellung die astronomische Konstellation, in deren Rahmen freilich alles mit allem zusammenzuhängen scheint, mit einer konkreten sozialen Konstellation zusammenführt, hinsichtlich der sich beschrieben lässt, welche kommunikativen Erfahrungen mit welchen anderen kommunikativen Erfahrungen zusammenhängen. Das Glück, das er der astronomischen Konstellation des 28. August 1749 einschreibt, ist zunächst das der „Erhaltung“ des Neugeborenen trotz einer „Ungeschicklichkeit der Hebamme“; und es ist weiterhin das der „Mitbürger“ des Neugeborenen, da dessen Großvater „der Schultheiß Johann Wolfgang Textor“ ist, der die „große Not“, die der Familie die vermeintliche Todgeburt bereitete, zum „Anlaß nahm, daß ein Geburtshelfer angestellt, und der Hebammenunterricht eingeführt und erneuert wurde; welches denn manchem der Nachgebornen mag zugute gekommen sein“ (Goethe 1994a, S. 10).

Das Glück der „Erhaltung“ des jungen Goethe, das die astronomische Konstellation symbolisiert, kennzeichnet demnach, wie wir im Folgenden zeigen werden, ein Ereignis, das eine Sequenz in verschiedenen Serien von Handlungen darstellt, an denen unterschiedliche Personen bzw. Personengruppen beteiligt sind. Unmittelbar beteiligt an diesem Ereignis: dem Geburtsvorgang bis zum Feststehen der erfolgreichen Erhaltung, ist nur ein begrenzter Kreis von Personen; jedenfalls die ungeschickte Hebamme und mindestens einige der in „Not“ versetzten Familienmitglieder, möglicherweise eine medizinische Expertenschaft. Aber wenn wir dieses Ereignis als Sequenz in einer Serie (oder genauer: mehreren Serien) von Handlungen betrachten, so erweitert sich, wie wir gleich sehen werden, der Kreis maßgeblich, bis hin zu den Mitbürgern in späteren Zeiten, denen Textors wohlfahrtspolitische Initiative zugute kommt – und zwar gemäß der Verdichtungen kommunikativer Erfahrungen, an denen die unmittelbar Beteiligten, gemeinsam oder unabhängig voneinander, mittelbar teilhaben.

Diese Feststellung ist über das Szenario der Geburt Goethes eingangs von Dichtung und Wahrheit hinaus wichtig für das allgemeine Verständnis der Denkoperation, die wir mit dem Konstellations-Begriff verbinden. Sehen wir also genauer hin: Welche Serien von Handlungen können wir identifizieren, wenn wir die kommunikativen Erfahrungen der Personen, die beteiligt sind an der Sequenz vom Geburtsvorgang bis zum Feststehen der erfolgreichen Erhaltung, in Betracht ziehen? – Wir werden diese Frage im Folgenden nicht vollständig beantworten; es sollte allerdings deutlich werden, was es bedeutet, anhand einzelner Ereignissequenzen Serien von Handlungen zu bestimmen und auf Grundlage dieser Serien Konstellationen zu rekonstruieren.

 
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