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Grundbegriffe der Konstellationsanalyse

• Ein Ereignis ist eine Sequenz innerhalb einer sozialen Serie (bzw. mehrerer sozialer Serien).

• Eine soziale Serie ist formal definiert durch die an ihr beteiligten Personen bzw. Personengruppen; d. h. sie unterscheidet sich von anderen sozialen Serien, insofern die Zusammensetzung der beteiligten Personen(-gruppen) unterschiedlich ist.

Eine erste Serie von Handlungen (1), die wir identifizieren können, wollen wir die Zeugungsgemeinschaft (Goethes Eltern) nennen, insofern die Sequenz der Geburt (und Erhaltung) die Sequenz der Zeugung notwendig voraussetzt (wobei diese Serie nicht durch die Sequenzen der Zeugung und der Geburt begrenzt ist). Die Zeugungsgemeinschaft ist auf zwei Elemente begrenzt, insofern diese beiden eine Serie der kommunikativen Erfahrung von Welt miteinander teilen (Zeiten der

‚Zweisamkeit'), an der keine sonstigen Elemente beteiligt sind.

Daneben steht (2) eine Serie von Handlungen, die wir als Geburtsgemeinschaft bezeichnen wollen, insofern sie diejenigen umfasst, die unmittelbar an deren Ablauf beteiligt sind; möglicherweise ist dieser Kreis begrenzt (nähere Auskünfte liegen uns nicht vor) auf Goethes Mutter und die Hebamme. Jedenfalls aber lautet die Regel für die Bestimmung der Geburtsgemeinschaft (analog zum Fall der Bestimmung der Zeugungsgemeinschaft): Ihre Elemente teilen kommunikative Erfahrungen miteinander, an denen keine sonstigen Elemente beteiligt sind.

Wenn wir nun feststellen können, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt, nämlich dem, da die Erhaltung des Neugeborenen sich als fraglich erweist, die Geburtsgemeinschaft sich erweitert um einige Mitglieder der Familie Goethe und eine medizinische Expertenschaft, so bedeutet dies, dass eine weitere Serie (3) entsteht, die wir als Notgemeinschaft bezeichnen wollen; denn gemeinsame kommunikative Erfahrungen, die einzelne ihrer Elemente miteinander teilen mögen, können nicht ‚bruchlos' in den größeren Kreis eingeführt werden, sondern müssen gemäß dessen Zusammensetzung und Belangen übersetzt bzw. neu verhandelt werden.

Die Elemente der Notgemeinschaft sind zwar teilweise dieselben Elemente, die in einer weiteren Serie (4), der des Familienverbands interagieren; aber dadurch, dass die Notgemeinschaft weitere Elemente integriert und überdies im Zentrum der Kommunikation die Erhaltung des Neugeborenen steht, gilt wiederum, dass die Elemente des Familienverbands gemeinsame kommunikative Erfahrungen nicht

‚bruchlos' in die Notgemeinschaft übernehmen können.

Sicher ließe sich die Serie, die wir vereinfacht als die des Familienverbands gekennzeichnet haben, weiter detaillieren. Wir wollen stattdessen unser Augenmerk darauf richten, dass eines der Elemente des Familienverbands, das als solches in die Notgemeinschaft eingeht, die sich in Folge der Ungeschicklichkeit der Hebamme bildet, zugleich ein maßgebliches Element in einer weiteren Serie (5) ist, die wir als die des Stadtverbands bezeichnen wollen: Großvater Textor, der zugleich als Schultheiß Frankfurts amtiert. Genauer können wir (wenigstens, wenn wir Goethes retrospektiver Darstellung Glauben schenken) feststellen, dass die Serie der Verwaltungsakte, die der Stadtverband vollzieht, im Nachgang der Geburtssequenz ein Narrativ integriert, das ihm zuvor nicht zukam: die Professionalisierung der Geburtshilfe – und dies deswegen, weil Textor als amtierender Schultheiß, dessen Amt man zuvor, im Zuge stadtverbandlicher Handlungsvollzüge, mit einer gewissen Kompetenz in Fragen der Rechtsund Wohlfahrtspflege ausgestattet hatte, als Element des Familienverbands auch Element der Notgemeinschaft, zu der die ursprüngliche Geburtsgemeinschaft sich erweitert hatte, war.

Die Konstellationsanalyse in unserem Sinn wird sich allerdings nicht damit begnügen, dies Ineinandergreifen verschiedener Serien von Handlungen gemäß der Sozialgestalt der an ihnen Beteiligten lediglich zu konstatieren. Im Gegenteil geht sie davon aus, dass a) Textors Entschluss, die kommunikative Erfahrung, an der er im Zuge des schwierigen Geburtsvorgangs teilhat, gleichsam zu verallgemeinern, d. h. als etwas zu behandeln, das die gesamte Bürgerschaft angeht, und b) seine Entscheidung, den Vorgang der Verallgemeinerung in Form der Einleitung eines Professionalisierungsprozesses zu betreiben, nicht mit Notwendigkeit so und nicht anders ausfallen. Sondern Textors Entschluss vollzieht in der Form praktischer Politik (6) eine Serie ihm zuhandener kategorialer Qualifikationen fundamentaler Ideen nach.

Wir wollen an dieser Stelle nicht im Detail überprüfen, was genau Textor seinerzeit zuhanden war, und begnügen uns mit der allgemeinen Feststellung: Der Vollzug a) einer bürgerschaftlichen Verallgemeinerung eigener familienverbandlicher Nöte schließt an Serien intellektueller Akte an, die z. B. die Konzeptualisierung einer ‚Amtspflicht' beinhalten, eine Bestimmung des Verhältnisses von ‚privat' und ‚öffentlich', einen Begriff von ‚Gerechtigkeit', einen Begriff dessen,‚was Menschen zukommt'; der Vollzug dieser Verallgemeinerung b) in Form der Einleitung eines Professionalisierungsprozesses schließt an Serien intellektueller Akte an, die z. B. ein bestimmtes Wissen über den menschlichen Körper, eine Vorstellung von Wissensentwicklung, eine Vorstellung von Rationalisierungsprozessen und ihres Zusammenhangs mit didaktischen Konzepten beinhalten.

Der konkrete, d. h. empirisch präzise Nachvollzug der Serien intellektueller Akte, die eingehen in eine politische Praxis wie z. B. die Entscheidung des Schultheiß Textor, einen Geburtshelfer anzustellen und eine Hebammenausbildung einzuführen, ist (z. B. auf der materialen Grundlage der Bibliothek des Protagonisten, seiner Briefwechsel, Notizen, etc.) ein möglicher Gegenstand für eine Konstellationsanalyse. Wir haben uns allerdings nicht, um eine solche zu beginnen, sondern nur zu Zwecken der Illustration mit diesem Fall beschäftigt, um auf seiner Grundlage einige systematische Einsichten zu gewinnen. – Was können wir also im Ergebnis unseres Exkurses zur Erhaltung des neugeborenen Goethe in konstellationsanalytischer Hinsicht, d. h. wenn wir ihn übertragen auf das Handeln und Zusammenhandeln öffentlicher Personen, festhalten?

1.) Wir halten fest, dass eine einzelne Sequenz des Handelns bzw. Zusammenhandelns öffentlicher Personen als Teil mindestens einer Serie, in aller Regel mehrerer Serien von Handeln und Zusammenhandeln zu verstehen ist. Diese verschiedenen sozialen Serien unterscheiden sich formal dadurch, dass sie sich aus unterschiedlichen Elementen (Handelnden) zusammensetzen, da die kommunikativen Erfahrungen, die die Elemente miteinander teilen, unterschiedlich sind. So wird die Kommunikation zwischen einer Person A und einer Person B ( Serie 1) nicht bruchlos fortgesetzt werden, wenn eine Person C hinzukommt ( Serie 2) – auch dann nicht, wenn Person A und Person C bereits eine gemeinsame kommunikative Erfahrung teilen ( Serie 3) und dies auch für Person B und Person C ( Serie 4) gilt; und selbst dann nicht, wenn der Gegenstand, über den kommuniziert wird, je derselbe ist; und zumal nicht, wenn jede der Personen A, B, und C überdies coram publico agiert, d. h. je für sich Produzent einer Serie öffentlicher Äußerungen ( Serien 5, 6, 7) ist.

Zu den grundlegenden Aufgaben einer Konstellationsanalyse zählt es demnach, ausgehend von definierbaren Sequenzen des Handelns und Zusammenhandelns öffentlicher Personen möglichst präzise und vollständig die kommunikativen Serien (im Beispiel: Zeugungsgemeinschaft, Notgemeinschaft, Stadtverband, usw.), die in ihr zusammenlaufen, zu identifizieren. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der Aufgabe der Identifikation der Ereigniskonstellation.

 
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