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Erster Aspekt der Konstellationsanalyse: Identifikation der Ereigniskonstellation

• Welche Personen sind beteiligt?

• Welche Personen sind Gegenstand der Kommunikation?

• Welche sozialen (kommunikativen) Serien lassen sich identifizieren?

2.) Wir halten weiterhin fest, dass wir eine Sequenz, indem wir die in ihr zusammenlaufenden kommunikativen Serien formal identifiziert haben, zugleich als einen Ausschnitt mehrerer ihr vorhergegangener und später sich fortsetzender Sequenzfolgen identifiziert haben. Um also das Selbstverständnis der einzelnen Personen, die an einer solchen Sequenz beteiligt sind, adäquat nachzuvollziehen, darf man die Analyse nicht auf die Analyse ihres Agierens in dieser Sequenz begrenzen. Vielmehr muss man ihr Agieren in einer spezifischen Sequenz analysieren als das Agieren von Personen, die Elemente multipler sozialer Serien sind: eine Person A bildet eine Serie exklusiv mit Person B, eine weitere exklusiv mit Person C, zudem eine mit Person B und Person C, überdies eine Serie coram publico, usw.

Die Voraussetzung, um eine Person als Element multipler sozialer Serien analysieren zu können, ist die Analyse des sinnhaften Gehalts der kommunikativen Erfahrung, die die einzelnen Serien kennzeichnet, je für sich. Wir gehen davon aus, dass jede einzelne Serie durch einen spezifischen Sinngehalt gekennzeichnet ist, der einer sequentiellen Entwicklung unterliegt: Die gemeinsame kommunikative Erfahrung, die Person A und Person B in einer Sequenz a gemacht haben, ist das Ausgangsmaterial einer Sequenz b, die Verdichtung dieser kommunikativen Erfahrung in der Sequenz b ist das Ausgangsmaterial einer Sequenz c, usw.

Zu den Aufgaben einer Konstellationsanalyse zählt es demnach, auf materialer Grundlage die sequentielle Ordnung der verschiedenen, zuvor identifizierten kommunikativen Serien und die Entwicklung deren spezifischen Sinngehalts je für sich zu bestimmen (im Beispiel: Mutter und Vater Goethes kommunikative Verdichtung ihrer Zeugungsgemeinschaft; die Rollenverteilung in der Notgemeinschaft; die Prozesse der Entscheidungsfindung im Stadtverband; o. ä.). Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der Aufgabe der Beschreibung der seriellen Verdichtung kommunikativer Erfahrungen bzw. von der Analyse einer seriellen Konstellation.

Zweiter Aspekt der Konstellationsanalyse: Beschreibung der seriellen Verdichtung kommunikativer Erfahrungen (bzw. Analyse einer seriellen Konstellation)

• Worum geht es innerhalb der verschiedenen sozialen Serien, die identifiziert wurden, je für sich?

• Wie werden die Übergänge zwischen den (zeitlich auseinanderliegenden) Sequenzen einer sozialen Serie kommunikativ organisiert?

3.) Da öffentliche Personen als Elemente multipler sozialer Serien analysiert werden sollen, leistet die Beschreibung der seriellen Verdichtung kommunikativer Erfahrungen einen wichtigen Beitrag zur Systematisierung des Materials; aber die Arbeit am Material erschöpft sich nicht in ihr. Denn diese Person agiert zwar immer als Element in einer konkreten sozialen Serie; aber sie tut dies, indem sie, wie wir weiterhin festhalten, ein Element mehrerer Serien ist: Person A agiert in einer Serie 2, nachdem sie zuvor in einer Serie 1 agiert hat und bevor sie in einer Serie 3 agieren wird, usw. Daher sind die kommunikativen Erfahrungen, die eine öffentliche Person im Laufe ihrer Biographie durchläuft, nicht identisch mit den kommunikativen Erfahrungen, die sich im Zuge der Handlungsserien, an denen sie teilhat, verdichten: Sie lassen sich nicht als deren Summe, als deren allgemeine Tendenz o. ä. beschreiben.

So bringt eine Person in jede Sequenz einer sozialen Serie, an der sie teilhat,

a) die kommunikativen Erfahrungen ein, die sie selbst seit der letzten Sequenz dieser Serie gemacht hat, und zudem das Wissen um die eigenen Wissensdefizite, die ihr zwischen zwei Sequenzen einer Serie entstanden sind: b) das Wissen, dass alle anderen Elemente der Serie in dieser Zeit ebenfalls (ihr mindestens teilweise nicht bekannte) kommunikative Erfahrungen gemacht haben; und c) das Wissen, dass alle anderen Elemente der Serie wissen, dass sie ihrerseits in dieser Zeit kommunikative Erfahrungen (die ihnen teilweise bekannt sein könnten) gemacht hat.

Zum Zwecke der seriellen Verdichtung kommunikativer Erfahrungen ist dieses Wissen um die eigenen Wissensdefizite von grundlegender Bedeutung. Es dient den Beteiligten als Voraussetzung, um gemeinsam einen Übergang zwischen den kommunikativen Erfahrungen, die sich in einer zurückliegenden Sequenz a verdichtet hatten, in eine aktuelle Sequenz b zu organisieren. Mit Fokus nicht auf die Serie, sondern auf eine einzelne an dieser Serie beteiligte Person A, bedeutet allerdings der Übergang zwischen a und b, dessen Organisation sie als Element dieser Serie gemeinsam mit einer Person B unternimmt, nicht einen Übergang, sondern einen Bruch. Denn diese Person hat zuvor als Element einer Serie 1 gemeinsam mit einer Person C einen Übergang zwischen 1/a und 1/b organisiert, der dem sinnhaften Gehalt nach einen Widerspruch zu dem bildet, was sie nun gemeinsam mit Person B in der Verdichtung von 2/a zu 2/b verhandelt.

Wenn wir den Fokus auf die einzelne Person richten, beobachten wir demnach eine Organisation der Brüche zwischen verschiedenen sozialen Serien, die einhergeht mit der Organisation des Übergangs zwischen seriellen Sequenzen: Was mit Fokus auf eine Serie 1 beschrieben werden kann als eine Sequenzfolge:

1/a ® 1/b ® 1/c ®,

kann mit Blick auf eine Person A beschrieben werden als eine komplexere, den

Durchlauf unterschiedlicher Serien spiegelnde Sequenzfolge, z. B.:

1/a ® 2/a ® 3a ® 2/b ® 1/b ® 2/c ® 4/a ® 3/b ® 1/c usw.

Man kann sich diesen Gedankengang, der möglicherweise komplizierter erscheint, als er es ist, sehr einfach verdeutlichen, indem man sich Konstellationsanalytiker als einen Zusammenschluss von Dokumentarfilmern vorstellt, die arbeitsteilig Aufzeichnungen über eine bestimmte Gruppe sammeln. Dabei ist es die Aufgabe eines der Dokumentarfilmer, nur die Treffen der Gesamtgruppe aufzuzeichnen und sie anschließend zusammenzuschneiden. Ein anderer dagegen folgt einem der Mitglieder der Gruppe auf Schritt und Tritt, um dieser Person gleichsam ‚über die Schulter' zu filmen, so dass sein Material zwar auch (und zwar aus einer spezifischen Perspektive) die Treffen jener Gruppe umfasst, aber diese im Wechsel mit all den anderen Begegnungen, die die Person durchläuft, dokumentiert. Ein weiterer Dokumentarfilmer hat die Aufgabe, in vergleichbarer Weise einem anderen der Mitglieder der Gruppe ‚über die Schulter' zu filmen, usw. Wenn nun die Dokumentarfilmer ihr gesamtes Material zusammenführen, so ermöglichen ihnen die Dokumentationen über die einzelnen Mitglieder die Explikation der realen Komplexität des Gruppengeschehens; umgekehrt ermöglicht ihnen die Dokumentation des Gruppengeschehens die Explikation der realen Komplexität der Handlungsvollzüge der einzelnen Mitglieder. Die Konstellationsanalyse stellt in diesem Sinn bezogen auf ausgewählte Fälle ein Mittel der systematischen Explikation der Komplexität des geistigen Verkehrs, den man ‚Öffentlichkeit' nennt, dar.

Um den Zusammenhang der unterschiedlichen (teils einander widersprechende kommunikative Erfahrungen beinhaltenden) sozialen Serien, die eine öffentliche Person im Zuge ihrer intellektuellen Biographie durchläuft, zu kennzeichnen, sprechen wir von ihrem Denkraum. Diesen Denkraum verstehen wir als ein Gebilde aus Argumentationsfiguren, Stilelementen, sprachlichen Bildern, Deutungsmustern, usw., das sich über die Zeit (in der sequentiellen Abfolge unterschiedlicher sozialer Serien) verändert. Um den kreativen Beitrag der Person an diesem Prozess zu kennzeichnen, sprechen wir vom Vollzug ihrer Denkbewegung (Gostmann 2014, S. 56–73; vgl. Bourdieu 2001b; Goodman 1990; Henrich 1991; Hunter 2010; Lepsius 1964; Mulsow und Stamm 2005; Somers 1994).

Zu den Aufgaben einer Konstellationsanalyse zählt demnach weiterhin die Beschreibung der sequentiellen Ordnung der interseriellen Verdichtung kommunikativer Erfahrungen seitens ausgewählter öffentlicher Personen: der Nachvollzug ihrer Denkbewegung und die Beschreibung des Denkraums, den diese Denkbewegung konstituiert. Zu explizieren ist dabei nicht zuletzt die Art und Weise, wie die Person im Vollzug ihrer Denkbewegung Übergänge und Brüche organisiert. (In unserem Beispiel: der Vollzug der Denkbewegung Textors, der Recht spricht; der eine Versammlung leitet; der den Brief eines Freundes liest; der mit der Familie speist; der wieder Recht spricht; der Tagebuch führt; der den Brief des Freundes beantwortet; der sich einer Lektüre widmet; o. ä.) Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der Analyse personaler Konstellationen.

 
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