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3 Forschungspraxis: Zur Verfahrensweise von Konstellationsanalysen

Im Ergebnis unserer vorhergehenden Überlegungen haben wir die Denkoperation genauer bestimmt, die wir mit dem soziologischen Konstellations-Begriff verbinden. Wir haben als einen grundlegenden Aspekt dieser Operation die Identifikation der Ereigniskonstellation bestimmt, d. h. die Aufgabe, ausgehend von definierbaren Sequenzen des Handelns und Zusammenhandelns öffentlicher Personen möglichst präzise und vollständig die kommunikativen Serien, die in ihr zusammenlaufen, zu identifizieren. Als weitere zentrale Aspekte einer soziologischen Konstellationsanalyse haben wir zwei Operationen bestimmt, die miteinander interagieren, insofern sie – gleichsam aus verschiedenen dokumentarischen Perspektiven – unterschiedliche Fragestellungen an ein und dasselbe Material herantragen: einerseits die Beschreibung der seriellen Verdichtung kommunikativer Erfahrungen, die u. a. in der Form der Organisation von Übergängen zwischen Sequenzen einer sozialen Serie geschieht; andererseits die Beschreibung der interseriellen Verdichtung kommunikativer Erfahrungen, die in der Handhabung von Brüchen zwischen unterschiedlichen aufeinanderfolgenden Serien seitens einer Person statthat. Als einen weiteren möglichen Aspekt haben wir die Analyse transserieller Konstellationen herausgearbeitet, d. h. den Vergleich des Sinngehalts von in semantischer Hinsicht verbundenen sozialen Serien.

Im Folgenden wollen wir diese Überlegungen nun konkretisieren, indem wir an ihrem Leitfaden die Verfahrenslogik der Konstellationsanalyse nachvollziehen. Nachdem wir bis hierher Fragen der Materiallage keine Aufmerksamkeit gewidmet haben, d. h. stillschweigend eine gleichsam ideale Materiallage vorausgesetzt haben, gekennzeichnet dadurch, dass uns zu jeglicher sozialer Serie, die uns interessieren könnte, alle wünschenswerten Daten vorliegen, werden wir nun ausgehen von den Realien der Forschungspraxis, d. h. von der Tatsache, dass wir üblicherweise eine nicht annähernd ideale Materiallage vorfinden werden.

Den Beginn einer Konstellationsanalyse bildet (so wie im Prinzip den Beginn jeder anspruchsvollen soziologischen Forschung) eine überraschende Einsicht: Ein Forscher ‚entdeckt' innerhalb eines gegebenen Materials etwas, das er in diesem Material bzw. einem Material dieser Art nicht erwartet hätte, d. h. dessen Auftreten unter dem Gesichtspunkt dessen, was man üblicherweise unter diesem Material bzw. einem Material dieser Art verstehen würde, erklärungsbedürftig ist (Peirce 1974, S. 105–107). Wir gehen davon aus, dass die Möglichkeit, eine solche ‚Entdeckung' zu machen, keineswegs ein Seltenheitswert ist – insbesondere dann nicht, wenn das Material, wie in den Fällen, die uns interessieren, die Äußerung einer öffentlichen Person darstellt. Denn das, was wir üblicherweise von der Äußerung einer öffentlichen Person erwarten, ist, wie sich zeigt, wenn wir diese Erwartung soziologisch reflektieren, genährt durch die Äußerungen, die andere öffentliche Personen bereits über sie getätigt haben – um ihrerseits auf deren Grundlage zur Verdichtung kommunikativer Erfahrungen im Zuge bestimmter Handlungsserien, an denen sie teilhatten, beizutragen.

Ein Forscher, der sich mit den Äußerungen öffentlicher Personen beschäftigt, wird demnach etwas zu finden erwarten, das einmal jemand an sie herangetragen hat mit dem Ziel, für sich selbst irgendwelche Brüche zu kitten bzw. Übergänge zu organisieren, die ihn umtreiben, die aber den vollständigen Sinngehalt der Äußerung selbst verstellen. Tatsächlich werden Äußerungen öffentlicher Personen z. B. häufig in relativ triviale Dichotomien eingespannt, die ihnen selbst nicht eignen bzw. die in ihnen keine zentrale Stellung haben, sie aber für Interessierte handhabbar machen – je nach dem kommunikativen Setting, in dem diese sie verhandeln wollen (und gemäß der Brüche und Übergänge, die es hier zu gestalten gilt):‚freundlich vs. feindlich', ‚rechtgläubig vs. häretisch', ‚links vs. rechts', ‚traditionalistisch vs. modern', ‚konservativ vs. liberal', ‚idealistisch vs. materialistisch',‚autoritär vs. demokratisch', o. ä. Jeder Forscher, sofern er diese Äußerungen nur gründlich genug studiert, wird Aspekte in ihnen finden, die sich solchen gängigen Dichotomien entziehen. Die erste Regel, an der der Konstellationsanalytiker sich orientieren kann, lautet daher schlicht, dem abduktivischen Imperativ nachzukommen: Sieh' genau hin! Lass' Dich irritieren!

Erste Verfahrensregel der Konstellationsanalyse Folge dem abduktivischen Imperativ: Sieh' genau hin! Lass' Dich irritieren!

Es gibt keine Regel (und es bedarf keiner), welches Material den Ausgangspunkt

einer Konstellationsanalyse bildet. Die überraschende Einsicht kann ebenso einer Äußerung coram publico sich entnehmen, wie sie anlässlich der Lektüre differenzierterer sozialer Serien entstehen kann, z. B. eines Briefes oder eines Gesprächsprotokolls, oder auch einer zunächst für den persönlichen Gebrauch bestimmten Äußerung, z. B. einer Notiz oder eines Tagebucheintrags. So regellos der Ausgangspunkt einer Konstellationsanalyse ist, so klar geregelt ist allerdings das weitere Verfahren, das mit der Identifikation der Ereigniskonstellation beginnt, d. h. ausgeht vom Anspruch einer präzisen und vollständigen Bestimmung der kommunikativen Serien, die in dem Material, das den Forscher beschäftigt, zusammenlaufen.

Wir wollen uns dies in der Folge anhand eines Beispiels verdeutlichen, eines Briefs, den Leo Strauss, Professor am Department of Political Science der Universität von Chicago, am 03. Juni 1965 an Alexandrè Kojève in Vanves an der Seine schrieb. Die irritierende Entdeckung sei eine Sentenz, mit der Strauss seine zuvor konstatierte Genugtuung kommentiert, dass Kojèves Haltung zu den „U.S. liberals“ nicht weniger kritisch sei, als seine eigene: „It did not surprise me, because I know there is reason, and that you are reasonable“ (Strauss 1965, S. 313). Die Irritation gelte der Verbindung der beiden Wissensbestände, die Strauss vornimmt:

• Wie hängen das Wissen um das Existentsein von reason ( there is reason) und das Wissen hinsichtlich einer bestimmten Qualität einer Person, deren Kennzeichnung das Grundmorphem von reason aufnimmt ( you are reasonable), zusammen?

• Was soll es heißen, dass Strauss auf Grundlage dieser beiden Wissensbestände zwar nicht wissen konnte, dass Kojèves Haltung zu den U.S. liberals nicht weniger kritisch als seine eigene war, aber es doch immerhin vermutet hätte, und daher später, nachdem er Kojèves Haltung kannte, feststellen konnte, dass diese did not surprise me?

• Inwiefern ist die Haltung zu den seinerzeitigen U.S. liberals paradigmatisch für die Bestimmung des Verhältnisses von reason und reasonable?

• Was besagt es, wenn der Lehrer einer einflussreichen ‚Schule' des politischen Denkens in den Vereinigten Staaten (Bluhm 2007, S. 33–40) und ein einflussreiches Mitglied des Secrétariat d'etat aux finances et aux affairs économiques in Paris (Auffret 1990) aus Gründen der reasonableness in ihrer Einschätzung der amerikanischen Liberalen übereinstimmen?

Es geht uns im Folgenden nicht darum, diese Irritation vollständig aufzulösen; wir wollen zeigen, wie sie mit den Mitteln der Konstellationsanalyse aufzulösen wäre, um so den formalen Ablauf eines konstellationsanalytischen Forschungsprozesses zu illustrieren.

Der erste Schritt der Konstellationsanalyse, die Identifikation der Ereigniskonstellation, geht von der Voraussetzung aus, dass sämtliche Aspekte eines Mate-rials von Bedeutung sein könnten, um die Irritation, von der das Forschungsunternehmen seinen Ausgang nimmt, in zufriedenstellender Weise aufzulösen. Diese Voraussetzung folgt grundsätzlich dem (oben formulierten) systematischen Anspruch, die Komplexität des geistigen Verkehrs, den man ‚Öffentlichkeit' nennt, explizit zu machen. Anhand unseres Beispiels lässt sich zeigen, warum es auch aus forschungspraktischen Gründen wichtig ist, das Material möglichst vollständig auszuschöpfen, um eine Relevanzordnung der identifizierbaren sozialen Serien zu erstellen und eine (erste) Materialauswahl für die weitergehende Analyse der seriellen bzw. der interseriellen (personalen) Konstellationen anzuleiten.

 
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