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Exemplifikation: Die Identifikation einer Ereigniskonstellation

Ein wichtiger Aspekt der Denkbewegung, die Strauss in seinem Brief erläutert, ist, wie wir gesehen haben, sein Wissen über die Existenz von reason; der Adressat seiner Erläuterung ist eindeutig Kojève – die fundamentale Serie, um die es in unserem Material geht, ist die Serie, deren Elemente Autor und Adressat des Briefs sind:

Serie 1 – Strauss-Kojève.

Wenn wir Strauss' Wissen über reason verstehen wollen, müssen wir zuerst verstehen, wie Strauss dieses Wissen an Kojève mitgeteilt hat: Er musste es in einer Weise formulieren, die für Kojève verständlich sein würde. Wir müssen also – bis wir Gründe finden, diese Annahme in Frage zu stellen – davon ausgehen, dass für die Auflösung unserer Irritation die Strauss-Kojève-Serie von ausgezeichneter Relevanz ist. Wenn Strauss sicherstellen wollte, dass Kojève seine Mitteilung über reason bzw. reasonableness recht verstand, musste entweder seine Erläuterung so ausfallen, dass es für Kojève ohne weiteres möglich war, aus den vorhergegangenen kommunikativen Erfahrungen, die beide miteinander teilten, hinreichend deutlich zu schließen, was gemeint war. (D. h. Kojève müsste über Erkenntnisse verfügt haben, worum es Strauss für gewöhnlich bzw. im Großen und Ganzen ging, wenn er von reason sprach.) Oder Strauss musste im Brief selbst hinreichend präzise erläutern, was es mit seinem Wissen um die Existenz von reason bzw. reasonableness auf sich hatte, auf dass Kojève dies unabhängig von allen vorhergegangenen seriellen Begegnungen beider verstehen konnte. (Strauss müsste wenigstens einige Hinweise gegeben, idealerweise formal definiert haben, worum es ihm ging, wenn er von reason bzw. reasonableness sprach.)

Der Forscher könnte allerdings selbst im Fall des Vorliegens einer formalen Definition nicht sicher sein, die Aussage nur aufgrund dieser einen Sequenz der Strauss-Kojève-Serie adäquat verstanden zu haben. Z. B. könnte die formale Begründung seines Wissens, dass there is reason, eine Revision einer vorhergegangenen Äußerung zu diesem oder einem verwandten Sachverhalt oder die Auflösung eines Missverständnisses sein. Jedenfalls aber muss geklärt werden, welche inhaltlichen Äußerungen Kojève in den vorhergegangenen seriellen Begegnungen beider getroffen hat. Denn Strauss bekundet, indem er reasonableness geradezu als Seinsweise Kojèves ausweist ( you are reasonable), seine Bereitschaft, alles, was er von Kojève weiß, wenigstens cum grano salis und zumindest soweit es um die Haltung zu Phänomenen wie den U.S. liberals geht, als kompatibel mit einer Seinsweise, die reasonable heißen darf, anzuerkennen.

Der Forscher, der im Brief vom 03. Juni 1965 eine irritierende Entdeckung macht, wird daher als weitere Materialien für die Auflösung seiner Irritation zunächst Dokumente heranziehen müssen, die ihm den Gebrauch von reason bzw. reasonableness innerhalb der Strauss-Kojève-Serie kenntlich machen können. Da unser Brief Teil einer Serie ist, die (spätestens) am 06. Dezember 1932 begann, in Form einer Postkarte, mit der Strauss Kojève „to our place“ in Paris einlud (Strauss 1932), ist dieser Briefwechsel das vorrangige Material.

Anlässlich der Lektüre des Briefs, dem der Forscher seine Irritation entnommen hat, wird er bemerken, dass Strauss Kojève als den Produzenten einer Serie coram publico adressiert; er kommt auf dessen „contribution to the Mélanges Koyre“ und

„to my Festschrift“ zu sprechen (Strauss 1965, S. 313). Im Sinne unserer Frage, was Strauss' Einschätzung von Kojèves reasonableness begründet, müssen wir also fraglos den Äußerungen des Autors Kojève zentrale Bedeutung beimessen. Diese Feststellung führt uns zumal ins Kerngebiet der Konstellationsanalyse. Denn interessante Forschungsgegenstände sind Strauss oder Kojève nicht zuerst, weil sie Briefe wechselten; im Gegenteil ist ihr Briefwechsel interessant, weil dies öffentliche Personen sind. Mit Strauss' Einschätzung der reasonableness Kojèves visieren wir eine Ebene der Verhandlung bzw. Anwendung eines Klassifizierungsprinzips an, die gleichsam unter der Oberfläche beider öffentlicher Verhandlung bzw. Anwendung von Klassifizierungsprinzipien abläuft:

Serie 2 – Kojève coram publico.

Da wir festgestellt haben, dass Strauss, indem er reasonableness als Seinsweise Kojèves ausweist, seine Bereitschaft, wenigstens in einem bestimmte Rahmen (s. o.) alles, was er von Kojève weiß, als kompatibel mit einer Seinsweise, die reasonable heißen darf, anzuerkennen, so muss dies auch die öffentlichen Äußerungen Kojèves, von denen er weiß, umfassen. Für den Forscher folgt daraus als erstes die Aufgabe, zu überprüfen, welche der öffentlichen Äußerungen Kojèves, d. h. welche Sequenzen der Kojève-Serie (die mit einer Rezension zu Kazimieras Ambrozaitis' Studie zur Staatslehre Solowjews (Kojève 1929) begonnen hatte), Strauss bekannt waren. Diese Prüfung wird er nicht zuletzt im Zuge seiner Beschäftigung mit der Strauss-Kojève-Serie (Serie 1) durchführen können.

Für die konstellationsanalytische Verfahrenslogik können wir in diesem Zusammenhang als weitere Regel feststellen, dass eine Serie nicht etwa, nachdem sie einmal identifiziert worden ist, blindlings für sich analysiert werden sollte. Vielmehr sollte die Identifikation der Ereigniskonstellation systematisch genutzt werden, um Arbeitsaufträge zu sammeln, die im Zuge der verschiedenen seriellen Analysen, teilweise nebenher der tiefergehenden inhaltlichen Analyse, erledigt werden können – so wie in unserem Fall für die Analyse der Strauss-Kojève-Serie der Arbeitsauftrag, zu überprüfen, welche der öffentlichen Äußerungen Kojèves Strauss bekannt gewesen sind, neben der tiefergehenden inhaltlichen Analyse der Verhandlung von reason bzw. reasonableness in beider Briefwechsel stattfinden kann. Mindestens gilt diese Bekanntschaft für die beiden Texte, die Strauss erwähnt. Und wenn er zu der Einschätzung der reasonableness Kojèves kommt, so müssen jedenfalls jene beiden Texte (Kojève 1964a, b) dieser Einschätzung kompatibel sein. Da Strauss hinsichtlich Kojèves contribution to my Festschrift anmerkt, er sei im Ergebnis der Beschäftigung damit „very gratified, since it shows that persecution and the art of writing are not some fancy“ (Strauss 1965, S. 313), können wir davon ausgehen, dass ins Sonderheit dieser Text das ausweist, was nach Strauss' Einschätzung Kojève als reasonable kennzeichnet.

Zweite Verfahrensregel der Konstellationsanalyse Nutze den Schritt der Identifikation der Ereigniskonstellation, um systematisch Arbeitsaufträge zu sammeln!

Wenn der Forscher, der Strauss' Brief eine Irritation entnommen hat, bereits über einige Kenntnisse hinsichtlich des Verfassers und seiner öffentlichen Äußerungen verfügt, so wird er in der zuletzt wiedergegebenen Sentenz einen Hinweis auf einen älteren Aufsatzbzw. Buchtitel von Strauss, „Persecution and the art of writing“ (Strauss 1941, 1952), finden und mithin den Hinweis, dass Strauss bereits hier (zumindest in seiner retrospektiven Einschätzung) reason bzw. reasonableness in einer Weise behandelt haben will, die jener ähnlich ist, der zufolge Kojève reasonable heißen soll. Aber auch wenn der Forscher nicht über diese Kenntnis verfügt, so wird er im weiteren Verlauf des Briefs darauf stoßen, dass dessen Verfasser seinerseits der Produzent einer Serie coram publico ist, da er Kojève berichtet, er habe „just finished dictating a book, Socrates and Aristophanes“, und sich überdies erkundigt: „Did you get my The City and Man?“ (Strauss 1965, S. 314). Für Strauss gilt ebenso wie für Kojève, dass uns in Form dieser und anderer Publikationen seine öffentliche Verhandlung bzw. Anwendung von Klassifizierungsprinzipien (seine Kategorientafel, seine Argumentationsweise, usw.) vorliegt, denen in der Form des Briefwechsels eine Kommentierung bzw. Erläuterung anderer (oder auch derselben) Klassifizierungsprinzipien auf privaterer Ebene korrespondiert:

Serie 3 – Strauss coram publico.

Wenn Strauss seinem Briefpartner mitteilt, dass er über ein Wissen hinsichtlich der Existenz von reason verfüge und ihn für reasonable hält, so ist unausgesprochen vorausgesetzt, dass er selbst in seinen Äußerungen coram publico, wenn er in ihnen nicht geradezu expliziert hat, was reason bzw. reasonableness heißen sollen,so wenigstens in Form dieser Äußerungen (durch die Argumente, die er vorträgt, seinen Argumentationsstil etc.) dokumentiert hat, wie sich jemand äußern sollte, der nach seinem Dafürhalten reasonable verfährt. Jedenfalls können wir dies uneingeschränkt annehmen für die beiden erwähnten Texte (Strauss 1964a, 1966).

Da, wie wir gesehen haben, Strauss überdies mit der Andeutung von Persecution and the art of writing eine Verbindung der reasonableness Kojèves mit seiner eigenen reasonableness herstellt auf der Grundlage eines Textes, dessen Niederschrift bereits zweieinhalb Jahrzehnte zurückliegt, so haben wir überdies Gründe für die Annahme, dass Strauss' davon ausgeht, das größere Teile seines Werks (d. h. der Strauss-Serie) reasonable heißen können – zumindest der bis zu „Persecution and the art of writing“ zurückreichende Teil des Werks, sofern wir nicht im Zuge der Analyse darauf stoßen, dass er zwischenzeitlich eine Distanzierung von Teilen des in diesem Zeitraum entstandenen Werks vorgenommen hat.

Wenn wir oben festgestellt hatten, dass die kommunikativen Erfahrungen öffentlicher Personen nicht zuletzt kommunikative Erfahrungen in Institutionen sind, so bedeutet, präzise gesprochen, Strauss' Andeutung der zeitübergreifenden Qualität dessen, was er als reasonableness versteht, dass er auf ihrer Grundlage ungebrochen in all den unterschiedlichen institutionellen Zusammenhängen, in die er in diesem Zeitraum eingebunden war, agieren konnte bzw. diese zu repräsentieren vermochte. Um Strauss' Verständnis von reason bzw. reasonableness zu klären (und mithin zu klären, was er mit der Feststellung von Kojèves reasonableness sagen will), ist demnach die Frage zu klären, in welchen Institutionen Strauss während der Produktion seiner Serie coram publico agiert hat (von der Berliner Akademie des Judentums über die Rockefeller Foundation und die Graduate Faculty der New Yorker New School for Social Research bis zur Robert Maynard Hutchins Distinguished Service-Professur der Universität von Chicago) und in welcher Weise die reasonableness der einzelnen Institutionen miteinander kompatibel ist (bzw. von welcher Art die reasonableness von jemandem sein muss, der in allen diesen Institutionen zu ‚fuktionieren' versteht).

Für die konstellationsanalytische Verfahrenslogik bedeutet dies, dass wir als eine weitere Regel feststellen können, dass wir auf Kennzeichnungen von Kontinuitäten (aber auch von Gegensätzen oder ‚Brüchen') achten sollten, um auf diesem Weg Hinweise auf mögliche Ähnlichkeiten (und Unterschiede) zwischen sozialen Serien (z. B. Arbeitskreisen, Fakultätssitzungen, Kolloquien usw.), an denen eine öffentliche Person teilhat, zu erfassen.

 
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