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4 Schluss: Die Stellung der Konstellationsanalyse in der Soziologie im Allgemeinen und in der empirischen Sozialforschung im Besonderen

Wir haben unsere Überlegungen mit der Feststellung begonnen, dass die soziologische Konstellationsanalyse in der Form, die uns hier beschäftigt, einerseits Ähnlichkeiten zu Denkbewegungen und Verfahrensweisen aufweist, die unter dem Begriff Konstellationsforschung in der Philosophiegeschichtsschreibung bzw. der Literaturwissenschaft praktiziert werden, und die andererseits, schon aufgrund ihres Gegenstandsbereichs, unterschieden ist von einigen der Denkbewegungen und Verfahrensweisen, die im Fach Soziologie Geltung haben. Eine präzise Begründung dieser allgemeinen Feststellungen würde eine eigene Untersuchung erfordern. Im Rahmen eines Einführungstextes, dem es vor allem angelegen sein soll, die systematischen Grundlagen eines Verfahrens zu erläutern und exemplarisch einige Hinweise für die Verfahrenspraxis zu geben, wäre eine solche umfassende Reflexion über die transdisziplinäre Einbettung unserer Überlegungen und über deren Stellung innerhalb der Soziologie, da sie auf dem Feld der Philosophie der Geistesund Sozialwissenschaften stattfinden müsste, fehl am Platz. Wir wollen aber abschließend wenigstens einige Thesen formulieren, in welche Richtung diese Reflexion gehen könnte.

Die Feststellung, dass eine soziologische Denkbewegung Ähnlichkeiten mit Denkbewegungen außerhalb der Soziologie, dagegen Unterschiede zu Denkbewegungen innerhalb der Soziologie aufweist, ist nur auf den ersten Blick überraschend; sie gilt sicher nicht allein für die Konstellationsanalyse. Dies illustriert eindrücklich die Verlegenheitsformel von der Soziologie als einer „multiparadigmatischen Wissenschaft“ (Balog und Schülein 2008; Kneer und Schroer 2012; vgl. Reckwitz 2006), die man kürzlich gefunden hat, um die Vielfalt der ‚Soziologie' denotierten Denkbewegungen trotz ihrer Unvereinbarkeit unter einen Begriff zu versammeln, der zwar epistemologisch nichtssagend ist, aber immerhin epistemologische Assoziationen wecken mag – da diese Unvereinbarkeiten nun einmal auf der Ebene der akademischen Institutionen (in Fakultäten, Fachgesellschaften usw.) verbunden sind und also ihre Protagonisten wenn auch keine wissenschaftliche Haltung, so doch immerhin gewisse Interessen miteinander teilen (Gostmann 2015). Ihre Haltung teilen Soziologen allerdings zwar nur mit einem Teil der übrigen Soziologenschaft, aber dafür häufig auch (ebenso wie Interessen) mit einigen Protagonisten anderer Wissensformationen, mit der Wirtschaft, der Politik, den Massenmedien, usw. – hin und wieder zum Vorteil ihrer Intellektualgestalt, hin und wieder nicht.

Konstellationsanalytiker teilen z. B. mit der Henrich-Schule die wissenschaftliche Haltung, „Aufkommen“ und „Dynamik“ von Argumentationsfiguren unter Berücksichtigung einer „Vielfalt“ von „aufeinander bezogenen Positionen verständlich werden“ lassen zu wollen und dabei „Erklärungen im größeren Format“, wie z. B. die Idee des ‚Gesamtgesellschaftlichen' sie evoziert, gegenüber „der Nähe zum wirklichen Geschehen“, konkreten Verdichtungen von Kommunikation, zurücktreten zu lassen (Henrich 1991, S. 1708–1709). Oder sie teilen mit Vertretern der Cambridge School z. B. die wissenschaftliche Haltung, der zufolge „sowohl die beabsichtigte Bedeutung“ eines Textes als auch „das beabsichtigte Verständnis dieser Bedeutung“ erfasst werden muss, um ihn angemessen „verstehen“ zu können (Skinner 2009, S. 60).

Die besondere Relevanz der wissenschaftlichen Haltung des Konstellationsanalytikers scheint uns nicht zuletzt darin zu liegen, dass erst unter ihrer Voraussetzung eine systematische Klärung der Qualität und Zusammensetzung der verschiedenen Motivlagen und Gedankenfiguren, die in die verschiedenen ‚Soziologie' denotierten Äußerungen Eingang gefunden haben, und dass dergestalt ein materialgesättigter Beitrag zur Reflexion der Erkenntnisvoraussetzungen des Fachs (der ein notwendiger Beitrag zu dessen Professionalisierung ist) möglich wird. Wenn wir eingangs unserer Überlegungen bemerkt haben, dass die Konstellationsanalyse für einige angrenzende Wissenschaften von Interesse sein kann, sofern deren Forschungsthemen eine soziologische Dimension aufweisen, so können wir analog für sie feststellen, dass die Konstellationsanalyse es z. B. Kommunikationswissenschaflern (nicht nur) ermöglichen kann, die Erkenntnisvoraussetzungen der Kommunikationswissenschaft zu überprüfen, Religionswissenschaftlern, dies hinsichtlich der Erkenntnisvoraussetzungen der Religionswissenschaft zu tun, usw.

Den weiteren Rahmen, in den das Verfahren der Konstellationsanalyse fällt, können wir mit Karl Mannheims „prägsame[r] Formel“ als den der „Soziologie des Geistes“ (Mannheim 1982, S. 329) beschreiben – ohne uns deswegen das gesamte Programm, das Mannheim mit der Formel verbinden wollte, zu eigen zu machen. Wir verbinden wie Mannheim mit der Formel einer Soziologie des Geistes die Identifikation einer Gruppe von Personen, die für die soziologische Analyse beson-

ders relevant ist, da die Modalität ihres Handeln, d. h. die klassifikatorische Reaktualisierung des Bedeutungsgehalts der Ordnung von Verbänden, sie mit besonderer Gestaltungsmacht ausstattet; während Mannheim sie die „kulturschaffende[n] Subjekte“ nannte (ebd.), haben wir sie im voraussetzungsfreieren Begriff ‚öffentliche Personen' zusammengefasst. Wir teilen überdies mit Mannheim den Erkenntnisanspruch, die Analyse des Handelns und Zusammenhandelns dieses Personenkreises nicht auf das Erfassen der „Entstehung und Expansion der öffentlichen Meinung“ begrenzen zu wollen, da derart nur „die Oberflächenbewegung des Geisteslebens“ in den Blick geriete, sondern sie auf die „Tiefenschichten der menschlichen Weltformung, die kategoriale Apparatur selbst“, auszudehnen (ebd., S. 350).

Nicht zuletzt in dem empirischen Verfahren, dem unsere Darstellung galt, der Konstellationsanalyse, und insbesondere in der mit ihm verbundenen Entscheidung, anlässlich des Aufweises der Sinnproduktionen, die mit den Konfigurationen kategorialer Apparaturen einhergehen, strikt rekonstruktiv vorzugehen, manifestiert sich der Unterschied zwischen unserem Verständnis einer Soziologie des Geistes und dem Mannheims. So haben wir z. B. den Eindruck, dass in der Folge von Mannheims Voraussetzung eines „Kampfe[s] der Denkstile“ (ebd., S. 368) erhebliche Erkenntnispotentiale ungenutzt bleiben, da sie die Soziologie des Geistes auf die Subsumtion der vielfältigen Materialisationen, in denen die Verdichtung kommunikativer Erfahrungen dem Forscher zugänglich ist, unter die Formen der „Polarisation“ und der „Synthese“ verpflichtet (ebd., S. 365), und sie einer recht oberflächlichen Typologie der „öffentliche[n] Auslegung des Seins“ (ebd., S. 335–336) zurichtet.

Dieser Unterschied mag sich dadurch erklären, dass seit den Zeiten Mannheims, im Zuge der Professionalisierungsinitiativen, die man seither in der Soziologie unternommen hat, die Praxis der Materialexegese beträchtlich an Raffinement gewonnen hat, wovon die Konstellationsanalyse und mithin die Soziologie des Geistes, wie wir sie verstehen, profitiert. Wir haben im Rahmen unserer Darstellung bewusst darauf verzichtet, die Konstellationsanalyse mit bestimmten der Methoden der empirischen Sozialforschung in Verbindung zu bringen. Auch in dieser Hinsicht wollen wir hier aber wenigstens einige Thesen formulieren.

Die Konstellationsanalyse verfolgt, wie wir gesehen haben, das Ziel der Sinnrekonstruktion, so dass sie naturgemäß in der Form subsumtionslogischer Verfahrensweisen nicht praktikabel ist; mit dem Anspruch, rekonstruktiv vorzugehen, ist aber keine Entscheidung für ein bestimmtes rekonstruktives Verfahren verbunden. Wir gehen bis auf Weiteres davon aus, dass Sozialforscher nicht, indem sie ein bestimmtes methodisches ‚Programm' befolgen, den Sinn einer Äußerung adäquat rekonstruieren (bzw. ihnen dies nicht gelänge, wenn sie anders verführen), sondern indem sie ihr Material so ernst wie möglich nehmen: nicht davon ausgehen, sie seien klüger als die Personen, deren Äußerungen sie nachzuvollziehen suchen; keine Formulierung ohne Prüfung als ‚zufällig' oder ‚unbedeutend' abtun; skeptisch sind gegenüber den Parallelen zu Bekanntem oder Bereits-Analysiertem, die sich ihnen nahelegen mögen. Unsere Erfahrung ist es, dass es zu diesem Zweck hilfreich ist, sein Vorgehen an den exegetischen Prinzipien zu orientieren, die man für die sogenannte strukturale Hermeneutik formuliert hat (Wernet 2009); aber wir haben andererseits keinen Grund zu der Annahme, dass nicht auch z. B. auf Grundlage der sogenannten wissenssoziologischen Hermeneutik (Soeffner 2004) oder der als grounded theory bekannten Verfahrensweise (Corbin und Strauss 1990) dem Erkenntnisanspruch der Konstellationsanalyse nachzukommen wäre, sofern die Bereitschaft, ein Material ernst zu nehmen, gegeben ist.

Die Bedeutung, die im Rahmen der Konstellationsanalyse dem Interagierenlassen zweier analytischer Operationen zukommt: der Beschreibung der Organisation von Übergängen zwischen Sequenzen einer sozialen Serie und der Beschreibung der Handhabung von Brüchen zwischen unterschiedlichen aufeinanderfolgenden Serien, hat eine Parallele im Feld der neueren ethnographischen Methodologie, genauer in dem Verfahren der „transsequentiellen Analyse“ mit seinem „Anspruch […], zwei Zeitlichkeiten als Bewegung und Wandel aufeinander zu beziehen“ (Scheffer 2008, S. 377). Interessanterweise findet hier denn auch inzwischen die Metapher der Konstellation Verwendung (vgl. Scheffer 2012). Während allerdings die Konstellationsanalyse wie die transsequentielle Analyse gleichsam „multi-temporal“ ansetzt, geht sie, anders als diese, bei aller Relevanz, die sie den Objekten des Denkens (Gedankenfiguren, Metaphern etc.) zuweist, nicht geradezu vom Primat des „objekt-zentrierte[n] Blick[s]“ (ebd., S. 96) aus.

Mit diesen wenigen Bemerkungen sind indes nur einige Anknüpfungspunkte der Konstellationsanalyse innerhalb des Feldes der rekonstruktiven Sozialforschung angedeutet; so wäre zu prüfen, inwiefern sie sich, sofern entsprechende Materialien vorliegen, mit Verfahren der Bildoder Filmanalyse (Breckner 2010; Raab 2008; Reichertz und Englert 2010) kombinieren lässt. Und wenn wir gesagt haben, dass Konstellationsanalysen, da ihr Ziel die Sinnrekonstruktion ist, naturgemäß in der Form subsumtionslogischer Verfahrensweisen nicht praktikabel sind, so bedeutet dies nicht, dass die quantifizierende Sozialforschung eine konstellationsanalytische terra incognita darstellen müsste. So hat sich z. B. gezeigt, dass eine klassifikatorische Methode wie die Clusteranalyse hilfreich für die systematische Organisation von Forschungsfeldern, die konstellationsanalytisch bearbeitet werden sollen, sein kann (Gostmann und Meyer 2012); dass zu diesem Zweck auch der Einsatz netzwerkanalytischer Operationen geeignet ist, lässt sich ebenfalls mittlerweile belegen (Härpfer 2014).

Was Sie aus diesem Essential mitnehmen können

• Die Konstellationsanalyse versteht das Handeln einer öffentlichen Person als eigensinnige Verknüpfung vielfältiger, in Interaktion mit verschiedenen anderen Personen und Personenkreisen gewonnenener und im Sinne dieses Interaktionsgeschehens in steter Entwicklung befindlicher Erfahrungsgehalte.

• Die Konstellationsanalyse geht aus von Ereignissen, die sie als Sequenzen innerhalb einer sozialen Serie (bzw. mehrerer sozialer Serien) betrachtet, die formal definiert ist durch die an ihr beteiligten Personen bzw. Personengruppen und sich also von anderen sozialen Serien unterscheidet, insofern die Zusammensetzung der beteiligten Personen(-gruppen) unterschiedlich ist.

• Die Konstellationsanalyse stellt bezogen auf ausgewählte Fälle ein Mittel der systematischen Explikation der Komplexität des geistigen Verkehrs, den man‚Öffentlichkeit' nennt, dar.

• Der grundlegende Aspekt einer Konstellationsanalyse ist es, ausgehend von definierbaren Sequenzen des Handelns und Zusammenhandelns öffentlicher Personen die kommunikativen Serien, die in ihnen zusammenlaufen, zu identifizieren ( Identifikation der Ereigniskonstellation); weitere zentrale Aspekte sind die Beschreibung der relevanten seriellen sowie der interseriellen (personenspezifischen) Verdichtungen kommunikativer Erfahrungen; einen weiteren möglichen Aspekt stellt der Vergleich des Sinngehalts von in semantischer Hinsicht verbundenen sozialen Serien ( transserielle Analyse) dar.

 
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