< Zurück   INHALT   Weiter >

1. Können, Tun und Möglichkeit. Eine Einführung

SOKRATES: Aber ich pflege jedesmal, wenn jemand etwas sagt, recht achtzugeben, zumal wenn ich den für weise halte, der da redet; und aus Verlangen zu verstehen, was er meint, forsche ich nach und überlege die Sache weiter und vergleiche das Gesagte, um es zu verstehen.[1]

1.1 Text-Hermeneutik und Theorie-Rekonstruktion

Über den großen Aristoteleskommentator W. D. Ross wird erzählt, daß ihn eine Studentin nach einem Vortrag einmal gefragt hat, ob er die Theorie des Aristoteles, über die er gesprochen hatte, für richtig halte oder nicht. Ross' Antwort war: „Mein liebes Kind. Sie müssen mir keine solchen Fragen stellen. Ich will nur herausfinden, was Aristoteles gedacht hat. Darüber nachzudenken, ob das, was er gemeint hat, richtig ist oder nicht, ist nicht meine Sache, sondern die der Philosophen.“ [2] Die vorliegende Arbeit hat in diesem Sinne ein philosophisches Anliegen: Sie fragt danach, ob Aristoteles' Theorie konsistent, angemessen und gut begründet ist, kurz: ob sie richtig ist. Diesem philosophischen Aspekt steht ein philologischer Aspekt zur Seite: Denn zunächst muß natürlich herausgefunden werden, was Aristoteles gedacht hat. Nun folgen beide Aspekte nicht wie zwei getrennte Schritte aufeinander, so daß man den einen vielleicht auch ohne den anderen tun könnte. Denn gemäß dem principium caritatis nimmt der philosophische Aspekt Einfluß auf den philologischen: Man kann nicht gleichzeitig Aristoteles eine bestimmte Theorie zuschreiben und diese Theorie für völlig unbegründet und verfehlt halten, ohne Aristoteles' rationale Fähigkeiten in Frage zu stellen. Die Philosophie setzt also nicht dann ein, wenn die Philologie ihre Arbeit getan hat. Beide arbeiten vielmehr Seite an Seite.

1.2 Die Karriere eines Begriffs

1.2.1 Von Aristoteles bis Kant

Die Theorie des Aristoteles, die hier rekonstruiert und bewertet werden soll, ist seine Theorie über die dynamis, über das Vermögen. „Vermögen“ meint hier nicht die Aufhäufung einer Menge Geldes. Vermögen sind vielmehr Fähigkeiten von Menschen und anderen Lebewesen und entsprechende Eigenschaften von Dingen oder von Materialien.[3] Dynamis ist ein Begriff, der in der Naturphilosophie des Aristoteles – in der Bewegungslehre, Biologie und Psychologie – ebenso wichtig ist wie in seiner Handlungstheorie und seiner Metaphysik – in seiner Ontologie wie seiner Theologie. Es war Aristoteles' Theorie der dynamis, die die Geschichte des Vermögensbegriffes entscheidend prägen sollte: Seine Theorie wurde immer wieder rezipiert und abgewandelt, von den Neuplatonikern[4] ebenso wie von der mittelalterlichen Scholastik. [5] In der Neuzeit wurde Aristoteles' Naturphilosophie von vielen Philosophen, Rationalisten wie Empiristen, abgelehnt. Man erinnere sich nur an Hobbes' Schmähung des Aristotelischen Denkens als „vain philosophy“ und seine Behauptung im „Leviathan“, „that scarce any thing can be more absurdly said in naturall philosophy than that which is called Aristotles Metaphysics“.[6] Ganz besonders war auch der Vermögensbegriff umstritten, und dieser Streit findet nicht zuletzt bei Molière ihren Niederschlag: In seiner spöttischen Darstellung eines Medizinexamens läßt dieser den Prüfling die Frage, warum Opium einschläfert, mit dem Verweis auf eine virtus dormitiva des Opiums beantworten[7] – in bezug auf diese Frage eine reichlich uninformative Antwort. Es sah schließlich so aus, als ob nur noch die Neuscholastik sich für die Vermögenstheorie interessieren würde,[8] während die übrige philosophische Welt sich darauf beschränkte, in kantischer Tradition „Modalitäten“ nicht mehr als ontologische Begriffe anzusehen, sondern sie als epistemische Begriffe auf die subjektive Gewißheit eines Urteils zu beziehen.

  • [1] Platon, Hip. min. 369d2-5, Übers. Schleiermacher
  • [2] Von Fritz 1970, 9. Von Fritz kolportiert die Anekdote in anonymisierter Form; das Personenregister (s.v. Ross) erlaubt aber die Identifikation des Vortragenden mit Ross. Den Hinweis auf diese Anekdote verdanke ich Michael Esfeld
  • [3] So auch Liske 1996, bes. 256-257
  • [4] Vgl. Langer 1967, Buchner 1970
  • [5] Eine umfassende Monographie der Geschichte des Vermögensbegriffes liegt noch nicht vor. Vgl. aber den von Buchheim/Kneepkens/Lorenz 2001 herausgegebenen Sammelband, dessen Beiträge von Parmenides bis Heidegger Stationen der Geschichte von Potentialität und Possibilität beleuchten, und die Studien zur Geschichte des Möglichkeitsbegriffs, etwa Faust 1931/32 und Knuutilla 1993
  • [6] Hobbes, Leviathan, ed. Tuck, 461
  • [7] Vgl. das dritte Zwischenspiel von Molières Le Malade Imaginaire. Die zeitgenössische Debatte mit ihren zahlreichen Theorieoptionen wird ausführlich von Hutchinson 1991 dargestellt.
  • [8] Vgl. beispielhaft Fuetscher 1933
 
< Zurück   INHALT   Weiter >