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1.5 Eine Hypothese zur Struktur von Vermögenszuschreibungen

1.5.1 Wie schreibt Aristoteles Vermögen zu?

Ich habe bereits einige Mittel der deutschen Sprache vorgestellt, mit denen Vermögen zugesprochen werden können. Welche sprachlichen Mittel verwendet aber Aristoteles, um Vermögen zuzuschreiben? Er nutzt eine Vielzahl sprachlicher Möglichkeiten des Altgriechischen, um über Fähigkeiten zu reden.[1] Er kann das Substantiv dynamis verwenden, um direkt über die Fähigkeit zu reden,[2] und er kann sagen, daß etwas eine bestimmte dynamis hat. Da nicht nur Lebewesen, sondern auch Unbelebtem eine dynamis zugeschrieben werden kann, empfiehlt es sich allerdings, dynamis wie üblich mit dem allgemeineren Wort „Vermögen“ statt mit „Fähigkeit“ zu übersetzen: Denn mit

„Fähigkeit“ wird gemeinhin nur ein Vermögen von Lebendigem bezeichnet, das Wort dynamis verwendet Aristoteles aber auch in bezug auf Unbelebtes. Auch Aristoteles kann auf eine Vielzahl grammatischer Formen zurückgreifen, um Vermögen zuzuschreiben. Er kann beispielsweise auch das Verb dynasthai („vermögen“) verwenden.[3] Eine Infinitivkonstruktion gibt dann an, um was für ein Vermögen es sich handelt. Er kann alternativ auch das Partizip dynamenon gemeinsam mit einem Infinitiv verwenden.[4] Aristoteles sagt ausdrücklich, daß die Formulierung dynatai badizein („vermag zu gehen“), die die finite Verbform dynatai verwendet, und die Partizipialkonstruktion esti dynamenos badizein („ist vermögend zu gehen“) gleichbedeutend sind (APr I 46, 14-15). Ein weiteres wichtiges Mittel ist das Adjektiv dynaton. Außer zum Ausdruck von logischer Möglichkeit kann es, wie schon in Kap. 1.4 gesagt, auch für die Zuschreibung eines Vermögens verwendet werden. Dann wird dynaton oft in Verbindung mit einem Infinitiv verwendet.[5] Auch in substantivierter Form to dynaton verwendet Aristoteles das Adjektiv zusammen mit Infinitiven.[6] Zuweilen redet Aristoteles auch vom dynamei on, vom „dem Vermögen nach Seienden“.[7] Hier wird die den Dativus modi dynamei näher bestimmende Ergänzung entweder in Form eines Partizips (hier das recht allgemeine „on“, „seiend“, womit bei Aristoteles keineswegs nur die Existenz eines Dinges gemeint ist, wie schon ein Blick auf Met. V 7 zeigt) oder in Form eines Substantivs gegeben, wenn es zum Beispiel um einen „Kasten dem Vermögen nach“ geht.[8]

Die inhaltlichen Zusammenhänge zwischen diesen Ausdrücken werden später ausführlich erörtert werden. Hier ist zunächst vor allem die Beobachtung wichtig, daß auch Aristoteles mit Ausdrücken wie dynaton und dynamei nicht Aussagen modifiziert, sondern Prädikate. Diese Ausdrücke können daher als Prädikatmodifikatoren analysiert werden: Sie bilden Fähigkeitsprädikate aus Tätigkeitsoder Seinsprädikaten, die durch Infinitive, Partizipien oder Substantive repräsentiert werden.

An einigen wenigen Stellen kommen die entsprechenden Modifikatoren auch absolut vor, also ohne zu modifizierendes Prädikat. So spricht Aristoteles mehrmals einfach davon, etwas sei dynaton, ohne anzugeben, wozu.[9] Oder er erwähnt ohne nähere Erläuterung to dynaton („das Vermögende“).[10] Die Fülle der (in den Fußnoten angeführten) Belege mit entsprechender Qualifikation, etwa durch einen Infinitiv, läßt aber vermuten, daß diese Stellen elliptisch verstanden werden müssen: Ein entsprechendes Prädikat muß in der Übersetzung jeweils ergänzt werden; ein solches kann sich aus dem Kontext ergeben. Durch die elliptische Formulierung kann aber auch ausgedrückt werden, daß die entsprechende Aussage für beliebige Prädikate gilt; dann ist eine entsprechende Variable für Prädikate zu ergänzen. Vermögenszuschreibungen bei Aristoteles sind also als Aussagen mit Prädikatmodifikatoren zu analysieren. Mein Durchgang durch die sprachlichen Mittel, die Aristoteles verwendet, um über Vermögen zu reden, legt also als Hypothese über die Struktur von Vermögenszuschreibungen nahe, daß diese mit Hilfe von Prädikatmodifikatoren zu analysieren sind. Um diese Strukturhypothese weiter ausbauen zu können, sollen zunächst jene Ausdrücke in den Blick genommen werden, die in Vermögenszuschreibungen modifiziert werden, nämlich Prädikate aus einfachen prädikativen Sätzen und aus Handlungssätzen.

  • [1] Ich gebe im folgenden nur (eine Auswahl von) Belegstellen aus Met. IX an. Dabei ist z.B. die umstrittene Passage 1047b15-30 nicht berücksichtigt
  • [2] Vgl. 1046a21.23, 1047a25, 1048a14.18.22f
  • [3] Vgl. 1046a5.30.31, 1051a6.7.10.14 (Infinitiv); 1047a17, 1048a12, 1050b32 (3. Person Singular); 1048a6 (3. Person Plural)
  • [4] Vgl. 1049b14
  • [5] Vgl. 1046b25, 1047a21.26, 1047b6.15, 1048a34
  • [6] Vgl. 1048b14, 1049b15, 1050b12 (einai); verneint: 1050b13 (mê einai)
  • [7] Vgl. 1049a6, 1051a29
  • [8] Vgl. 1049a23f (dynamei kibtion)
  • [9] Vgl. 1046a20, 1047b3.4.11, 1048a27, 1049a4, 1049b13. In 1048a28 allerdings wird dynaton nur erwähnt, aber nicht gebraucht
  • [10] Vgl. 1047b35, 1048b6, 1049b14, 1050b10 (Singular); 1046b23 (Plural)
 
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