Das Untersuchungskonzept

Auswahl des Untersuchungsfeldes

Neuere Untersuchungen belegen einen engen Zusammenhang zwischen dem sozialen Hintergrund eines Schülers und dem erreichten Schulabschluss (vgl. Adamy 2009, S. 11; Autorengruppe Bildungsberichterstattung (ABE) 2008, S. 88). So wechseln gerade einmal 12 % der Kinder aus Familien, die von Einkommensarmut betroffen sind, nach der Grundschule auf ein Gymnasium (vgl. Giering et al. 2005, S. 5). Insbesondere die Ergebnisse der PISA-Studien zeigen, dass sich Schüler der Hauptschule durchschnittlich in einer deutlich schlechteren sozioökonomischen Lage als Schüler des Gymnasiums befinden (vgl. PISA-Konsortium Deutschland 2004). Die Schichtzugehörigkeit hat demnach einen wesentlich stärkeren Einfluss auf die besuchte Schulform als die faktisch erbrachten Schulleistungen (PISA-Konsortium Deutschland 2004). Hauptschüler schätzen dabei ihre persönliche Zukunft relativ pessimistisch ein. Die Gymnasiasten beurteilen ihre Zukunft dagegen eher positiv. Schüler haben heute ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür, wie wichtig hochwertige Schulabschlüsse sind (vgl. Harring et al. 2007, S. 376). Insbesondere haben Jugendliche aus der Hauptschule häufiger Angst vor Arbeitslosigkeit und vor einer wirtschaftlich schlechten Lage als Jugendliche, die ein Gymnasium besuchen (vgl. Shell Deutschland Holding 2006, S. 71 ff.). Ein schulformspezifischer Vergleich von Schülervorstellungen aus der Hauptschule und des Gymnasiums kann als adäquate Operationalisierung der zu vergleichenden Vorstellungsgruppen „privilegiert mit weitgehenden Partizipationserwartungen“ versus „bildungsfern mit begrenzten Partizipationserwartungen“ bezeichnet werden.

[1]

Die Untersuchung zielt auf die Vorstellungen von Schülern der 9. Klasse der Hauptschule und des Gymnasiums im Bundesland Niedersachsen ab. Bei Schülern der 9. Jahrgangsstufe kann bereits ein gewisses Maß an Verständnis für den relativ komplexen Gegenstand der Globalisierung vorausgesetzt werden.

  • [1] Daneben wurde überlegt, neben der sozioökonomischen Position den Einfluss erster betrieblicher Arbeitserfahrungen auf die Wahrnehmung des Globalisierungsprozesses zu untersuchen. So wäre es möglich, Auszubildende im ersten Berufsschuljahr als Vergleichsgruppe zu untersuchen. Mit einem Vergleich von Schülern, die ein Gymnasium besuchen und Schülern bestimmter Fachrichtungen der Berufsschule könnte ebenfalls ein Sample gebildet werden, das zwei unterschiedliche sozioökonomische Positionierungen abbildet. Ein Vergleich von Schülern, die ein Gymnasium besuchen und Jugendlichen, die sich in der Berufsausbildung befinden, ist im Hinblick auf die Bestimmbarkeit des Einflusses von sozioökonomischer Positionierung und betrieblicher Arbeitserfahrung jedoch als problematisch anzusehen. So ist davon auszugehen, dass neben der sozioökonomischen Lage der Einstieg in den Beruf eine bedeutende Rolle bei der Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit spielt (vgl. Jessor et al. 1992). Oyserman und Marcus (1995) weisen daraufhin:

    „Beim Wechsel von der Schule in das Berufsleben findet eine dramatische Verschiebung statt. Selbstverständnis und Selbstwert müssen angesichts der Anforderungen und Möglichkeiten, die der Berufseinstieg mit sich bringt, neu überdacht werden. Das soziale Umfeld und die Nische die die Schule bot sind nicht mehr relevant. Der Eintritt in das Berufsleben bedeutet eine Art Übergang in die Zukunft – von den Rollen des Kindund Schüler-Seins zu den Rollen des Eltern-Seins und des „Brot-verdienens“ (…). Sehr wahrscheinlich gibt es für Berufsanfänger nur wenige Umfelder und entsprechende Selbstverständnisse die sich mit denen der Schule überschneiden.“ (Oyserman und Marcus 1995, S. 155 f.) Bei einem Vergleich von Gymnasiasten und Jugendlichen, die sich in der betrieblichen Ausbildung befinden, ist es nur bedingt möglich, die Wahrnehmung des Globalisierungsprozesses auf die sozioökonomische Lage zurückzuführen. Ebenso kann der Eintritt in das Berufsleben eine Rolle für mögliche Unterschiede zwischen den Untersuchungsgruppen spielen.

 
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