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2. Die kausale Dimension von Vermögen (V 12, IX 1)

2.1 Die aktiven kinetischen Vermögen

2.1.1 Die Verwendungsweisen von dynamis

Aristoteles' umfangreichster Text zum Problem der Vermögen ist das neunte Buch der Metaphysik, das gewissermaßen eine Abhandlung über Vermögen darstellt. Fängt man dort an zu lesen, wird man von Aristoteles zunächst allerdings auf einen anderen Text verwiesen: „Daß nun in vielfacher Weise ausgesagt werden das Vermögen und das Vermögendsein (he dynamis kai to dynasthai ) , ist in anderen [Abhandlungen] (en allois) erklärt worden.“ (IX 1, 1046a4ff) Es ist wahrscheinlich, daß Aristoteles hier auf das dynamis-Kapitel des fünften Buches der Metaphysik, des „Definitionenbuches“, verweist (Met. V 12).[1] Aristoteles erläutert dort ausführlich verschiedene Bedeutungen der Wörter dynamis, dynaton, adynamia und adynaton. Die verschiedenen Bedeutungen von dynamis, dynaton und adynaton spielen auch in IX 1 eine wichtige Rolle; da Aristoteles dort aber diese nur benennt, ohne sie ausführlich zu erläutern, wäre IX 1 ohne die Ausführungen und Beispiele von V 12 ziemlich unver- ständlich.[2]Aristoteles unterscheidet in V 12 die folgenden Verwendungsweisen von dynamis :

(1) dynamis als „Prinzip der Veränderung in einem anderen oder insofern es ein anderes ist“

(2) dynamis als „Prinzip der Veränderung von einem andern her“

(3) dynamis als „Prinzip planvoller und erfolgreicher Ausführung“

(4) dynamis als „Prinzip der Nichtveränderung zum Schlechten“

(5) dynamis in übertragener Verwendungsweise in der Geometrie.

Von der fünften Verwendungsweise abgesehen, die Aristoteles selbst als „metaphorisch“ bezeichnet (kata metaphoran, V 12, 1019b33; homonymôs, IX 1, 1046a6), verbindet Aristoteles die verschiedenen Verwendungsweisen des Wortes dynamis eng mit dem Phänomen der Veränderung. Das, was das Wort dynamis in diesen vier Verwendungsweisen bezeichnet, wird daher im allgemeinen als „kinetisches Vermögen“ bezeichnet. Aristoteles unterscheidet in Met. V 12 also verschiedene Arten von kinetischen Vermögen: (1) aktive kinetische Vermögen, (2) passive kinetische Vermögen, (3) qualifizierte kinetische Vermögen, (4) Widerstandsvermögen. Was diese Verwendungsweisen ausmacht und wie sie sich voneinander unterscheiden ist das Thema von Kap. 2.2.

Die erste Gruppe, die aktiven kinetischen Vermögen, bezeichnet Aristoteles als „Hauptbedeutung“ (kyrios horos, 1020a4) von dynamis. Diese aktiven kinetischen Vermögen bestimmt Aristoteles wie folgt: [3]

Du/namij le/getai h( me a)rxh kinh/sewj hÄ metabolh=j h( e)n e(te/r% h v eÀteron

Dynamis heißt einmal das Prinzip (archê ) der Bewegung (kinêsis) oder Veränderung (metabolê ) in einem anderen oder insofern es ein anderes ist. (1019a15f)

Zunächst werde ich auf Aristoteles' Charakterisierung der „Hauptbedeutung“

(1) eingehen. Nahezu jeder Bestandteil dieser Charakterisierung ist erläuterungsbedürftig. Daher werde ich nacheinander diskutieren, was Aristoteles mit „Prinzip“, mit „Bewegung oder Veränderung“ und mit „in einem anderen oder insofern es ein anderes ist“ meint. Warum Aristoteles gerade die aktiven kinetischen Vermögen als „Hauptbedeutung“ von dynamis ansieht, werde ich in Kap. 2.3 diskutieren.

  • [1] So übereinstimmend die Kommentatoren. Vgl. auch Smeets 1952, 204 u. 216. Viele Kommentatoren sehen Met. V 12 als den älteren dieser Texte an. Dafür spricht vor allem der Verweis in IX 1, vorausgesetzt, Aristoteles will dort tatsächlich auf V 12 verweisen. In mancher Hinsicht ist V 12 der ausführlichere Text. Andererseits ist IX 1 in der Formulierung der Prioriätsthese, die sich gleichwohl in anderer Formulierung auch in V 12 findet, wesentlich präziser und ausgereifter. Als Indiz dafür, daß V 12 älter als IX 1 ist, wird oft auch darauf verwiesen, daß Aristoteles in V 12 nicht, wie er das in IX tut, auf den Gegenbegriff zu dynamis, die energeia, eingeht. Dies könnte jedoch auch didaktische Gründe haben: Vorausgesetzt, Met. V ist eine Einführung in die Begriffe der Metaphysik für Anfänger, dann wäre es durchaus denkbar, daß Aristoteles in diesem Kontext auf die Einführung des Begriffes energeia verzichtet. Zwar wird an anderen Stellen in Met. V die dynamisenergeia-Unterscheidung durchaus angewandt, aber nichts spricht dagegen, daß die einzelnen Teile des Definitionenbuches Met. V unterschiedliche Abfassungszeiten haben. Schwerer wiegt jedoch, daß nach der Rekonstruktion von Düring 1961 auch der Protreptikos die dynamis-energeiaUnterscheidung kennt; die Zuverlässigkeit dieser Rekonstruktion vorausgesetzt kann man also das Auftauchen dieser Unterscheidung nicht als Argument für eine Spätdatierung des entsprechenden Textes werten
  • [2] Vgl. Ross Met. I 319: „The treatment of dynamis and its cognates in this chapter answers closely to that in Θ.“ Vgl. den Verweis in 1046a4ff. Es korrespondieren: 1046a7ff mit 1019b33; 1046a919 mit 1019a15-32 und 1019a35-1019b6; 1046a29ff mit 1019b15ff. Darüber hinaus ist IX 1, 1046a31-35 eine Kurzfassung von V 22
  • [3] Außer in V 12, 1019a15f findet sich diese Begriffsbestimmung von dynamis in: V 12, 1020a4; IX 1, 1046a10; IX 2, 1046b4; IX 8, 1049b7; Cael. III 2, 301b18f
 
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