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2.1.2 „Prinzip“

Ein aktives kinetisches Vermögen, so entnehmen wir Aristoteles' Begriffsbestimmung, ist ein Prinzip (archê ) . Dies ist zugleich der gemeinsame Nenner der ersten vier der von Aristoteles in Met. V 12 unterschiedenen Verwendungsweisen von dynamis. Ein Prinzip wird von Aristoteles allgemein bestimmt als „ein Erstes, von woher (hothen) etwas entweder ist oder wird oder erkannt wird“ (Met. V 1, 1013a18). Unter anderem ist dasjenige als Prinzip anzusehen, „von woher als nicht innewohnend eine Sache zuerst entsteht und von woher zuerst Bewegung und Veränderung natürlich ihren Anfang nehmen“ (1013a7f). So entsteht z.B. das Kind aus Vater und Mutter oder ein Kampf aus Streitereien (1013a9f). Entsprechend sind Vater und Mutter Prinzipien des Kindes und der Streit Anfang und Prinzip des Kampfes. Ursachen (aitiai ) und Elemente (stoicheiai ) sind Arten von Prinzipien (1013a16-20).[1] Die Suche nach Prinzipien ist das Geschäft der Wissenschaften (Phys. I 1; Met. VI 1), wobei es die Aufgabe der Philosophie ist, nach den ersten und allgemeinsten Prinzipien zu suchen (Met. I 1, 981b27ff; I 2, 982b4-10). Die gesamte Philosophiegeschichte vor ihm wird von Aristoteles als eine Suche nach diesen ersten Prinzipien dargestellt. Philosophischer Fortschritt besteht darin, daß die Einsicht in die Ursachen das Staunen über die Dinge ablöst (Met. I 2, 983a11-21). Um einen Regreß zu vermeiden, der entstehen würde, wenn wieder nach den Prinzipien von Prinzipien gefragt werden könnte, fordert Aristoteles in der Physik: „Prinzipien dürfen weder wegen[2] (ek) einander sein noch wegen anderem, und wegen ihnen [muß] alles [sein].“ (Phys. I 5, 188a27f) Kein Prinzip darf daher aus etwas anderem herrühren, sei dies nun selber ein Prinzip oder nicht. Umgekehrt muß aber alles auf die Prinzipien zurückführbar sein. Aristotelische Prinzipien sind in der Regel Entitäten, Dinge in der Welt. Wieland hat versucht, die aristotelischen Prinzipien als bloße sprachliche Prinzipien, ähnlich den Topoi der Logik, zu interpretieren.[3] Dies greift jedoch zu kurz: Zwar ist der wissenschaftliche Rekurs auf Prinzipien stets sprachlich verfaßt; einer solchen Erklärung liegt allerdings ein Verweis auf Außersprachliches zugrunde. Doch passen die Beispiele, die sich bei Aristoteles für Prinzipien finden, nicht in Wielands Schema hinein: Gott wird von Aristoteles ebenso Prinzip genannt wie die Körperteile Hoden und Herz – allesamt keine bloß sprachlichen Prinzipien.[4] Kennzeichen eines Prinzips ist es, daß seine Existenz eine notwendige Bedingung für dasjenige ist, für das es Prinzip ist: Wenn letzteres vorliegt, muß das Prinzip vorliegen, das Umgekehrte gilt jedoch nicht (EE VII 7, 1241a 12ff).

Indem Aristoteles Vermögen als Prinzipien klassifiziert, weist er ihnen eine kausale Dimension zu:[5] Eine Veränderung findet wegen eines Vermögens statt. Ein Vermögen ist das, von woher eine Veränderung herrührt. Aristoteles nennt zwei Beispiele für aktive kinetische Vermögen: die Baukunst und die Heilkunst. Wenn wir erklären wollen, warum ein Architekt ein stabiles Haus bauen kann, dann verweisen wir auf das, was er gelernt hat, auf die Baukunst. Und wenn wir erklären wollen, warum ein Arzt uns heilen kann, dann verweisen wir auf die von ihm erlernte Fähigkeit, die Heilkunst: Wie das stabile Haus aufgrund der Baukunst des Architekten entsteht, so werden wir gesund aufgrund der Heilkunst des Arztes. Die Vermögen von Arzt und Architekt sind wichtige kausale Faktoren in dem jeweiligen Geschehen: Wäre der Architekt nicht baukundig, würde das Haus nicht stabil werden. Und wäre der Arzt nicht heilkundig, würden wir nicht geheilt werden.

  • [1] Vgl. Met. V 2 zu den Ursachen und V 3 zu den Elementen und zu beidem Met. II 1, Phys. I 1, 184a11 und Met. XII 1, 1069a26. In GC I 7, 324a27 und Met. II 2, 994a1 sind Prinzipien erste Ursachen. Vgl. Ross Met. I 291: Prinzipien und Ursachen „coincide in denotation, there is a difference between their definition“, mit Verweis auf Met. IV 2, 1003b22-25
  • [2] Aristoteles verweist in Met. V 24 selbst darauf, daß der Ausdruck ek tinos einai nicht nur für den Verweis auf Bestandteile, sondern auch kausal und sogar temporal gebraucht werden kann. Daher kann die Präposition ek hier problemlos mit „wegen“ übersetzt werden
  • [3] Wieland 1960/61 und 1962
  • [4] Vgl. Oehler 1962 und Tugendhat 1963; dort auch Belege
  • [5] Die Bedeutung von Vermögen für eine Theorie der Kausalität ist in jüngster Zeit von der sogenannten realistischen Wissenschaftstheorie wiederentdeckt worden. Vgl. Harré/Madden 1975, Cartwright 1989 und den Überblick bei Wolf 1979, 299-334
 
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