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2.1.3 „Bewegung und Veränderung“

Vermögen sind, so Aristoteles' Begriffsbestimmung, Prinzipien von kinêsis und metabolê, von Bewegung und Veränderung. Im allgemeinen verwendet Aristoteles das Wort metabolê als Oberbegriff für jede Art der Veränderung.

Eine Veränderung geht für Aristoteles „aus etwas zu etwas“ (ek tinos eis ti ) .

[1] Je nachdem, welcher der Kategorien das „etwas“ angehört, unterscheidet Aristoteles verschiedene Arten von Veränderungen: „Von Veränderung gibt es soviele Verwendungsweisen wie von Sein.“ (Phys. III 1, 201a8f) Die hauptsächlichen Arten von Veränderung sind (201a9-15): (1) substantielle Veränderung, also Entstehen und Vergehen, (2) qualitative Veränderung, (3) quantitative Veränderung, also Zunahme und Abnahme, und (4) Ortsveränderung. Das Gebautwerden eines Hauses ist eine substantielle Veränderung, ein Entstehen. Das Gesundwerden des Patienten hingegen ist eine qualitative Veränderung. Es ist eine Veränderung einer Eigenschaft von etwas, das schon existiert: Es ist derselbe Patient, der erst krank und dann gesund ist. Das Wort kinêsis verwendet Aristoteles manchmal, um die drei nichtsubstantiellen Veränderungsarten zusammenzufassen, manchmal aber auch, um nur die Ortsveränderung zu bezeichnen, die er oft als Paradigma für Veränderungsprozesse überhaupt diskutiert (wie z.B. in Phys. VI).[2]

2.1.4 „In einem anderen oder insofern es ein anderes ist“

Ein Vermögen soll nun in dieser ersten Bedeutung ein Prinzip der Veränderung in einem anderen sein. Was ist damit gemeint? Damit ein Haus gebaut werden kann, muß es die Baukunst geben. Die befindet sich nun weder in dem Haus, das gebaut werden wird (denn das gibt es noch nicht), noch in dem Baumaterial, aus dem es gebaut wird, sondern im Architekten (Met. V 12, 1019a16f): Dieser hat das Vermögen, aktiv eine Veränderung (kinêsis) im Baumaterial herbeizuführen, so daß dieses zu einem Haus wird. Daher wird ein solches Vermögen im folgenden als „aktives kinetisches Vermögen“ bezeichnet. Ganz ähnlich verhält es sich bei der Heilkunst: Der Arzt verfügt über das Vermögen, aktiv eine Veränderung im Patienten herbeizuführen, so daß dieser gesund wird.

Warum nun aber Prinzip der Veränderung in einem anderen oder insofern es ein anderes ist? Dieser Zusatz wird notwendig aufgrund einer kleinen Kompli-kation, die sich aus dem Arztbeispiel ergibt. Dasselbe Vermögen, das es einem Arzt wie zum Beispiel Hippokrates erlaubt, seine Patienten zu heilen, das erlaubt ihm doch wohl auch, sich selbst zu heilen, wenn er einmal krank sein sollte. Schließlich muß Hippokrates nichts hinzulernen, um außer dem Schnupfen seiner Patienten auch seinen eigenen Schnupfen zu behandeln. Deshalb weist Aristoteles zu Recht darauf hin, daß die Heilkunst zwar „in dem Geheilten vorliegen kann, aber nicht als Geheiltem“ (1019a18). Was Aristoteles damit meint, wird aus einer Stelle in der „Physik“ deutlich, wo er mit demselben Beispiel den Unterschied zwischen akzidentellem Geschehen (kata symbebêkos) und nichtakzidentellem Geschehen erläutert:

le/gw de to mh kata sumbebhko/j, oÀti ge/noit' aÄn au)toj au(t%½ tij aiãtioj u(giei¿aj wÔn i¹atro/j: a)ll' oÀmwj ou) kaqo u(gia/zetai th i¹atrikh eÃxei, a)lla sumbe/bhken to au)to i¹atro eiånai kaiì u(giazo/menon: dio kaiì xwri¿zetai¿ pot' a)p' a)llh/lwn.

[...] es kann geschehen, daß jemand für sich selber Ursache (aitia) der Gesundheit wird, wenn er Arzt ist; aber er hat die Heilkunst nicht insoweit er gesundet, sondern es fügt sich bloß (symbebêken), daß derselbe Arzt ist und geheilt wird. Daher sind [Arztsein und Geheiltwerden] auch einmal voneinander getrennt.

(Phys. II 1, 192b23-27)

Hier kommt eine Hinsichten-Unterscheidung ins Spiel: Bekommt Hippokrates einen Schnupfen, so wird er ein probates Mittel dagegen wissen. Dieses kennt er aber als Arzt, nicht als Kranker. Das Verfügen über die Heilkunst ist daher zwar eine Eigenschaft des geheilten Hippokrates, allerdings nicht des Geheilten als solchem, sondern des Geheilten, insofern er zugleich Arzt ist. Daher erlaubt die Definition, daß eine dynamis auch Prinzip der Bewegung „insofern es ein anderes ist“ sein kann; ansonsten wäre die Heilkunst dann keine dynamis, wenn Hippokrates mit ihrer Hilfe seinen eigenen Schnupfen heilen würde.

Dieser Sachverhalt kann auch so ausgedrückt werden: Hippokrates qua Arzt verfügt über die Heilkunst, aber Hippokrates qua Patient verfügt nicht über sie. Solche Qua-Sätze nennt die mittelalterliche Logik reduplicationes.[3] In neuerer Zeit hat Anscombe[4] dieses Phänomen als Beschreibungssensitivität gedeutet: Manche Entitäten scheinen gewisse Eigenschaften nur unter bestimmten Beschreibungen dieser Entitäten („under a description“) zu haben, nicht aber unter anderen Beschreibungen. Aristoteles' Hinsichtenunterscheidung kann auch mit Hilfe von Anscombes Begriff der Beschreibungssensitivität motiviert werden. Denn die Heilkunst sollte ja eine dynamis sein, weil sie entsprechend der obigen Definition das Prinzip einer Veränderung ist, weil sie diese Veränderung also erklären kann. Wenn Hippokrates seinen Schnupfen nun zu heilen weiß, kann dies kaum damit erklärt werden, daß er ein Schnupfenpatient ist. Vielmehr wird dies dadurch erklärt, daß Hippokrates eben auch Arzt ist. Wenn auf diese Heilung mit der Beschreibung „die Selbstheilung des Arztes Hippokrates“ Bezug genommen wird, bedarf es keiner weiteren Erklärung mehr dafür, wie die Heilung zustande kam. Denn es ist eine Wesenseigenschaft von Ärzten, daß sie über die Heilkunst verfügen, und die Beschreibung enthält die für die Erklärung wichtige Information, daß Hippokrates ein Arzt ist. Mit dieser Beschreibung hat man also zugleich eine Erklärung für die Heilung angegeben. Wird auf dasselbe Ereignis mit der Beschreibung „die Selbstheilung des Schnupfenpatienten Hippokrates“ Bezug genommen, bleibt das Ereignis erklärungsbedürftig. Zur Erklärung kann man auf die Identität der von den beiden Beschreibungen vorkommenden Personen hinweisen: Der Schnupfenpatient ist eben zufällig (kata symbebêkos) auch ein Arzt; Ärzte aber verfügen wesentlich über die Heilkunst, die das Heilungen erklärende Prinzip ist.

In den Analytiken erklärt Aristoteles die Bedeutung der gewählten Beschreibungen in Erklärungen an einem geometrischen Beispiel: Ein Dreieck hat die Innenwinkelsumme von 180° nicht qua geometrischer Figur, auch nicht qua gleichschenkligem Dreieck, sondern eben qua Dreieck (APo I 4, 73b33-39; vgl. auch SE 6, 168a40-b4). Es hat nicht qua geometrischer Figur diese Winkelsumme, weil nicht alle geometrische Figuren diese Winkelsumme haben; diese Beschreibung ist also zu weit. Andererseits haben zwar alle gleichschenkligen Dreiecke diese Winkelsumme, aber die gleichschenkligen Dreiecke sind nur eine Untergruppe derjenigen Figuren, die diese Winkelsumme haben, nämlich der Dreiecke. Die Eigenschaft, gleichschenklig zu sein, ist ja für die Größe der Winkelsumme nicht relevant; die Beschreibung ist also zu eng. Für Aristoteles ist bei einer wissenschaftlichen Erklärung also auch der intensionale Aspekt wichtig: Eine Erklärung muß nicht nur auf die richtigen Gegenstände referieren, sondern dies auch mit den richtigen Begriffen oder Beschreibungen tun.

Manche Autoren meinen nun, Hippokrates qua Arzt und Hippokrates qua Patient seien zwei verschiedene Individuen, nämlich zwei verschiedene QuaObjekte. Ein Vertreter dieser Ansicht ist Kit Fine.[5] Er nennt den Ausdruck, der durch die Qua-Ergänzung modifiziert wird, „Basis“ und die ergänzende Hinsicht „Glosse“. In unserem Beispiel ist also „Hippokrates“ die Basis, „Patient“ und „Arzt“ zwei verschiedene Glossen. Das wichtigste Argument dafür, daß zwei Qua-Objekte mit gleicher Basis aber unterschiedlicher Glosse zwei unterschiedliche Individuen sind, ergibt sich aus Leibniz' Prinzip der Ununterscheidbarkeit des Identischen. Denn schließlich kommen Hippokrates qua Arzt ganz andere Eigenschaften zu als Hippokrates qua Patient. Wären beide dasselbe Individuum, so könnte man meinen, Leibniz' Prinzip der Ununterscheidbarkeit des Identischen wäre verletzt. Und schlimmer noch: In unserem Beispiel würde Hippokrates sogar ein und dieselbe Eigenschaft, nämlich heilen zu können, einmal zu- und einmal abgesprochen, so daß auch das Nichtwiderspruchsprinzip verletzt wäre.

Zwar kann man diese Probleme umgehen, indem man Hippokrates qua Patient und Hippokrates qua Arzt als zwei verschiedene Individuen betrachtet. Dafür handelt man sich aber Probleme mit dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten ein: Angenommen, Hippokrates ist weißhaarig, großgewachsen, in der Medizin ausgebildet und krank. Dann ist Hippokrates qua Arzt in der Medizin ausgebildet, Hippokrates qua Patient aber nicht. Umgekehrt ist Hippokrates qua Patient krank, Hippokrates qua Arzt aber nicht. Weißhaarig und großgewachsen aber sind wohl weder Hippokrates qua Arzt noch Hippokrates qua Patient. Und weder wird man diesen eine andere Haarfarbe oder eine andere Körpergröße zusprechen wollen noch ihnen eine solche absprechen: Hippokrates qua Arzt ist weder weißhaarig noch nicht-weißhaarig. Durch die Rede von Qua-Objekten handelt man sich also das Problem ein, daß Sätze wie

(x qua G) ist weder F noch nicht-F

wahr werden können. Dies ist sicher ein ebenso unerwünschtes Ergebnis wie die Verletzung des Leibnizschen Indiszernibilitätsprinzips und des Nichtwiderspruchsprinzips.

Es ist aber keineswegs nötig, so seltsame Entitäten wie Qua-Objekte anzuerkennen, um diese Verletzung des Leibnizschen Prinzips und des Nichtwiderspruchsprinzips zu umgehen. Denn diese Probleme entstehen zuallererst dadurch, daß der Satz „Hippokrates qua Arzt kann heilen“ so analysiert wurde, daß das Prädikat „kann heilen“ dem Subjekt „Hippokrates qua Arzt“ zugesprochen wird. Statt dessen kann die Qua-Phrase aber auch dem Prädikat zugeschlagen werden. Die logische Form einer Reduplikation ist dann die folgende (wobei „F“ für das Heilenkönnen und „G“ für das Arztsein steht):

x ist (F qua G).

Die beiden Beispielsätze „Hippokrates kann qua Arzt heilen“[6] und „Hippokrates kann nicht qua Patient heilen“ sagen dann von ein- und demselben Subjekt Hippokrates zwei verschiedene Dinge aus: Einmal, daß er qua Arzt heilen kann, und einmal, daß er nicht qua Patient heilen kann. Reduplikationen werden auf diese Weise also als das Zusprechen eines komplexen Prädikates analysiert und die Qua-Phrase als Prädikatsmodifikator: Die Qua-Phrase „qua G“ nimmt das Basis-Prädikat „F“ und macht aus ihr ein neues komplexes Prädikat „F qua G“. Eine solche syntaktische Analyse der Reduplikation vermeidet sowohl die Anreicherung der Ontologie durch seltsame Qua-Prädikate als die diskutierten metaphysischen Probleme. Wie verhält es sich aber mit der Semantik von Reduplikationen? Wann aber ist eine Reduplikation wahr? Ich schlage vor, daß die folgenden drei Bedingungen erfüllt sein müssen:

Reduplikation. „x ist (F qua G)“ ist genau dann wahr, wenn gilt:

(1) x ist F,

(2) x ist G, und

(3) F und G stehen in einer bestimmten begriffslogischen Beziehung R zueinander.

Wie muß nun aber diese begriffslogische Beziehung R bestimmt werden? Das Dreiecksbeispiel legt nahe, daß das Zukommen des Glossenprädikats G (z.B.

„... ist ein Dreieck“) sowohl notwendig als auch hinreichend für das Zukommen des Basisprädikats F („... hat einen Innenwinkel von 180°“) sein muß. Wenn das Zukommen des Glossenprädikats G nur notwendig für das Zukommen des Basisprädikats F sein muß, dann ist nicht ersichtlich, warum das Dreieck nicht auch qua Fläche einen Innenwinkel von zwei Rechten hat. Und wenn es ausreichen soll, daß das Zukommen des Glossenprädikats G hinreichend ist für das Zukommen des Basisprädikats F, dann sollte das Dreieck auch qua spitzwinkliges Dreieck einen Innenwinkel von zwei Rechten haben. Aristoteles sagt uns aber, daß das Dreieck qua Dreieck einen Innenwinkel von 180° hat: Das Zukommen des Glossenprädikats muß also sowohl notwendig als auch hinreichend für das Zukommen des Basisprädikats sein. Und tatsächlich verhalten sich „... ist ein Dreieck“ und „... hat einen Innenwinkel von 180°“ genau auf diese Weise. Dies legt nahe, daß es sich bei R um die wechselseitige begriffslogische Implikation handelt, die oft auch „Konvertibilität“ genannt wird.

Wie verhalten sich nun „... kann heilen“ und „... ist Arzt“ zueinander? Zunächst könnte man einwenden, daß im Arzt-Beispiel das Arztsein nicht hinreichend ist für eine tatsächliche Heilung – schließlich gibt es auch Ärzte, die ihre Patienten vergiften oder Patienten, die nicht heilbar sind. Dieser Einwand kann aber leicht ausgeräumt werden: Denn es geht hier ja nur um das Zusprechen des Vermögensprädikats „... kann heilen“ und nicht um die tatsächliche Verwirklichung. Und auch der verbrecherische Arzt, der seine Patienten vergiftet, verfügt über die Heilkunst; das Prädikat „... kann heilen“ trifft also auch auf ihn zu (vgl. dazu ausführlich Kap. 2.4). Und auch die Tatsache, daß die Heilkunst des Arztes unter bestimmten Bedingungen an ihre Grenzen stößt, verlangt nicht, ihm die Heilkunst schlechthin abzusprechen. Es spricht also nichts dagegen zu sagen, daß Arztsein Heilenkönnen impliziert: Wem auch immer das Prädikat „... ist Arzt“ zugesprochen wird, dem kann auch das Prädikat „... kann heilen“ zugesprochen werden. Arztsein ist also hinreichend für das Heilenkönnen.

Ist aber Arztsein für das Heilenkönnen auch notwendig? Hier könnte man einwenden, daß oft auch solchen Personen ein Vermögen zu heilen zugesprochen wird, die keine Ärzte sind, etwa Schamanen, Heiligen oder Wunderheilern. Manch einer wird vielleicht die Heilkraft etwa des Schamanen überhaupt in Frage stellen. Aber er wird einräumen müssen, daß schamanische Heilkräfte zumindest vorstellbar sind. Damit scheint aber die Notwendigkeit des Arztseins für das Heilenkönnen widerlegt zu sein. Ich sehe hier drei Möglichkeiten, auf dieses Problem zu reagieren:

(1) Entweder akzeptieren wir, daß Arztsein nicht notwendig ist für das Heilenkönnen. Dann müßten wir Aristoteles zwei verschiedene Verwendungsweisen von „qua“ zuschreiben, deren erste er mit Dreiecksbeispiel erläutert und deren zweite er im Arztbeispiel voraussetzt. Für die erste Verwendungsweise wäre R mit der wechselseitigen begriffslogischen Implikation zu identifizieren, für die zweite Verwendungsweise würde es genügen, wenn das Zukommen des Glossenprädikats G hinreichend für das Zukommen des Basisprädikats F ist. Eine solche Vervielfältigung der Verwendungsweisen von „qua“ ist aber keine elegante Lösung.

(2) Wenn wir nicht akzeptieren wollen, daß Arztsein keine notwendige Voraussetzung für das Heilenkönnen ist, dann ist die einfache Lösung, als Arzt per definitionem einfach alle anzusehen, die heilen können. Auf diese Weise würde das Prädikat „... ist Arzt“ auch auf den Schamanen, den Heiligen und den Wunderheiler zutreffen. Diese Lösung wirkt allerdings sehr brachial. Unserem Sprachgebrauch wenigstens entspricht dieser weite Arztbegriff nicht, und dies mit gutem Grund. Denn zwischen einem Schamanen und einem Arzt (im üblichen Sinn) besteht ein wichtiger Unterschied: Arzt wird man durch das Studium der Natur und der Krankheiten des Menschen, Schamane hingegen wird man durch das Einüben von Techniken, die einem den Kontakt zu und die Manipulation von Geistern und Dämonen erlauben.

(3) Daher favorisiere ich die dritte Lösungsmöglichkeit, die eben diesen wichtigen Unterschied zwischen dem Arzt und dem Schamanen berücksichtigt: Der Arzt heilt durch Einsicht in das Wesen der Gesundheit (vgl. Kap. 2.4.3), während der Schamane heilt durch die Beeinflussung von übernatürlichen Wesen, die ihrerseits die Heilung herbeiführen. Das Tun des Arztes und des Schamanen haben also beide die Gesundheit zum Ziel, aber sie erreichen sie auf unterschiedlichem Weg: Der Arzt führt die Gesundheit auf natürlichem, der Schamane sie auf übernatürlichem Weg herbei. Wir haben es hier also mit einer Mehrdeutigkeit des Wortes „Heilen“ zu tun, das wir sowohl für Heilen auf natürlichem als auch übernatürlichem Weg verwenden. Um diese Mehrdeutigkeit zu beseitigen, will ich im folgenden von „N-Heilen“ und „ÜHeilen“ sprechen: N-Heilen ist die Tätigkeit des Arztes, Ü-Heilen die Tätigkeit des Schamanen. Dann ist klar, daß der Schamane normalerweise nicht über die Fähigkeit zum N-Heilen verfügt, sondern nur über die Fähigkeit zum Ü-Heilen, während der Arzt normalerweise nur über die Fähigkeit zum NHeilen, nicht aber über die Fähigkeit zum Ü-Heilen verfügt. Ausnahmen gibt es nur dann, wenn jemand zugleich Arzt und Schamane ist. Ausnahmen dieser Art aber hatte Aristoteles im Rahmen des Arzt-Beispiels explizit zugelassen. Und sie hindern uns nicht daran zu sagen, daß Arztsein notwendig ist für das N-Heilen.

Wenn also wie vorgeschlagen das Heilen des Arztes vom Heilen des Schamanen unterschieden wird, dann sagt das Arztbeispiel, daß Ärzte qua Ärzte über das Vermögen zum N-Heilen verfügen. Und auch hier gilt dann, daß Arzt-Sein und N-Heilen-Können sich wechselseitig implizieren.

Als die geforderte begriffslogische Relation R kann also die wechselseitige Implikation ausgemacht werden. In den meisten Fällen reicht die folgende Charakterisierung dieser begriffslogischen Beziehung aus:

(3*) Es ist notwendig, daß etwas genau dann F ist, wenn es G ist.

Die so bestimmten Wahrheitsbedingungen passen sowohl zum Arztals auch zum Dreiecksbeispiel. Entsprechend den drei Wahrheitsbedingungen gibt es drei Möglichkeiten, wie eine Reduplikation falsch werden kann, nämlich indem eine der drei Klauseln nicht erfüllt ist. Und es gibt zwei Möglichkeiten, eine Reduplikation zu verneinen. Mit dem Satz „Hippokrates kann nicht qua Patient heilen“ haben wir bereits ein Beispiel für die „äußere“ Negation kennengelernt. Mit der „inneren“ Negation erhalten wir die wesentlich stärkere Aussage „Hippokrates kann qua Patient nicht heilen“. Die beiden Negationsformen unterscheiden sich dadurch, daß das „nicht“ im Fall der äußeren Negation vor das komplexe Qua-Prädikat gesetzt wird, im Fall der inneren Negation aber ein Teil davon ist:

Äußere Negation: x ist nicht (F qua G).

Innere Negation: x ist ((nicht F) qua G).

Die äußere Negation kann schon wahr sein, wenn G-Sein das F-Sein nicht fördert, die innere Negation hingegen verlangt, daß G-Sein das F-Sein verhindert. Wenn die innere Negation wahr ist, dann auch die äußere Negation, aber nicht umgekehrt: Dies ist leicht erkennbar, wenn man sich anhand der oben genannten Wahrheitsbedingungen überlegt, wann die Negationen jeweils wahr werden. Die äußere Negation ist wahr, wenn die Reduplikation „x ist (F qua G)“ falsch ist. Und das ist der Fall, wenn mindestens eine der drei Klauseln der semantischen Regel nicht erfüllt ist, wenn also gilt:

¬Fx Ú ¬Gx Ú ¬□("y)(Fy º Gy)

Die äußere Negation „Sokrates kann nicht qua Patient heilen“ ist also dann wahr, wenn (1) entweder Sokrates nicht heilen kann oder (2) Sokrates kein Patient ist oder (3) jemand nicht notwendigerweise genau dann heilen kann, wenn er Patient ist. Der Beispielspielsatz ist also wahr, da sowohl (1) als auch (3) erfüllt sind. Anders als die äußere Negation ist die innere Negation „x ist ((nicht

F) qua G)“ selber eine Reduplikation. Sie ist also wahr, wenn die drei Klauseln entsprechend erfüllt sind, wenn also gilt:

¬Fx & Gx & □("y)(¬Fy º Gy)

Die innere Negation „Sokrates kann qua Patient nicht heilen“ ist also dann wahr, wenn Sokrates sowohl (1) nicht heilen kann also auch (2) Patient ist und

(3) jemand notwendigerweise genau dann nicht heilen kann, wenn er Patient ist. Der Beispielsatz ist also falsch, da (3) nicht erfüllt ist: Wenn ein Arzt zum Patienten wird, verliert er dadurch nicht sein Heilvermögen; andererseits können viele Menschen nicht heilen, ohne dadurch zum Patienten zu werden.

Kehren wir nun zurück zu der zu erklärenden Wendung „in einem anderen oder insofern es ein anderes ist“. Während wir den Teil „in einem anderen“ noch so erklären konnten, daß ein anderes Individuum gemeint ist, können wir den zweiten Teil der Phrase „insofern es ein anderes ist“ so nicht erklären. Wer Qua-Objekte in seiner Ontologie zulassen will, kann diesen Teil so erklären, daß wir es mit zwei Qua-Objekten mit gleicher Basis zu tun haben: Es ist das Qua-Objekt Hippokrates qua Arzt, das über das Vermögen zu heilen verfügt, und es ist das davon verschiedene, basisgleiche Qua-Objekt Hippokrates qua Patient, das von Hippokrates qua Arzt geheilt wird. Diese Erklärung provoziert die Frage, was die Genesung vom Schnupfen überhaupt noch mit Hippokrates selbst (ohne Qua-Phrase) zu tun hat. Wer ganz auf die QuaObjekte verzichtet, hat mit dieser Frage keine Schwierigkeit, denn er redet ja nur von Hippokrates, da er die Qua-Phrase dem Prädikat zuschreibt. Dafür wird die Erklärung selber komplizierter: Wenn Hippokrates sich selbst heilt, dann ist das zwar eine „Selbstheilung“, aber nicht im strengen Sinne, da Hippokrates in diesem Heilungsprozeß zwei unterschiedliche Rollen innehat; einmal ist er Arzt, also derjenige, der über die Heilkunst verfügt, und einmal ist er Patient, also derjenige, der krank ist. Daß dies zwei unterschiedliche Rollen sind, kann man leicht daran sehen, daß oft jemand die Arzt-Rolle spielt, ohne die Patienten-Rolle innezuhaben, und natürlich auch umgekehrt: Die meisten, die die Patienten-Rolle innehaben, haben nie die Arzt-Rolle inne. Zwei Beispiele, die Aristoteles später in einem anderen Zusammenhang anführt (Met. V 12, 1019a24ff), sind übrigens Fälle von Vermögen für eine Veränderung in einem selbst als ein anderes: das Vermögen zu gehen und das Vermögen zu reden. Diese sind Prinzipien von Veränderung im Handelnden selbst, insofern er ein anderer ist.[7] Der Gehende etwa muß handlungstheoretisch einerseits hinsichtlich seines Gehvermögens betrachtet werden, andererseits hinsichtlich seiner Position im Raum: Das sich bewegende Lebewesen muß, wie Aristoteles in der „Physik“ sagt, „aufgeteilt“ werden in das Bewegte einerseits und das Bewegende andererseits (Phys. VIII 4, 254b28-33). Der Gehende als Gehenkönnender bewirkt eine Veränderung im Gehenden als im Raum befindlichem Individuum. Diese Hinsichtenunterscheidung wirkt zunächst künstlich, da jedes Individuum, das sich fortbewegen kann, eine Position im Raum haben muß. Allerdings hat nicht jedes im Raum befindliche Individuum das Vermögen zu gehen. Dieses Vermögen hat der Gehende daher als Gehenkönnender, während er als im Raum befindliches Individuum das Ver-mögen hat, an verschiedene Positionen im Raum bewegt zu werden.

  • [1] Vgl. Phys. IV 11, 219a10f; V 1, 224b1, 225a1; V 5, 229a31f; VI 4, 234b11; VI 5, 235b6f; VI 6,

    237a19; VI 8, 239a23f; VI 10, 241a27; VII 1, 242a65f; VIII 2, 252b10; Cael. I 8, 277a14; II 6, 288

    b29; vgl. auch Phys. II 2, 193b17; V 2, 225b30; Met. XI 12, 1068a29f

  • [2] Wenig erhellend ist Hüni 1992, 50, dessen Interpretation unverständlicher ist als die zu interpretierenden Texte des Aristoteles: „Das Bewegte ist mitbestimmt durch eine Seinsmodifikation, zu der seine Wirklichkeit die Brücke ist. Dieser zum Bewegtsein gehörende Dämmer der Wirklichkeit heißt dynamis.“ (Hervorhebung im Original)
  • [3] Vgl. van Rijen 1993; Bäck 1996
  • [4] Vgl. Anscombe 1972, 11 und 1979
  • [5] Vgl. Fine 1982
  • [6] Die kleine Wortumstellung macht den Satz im Deutschen auch deutlich flüssiger
  • [7] Was Ross Met. I 320 zutreffend anmerkt
 
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