Heilkunst als Ursache für Gesundheit und Krankheit

Auf welche Weise bezieht sich ein logos oder eine Wissenschaft nun auf diese Kontraria? Dies läßt sich sehr schön anhand des Beispiels der Heilkunst zeigen. Aristoteles schildert in VII 7 recht detailliert, wie er sich das Vorgehen eines Arztes vorstellt:[1]

kaiì ga tw½n e)nanti¿wn tro/pon tina to au)to eiådoj: th=j ga sterh/sewj ou)si¿a h( ou)si¿a h( a)ntikeime/nh, oiâon u(gi¿eia no/sou, e)kei¿nhj ga a)pousi¿a h(

no/soj, h( de u(gi¿eia o( e)n tv= yuxv= lo/goj kaiì h( e)pisth/mh. gi¿gnetai de to u(giej noh/santoj ouÀtwj: e)peidh todiì u(gi¿eia, a)na/gkh ei¹ u(giej eÃstai todiì u(pa/rcai, oiâon o(malo/thta, ei¹ de tou=to, qermo/thta: kaiì ouÀtwj a)eiì noeiÍ, eÀwj aÄn a)ga/gv ei¹j tou=to oÁ au)toj du/natai eÃsxaton poieiÍn.

Denn auch Kontraria haben auf eine bestimmte Weise dasselbe eidos : Denn das Wesen der Privation (tês sterêseôs ousia) ist das entgegengesetzte Wesen (hê ousia hê antikeimenê ) , wie die Gesundheit hinsichtlich der Krankheit, die Abwesenheit (apousia) von jener ist nämlich die Gesundheit, die Gesundheit aber der logos in der Seele und die Wissenschaft. Das Gesunde aber entsteht aus dem Kranken wie folgt: Weil Gesundheit dieses ist, ist es notwendig, daß dem, der gesund werden soll, dieses zukommt, wie zum Beispiel Gleichmäßigkeit, und wenn diese, Wärme. Und auf diese Weise denkt [der Arzt] immer weiter, bis er zu diesem Letzten kommt, das er selbst zu bewirken vermag. (Met. VII 7, 1032b2-9)

Der logos ist also die Überlegung des Arztes, die seiner Behandlung vorausgeht. Je nach Blickpunkt ist der logos also eine deliberative oder eine explanatorische Überlegung: Er ist deliberativ, weil er dem Arzt die richtige Behandlungsweise aufzeigt. Und er ist explanatorisch, weil er erklärt, warum die Krankheit entstanden ist. Der Arzt beginnt seine deliberative Überlegung bei dem zu erreichenden Ziel (telos) und schreitet in seiner Überlegung fort, bis er zu einem ihm zur Verfügung stehenden Mittel gelangt. Dies bestätigt eine weitere Stelle, an der Aristoteles dieses Vorgehen des Arztes darstellt: „Wenn zum Beispiel jemand gesund werden will, muß er ins Gleichgewicht kommen. Was ist nun das Ins-Gleichgewicht-Kommen? Dieses; das wird aber sein, wenn er erwärmt wird. Was ist aber das? Dieses. Dieses ist aber schon dem Vermögen nach (dynamei ) vorhanden; und das liegt schon bei ihm (ep' autôj ) .“ (1032b18-21; vgl. auch Phys. II 9, 200a34-b3)

Der Arzt beginnt seine Überlegung also bei dem eidos der Gesundheit, das sich in seiner Seele befindet (1032b16.23). Er muß zunächst wissen, was die Gesundheit überhaupt ist, die er anstrebt und herstellen will. Diese Vorstellung vom Wesen der Gesundheit nennt Aristoteles auch logos und epistemê der Gesundheit, (1032b5f). Die Frage nach dem Wesen, also danach, was etwas ist (ti esti, 1032b19.20), wiederholt sich bei den Termen, die in dem das jeweilige Wesen beschreibenden logos vorkommen. Der logos wird solange analysiert, bis der Arzt auf etwas stößt, das (a) bereits dem Vermögen nach im Patienten enthalten ist und das (b) zu bewirken in seiner Macht liegt (1032b21). Mit dieser Erkenntnis, die der Arzt aufgrund seines Wissens um das Wesen der Gesundheit gewonnen hat, kann er nun die richtige Therapie einleiten und den Patienten erwärmen, wenn ihm Wärme fehlt (1032b9) oder ihm bei Fieber Honigwasser verabreichen (Met. VI 2, 1027a23f).

Die fortschreitende Analyse des logos der Gesundheit kann in eine praktische Überlegung, die Mittel für Zwecke sucht, übersetzt werden: Um die Gesundheit wiederherzustellen, muß der Arzt ein Gleichgewicht herstellen. Um das Gleichgewicht herzustellen, muß der Arzt den Patienten erwärmen. Um den Patienten zu erwärmen, muß er in der Nähe eines Feuers sein. Sich in der Nähe des Feuers aufzuhalten aber vermag der Patient; hier kann der Arzt also mit der Therapie einsetzen. Hier wird nun deutlich, warum Aristoteles rationale Vermögen wie die Heilkunst als Vermögen meta logou bezeichnet: Der Heilkundige kann heilen aufgrund eines Wissen um das Wesen der Gesundheit, also aufgrund des logos der Gesundheit. Und er braucht zwei Dinge für die Heilung (Pol. VII 13, 1331b26ff): Erstens eben dieses Wissen um das Wesen der Gesundheit und zweitens Wissen um die Mittel, die so definierte Gesundheit herbeizuführen. Entsprechend können dem Arzt auch zwei Arten von Irrtümern unterlaufen. Er kann sich erstens in seiner Bestimmung des Wesens der Gesundheit irren, und zweitens kann er in der Wahl der Heilmittel irren, wenn er solche auswählt, die nicht mit seiner Wesensbestimmung der Gesundheit übereinstimmen.

Aristoteles' These ist, daß rationale Vermögen nicht nur eine Art der Verwirklichung haben, sondern zwei zueinander konträre Möglichkeiten, sich zu verwirklichen. Aufgrund der Heilkunst, so die These, kann nicht nur Gesundheit, sondern auch Krankheit entstehen (1046b7). Als Grund gibt Aristoteles an, daß eine Sache und deren Privation von derselben Wissenschaft und durch denselben logos erklärt werden, wenn auch nicht auf gleiche Weise (1046b13-15).[2] Krankheit ist aber nichts anderes als Abwesenheit von Gesundheit (und umgekehrt: 1032b4-5). Der logos von Krankheit ist also „Abwesenheit von Gesundheit“, und wenn nun dieser logos weiter analysiert wird, indem der in diesem logos vorkommende Term „Gesundheit“ analysiert wird, fließt die von Aristoteles in VII 7 dargestellte Analyse von Gesundheit auch in die Analyse von Krankheit ein. Auf diese Weise findet der Arzt heraus, daß er auch Krankheit bewirken kann, indem er (a) das, was der Gesundheit förderlich ist, unterläßt, hingegen aber (b) das tut, was der Gesundheit abträglich ist. Diese Interpretation wird durch eine Stelle aus NE V 2 bestätigt, wo Aristoteles ebenfalls eine medizinische Überlegung als Vergleich heranzieht:

polla/kij me ouÅn gnwri¿zetai h( e)nanti¿a eÀcij a)po th=j e)nanti¿aj, polla/kij de ai¸ eÀceij a)po tw½n u(pokeime/nwn: e)a/n te ga h( eu)eci¿a vÅ fanera/, kaiì h( kaxeci¿a fanera gi¿netai, kaiì e)k tw½n eu)ektikw½n h( eu)eci¿a kaiì e)k tau/thj ta eu)ektika/. ei¹ ga/r e)stin h( eu)eci¿a pukno/thj sarko/j, a)na/gkh kaiì th kaxeci¿an eiånai mano/thta sarkoj kaiì to eu)ektiko to poihtiko pukno/thtoj e)n sarki¿.

Häufig wird nun die konträre Verfassung (he enantia hexis) durch das Konträre erkannt, und häufig auch die Verfassung durch das Zugrundeliegende (hypokeimenon); denn wenn die gute Verfassung [des Körpers] (euexia) erkannt ist, dann wird auch die schlechte Verfassung (kachexia) offensichtlich, und aus den gesundheitsförderlichen Dingen (euektika) [wird] die gute Verfassung [offensichtlich] und aus dieser [werden] die gesundheitsförderlichen Dinge [offensichtlich]. Denn wenn die gute Verfassung Festigkeit des Fleisches ist, dann ist es notwendig, daß sowohl die schlechte Verfassung die Schwammigkeit des Fleisches ist als auch, daß das Gesundheitsförderliche das ist, was die Festigkeit im Fleisch bewirkt. (NE V 2, 1129a17-23)

Während also der logos der Gesundheit die Gesundheit erklärt, weil er eben ihr logos ist (kath' hauto, 1046b12f), erklärt er die Krankheit nur indirekt: Da Krankheit Abwesenheit von Gesundheit ist, wird das, was der Gesundheit in ihrem logos zugesprochen wird, der Krankheit abgesprochen: Wenn die Gesundheit X ist, ist der logos der Krankheit „Abwesenheit von X“. Auf diese Weise erklärt der logos die Privation „durch Verneinung und Wegnahme“ (1046b13f). Aristoteles setzt also voraus, daß man bei einer Wissenschaft stets unterscheiden kann, was eine Wissenschaft als solches und was sie nur akzidentell erklärt. Wenn nun jemand die „Krankmacherkunst“ erlernen wollte, die als solches das Vermögen zum Krankmachen und nur akzidentell das Vermögen zum Heilen ist, so wird er wahrscheinlich die gleichen Lehrsätze wie die Studenten der Heilkunst erlernen. (Vermutlich würden aber die praktischen Übungen dieses Studienganges anders aussehen ...) Aristoteles' These ist jedenfalls, daß der gute Arzt und der gute Krankmacher sich nicht hinsichtlich ihres Wissens unterscheiden, sondern nur hinsichtlich des von ihnen angestrebten Ziels: Während der Arzt nach Gesundheit strebt, strebt der Krankmacher nach Krankheit. Deshalb ist auch ein guter Krankmacher etwas anderes als ein schlechter Arzt: Zum einen hat der gute Krankmacher ein besseres Wissen als der schlechte Arzt, zum anderen streben beide verschiedenen Zielen zu.[3] Ein und dasselbe Wissen kann für das Gesundmachen und das Krankmachen verwendet werden: Es kommt darauf an, worauf das Streben (orexis) des Arztes gerichtet ist, auf seine Entscheidung (prohairesis), wofür er sein Wissen einsetzen will (Met. IX 5, 1048a11).[4]

Der Unterschied zwischen rationalen und nichtrationalen Vermögen ergibt sich für Aristoteles also aus dem Charakter der herstellenden Wissenschaften als Wissen über das Wesen der herzustellenden Dinge. Rationale Vermögen beziehen sich daher auf Kontraria, während dies bei nichtrationalen Vermögen nicht möglich ist: Das Wärmende kann nur wärmen, das Kühlende nur kühlen, weil es nicht möglich ist, daß sich die entgegengesetzten Vermögen zum Wärmen und Kühlen in ein und demselben finden (1046b15f.18f). Die rationalen Vermögen bedienen sich letztendlich immer der nichtrationalen Vermögen, um sich zu verwirklichen: „Daher bewegt [die Seele] beides durch dasselbe Prinzip und indem sie an dasselbe anknüpft; daher bewirken die gemäß einer Überlegung Vermögenden (ta kata logon dynata) die Kontraria durch die ohne Überlegung Vermögenden (tois aneu logou dynatois).“ (1046b22f) [5]

Die rationalen Vermögen knüpfen, wie sie nun auch verwirklicht werden, an dasselbe an: An den logos, der sowohl die Sache als auch ihre Privation erklärt. Je nachdem, ob die Sache oder aber ihre Privation verwirklicht werden soll, werden verschiedene Mittel gewählt: Der Arzt greift zum Wärmenden, um den unterkühlten Patienten zu heilen. Der Krankmacher aber wird sich des Kühlenden bedienen, um damit die Heilung dieses Patienten zu verhindern oder den Patienten gar kränker zu machen. Dasselbe rationale Vermögen ist also aufgrund desselben Wissens auf unterschiedliche Ziele ausgerichtet, indem es sich als Mittel unterschiedlicher nichtrationaler Vermögen bedient.

  • [1] Zu Aristoteles' Bild vom Arzt vgl. Cordes 1994, 170-184. Auf die in IX 2 angesprochene Mißbrauchmöglichkeit des ärztlichen Wissens geht Cordes leider nicht ein, auch nicht im Zusammenhang mit einem der anderen von ihm behandelten Autoren
  • [2] Ob es für einander Entgegengesetztes nur eine Wissenschaft gebe, ist ein in der Topik häufig verwendetes Beispiel für ein dialektisches Problem. Vgl. Top. I 14, 105b23; VIII 1, 155b30-35 u.ö.; vgl. auch Met. XIII 4, 1078b25-27. Vgl. auch Platon, Charm. 170a-171b
  • [3] Ärzte, die ihren Patienten vorsätzlich schaden, werden oft als Beispiel herangezogen. Zu solchen mörderischen Ärzten vgl. Pol. III 16, 1287a32-35, Platon, Hip. min. 375b, Polit. 298a-b
  • [4] Zu den Begriffen orexis, prohairesis und nous im handlungstheoretischen Kontext vgl. Jedan 2000, 98-127
  • [5] Die Phrase tois aneu logou dynatois findet also eine ganz unproblematische Interpretation, so daß kein Anlaß besteht, sie wie Furth Met. 133 zu streichen oder sie wie Ross Met. II 243 als „rather pointless“ zu bezeichnen
 
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