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3.2 Vermögen jenseits der Bewegungsprinzipien

3.2.1 Vermögen als Analogiebegriff

Die Methode, mit der Aristoteles den Vermögensbegriff so ausweitet, daß nicht mehr nur Bewegungsprinzipien unter ihn fallen, ist die Analogie: Aristoteles sagt in Met. IX 6 ausdrücklich, daß man nicht für alles einen Begriff (horos) suchen muß (1048a36f). Vielmehr kann man die Bedeutung eines Wortes auch lernen durch die Angabe von Beispielen (epagogê, 1048a36) und „indem man das Analoge zusammenschaut“ (tôj analogon synoran, 1048a37). Aristoteles sagt also, daß eine strikte Definition des gesuchten Begriffes nicht notwendig ist. Viele Kommentatoren gehen über diese Feststellung hinaus und stellen fest, daß nach den Maßstäben des Aristoteles eine solche Definition von „Vermögen“ und „Verwirklichung“ auch gar nicht möglich ist.[1] Denn man definiert Aristoteles zufolge etwas durch Angabe von genus proximum und differentia specifica, durch Angabe des Oberbegriffes und der artbildenden Differenz (ho horismos ek genous kai diaphorôn estin, Top. I 8, 103b15). Die Beispiele, die Aristoteles angibt, gehören aber zu ganz verschiedenen Kategorien (vgl. Cat. 4): Eine Hermesstatue ist eine ousia, die Hälfte aber ein quantitatives pros ti, das Wissen ein qualitatives pros ti. Für Elemente aus verschiedenen Kategorien gibt es aber keine gemeinsame Gattung, und so gibt es für Aristoteles auch keine Gattung, die alles Seiende umfaßt (Met. III 3, 998b23f). Im Grunde müßte Aristoteles Vermögen und Verwirklichung für jede Kategorie einzeln erläutern, wie er es in Phys. III 1 auch mit den verschiedenen Bewegungsarten macht: Das, was oft als Aristoteles' „Definition“ der Bewegung angesehen wird, ist jedenfalls keine Definition im Sinne des Aristoteles, sondern nur ein Merkvers, der die analogen Verhältnisse der Bestimmungen der Veränderungen in den einzelnen Kategorien (Phys. III 1, 201a11-15; III 3, 202b25f) zusammenfaßt. Entsprechend will Aristoteles sich in IX 6 die umständliche Prozedur ersparen, einen eigenen Vermögensbegriff für jede Kategorie zu formulieren. Er sieht es als sinnvoller an, die Analogie der Verhältnisse zu betonen:

dh=lon d' e)piì tw½n kaq' eÀkasta tv= e)pagwgv= oÁ boulo/meqa le/gein, kaiì ou) deiÍ pantoj oÀron zhteiÍn a)lla kaiì to a)na/logon sunora=n, oÀti w¨j to oi¹kodomou=n proj to oi¹kodomiko/n, kaiì to e)grhgoroj proj to kaqeu=don, kaiì to o(rw½n proj to mu=on me oÃyin de eÃxon, kaiì to a)pokekrime/non e)k th=j uÀlhj projth uÀlhn, kaiì to a)peirgasme/non proj to a)ne/rgaston. tau/thj de th=j diafora=j qate/r% mori¿% eÃstw h( e)ne/rgeia a)fwrisme/nh qate/r% de to dunato/n. le/getai de e)nergei¿# ou) pa/nta o(moi¿wj a)ll' hÄ t%½ a)na/logon, w¨j tou=to e)n tou/t% hÄ proj tou=to, to/d' e)n t%½de hÄ proj to/de: ta me ga w¨j ki¿nhsij proj du/namin ta d' w¨j ou)si¿a pro/j tina uÀlhn.

Es ist aber klar, daß hinsichtlich jedes Einzelnen (kath' hekasta) durch epagogê [deutlich wird], was wir sagen wollen, und man muß nicht für alles einen Begriff (horos) suchen, sondern auch das Analoge (to analogon) zusammensehen, nämlich (hoti ) : Wie das Bauende [sich verhält] zum (pros) Baumeister, so auch das Wachende zum (pros) Schlafenden, so auch das Sehende zu (pros) dem, der die Augen geschlossen hat, aber über den Gesichtssinn verfügt, so auch das vom Stoff Abgetrennte zum (pros) Stoff, so auch das Bearbeitete zum (pros) Unbearbeiteten. Durch den einen Teil dieser Gegensatzreihe (diaphora) wird die Verwirklichung (hê energeia) bestimmt, durch den anderen das Vermögende (to dynaton). Das der Verwirklichung nach [Seiende] wird aber nicht immer auf dieselbe Weise (homoiôs) ausgesagt, sondern durch die Analogie (tô analogon): Wie dieses in diesem ist oder zu (pros) diesem [sich verhält], [so ist] jenes in jenem oder [verhält sich] zu (pros) jenem. Denn die einen [verhalten sich] wie Bewegung zum Vermögen (hôs kinêsis pros dynamin), die anderen wie Wesen zu bestimmtem Stoff (hôs ousia pros tina hylên). (Met. IX 6, 1048a35-b9)

Die Analogie lenkt also das Augenmerk auf die Ähnlichkeit von Verhältnissen: Wie sich A zu B verhält, so verhält sich B zu C (1048b7f). Bisher war das, wofür ein Vermögen Vermögen war, eine Bewegung (kinêsis, vgl. 1048b8). Dies soll nun nicht mehr notwendig sein, denn der Vermögensbegriff soll auf anderes ausgeweitet werden. Was gleich oder ähnlich bleiben soll, ist die Art der Relation zwischen dem Vermögen und dem, wofür es Vermögen ist. Betrachten wir dazu nun genauer die Beispiele, die Aristoteles anführt, um zu sehen, wie Aristoteles die bisherige Verwendungsweise von „Vermögen“ erweitert.

  • [1] Vgl. z.B. Ross Met. II 251, Smeets 1952, 98-99, Seidl Met. II 472
 
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