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3.3.9 Erste und zweite Entelechie (Phys. VIII 4; An. II 5)

Aristoteles' Unterscheidung zwischen kinêsis und energeia ist mit vielen seiner anderen Lehrstücke verknüpft, die die obige Interpretation untermauern oder von ihr erhellt werden. Dazu gehört auch die Unterscheidung zweier Arten von Vermögen, die wie zwei Stufen aufeinanderfolgen, die Aristoteles in der folgenden Passage aus „De anima“ macht:

eÃsti me ga ouÀtwj e)pisth=mo/n ti w¨j aÄn eiãpoimen aÃnqrwpon e)pisth/mona oÀti o( aÃnqrwpoj tw½n e)pisthmo/nwn kaiì e)xo/ntwn e)pisth/mhn: eÃsti d' w¨j hÃdh le/gomen e)pisth/mona to eÃxonta th grammatikh/n: e(ka/teroj de tou/twn ou) to au)to tro/pon dunato/j e)stin, a)ll' o( me oÀti to ge/noj toiou=ton kaiì h( uÀlh, o( d' oÀti boulhqeiìj dunatoj qewreiÍn, aÄn mh/ ti kwlu/sv tw½n eÃcwqen: o( d' hÃdh qewrw½n, e)ntelexei¿# wÔn kaiì kuri¿wj e)pista/menoj to/de to A. a)mfo/teroi me ouÅn oi¸ prw½toi, kata du/namin e)pisth/monej <oÃntej, e)nergei¿# gi¿nontai e)pisth/monej,> a)ll' o( me dia maqh/sewj a)lloiwqeiìj kaiì polla/kij e)c e)nanti¿aj metabalwÜn eÀcewj, o( d' e)k tou= eÃxein th a)riqmhtikh hÄ th grammatikh/n, mh e)nergeiÍn de/, ei¹j to e)nergeiÍn, aÃllon tro/pon.

Hinsichtlich der Vermögen und der Vollendungen muß unterschieden werden. Denn wir haben bisher [nur] schlechthin (haplôs) von diesen gesprochen. Denn auf eine Weise ist jemand in dem Sinne wissend, in dem man einen Menschen „wissend“ nennt, weil der Mensch [als Spezies] zu den Wissenden gehört und zu denen, die über Wissen verfügen. Auf eine andere Weise nennen wir den einen Wissenden, der schon über die Grammatikkenntnisse verfügt. Diese beiden sind nicht auf dieselbe Weise vermögend, sondern der eine, weil die Art (genos) und der Stoff (hylê ) so-und-so beschaffen sind, der andere, weil er, wenn er will, betrachten (theorein) kann, wenn nichts Äußeres hindert. Wer aber schon betrachtet, ist der Vollendung nach (entelecheiaj ) und im eigentlichen Sinne (kyriôs) ein Wissender in bezug auf dieses bestimmte A, [das er betrachtet]. Die beiden ersten sind dem Vermögen nach (kata dynamin) Wissende; <sie werden der Verwirklichung nach Wissende>[1], der eine dadurch, daß er durch Lernen sich qualitativ wandelt und sich oftmals aus dem entgegengesetzten Zustand heraus verändert, der andere aber geht aus dem Haben der Mathematikoder der Grammatikkenntnisse und dem Nichtanwenden (mê energein) auf eine andere Weise in das Verwirklichen (energein) über. (An. II 5, 417a22-b2)

Aristoteles unterscheidet zwei Bedeutungen von „dynamei wissend“ (bzw. „kata dynamin wissend“): Zum einen ist der Schüler dem Vermögen nach wissend, zum anderen wird aber auch derjenige „dynamei wissend“ genannt, der über das Wissen verfügt, es aber nicht anwendet. Den Wissenden, der sein Wissen anwendet und den Gegenstand seines Wissens betrachtet, nennt Aristoteles

„der Vollendung nach (entelecheiaj ) wissend“. In ganz ähnlicher Weise diskutiert Aristoteles diese Doppeldeutigkeit in der Physik:

e)peiì de to duna/mei pleonaxw½j le/getai, [...]. eÃsti de duna/mei aÃllwj o( manqa/nwn e)pisth/mwn kaiì o( eÃxwn hÃdh kaiì mh e)nergw½n. a)eiì d', oÀtan aÀma to poihtiko kaiì to paqhtiko wÕsin, gi¿gnetai e)nergei¿# to dunato/n, oiâon to manqa/non e)k duna/mei oÃntoj eÀteron gi¿gnetai duna/mei āo( ga eÃxwn e)pisth/mhn mh qewrw½n de duna/mei e)stiìn e)pisth/mwn pwj, a)ll' ou)x w¨j kaiì priìn maqeiÍnŸ, oÀtan d' ouÀtwj eÃxv, e)a/n ti mh kwlu/v, e)nergeiÍ kaiì qewreiÍ, hÄ eÃstai e)n tv= a)ntifa/sei kaiì e)n a)gnoi¿#.

Es wird nun aber das „dem Vermögen nach“ auf vielfache Weise ausgesagt [...]. Es ist der Lernende auf eine andere Weise dem Vermögen nach wissend als einer, der [Wissen] schon hat, es aber gerade nicht anwendet (mê energôn). Immer dann, wenn zugleich ein Wirkfähiges (poietikon) und ein Beeinflußbares (pathetikon) beieinander sind, wird das [vorher bloß] Vermögende (to dynaton) der Verwirklichung nach (energeiaj ) werden, wie zum Beispiel der Lernende aus einem dem Vermögen nach Seienden zu einem anderen dem Vermögen nach [Seienden] wird (denn wer Wissen hat, aber es gerade nicht betrachtet, ist doch auch auf eine Weise dem Vermögen nach wissend, wenn auch nicht so, wie vor dem Lernen); sobald er es dann auf diese Weise hat, wenn ihn daran nichts hindert, wendet er es an (energei ) und betrachtet; ansonsten wäre er im dazu entgegengesetzten Zustand und in Unwissenheit. (Phys. VIII 4, 255a30-31.33-b5)

Aus diesem Textausschnitt, der die Mehrdeutigkeit von dynamei diskutiert, erfahren wir, daß der nichtbetrachtende Wissende einerseits dynamei wissend ist, und zwar auf eine andere Weise als der Lernende, daß er andererseits aber auch energeiaj, der Verwirklichung nach, wissend ist, denn er befindet sich ja auf der Endstufe des Lernens, des Veränderungsprozesses von der Unwissenheit zum Wissen. Diese energeia, die durch den nichtbetrachtenden Wissenden repräsentiert wird, wird traditionell als „erste Entelechie“ bezeichnet:

Sie ist das Verfügen über ein Vermögen, das aber nicht ausgeübt wird. Die energeia hingegen, die durch den betrachtenden Wissenden repräsentiert wird, wird als „zweite Entelechie“ bezeichnet: Sie ist das Ausüben des Vermögens, das man in der ersten Entelechie lediglich besitzt, aber nicht ausübt.[2]

In den Zustand der ersten Entelechie gelangt man durch eine Bewegung, durch eine kinêsis : Durch das Lernen verändert sich der Schüler qualitativ; Lernen ist eine Veränderung von Unwissenheit hin zu Wissen (An. II 5, 417a31f). Dieser Übergang ist also eine kinêsis. Der Übergang von der ersten Entelechie zur zweiten Entelechie ist jedoch keine Veränderung einer Qualität (ouk estin alloiousthai, An. II 5, 417b6), höchstens in einem anderen Sinne des Wortes (he heteron genos alloiôseôs, An. II 5 417a7): Diese Art von Tätigkeit entspricht dem, was Aristoteles in IX 6 als energeia der kinêsis gegenübergestellt hat.[3]

  • [1] Vgl. Ross An. 236 zur Stelle
  • [2] Die Begriffe „erste Entelechie“ und „zweite Entelechie“ stammen von späteren Kommentatoren; bei Aristoteles findet sich nur prôtê entelecheia und nur an zwei Stellen, nämlich in der „Definition“ der Seele in An. II 1, 412a27 und in 412b5. Die Zitate dieses Kapitels zeigen, daß die Unterscheidung der Sache nach aber schon bei Aristoteles zu finden ist (gegen Menn 1994; die Belegstellen werden dort 89-90 diskutiert)
  • [3] Liske 1991 weist zu Recht auf die enge Beziehung zwischen der Unterscheidung von kinêsis und energeia einerseits und von erster und zweiter Entelechie andererseits hin, während Ackrill 1965 beide Lehrstücke als unverbunden ansieht
 
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