Zweiter Erhebungsschritt: Interview

Das problemzentrierte Interview bietet sich als eine angemessene Erhebungsmethode für die Erhebung von Schülervorstellungen an. Grundsätzlich zeichnet sich das problemzentrierte Interview durch zwei Kommunikationsstrategien aus. Gerade zu Beginn des Interviews werden vor allem erzählungsgenerierende Techniken eingesetzt, während im weiteren Verlauf verstärkt verständnisgenerierende Techniken genutzt werden (vgl. Witzel 2000, S. 4).

Zu Beginn des Interviews wurde den Schülern die Frage gestellt, was sie unter dem Begriff „Globalisierung“ verstehen. Nach dem Gesprächseinstieg über diese offen formulierte Frage ging es erst einmal darum, möglichst viel über die Vorstellungen des Schülers zu erfahren. Die erzählgenerierende Technik der allgemeinen Sondierung lieferte, ausgehend von den in dieser ersten Phase des Interviews erfolgenden Themensetzungen des Befragten, Informationen über dessen Sichtweise. Um Daten gewinnen zu können, die eine Rekonstruktion der Denkweisen des Interviewteilnehmers erlauben, musste der Entfaltung von dessen Problemsicht viel Raum gegeben werden. Die Schüler bekamen die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge in der von ihnen intendierten Weise zu entwickeln. Ad-hoc-Fragen waren immer dann notwendig, wenn Themen, die für die Vergleichbarkeit der Interviews wichtig sind, nicht angesprochen wurden. Im Zuge des Einsatzes der erzählgenerierenden Kommunikationstechniken wurde zunehmend ein Einblick in die Sichtweisen der Befragten gewonnen. Über die dann vermehrt genutzten Techniken der verständnisgenerierenden Kommunikationsstrategie konnten dann die konkreter werdenden Annahmen über die zugrundeliegenden Denkweisen überprüft werden. Die verständnisgenerierenden Kommunikationstechniken der spezifischen Sondierung sind die Zurückspiegelung, die klärende Verständnisfrage und die Konfrontation (Witzel 1985, S. 247 ff.). Bei der Zurückspiegelung werden dem Befragten seine Äußerungen in zusammenfassender Weise präsentiert, um zu überprüfen, ob die entsprechenden Ausführungen in angemessener Weise verstanden wurden. Klärende Verständnisfragen zielen darüber hinaus auf eine explizierende Auseinandersetzung mit den für das Verständnis der jeweiligen Sichtweise besonders relevant erscheinenden Aussagen. Der Interviewpartner wird gebeten, diese Aussagen zu erläutern. Das bedeutet oftmals, dass der Befragte sich stärker mit seinen jeweiligen Sichtweisen auseinandersetzen muss. Im Vergleich zur Zurückspiegelung erhält man so, über die Einschätzung der Angemessenheit der vorgenommenen Interpretationen hinaus, oftmals weitergehende Informationen über die Denkweisen des Befragten. Die Technik der Konfrontation wurde in dieser Untersuchung nicht eingesetzt. Die Grundlage der dialogischen Gesprächsbeziehung ist der Aufbau eines gewissen Maßes an Vertrauen in den Interviewer. Die im Vergleich zu der klärenden Nachfrage offensivere Gesprächstechnik der Konfrontation kann zwar wichtige Informationen über die Sichtweise des Befragten liefern, läuft gleichzeitig jedoch Gefahr, Rechtfertigungen hervorzurufen und die notwendige konstruktive Gesprächsatmosphäre zu beeinträchtigen. [1]

Stattdessen wurde auf Fragetechniken zurückgegriffen, die Ullrich (1999) für die Rekonstruktion sozialer Deutungsmuster im Rahmen des diskursiven Interviews entwickelt hat. Um den Rückgriff auf soziale Deutungsmuster untersuchen zu können, werden die „individuellen Derivationen“ [2] der Untersuchungsteilnehmer über direkte Begründungsaufforderungen erfasst (Ullrich 1999, S. 11 f.). Stellungnahmen werden in dem diskursiven Interview nicht nur ausgehend von der direkten Interviewinteraktion, sondern unabhängig von vorhergehenden Äußerungen des Befragten erbeten. Die Befragten wurden so systematisch dazu veranlasst, Begründungen und Situationsdefinitionen vorzunehmen.

  • [1] Den Schülern wurde vor dem Interview erklärt, dass es in dem Gespräch um ihre persönliche Sichtweise der Globalisierung gehe. Sie wurden gebeten, sich als Experten ihrer eigenen Sichtweise zu äußern. Es wurde darauf hingewiesen, dass es angesichts dieser Zielsetzung grundsätzlich keine falschen Aussagen geben kann. Eine konfrontierende Auseinandersetzung wäre mit dieser zuvor erläuterten Rolle des Interviewten nicht vereinbar gewesen.
  • [2] Ullrich bestimmt den auf Pareto (1935) zurückgehenden Begriff der „Derivation“ folgendermaßen: „Derivationen sind also kommunizierte Konkretisierungen oder Adaptionen von Deutungsmustern, deren vornehmlicher Zweck darin besteht, das eigene Handeln gegenüber Interaktionsteilnehmern zu erklären und zu begründen.“ (Pareto 1935, S. 5).
 
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