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4. Megariker, Konsistenz und Vermögen:

Eine notwendige Bedingung für Vermögen (IX 3-4)

4.1 Die Polemik gegen die Megariker

4.1.1 Welche Megariker?

In den vorangehenden Kapiteln habe ich die beiden eng miteinander verbundenen Funktionen der Aristotelischen Vermögen behandelt: Vermögen sind explanatorische Prinzipien für Veränderungsvorgänge und zugleich ontologische Prinzipien für Seinsstrukturen. In diesem Kapitel wird es darum gehen, daß Vermögen diese Funktionen nicht mehr erfüllen können, wenn man annimmt, daß die Vermögen nur dann zugeschrieben werden können, wenn sie tatsächlich ausgeübt werden. Es scheint eine Gruppe von Philosophen gegeben zu haben, die genau dieses Zusammenfallen von Vermögendsein und Verwirklichtsein behauptet haben. Aristoteles nennt sie „die Megariker“ (hoi Megarikoi, 1046b29); mit ihnen setzt er sich in Met. IX 3 auseinander:

Ei¹siì de/ tinej oià fasin, oiâon oi¸ Megarikoi¿, oÀtan e)nergv= mo/non du/nasqai, oÀtan de mh e)nergv= ou) du/nasqai, oiâon to mh oi¹kodomou=nta ou) du/nasqai oi¹kodomeiÍn, a)lla to oi¹kodomou=nta oÀtan oi¹kodomv=: o(moi¿wj de kaiì e)piì tw½n aÃllwn.

Es gibt einige, die sagen, wie zum Beispiel die Megariker (hoi Megarikoi ) , daß etwas nur dann [etwas] vermag, wenn es dies tatsächlich tut (hotan energê monon dynasthai ) , wenn es aber [dies] nicht tut, dies nicht vermag (hotan de mê energê ou dynasthai ) ; wie zum Beispiel jemand, der [gerade] kein Haus baut, auch nicht vermag, Häuser zu bauen, sondern nur derjenige, der ein Haus baut, in der Zeit wo er ein Haus baut; entsprechend auch in den anderen [Fällen]. (Met. IX 3, 1046b 29-32)

Es ist nicht ganz klar, auf wen Aristoteles hier mit der Bezeichnung „die Megariker“ verweisen wollte; es ist die einzige Stelle in seinen Schriften, an der diese Bezeichnung vorkommt. Philosophen aus drei verschiedenen Generationen sind hinter diesem Namen vermutet worden (Leser, die an diesen historischen Überlegungen nicht interessiert sind, können den Rest dieses Abschnitts übergehen):

(1) Der fälschlich Alexander von Aphrodisias zugeschriebene antike Kommentar zum neunten Buch der Metaphysik mutmaßt, die Bezeichnung „Megariker“ beziehe sich vielleicht auf die Schule des Sokrates-Schülers Eukleides von Megara (Ps.-Alex., In Met. 570, 25-30 ed. Hayduck = Döring 130B). Die antike Doxographie will es, daß Eukleides (ca. 450-370 v.Chr.) neben sokratischen Lehren auch parmenideisches Gedankengut aufnahm (Döring 26A, 31). Dies würde gut zu Aristoteles' noch darzustellendem Vorwurf passen, die Megariker würden mit diesem Lehrsatz Bewegung und Veränderung aufheben (Met. IX 3, 1047a14). Doch sprechen einige Argumente gegen die Identifizierung der Megarikoi in Met. IX 3 mit der Schule des Eukleides:[1] Erstens pflegt Aristoteles Philosophenschulen sonst stets nach ihrem Gründer, nicht nach ihrem Ort zu benennen. Die Nachfolger des Eukleides müßten also „Eukleidiker“ heißen, nicht „Megariker“. Sodann dürfte es sich bei der angeblichen Beeinflussung des Eukleides durch Parmenides um eine „ziemlich gewaltsame antike Doxographenkonstruktion“[2] handeln. Zudem formuliert PseudoAlexander seine Angabe sehr vorsichtig; er scheint die Angabe selber nicht für sicher gehalten zu haben. Und schließlich ist es äußerst fraglich, ob Eukleides überhaupt eine Schule im eigentlichen Sinn gegründet hat: Von Platon abgesehen, sind die Sokratiker „keine Schulgründer im eigentlichen Wortsinn (auch darin sind sie echt sokratisch), sondern sind belebender und lebendiger Mittelpunkt eines Kreises von Zuhörern und Freunden“.[3]

(2) Die Auseinandersetzung in Met. IX 3 ist auch mit Diodoros Kronos (ca. 350-Anf. 3. Jh. v. Chr.) in Verbindung gebracht worden,[4] der von den antiken Doxographen ebenfalls zu den Megarikern gezählt wird (Diog. Laert. II 111 = Döring 99). Diodoros formulierte – ähnlich wie Zenon – Argumente für die Unmöglichkeit der Bewegung (vgl. Döring 121-129) und entwickelte eine eigene Theorie des dynaton, die durch sein berühmtes „Meister-Argument“ (kyrieuôn logos) bewiesen werden sollte. Unglücklicherweise ist der eigentliche Beweisgang des Arguments nicht überliefert; aus den Berichten des Epiktet (Diss. II 19, 15 = Döring 131 = FDS 993), Ciceros (De Fato 6.12-7.13 und 9.17 = Döring 132A; vgl. FDS 989) und Alexanders von Aphrodisias (In APr 183.34-184.12

= FDS 992) sind aber die Prämissen und die Konklusion bekannt, aus denen das Argument bestehen soll:[5]

(X1) Alles Wahre in der Vergangenheit ist notwendig. (X2) Aus etwas Möglichem folgt nichts Unmögliches.

(X3) Es gibt etwas Mögliches, das weder wahr ist noch wahr sein wird.

Das Argument sollte nun die Unvereinbarkeit dieser drei Behauptungen aufzeigen. Daraus schloß Diodor auf die Falschheit von (X3). Diodors Konklusion ist also:

(X4) Alles, was möglich ist, ist entweder wahr oder wird wahr sein.

Für die Identifikation des Diodor mit einem der in Met. IX 3 erwähnten Philosophen spricht zunächst, daß die Aussagen des Meister-Arguments sich bei Aristoteles wiederfinden: (X1) findet sich z.B. in Int. 9, 19a23f (vgl. Kap. 5.1.2); (X2) in Met. IX 3, 1047a24ff und APr I 13, 32a18ff (vgl. Kap. 4.3); und die Frage, ob (X3) oder (X4) wahr ist, könnte in IX 4, 1047b3-6 angesprochen sein (vgl. Kap. 4.4).[6] Allerdings ist nicht klar, ob Diodor sich tatsächlich mit Aristoteles und dessen Theorie des dynaton auseinandersetzt; es darf nicht einmal als sicher gelten, daß Diodor Aristoteles' Theorie kannte. Sicher ist allerdings, daß Diodor sich mit den Ansichten seines Schülers Philon von Athen (3. Jh. v. Chr.) auseinandersetzte, dessen dynaton-Theorie gewisse Ähnlichkeiten zur Vermögenstheorie des Aristoteles hat.[7] Neben dieser Unsicherheit spricht vor allem das folgende Argument gegen die Identifizierung der Megarikoi in IX 3 mit Diodor: Diodor definiert nicht wie die in Met. IX 3 genannten Megariker das dynaton als das, was ist, sondern als das, was ist oder sein wird. Durch diese Einbeziehung der Zukunft unterscheidet sich Diodors Definition deutlich von der in Met. IX 3 kritisierten These.[8] Zudem ist es wahrscheinlich, daß Pseudo-Alexander auf Diodor und nicht auf Eukleides verwiesen hätte, wenn tatsächlich jener von Aristoteles in Met. IX 3 kritisiert worden wäre, denn Alexander beweist an anderen Stellen seiner Kommentare „eine gute Kenntnis des Diodoros Kronos“.[9] Es ist daher unwahrscheinlich, daß Aristoteles sich in Met. IX 3 auf Diodor bezieht, auch wenn Diodor später offensichtlich eine der Aristotelischen Theorie nahekommende Position kritisiert.

(3) Giannantoni hat schließlich vorgeschlagen, die Polemik in Met. IX 3 auf den Eukleides-Schüler Eubulides (4. Jh. v. Chr.) zu beziehen. Von Eubulides ist bekannt, daß er Aristoteles in vielen Punkten kritisiert hat (polla auton diabelêke; Diog. Laert. II 109 = Döring 59). Eubulides hat Aristoteles sowohl hinsichtlich dessen persönlicher Integrität angegriffen (Döring 60 = SSR II B9), als auch hinsichtlich einiger logischer Lehrsätze, wie aus Quellen deutlich wird, die in arabischer Übersetzung überliefert sind: „Es handelt sich bei diesen Quellen um einen Traktat des Themistius und einen Brief Alexanders von Aphrodisias; nach dem ersten Zeugnis soll Eubulides (und Menelaos) die Konversion der kategorischen Aussagen abgelehnt haben, nach dem zweiten soll er die Konvertierbarkeit der partikulär verneinenden Aussage behauptet haben.“[10] Dann aber ist es wahrscheinlich, daß auch Aristoteles sachliche Gründe hatte, Lehren des Eubulides anzugreifen, auch wenn uns keine Äußerungen über dynamis oder dynaton bekannt sind, die eindeutig dem Eubulides zuzuschreiben sind.[11]

Das Zeugnis des Aristoteles in 1046b29-32 (= Döring 130A = SSR II B15) ist, sollte Giannantonis Zuschreibung stimmen, die einzige Quelle für die Auffassungen des Eubulides (und überhaupt für einen der Megariker vor Diodor) zu Möglichkeit oder Vermögen. Verschiedene Interpreten haben versucht, auch in den Argumenten gegen die megarische These Fragmente der Megariker selbst zu entdecken; insbesondere das Argument, das die Unmöglichkeit der Bewegung nachwies (1047a10-14), wurde den Megarikern selbst zugeschrieben,[12] da man ohnehin einen parmenideischen Einfluß auf diese Schule vermutete. Doch ist dieser Text ein Argument des Aristoteles gegen die Megariker; es gibt keinen Hinweis darauf, daß die Megariker mit dieser Konsequenz ihrer These einverstanden gewesen wären. Dieser Text kann also zur Rekonstruktion der Position der historischen Megariker nicht herangezogen werden, da es sich nicht mehr um die Darstellung der megarischen Position, sondern um deren Widerlegung handelt, für die Aristoteles selber passende Gegenbeispiele und Argumente gesucht hat.

Es ist auch keineswegs sicher, daß es sich bei der Darstellung der megarischen Position in 1046b29-32 um ein wörtliches Zitat handelt. Vielmehr reformuliert Aristoteles die Lehren anderer Philosophen gerne in seinem eigenem Fachvokabular (man denke nur an Met. I); oft kritisiert Aristoteles auch nicht die expliziten Thesen anderer Philosophen, sondern implizite Konsequenzen, die sich nach seiner Meinung aus den expliziten Thesen ergeben (wie aus seinem Umgang mit Platons „Politeia“ in Pol. II deutlich wird). Dies alles sind Unsicherheitsfaktoren, die es schwer machen, den historischen Hintergrund der Diskussion in IX 3 genau zu verorten.[13] Wenn im folgenden von den Megarikern die Rede ist, soll dies keine Aussage über die historischen Megariker sein, sondern auf die Megariker, wie Aristoteles sie verstanden hat und darstellt. Ein zweiter methodischer Hinweis ist hier angebracht: Es nützt wenig, die These der Megariker so weit abzuschwächen, daß sie nach heutigen Maßstäben plausibel wird, denn es sind nicht heutige Maßstäbe, die eine These für antike Philosophen attraktiv machte.[14] Wichtig hingegen ist, wie Aristoteles die These versteht und warum er sie für falsch hält.

  • [1] Vgl. Giannantoni 1993, 157
  • [2] Döring 1972, 83 unter Berufung auf von Fritz 1931, 707-714. Ebenso Döring 1998, 210 und Giannantoni 1993. Die Gegenthese wurde in jüngster Zeit noch von Magris 1977 vertreten; vgl. auch Clavet 1976
  • [3] Giannantoni 1993, 159
  • [4] So z.B. Zeller 1882, Hartmann 1937
  • [5] Für die Literatur zum Meister-Argument vgl. Gaskin 1995, Vuillemin 1996, Weidemann 1999a
  • [6] Vgl. die Belege für die vier Sätze bei Hintikka 1973, 182-183
  • [7] Vgl. die Darstellung bei Bobzien 1993. Zum Möglichkeits- und Potentialitätsbegriff in der hellenistischen Philosophie vgl. auch Ide 1988
  • [8] Döring führt die Met. IX 3, 1046b29-32 zwar unter den Diodor zugeordneten Fragmenten auf (= Döring 130A), meint aber im Kommentar dazu (1972, 133) in Met. IX 3 „fassen wir eine ältere megarische Lehre vom Möglichen“, die dann „von Diodor und Philon modifiziert“ wurde
  • [9] Giannantoni 1993, 157; dort die Belege
  • [10] Vgl. Giannantoni 1993, 161. Italienische Übersetzungen der Textstellen in SSR IV, 88
  • [11] Noch später setzt Grayeff 1974, 192 die Gegner an, gegen die ihm zufolge Met. IX 3-4 argumentiert. Für Grayeff sind diese Kapitel (wie auch IX 2, 4, Teile von 6, 9-10 und vielleicht 7-8; vgl. Grayeff 1974, 191) nacharistotelisch: „The Megaric school flourished in Plato's time; hence its original members could not have been aquainted with the Peripatetic concepts of the potential and the actual. The allusion can, therefore, only be to a later, Sceptical, school, which, in fact, grew out of the Megaric school.“ Grayeffs Darstellung ist keineswegs so zwingend, wie er insinuiert, und die massenweise Kennzeichnung von Kapiteln als „nacharistotlisch“ ist für das Verständnis weder nötig noch hilfreich
  • [12] Dies versucht Clavet 1976; vgl. dazu auch McClelland 1981, 134-139. Verbeke 1983, 64 führt das Wahrnehmungsargument 1047a7-10 auf die Megariker zurück
  • [13] Reale Met. III 436-437 enthält sich daher einer philosophiehistorischen Hypothese: „In tanta incertezza, non resta che cercare di intendere il nostro capitolo di per sé, senza azzardare ipotesi storiche non verificabili.“
  • [14] Vgl. z.B. die ersten fünf der sechs in Notes 61-62 vorgeschlagenen „possible interpretations“. Vgl. auch Clavet 1976, der die megarische Möglichkeitslehre als Aporie versteht und deshalb Aristoteles' Reaktion als unangemessen empfindet
 
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