Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Philosophie arrow Tun und Können
< Zurück   INHALT   Weiter >

4.1.2 Das Beweisziel der Polemik

Nicht nur der „Gegner“, sondern auch der Inhalt der Polemik mit den Megarikern des neunten Buches der Metaphysik ist in der neueren Forschung intensiv behandelt worden. Dabei wurde zu Recht ein enger Zusammenhang zwischen IX 3 und IX 4 angenommen. Smeets meint, diese Kapitel seien ein späterer Einschub in eine ältere Textschicht.[1] Bärthlein meint sogar, Aristo- teles vertrete in diesen Kapiteln eine ganz andere Auffassung als im Rest des Buches.[2] Ich gehe davon aus, daß es inhaltliche und systematische Gründe gibt, die Aristoteles dazu bewogen haben, diese Kapitel in die Vermögensabhandlung einzufügen, ohne mich darauf festlegen zu wollen, zu welchem Zeitpunkt dies geschah. Ein interpretatorischer Ansatz kann gewiß keinen Anspruch auf Originalität erheben. Denn alle antiken und mittelalterlichen Kommentatoren fragten weniger nach der Entstehung der Texte, als nach der Geltung der in den Texten enthaltenen Theorien. So findet sich die Grundidee, die der folgenden Interpretation zugrunde liegt, beispielsweise schon ganz ähnlich bei Thomas von Aquin:[3] Es geht um den Aufweis des Unterschiedes von Vermögen und Verwirklichung. In IX 3 weist Aristoteles nach, daß die Verwirklichung nicht notwendig ist für das Vermögen, während er in IX 4 darauf aufmerksam macht, daß daraus nun nicht folgt, es sei schlechthin alles möglich.[4]

Die obige Übersetzung von 1046b29-32 geht davon aus, daß Aristoteles die megarische These als eine Aussage über das Haben von Vermögen versteht.[5] Dafür spricht (1) der Kontext des neunten Buches, (2) die Wortwahl des Aristoteles (energê, dynasthai ) und vor allem (3) die Beispiele, die Aristoteles für die Widerlegung der These anführt. Dafür zieht er nämlich Vermögen wie die Baukunst und das Sehvermögen ebenso heran wie das Vermögen der sinnenfälligen Dinge, wahrgenommen zu werden. Demnach bekämpft Aristoteles die folgende Äquivalenzbehauptung, wenn er gegen die Megariker polemisiert:

(M) (dyn F)(x, t) º F(x, t)

Dieser Rekonstruktion der megarischen These zufolge ist etwas genau zu den Zeitpunkten fähig zu F-en (oder F zu sein), zu denen es F-t (bzw. F ist). Wenn diese Äquivalenz gilt, dann ist „dyn“ nicht länger eine Modifikation, die ein Prädikat mit anderer Extension ergeben würde:

[6] Die Megariker machen dynamis und energeia zu ein und demselben, klagt Aristoteles in IX 3, und beseitigen damit unzulässigerweise eine wichtige Unterscheidung (1047a19-20). Die Aussage auf der rechten Seite des Äquivalenzzeichens in (M), also

„F(x, t)”, nenne ich im folgenden „Aktualitätsbedingung“. Konfrontiert mit

(M) argumentiert Aristoteles dagegen, die Aktualitätsbedingung als notwendig für das Vorliegen eines Vermögens anzusehen.

  • [1] Smeets 1952, 40-47, Zusammenfassung 57: „Moeilijk in de tijd te situeren, maar in elk geval niet behorend tot de tijd der samenstelling van boek IX.“ Die Passagen IX 3, 1047a24-b2, IX 4, 1047b14-30 und vielleicht auch IX 4, 1047b3-14 hält Smeets für noch spätere Einschübe in den Text; die erste soll durch Aristoteles selbst, die beiden letzteren durch einen Interpolator erfolgt sein. Zu den Passagen aus IX 4 vgl. unten, Kap. 4.4
  • [2] Bärthlein 1963
  • [3] Vgl. Thomas von Aquin, In Met. IX n.1795: „In prima [= Met. IX 3] excludit opinionem dicentium nihil esse possibile, nisi quando est actu. In secunda [= Met. IX 4] excludit opinionem dicentium e converso omnia esse possibilia, licet non sint actu [...].“
  • [4] Vgl. auch Ross Met. II 244: „Chapter 3 defends the notion of the possible in distinction from the actual; chapter 4 defends the notion of the impossible.“
  • [5] Gegen z.B. Seel 1982, der diese Interpretation explizit erwähnt (314), sie aber verwirft, da sie keine „echte modaltheoretische Position“ darstellt (318). Eine Kompromißposition vetritt Ide 1988, 64: „The Megarian thesis [...] is about both possibility and potentiality.“
  • [6] Würde man analog eine propositionale Modallogik, etwa den Kalkül K, um das Axiom

    „◊p É p“ erweitern, würde dieser „implodieren“: Das resultierende System wäre deduktiv äquivalent mit der Aussagenlogik. Vgl. Hughes/Cresswell 1996, 64-68

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften