Ist das Bewegungsargument unfair?

Das letzte Argument beruht auf zwei Annahmen über adynaton, auf [i] und [iii]: [i] (adyn F)(x, t) º ¬(dyn F)(x, t)

[iii] (adyn F)(x, t) É ¬F(x, t) & ("t*)(t* > t É ¬F(x, t*))

Daß Aristoteles sich in [i] auf die weiteste der von ihm unterschiedenen Verwendungsweisen von adynaton bezieht, sollte dem Argument keinen Abbruch tun. Denn hier geht es ja weniger darum, ob bestimmte Vermögen von Natur aus zukommen oder nicht, sondern darum, ob sie einem Ding zu bestimmten Zeiten überhaupt zukommen.

Interessanter ist nun [iii]. Mit [iii] kommt der Zukunftsbezug der Vermögen bzw. der Unvermögen ins Spiel. Daß Aristoteles hier [iii] verwendet, muß erst einmal überraschen. Denn er selber würde dieser Prämisse wohl nicht zustimmen, wenn hier mit adynaton tatsächlich „unvermögend“ gemeint ist und nicht „unmöglich“. Denn wenn etwas unmöglich ist, dann steht es außer Frage, daß es nie sein wird (vgl. Kap. 4.4). Wenn aber mit adynaton „unvermögend“ gemeint ist, dann schließt [iii] auch jede Möglichkeit des Erwerbs eines Vermögens aus und Lernen wird dadurch unmöglich. Das aber kann nicht im Sinne von Aristoteles sein, der ausdrücklich Erwerb und Verlust von Vermögen und Lernprozesse behandelt (vgl. Kap. 5.3.3 und 6.4).

Es ist daher möglich, daß Aristoteles mit [iii] eine These der Megariker selbst aufgreift. Die Megariker können diese These über adynaton entweder explizit vertreten haben, oder Aristoteles kann zu der Auffassung gekommen sein, daß sich [iii] aus der Position der Megariker ergibt, von diesen also implizit vertreten worden ist. Es spricht jedenfalls einiges dafür, daß die Megariker nicht darum herum kommen würden, [iii] zuzugestehen. Denn wie sollte sich ein Vermögen ändern? Ein Vermögen, ein bestimmtes Vermögen zu erwerben, hat (M) zufolge ja nur dasjenige, das dieses Vermögen bereits hat. Denn (M) zufolge vermag ein Ding ja zu einem bestimmten Zeitpunkt t nur das zu sein, was es an diesem Zeitpunkt bereits ist. Es ist folglich unvermögend zu allem, was es zu t nicht ist. Etwas anderes als das, was zu t vorliegt, kann also nicht eintreten. Was aber nicht eintreten kann, tritt auch nicht ein. Daher bleibt alles so, wie es ist. Bewegung und Veränderung kann es dann nicht geben. Voraussetzung für diese Überlegungen ist natürlich immer, daß Vermögen Prinzipien von Bewegung sind. Natürlich können die Megariker auch diese Prämisse leugnen. Dann verzichten sie aber von vorneherein darauf, mit ihrem Begriff von dynaton Bewegungen zu erklären.

 
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