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4.2 Konsequenzen aus der Polemik

4.2.1 Unterschiedliche Extensionen von Vermögens- und Tätigkeitsprädikaten

Die von Aristoteles angeführten Probleme entstehen dadurch, daß die megarische These (M) Vermögens- und Tätigkeitsprädikate extensionsgleich werden läßt. Soll sinnvoll über Vermögen gesprochen werden, müssen Vermögens- und Tätigkeitsprädikate also eine unterschiedliche Extension haben:

ei¹ ouÅn mh e)nde/xetai tau=ta le/gein, fanero oÀti du/namij kaiì e)ne/rgeia eÀtero/n e)stin āe)keiÍnoi d' oi¸ lo/goi du/namin kaiì e)ne/rgeian tau)to poiou=sin, dio kaiì ou) mikro/n ti zhtou=sin a)naireiÍnŸ,

Wenn es nun nicht zulässig ist, so zu reden [wie die Megariker es tun], dann ist es offenbar, daß dynamis und energeia Verschiedenes sind; jene Thesen [der Megariker] aber machen dynamis und energeia zu demselben, wodurch sie etwas nicht Kleines aufzuheben versuchen. (Met. IX 3, 1047a17-20)

4.2.2 Zweiseitigkeit von Vermögen

Um die absurden Konsequenzen von (M) zu vermeiden, muß man also angemessen zwischen Vermögen und Tätigkeiten unterscheiden. Die diskutierten Argumente des Aristoteles haben gezeigt, daß die Aktualitätsbedingung nicht als notwendig für eine Vermögenszuschreibung angesehen werden kann: Vermögen müssen auch dann vorliegen können, wenn sie nicht verwirklicht sind:

wÐste e)nde/xetai dunato me/n ti eiånai mh eiånai de/, kaiì dunato mh eiånai eiånai de/, o(moi¿wj de kaiì e)piì tw½n aÃllwn kathgoriw½n dunato badi¿zein oÄn mh badi¿zein, kaiì mh badi¿zein dunato oÄn badi¿zein.

Daher ist es möglich, daß etwas dynaton ist, etwas zu sein, und es [dieses] doch nicht ist (dynaton men ti einai mê einai de), und dynaton, etwas nicht zu sein, und es doch ist (dynaton mê einai einai de), und, entsprechend, in den anderen Kategorien: vermögend zu gehen seiend (dynaton badizein on) und nicht gehen, und nicht gehend doch vermögend sein zu gehen. (Met. IX 3, 1047a20-24)

Was zu F-en vermag, kann also auch nicht F-en, ohne daß dies seinem Vermögen zu F-en zwingend abträglich ist. Vermögen sind in diesem Sinne gewissermaßen ergebnisoffen nach zwei Seiten. Sie können verwirklicht werden, sie können aber auch unverwirklicht sein, obwohl sie vorliegen. Ausdrücklich weist Aristoteles darauf in IX 8, 1050b8-12 hin: „Alle Vermögen sind zugleich für kontradiktorische Gegenteile (antiphaseis); denn was nicht vermögend ist zu bestehen, das besteht an keinem; alles aber, was vermögend ist, kann auch nicht verwirklicht sein. Was also vermögend ist zu sein, kann sowohl sein, als auch nicht sein, das gleiche ist also vermögend zu sein und nicht zu sein.“

Vermögen mit dieser Eigenschaft nenne ich im folgenden „zweiseitig“.[1] Die Annahme zweiseitiger Vermögen ist mit der megarischen These unverträglich. Denn wenn jemand ein zweiseitiges Vermögen zu gehen hat, dann gilt: Er kann gehen, und er kann auch nicht gehen.[2] Ein Megariker wäre jedoch, wenn er ein zweiseitiges Vermögen zuschreibt, verpflichtet, zugleich die entsprechenden Verwirklichungen zuzuschreiben. Wer über das zweiseitige Geh-Vermögen verfügt, müßte also zugleich gehen und nicht gehen. Das ist aber unmöglich. Der Verzicht auf die megarische These hingegen erlaubt die Zulassung solcher zweiseitiger Vermögen, denn durch die Zuschreibung eines solchen Vermögens allein entsteht kein Widerspruch.

Die „Zweiseitigkeit“ von Vermögen zu Verwirklichung und Nichtverwirklichung ist zu unterscheiden von der Möglichkeit von gegensätzlichen Verwirklichungen bei den rationalen Vermögen. Letztere meint verschiedene Arten der Verwirklichung, die sich zueinander konträr verhalten (vgl. Kap. 2.4.2),[3] etwa das Heilen und Töten mit Hilfe des medizinischen Wissens, während sich hier die „Zweiseitigkeit“ auf die Anwendung des Vermögens überhaupt bezieht, also auf den kontradiktorischen Gegensatz von Tun und Nichttun:[4] Der Arzt kann nicht nur entscheiden, ob er heilen oder töten will, es kann auch passieren, daß er sein medizinisches Wissen überhaupt nicht anwendet, er also weder heilt noch tötet.

Es gibt für Aristoteles eine Gruppe von Vermögen, bei denen Zweiseitigkeit nicht möglich ist, nämlich die Vermögen, etwas immer zu sein oder zu tun, im Gegensatz zu den „normalen“ Vermögen, die nur erlauben, etwas für eine endliche Zeit zu sein oder zu tun (Cael. I 12, 281a28-281b2). Wenn beispielsweise ein Himmelskörper unvergänglich ist, dann ist es unmöglich, daß er vergeht. Das Vermögen, immer zu existieren, ist für Aristoteles also kein zweiseitiges Vermögen in dem Sinne, daß es keine Zeit gibt, zu der der Himmelskörper vergangen ist (vgl. auch Kap. 6.6). Eine solche Nichtverwirklichung des Vermögens Unvergänglichkeit wäre in der Tat unverträglich mit dem Zuschreiben ebendieses Vermögens. Die Vermögen für unendlich aus-gedehnte Verwirklichungen sind also ein Spezialfall, für den die megarische These gültig ist: Das Vermögen immer zu F-en, kann auch für Aristoteles nur denjenigen Subjekten zugesprochen werden, die tatsächlich immer F-en.

  • [1] Dabei lehne ich mich an den entsprechenden Sprachgebrauch bei den Modalitäten an, die Kontingenz als „zweiseitige Möglichkeit“ zu bezeichnen. An diese denkt Aristoteles z.B., wenn er in APr I 13, 32a29 sagt, daß endechetai mê hyparchein aus endechetai hyparchein folgt. Die das Notwendige einschließende Möglichkeit nennt man im Unterschied dazu „einseitige Möglichkeit“, wobei„mindestens einseitig“ gemeint ist: Das Kontingente, das zweiseitig möglich ist, ist auch einseitig möglich (vgl. Kap. 1.4.2). Bei den einseitigen Vermögen ist aber „genau einseitig“ gemeint: Zweiseitige Vermögen sind nicht einseitig. Meine Bezeichnungen „einseitig“ und „zweiseitig“ für Vermögen sind nicht zu verwechseln mit den Bezeichnungen „monodirektional“ und „bidirektional“, die Jedan 2000, 45 verwendet, um die auf Kontraria bezogenen rationalen Vermögen von den nicht auf Kontraria bezogenen nichtrationalen Vermögen zu unterscheiden
  • [2] Vgl. z.B. APr I 46, 51b19f: „dasselbe kann gehen und nicht-gehen“ (ho gar autos dynatai kai badizein kai mê badizein)
  • [3] Zwei Aussagen sind zueinander konträr, wenn sie nicht zusammen wahr, wohl aber zusammen falsch sein können. Zwei Prädikate heißen zueinander konträr, wenn sie nicht zusammen demselben Zugrundeliegenden zugesprochen werden können, wohl aber diesem gemeinsam abgesprochen werden können. Entsprechend heißen Eigenschaften konträr, wenn sie von konträren Prädikaten bezeichnet werden
  • [4] Zwei Aussagen sind zueinander kontradiktorisch, wenn sie nie gemeinsam wahr und nie gemeinsam falsch sein können. Zwei Prädikate heißen zueinander kontradiktorisch, wenn sie nie zusammen demselben Zugrundeliegenden zugeprochen, aber auch nie zusammen demselben Zugrundeliegenden abgesprochen werden können. Entsprechend heißen Eigenschaften kontradiktorisch, wenn sie von kontradiktorischen Prädikaten bezeichnet werden
 
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