Aristoteles' Konsistenz-Kriterium

Eine neue notwendige Bedingung

Die megarische These (M) gibt ein notwendiges und hinreichendes Kriterium für den Prädikatmodifikator dynaton an: Dann und nur dann, wenn etwas wirklich F ist, ist es auch dynaton F. Aristoteles' Argumente zeigen, daß es zu unsinnigen Konsequenzen führt, wenn man annimmt, daß die tatsächliche Verwirklichung notwendige Voraussetzung für das Vermögen ist, wenn man also behauptet: Nur dann, wenn etwas wirklich F ist, ist es auch dynaton F. Wenn nun die Aktualitätsbedingung nicht notwendig ist, ist sie dann wenigstens hinreichend? Haben nicht alle, die zu t F-en, zu diesem Zeitpunkt auch die Fähigkeit dazu? Aristoteles äußert sich in IX 3 überraschenderweise nicht zu dieser Frage; zu ihrer Beantwortung müssen wir auf andere Texte und systematische Überlegungen zurückgreifen. Daher muß auch die Antwort auf diese Frage noch eine Weile zurückgestellt werden; ich werde in Kap. 5.1 darauf zurückkommen. Zunächst soll aber Aristoteles' eigenes notwendiges Kriterium diskutiert werden, das er für das Vorliegen eines Vermögens aufstellt:

eÃsti de dunato tou=to %Ò e)a u(pa/rcv h( e)ne/rgeia ou le/getai eÃxein th du/namin, ou)qe eÃstai a)du/naton.

Vermögend (dynaton) ist etwas, wenn durch die Annahme der energeia dessen, von dem gesagt wird, daß es das Vermögen hat, nichts Unmögliches sein wird (ouden estai adynaton). (Met. IX 3, 1047a24ff)

Was also dynaton sein soll, muß einen Konsistenz-Test bestehen können: Es muß möglich sein, die Verwirklichung des Vermögens anzunehmen, ohne daß etwas Unmögliches aus dieser Annahme folgt. Eine ganz ähnliche Formulierung benutzt Aristoteles in APr I 13, um dort das Kontingente zu definieren, das er dort to endechomenon nennt: Dieses darf nicht notwendig sein und muß zusätzlich den Konsistenz-Test bestehen.[1]

le/gw d' e)nde/xesqai kaiì to e)ndexo/menon, ou mh oÃntoj a)nagkai¿ou, teqe/ntoj d' u(pa/rxein, ou)de eÃstai dia tou=t' a)du/naton:

Ich sage aber „ist kontingent“ (endechestai) und „das Kontingente“ (endechomenon), wenn etwas [1.] nicht notwendig ist und [2.], angenommen es liegt vor, seinetwegen nichts Unmögliches sein wird (ouden estai dia tout'adynaton). (APr I 13, 32a18ff)

Aristoteles benutzt das Konsistenz-Kriterium also nicht nur als Kriterium für das Vorliegen von Vermögen, sondern auch als Kriterium für logische Möglichkeit und damit als notwendige Bedingung für Kontingenz. Dies hat bei manchen Interpreten den Eindruck erweckt, daß er in Met. IX 3 über etwas ganz anderes spricht als in den beiden ersten Kapiteln von Met. IX, nämlich über die Modalität der logischen Möglichkeit und nicht mehr über Vermögen. Denn das Wort dynaton kann ja in der Tat auch die logische Möglichkeit bezeichnen. Aristoteles sagt aber ausdrücklich, daß es um das Haben von Vermögen geht (echein tên dynamin, 1047a25). Hingegen spricht nichts dafür, daß adynaton in 1047a25f eine andere Bedeutung haben sollte als in APr I 13, 32a22. In beiden Fällen meint Aristoteles logisch Unmögliches, also das, dessen Gegenteil notwendig wahr ist (z.B. Met. V 12, 1019b23-24; vgl. Kap. 1.4.2). Dann ist das Kriterium, wie es in Met. IX verwendet wird, auch nicht „zirkulär“[2], denn, um das Vorliegen eines Vermögens zu prüfen, wird nicht wiederum auf das Vorliegen von Vermögen rekurriert, sondern darauf, ob bestimmte Aussagen logisch möglich oder unmöglich sind.[3]

  • [1] Für den Konsistenz-Test vgl. zudem Met. IX 4, 1047b9-12; 1047b18f; Phys. VII 1, 243a30f; VII 1 (textus alter) 243a1f (hier ist das Kriterium allerdings, daß nichts folgt, was atopon ist)
  • [2] So Ross Met. II 245, der mit dieser falschen Feststellung die richtige Behauptung begründet, es handle sich nicht um eine Definition, sondern um ein Kriterium „for the determination of possibility in doubtful cases“. Vgl. Liske 1995, 365: „Prüfungskriterium“. Die zirkulären Begriffsabhängigkeiten der aristotelischen Modalbegriffe diskutiert auch van Rijen 1989, 30-31
  • [3] Mit einer solchen Unterscheidung verteidigt auch Bonitz Met. 387 Aristoteles gegen den Vorwurf eines „vitium definiendi“
 
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