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Die Auswertung der Interviews

Bei der Auswertung der Interviews war der Blick nicht auf die Gesamtheit der Schüler gerichtet, sondern die einzelnen Schüler bildeten hier die Untersuchungseinheit. Der Fokus wechselte von der Auswertung der Aussagen in der Population insgesamt bei der Untersuchung mittels Fragebogen zu der Betrachtung der Vorstellungen der einzelnen Schüler. Es sollte möglichst genau dargestellt werden, welche Vorstellungen das Denken der einzelnen Schüler über Globalisierung bestimmen.

Die Auswertung des Textmaterials erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse (vgl. Mayring 2008). Ganz allgemein gesagt besteht das Ziel inhaltsanalytischen Vorgehens darin, die Aussagenbreite und Komplexität auf Wesentliches zu reduzieren, dabei jedoch weitgehend die Qualität der Ausgangsdaten zu erhalten. Die Interviewdaten wurden mit den Techniken der strukturierenden Inhaltsanalyse und der Explikation nach Mayring (1997) ausgewertet. [1] Dabei wurden Verfahrensweisen, die Gropengießer (2008) in seiner für die Lehr-Lernforschung adaptierten Version der qualitativen Inhaltsanalyse entwickelt hat, übernommen. [2] Ein Rückgriff auf Gropengießers Verfahrensweisen erfolgt vor allem bei der von Mayring nur sehr allgemein beschriebenen Technik der strukturierenden Inhaltsanalyse. Bei der Materialaufbereitung und der explizierenden Auswertung wurden Gropengießers Vorgehensweisen dagegen nicht übernommen. [3]

Zunächst erfolgte als erster Schritt der Materialauswertung die Transkription der mit einem Diktiergerät aufgezeichneten Interviews. Im Gegensatz zu linguistischen Untersuchungen, die sprachliche Phänomene in den Blick nehmen und auf eine exakte phonetisch-phonologische Transkription angewiesen sind, zielte die Transkription in dieser Arbeit auf die Dokumentation des Interviews für eine inhaltsanalytische Auswertung. Dafür wurden das gesprochene Wort und die inhaltlich bedeutsame nichtsprachliche Kommunikation dokumentiert. Neben der Verschriftlichung der Sprache im Wortlaut und der Dokumentation nonverbaler Aussagen erfolgte eine Kommentierung über das Wortprotokoll hinaus, indem die Betonung eines Wortes, Rezeptionssignale wie beispielsweise „Mmh“ oder längere Pausen festgehalten wurden.

Gropengießer empfiehlt eine selektive Verschriftlichung des Interviews. Nach mehrfachem Abhören der Äußerungen auf dem Tonträger soll entschieden werden, welche Passagen inhaltlich relevant sind. Nur diese Teile der Interviews sollen transkribiert werden (Gropengießer 2008, S. 176 f.). Damit wird jedoch bereits bei der Dokumentation der Interviews eine grundlegende Entscheidung darüber getroffen, welche Aussagen als besonders wichtig anzusehen sind. Oftmals zeigt sich aber erst im weiteren Verlaufe des Auswertungsprozesses, welche Aussagen eine wichtige Bedeutung haben und welche Passagen des Interviews weniger relevant sind. Zudem hat eine selektive Transkription zur Folge, dass die intersubjektive Nachvollziehbarkeit des eigenen Vorgehens deutlich erschwert wird. Die Interviews wurden deshalb vollständig transkribiert.

Auch die von Gropengießer empfohlene weitere Aufbereitung des Materials wird als problematisch für eine aussagekräftige Untersuchung der Vorstellungen angesehen. Nach der (selektiven) Transkription sollen die Äußerungen des Schülers in eine wiederum reduzierte Fassung in Form von redigierten Aussagen gebracht werden. Als Aufbereitungsschritt wird dabei eine Reduktion des Materialkorpus durch die Auswahl von bedeutsam erscheinenden Passagen genannt. Anschließend wird das „Transformieren in eigenständige Aussagen des Interviewpartners“ empfohlen: „Die im Wechselspiel erbrachten Kommunikationsbeiträge („Fragen“ und „Antworten“) von Interviewer und Interviewpartner werden in eigenständige Aussagen des Interviewpartners transformiert. Die Aussagen des Interviewpartners werden dabei aus dem Kontext heraus von denen des Interviewers unabhängig formuliert.“ (Gropengießer 2008, S. 179)

Eine entsprechende zusammenfassende Konstruktion von Aussagen wurde in dieser Untersuchung nicht vorgenommen. Die vermeintlich sinngemäße Zusammenfassung der Aussagen läuft Gefahr, die Bedeutung der jeweiligen Vorstellungen nicht angemessen zu erfassen. Eine aussagekräftige Untersuchung der Vorstellungen verlangt nach einer enger am Material operierenden Interpretation.

Stattdessen erfolgt eine Darstellung der relevanten Vorstellungen anhand von Aussagen, wie sie im Interview gemacht wurden. Bestimmte Aussagen sind nur vor dem Hintergrund der gestellten Fragen und des konkreten Gesprächsverlaufs verstehbar. Eine durchgehende, aus der ursprünglichen Gesprächssituation isolierte, zusammenfassende Darstellung von Frage-Antwortsequenzen wurde aufgrund des großen Verlustes an kontextgebundener Information abgelehnt. Die zum Verständnis bestimmter Äußerungen notwendigen Kontextinformationen werden insofern berücksichtigt, als die dazu nötigen Passagen des Interviews ebenfalls dargestellt werden.

Die Auswertung mittels inhaltlicher Strukturierung zielte darauf ab, bestimmte Themen und Inhalte aus dem Material herauszufiltern (vgl. Mayring 1997, S. 89). Die inhaltliche Strukturierung orientierte sich an den Fragestellungen der verschiedenen Untersuchungsbereiche.

Während Gropengießers Vorgehen bei der Aufbereitung des Materials im Rahmen der Transkription und des Redigierens als wenig zweckmäßig betrachtet wird, stellen die von ihm vorgeschlagenen Verfahrensweisen für die Schaffung von geordneten Aussagen eine hilfreiche Konkretisierung der Auswertungsschritte bei der inhaltlichen Strukturierung dar. Insbesondere das thematische Ordnen der Aussagen und das Bündeln bedeutungsgleicher Aussagen werden als sinnvolle Präzisierung der einzelnen Arbeitsschritte einer ordnenden Auseinandersetzung mit dem Material angesehen.

Bei dem thematischen Ordnen der Aussagen erfolgte eine Zuordnung der einzelnen Aussagen zu den verschiedenen Untersuchungsbereichen (vgl. Gropengießer 2008, S. 180 f.). Als nächster Auswertungsschritt wurden die bedeutungsgleichen Aussagen in einem Absatz gebündelt und nur einmal aufgenommen. Bedeutsame Variationen einzelner Wörter oder Satzabschnitte wurden in Klammern ergänzt. Bei dem folgenden Auswertungsschritt der Kohärenzprüfung und des Identifizierens von Widersprüchen wurde geprüft, ob die den einzelnen thematischen Komplexen zugeordneten Aussagen miteinander verträglich sind und miteinander zusammenhängen oder ob die Vorstellungen verschieden bzw. gegensätzlich sind. Die kohärenten Aussagen wurden in einem gemeinsamen Absatz zusammengestellt und jeweils mit einer Titelzeile versehen.

Als folgenden Auswertungsschritt schlägt Gropengießer eine modifizierte Version der Mayringschen Auswertungstechnik Explikation vor. Dabei sollen die Aussagen hinsichtlich der Aspekte „Charakteristika des Verständnisses“, „Sprachliche Aspekte“, „Quellen der Vorstellung“ und „Brüche, bestehende Probleme“ expliziert werden (vgl. Gropengießer 2008, S. 181 f.). Zwar liegt der Fokus der Auswertung in dieser Arbeit ebenfalls auf diesen Aspekten der Vorstellungen. Gropengießers Vorgehensweise wird jedoch insgesamt als zu schematisch angesehen. Stattdessen wurde eine Explikation im Sinne der engen und weiten Kontextanalyse Mayrings als flexibleres Instrument genutzt. [4] Die Auseinandersetzung mit den erklärungsbedürftigen Aussagen erfolgte, ohne dabei den Blickwinkel auf die vier Analyseaspekte Gropengießers zu beschränken. Bei der engen Kontextanalyse wurde nur Material aus dem Text selbst herangezogen. Aus dem Textkontext wurden Stellen gesammelt, die zu der zu explizierenden Textstelle in direkter Beziehung stehen. Mayring beschreibt das heranzuziehende Material folgendermaßen:

„Solche Textstellen können definierend, erklärend, ausschmückend, beschreibend, beispielgebend, Einzelheiten aufführend, korrigierend, modifizierend, antithetisch, das Gegenteil beschreibend zur Textstelle stehen.“ (Mayring 1997, S. 79) Daneben wurde eine Explikation mittels weiter Kontextanalyse vorgenommen, wenn so ein weitergehendes Verständnis der jeweiligen Vorstellungen erzielt werden konnte. Bei der weiten Kontextanalyse kann auf Informationen über den Textproduzenten, Informationen über die Entstehungsbedingungen des Textes zurückgegriffen werden, aber auch das theoretische Vorverständnis des Interpreten kann explizierendes Material liefern (vgl. Mayring 1997, S. 79).

In diesem letzten Auswertungsschritt ging es darum, die Vorstellungen (der einzelnen Schüler) als Ganzes zu betrachten. Diese Perspektive zielte auf eine abschließende Bestimmung der zugrundeliegenden Denkweisen bei den einzelnen Schülern. Die Vorgehensweise bestand darin, sukzessive Muster der Sinnbildung herauszuarbeiten: „Nach und nach werden sich die einzelnen Äußerungen der Befragten zu Argumentationsmustern verdichten; das heißt, es wird sich herausstellen, daß zunächst isolierte Stellungnahmen zu einzelnen Sachfragen, aber auch Vorgehensweisen beim Argumentieren und Begründen und die Art und Weise, wie sich die Befragten bestimmten Phänomenen annähern, eine gewisse Systematik erkennen lassen.“ (Altvater und Mahnkopf 2000, S. 109)

  • [1] Mayring erläutert die drei grundlegenden Techniken der qualitativen Inhaltsanalyse folgendermaßen: „Man stelle sich vor, auf einer Wanderung plötzlich vor einem gigantischen Felsbrocken (…) zu stehen. Ich möchte wissen, was ich da vor mir habe. Wie kann ich weiter vorgehen? Zunächst würde ich zurücktreten, auf eine Anhöhe steigen, von wo ich einen Überblick über den Felsbrocken bekomme. Aus der Entfernung sehe ich zwar nicht mehr die Details, aber ich habe das „Ding“ als Ganzes in groben Umrissen im Blickfeld, praktisch in einer verkleinerten Form (Zusammenfassung). Dann würde ich wieder herantreten und mir bestimmte interessant erscheinende Stücke genauer ansehen. Ich würde mir einzelne Teile herausbrechen und untersuchen (Explikation). Schließlich würde ich versuchen, den Felsbrocken aufzubrechen, um einen Eindruck von seiner inneren Struktur zu bekommen. Ich würde versuchen, einzelne Bestandteile zu erkennen, den Brocken vermessen, seine Größe, seine Härte, sein Gewicht durch verschiedene Messoperationen festzustellen (Strukturierung).“ (Mayring 1997, S. 58).
  • [2] Eine Darstellung verschiedener Auswertungsverfahren der qualitativen Inhaltsanalyse im Rahmen der Lernstrategieund Lernemotionsforschung findet sich bei Gläser-Zikuda (2008).
  • [3] Nach Mayring können methodische Fragen nicht losgelöst von den Inhalten einer Untersuchung diskutiert werden (vgl. Mayring 2008, S. 7). Er fordert deshalb: „Die Inhaltsanalyse ist kein Standardinstrument, das immer gleich aussieht; sie muss an den konkreten Gegenstand, das Material angepasst sein und auf die spezifische Fragestellung hin konstruiert werden.“ (Mayring 1997, S. 43).
  • [4] Mayring beschreibt diese Technik folgendermaßen: „War das Ziel der zusammenfassenden Inhaltsanalyse die Reduktion des Materials, so ist die Richtung der Explikation genau entgegengesetzt. Zu einzelnen interpretationsbedürftigen Textstellen wird zusätzliches Material herangetragen, um die Textstelle zu erklären, verständlich zu machen, zu erläutern, zu explizieren.“ (Mayring 1997, S. 77).
 
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