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5.1.4 Gegenwärtige An-Zeitpunkte, zukünftige Für-Zeitpunkte

Nach dem Ausscheiden von (H2) und (H3) kommt also nur ein FürZeitpunkt t* in Frage, der relativ zum An-Zeitpunkt t zukünftig ist. Aber sicherlich kommt auch nicht generell jeder zukünftige Zeitpunkt als FürZeitpunkt in Frage: x könnte zu t* bereits nicht mehr existieren oder aber das ihm in (H4) zugeschriebene Vermögen verloren haben.

Es bietet sich erneut der Kunstgriff an, den Für-Zeitpunkt nicht direkt zu bestimmen, sondern nur zu fordern, daß das Vermögen sich auf FürZeitpunkte bezieht, die hinreichend nah am An-Zeitpunkt t liegen:

(H5) Ft x É ("t1)(t < t1 É ($t2)(t < t2 < t1 & dynt Ft2 x)

Nun haben wir bereits Tätigkeitsprädikate kennengelernt, die (H5) erfüllen können: solche nämlich, die eine energeia bezeichnen. Denn für eine energeia, so sagt Aristoteles ja, gibt es keine begriffliche Notwendigkeit, daß sie irgendwann endet (Met. IX 6, 1048b26f). Aber auch für energeia-Prädikate ist es keineswegs notwendig, daß die dynamis für spätere Für-Zeitpunkte erhalten bleibt, wenn es möglich ist, daß das Vermögen verloren geht, während die energeia noch ausgeübt wird: Die Batterie einer elektrischen Taschenlampe hat das Vermögen, das Birnchen der Taschenlampe leuchten zu lassen. Durch die stetig abnehmende Leistungskraft der Batterie wird das Birnchen zunächst schwächer leuchten, dann aber wird die Batterie ganz verbraucht sein. Die Batterie verliert damit ihr Vermögen, das Birnchen leuchten zu lassen, während sie das Birnchen leuchten läßt. (H5) kann daher höchstens als Faustregel, nicht aber als allgemeingültig gelten.

5.1.5 Vergangene An-Zeitpunkte, gegenwärtige Für-Zeitpunkte

Die einzige Möglichkeit, von einer Verwirklichung auf ein Vermögen zu schließen, scheint schließlich der Schluß auf ein der Verwirklichung voraus-gehendes und diese ermöglichendes Vermögen zu sein. Denn, so sagt Aristoteles, um zu begründen, daß man etwas auch „vermögend zu vergehen“ nennen kann:

kaiì ga to fqeiro/menon dokeiÍ dunato eiånai fqei¿resqai, hÄ ou)k aÄn fqarh=nai ei¹ hÅn a)du/naton: nu=n de eÃxei tina dia/qesin kaiì ai¹ti¿an kaiì a)rxh tou= toiou/tou pa/qouj:

Denn es scheint, daß auch das Vergehende vermögend (dynaton) ist, zu vergehen, denn es würde nicht vergehen, wenn es dazu unvermögend ist. Nun hat es aber eine gewisse Beschaffenheit (diathesis) und Ursache (aitia) und Prinzip (archê ) zu einem solchen Leiden. (Met. V 12, 1019b3ff)

Aristoteles verweist hier auf eine Intuition, nach der das, mit dem etwas passiert, auch vermögend sein muß für dieses Geschehen, weil es sonst wohl nicht geschehen würde. Nimmt man dies ernst, dann entspricht jedem Geschehen ein Vermögen, das dieses ermöglicht, denn das „vermögend sein“, um das es geht, ist ebenfalls ein „vermögend sein im Hinblick auf ein Vermögen“ (kata dynamin, Met. V 12, 1019b35): Das passive Vermögen ist die Bedingung der Möglichkeit der Veränderung; was unvermögend (adynaton) ist, sich zu verändern, verändert sich nicht. Da es analoge Argumente für alle Arten von Vermögen gibt, können wir annehmen:

(H6) Ft x É ("t1)(t1 < t É ($t2)(t1 < t2 < t & dynt2 Ft x)

Ein Schluß von einer Verwirklichung auf ein Vermögen, von dem Ausüben einer Tätigkeit auf das Vorliegen eines Vermögens für diese Tätigkeit, scheint also insofern möglich zu sein, als von der Verwirklichung auf das vorhergehende Vorliegen des die Verwirklichung ermöglichenden Vermögens geschlossen werden kann. Dieser Sachverhalt läßt sich als „Ermöglichungsprinzip“ formulieren: Einem Geschehen geht ein Vermögen voraus, das dieses ermöglicht. Wenn überhaupt, dann ist die Aktualitätsbedingung also hinreichend für ein vorhergehendes Vermögen. (H6) halte ich für eine systematisch sehr attraktive und gut begründbare These: Wenn für Vermögensaussagen eine Form des ab esse ad posse gültig ist, dann ist dies der Schluß von einer Tätigkeit auf das dieser vorhergehende und sie ermöglichende Vermögen. Es ist aber nicht sicher, ob Aristoteles selbst (H6) als allgemeingültig angesehen hat, da nicht klar ist, ob Aristoteles die Intuition, auf die er in 1019b3ff verweist, ausnahmslos verallgemeinert hätte, so daß alles, was geschieht, aufgrund eines Vermögens geschieht.[1] Zum einen kennt Aristoteles auch die physis als Bewegungsprinzip (vgl. Kap. 6.1), zum anderen ist es nicht eindeutig, ob auch das, was immer geschieht, aufgrund eines Vermögens geschieht, was ich in Kap. 6.6 ausführlich diskutieren werde. Zudem hat das Prinzip nur für unqualifizierte Vermögen Anspruch auf Plausibilität; für qualifizierte Vermögen (Kap. 2.2.4) gilt es ganz sicher nicht. Denn der Anfänger, der beim Dartspielen ins Schwarze trifft, hat zwar das unqualifizierte Vermögen, ins Schwarze zu treffen, nicht aber das qualifizierte Vermögen dafür. Und auch der Mann, der beim Umgraben seines Gartens einen Schatz findet, findet diesen nicht, weil er dafür ein besonderes qualifiziertes Vermögen hat. Die Nichtexistenz solcher qualifizierten Vermögen wird Aristoteles vor Augen haben, wenn er sagt, für das Akzidentelle „gibt es keine Kunst (technê ) und kein fest umrissenes Vermögen (dynamis hôrismenê ) “ (Met. VI 2, 1027a6f).[2]

  • [1] Vgl. z.B. Verbeke 1983, 55 Anm. 1: „act means perfection, it can exist without potency.“
  • [2] Vgl. dazu auch Freeland 1986, 85-86
 
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