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5.2 Wann werden Vermögen verwirklicht? (IX 5)

5.2.1 Verwirklichung von nichtrationalen Vermögen

Die Aktualitätsbedingung fällt also auch als hinreichendes Kriterium für das gegenwärtige Vorliegen von Vermögen aus. Auch die Konsistenzbedingung kann nicht als hinreichendes Kriterium für das Vorliegen von Vermögen herangezogen werden, wie ich in Kürze zeigen werde. Dafür muß jedoch zunächst dargestellt werden, wie Aristoteles sich das Zustandekommen einer Verwirklichung denkt. Zur Beantwortung dieser Frage betrachtet er zunächst die nichtrationalen Vermögen:

taj me toiau/taj duna/meij a)na/gkh, oÀtan w¨j du/nantai to poihtiko kaiì to paqhtiko plhsia/zwsi, to me poieiÍn to de pa/sxein

Hinsichtlich der so beschaffenen [d.h. nichtrationalen] Vermögen ist es nun notwendig, daß immer, wenn das Bewirkende und das Erleidende sich entsprechend ihrem Vermögen einander nähern, das eine bewirkt, das andere erleidet. (Met. IX 5, 1048a5-7)

Aristoteles beschreibt hier das Zustandekommen der Verwirklichung eines nichtrationalen Vermögens als eine Art Automatismus, der dadurch ausgelöst wird, daß sich die Träger des entsprechenden aktiven und des komplementären passiven Vermögens einander räumlich annähern, so daß das Bewirkende seine Wirkung auf das Erleidende ausüben kann. Derselbe Gedanke findet sich auch in GC I 7, 324b7ff: „Das, was vermag, warm zu sein, wird notwendig warm, wenn das zu wärmen Vermögende anwesend (parontos) und in der Nähe ist (plêsiazontos).“[1] Und ebenso Phys. VIII 4, 255a34-b1: „Immer, wenn das, was zu bewirken vermag (poiêtikon), und das, was zu erleiden vermag (pathêtikon), beisammen sind, wird das Vermögende zu etwas, das der Verwirklichung nach ist (gignetai energeiaj to dynaton).“ Wenn also der Träger des aktiven Vermögens und der Träger des entsprechenden passiven Vermögens sich in der richtigen Weise aneinander annähern, dann kann die Veränderung des Trägers des passiven Vermögens nicht ausbleiben.

5.2.2 Verwirklichung von rationalen Vermögen

Bei den rationalen Vermögen ist ein solch einfacher Automatismus nicht möglich, denn die rationalen Vermögen sind ja unterbestimmt hinsichtlich ihrer Verwirklichung. Die Heilkunst kann ja sowohl dazu dienen, zu heilen, als auch dazu, krank zu machen. Die bloße räumliche Annäherung von bewirkendem Arzt und erleidendem Patient entscheidet daher weder darüber, welche der beiden möglichen Verwirklichungen der Heilkunst stattfindet, noch ob die Heilkunst überhaupt verwirklicht wird:

e)kei¿naj d' ou)k a)na/gkh: auÂtai me ga pa=sai mi¿a e(noj poihtikh/, e)keiÍnai de tw½n e)nanti¿wn, wÐste aÀma poih/sei ta e)nanti¿a: tou=to de a)du/naton. a)na/gkh aÃra eÀtero/n ti eiånai to ku/rion: le/gw de tou=to oÃrecin hÄ proai¿resin. o(pote/rou ga aÄn o)re/ghtai kuri¿wj, tou=to poih/sei oÀtan w¨j du/natai u(pa/rxv kaiì plhsia/zv t%½ paqhtik%½: wÐste to dunato kata lo/gon aÀpan a)na/gkh, oÀtan o)re/ghtai ou eÃxei th du/namin kaiì w¨j eÃxei, tou= to poieiÍn:

Bei jenen [d.h. den rationalen Vermögen] ist dies aber nicht notwendig. Denn alle diese [nichtrationalen Vermögen] sind ein [Vermögen] für ein Bewirken, jene [die rationalen Vermögen] aber für Gegensätzliches, so daß sie zugleich die Gegensätze bewirken würden; das ist aber unmöglich. Notwendig ist daher, daß etwas anderes das Entscheidende (to kyrion) ist; ich meine aber das Streben (orexis) und die Entscheidung (prohairesis). Denn nach welchem von beiden [Gegenteilen] auch immer man entschieden strebt, das wird man bewirken, dann wenn [und] auf die Weise, wie man vermögend ist (dynatai hyparchê ) , und sich dem Erleidenden annähert. Daher ist es für jedes dynaton kata logon notwendig, daß man, wenn man erstrebt, wozu man das Vermögen hat und wie man es hat, dieses bewirkt.[2] (Met. IX 5, 1048a7-15)

Bei den rationalen Vermögen kommt also ein handlungstheoretisches Element zu dem Kontakt zwischen Bewirkendem und Erleidendem hinzu: Der Bewirkende muß eine der möglichen Verwirklichungen des Vermögens anstreben und sich entscheiden, das Vermögen so zu aktualisieren, daß diese Verwirklichung erreicht wird. Ist die Entscheidung für ein Ziel aber gefallen, gilt auch für die rationalen Vermögen ein gewisser Automatismus:[3] Gibt es eine Entsprechung zwischen dem Erstrebten und dem zur Verfügung stehenden Vermögen, dann wird man das Erstrebte bewirken.[4] Für die Beurteilung dieser Entsprechung darf man natürlich die mit dem Vermögen verbundenen Qualifizierungen nicht außer acht lassen: Angenommen, jemand wäre ein vollkommener Arzt. Dann würde er immer dann gut heilen, wenn er gut heilen will. Wenn er aber schlecht heilen oder gar krankmachen will, wird er auch dieses können. Alle wirklichen Ärzte sind natürlich mehr oder weniger unvollkommen; ihnen wird die Heilung nicht immer gelingen, selbst wenn sie heilen wollten. Ein Kurpfuscher gar, der nur das Vermögen hat, schlecht zu heilen, wird auch dann nur schlecht heilen, wenn er gut heilen möchte.

Man kann also in einem bestimmten Sinn auch bei den rationalen Vermögen die Rede vom „Automatismus“ beibehalten, wenn man die entsprechende Willensentscheidung zu den Voraussetzungen der Verwirklichung hinzunimmt.[5] Man erhält dann unterschiedliche Voraussetzungen für die beiden möglichen Verwirklichungen eines rationalen Vermögens: Voraussetzung für das Heilen ist eben der Wille zum Heilen, Voraussetzung für das Krankmachen ist der Wille zum Krankmachen. Aber auch sonst können sich die beiden Verwirklichungsmöglichkeiten hinsichtlich der ihnen zukommenden Qualifizierungen unterscheiden: Die Menge der Menschen, die ein Arzt heilen kann und die Umstände, in denen sich ein Mensch befinden muß, um zu die-ser Menge zu gehören, sind sicher nicht identisch mit der Menge der Menschen, die er krankmachen kann, und den Umständen, in denen man sich befinden muß, um zu dieser Menge zu gehören.

Nichts hindert daran, auch psychologische Umstände zu den entsprechenden Qualifizierungen der Vermögen hinzuzunehmen. Wie der Mensch nur bei Licht, die Eule aber auch in der Dämmerung sehen kann, so können auch psychologische Umstände für die Verwirklichung eines Vermögens notwendig sein. Wenn ein Sänger A nur dann gut singen kann, wenn er guter Laune ist, eine Sängerin B aber auch dann gut singen kann, wenn sie keine gute Laune hat, dann haben beide offensichtlich verschiedene Vermögen: A hat das Vermögen, bei guter Laune gut zu singen, während B sowohl bei guter als auch bei schlechter Laune gut singen kann.

  • [1] Vgl. auch die Behandlung des „Kontaktes“ in GC I 6
  • [2] Zieht man in 1048a14 das Komma vor das kai, kann auch übersetzt werden: „daß man, wenn man erstrebt, wozu man das Vermögen hat, man dieses auch, wie man es hat, bewirkt.“
  • [3] Met. IX 5 steht also keineswegs, wie Grayeff 1974, 211 meint, zu IX 2 im Widerspruch, sondern ist eine sinnvolle Fortsetzung dieses Kapitels
  • [4] Vgl. auch Platon, Hip. min. 366b7-c4: „SOKRATES: Tüchtig (dynaton) aber ist doch wohl jeder, der das, was er will, alsdann tut, wann er es will (hotan boulêtai); ich meine aber nicht, wenn einer aus Krankheit daran verhindert wird, oder deß etwas; sondern so wie du vermögend bist, meinen Namen zu schreiben, wann immer du willst, so meine ich. Nennst du nicht den tüchtig, mit dem es so steht? HIPPIAS: Ja.“ (Übers. Schleiermacher)
  • [5] Dieselbe Strategie verfolgt Freeland 1986, 79-80
 
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