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5.2.3 Verwirklichungsbedingungen

Eine sich an diese Ausführung anschließende Erläuterung des Aristoteles hat für einige Verwirrung gesorgt:[1]

eÃxei de paro/ntoj tou= paqhtikou= kaiì w¨diì eÃxontoj [poieiÍn]: ei¹ de mh/, poieiÍn ou) dunh/setai

Es hat aber [das Vermögen] zu bewirken[2], wenn das Leidensfähige (pathêtikon) anwesend ist und sich auf bestimmte Weise verhält.

Wenn aber nicht, wird es nicht zu bewirken vermögen. (Met. IX 5, 1048a15f)

Auf den ersten Blick scheint es so zu sein, als würde Aristoteles hier doch wieder den Megarikern das Feld räumen. Denn wenn die Verwirklichung des Bewirkens bei Anwesenheit des Erleidenden automatisch eintritt und das Bewirkende das Vermögen nur bei Anwesenheit des Erleidenden haben soll, dann würde das Bewirkende sein Vermögen nur dann haben, wenn es auch verwirklicht ist. Allerdings berücksichtigt dieses Verständnis nicht, daß diese Bemerkung innerhalb der Behandlung der rationalen Vermögen auftritt, deren Verwirklichung Aristoteles ja gerade nicht nur von der Anwesenheit des Erleidenden abhängig macht. Nur weil ein Patient in der Nähe ist, beginnt der Arzt nicht automatisch, sein medizinisches Wissen zu nutzen. Arzt und Patient können in demselben Raum sein, ohne daß der Arzt seine Heilkunst akti-viert. Da müssen, so hatte Aristoteles gesagt, „Streben und Entscheidung“ hinzukommen. Selbst wenn man den „wenn“-Satz also als Ausdruck von notwendigen Bedingungen für das Vorliegen von Vermögen versteht, würde sich nicht der megarische Möglichkeitsbegriff ergeben.

Bei einem solchen Verständnis bleibt allerdings ungereimt, daß der Arzt sein Vermögen nur dann haben sollte, wenn ein Patient anwesend ist und dieses verliert, sobald er den Raum verläßt, in dem der Patient sich befindet. Diese Ungereimtheit wäre eine Konsequenz der obigen Interpretation. Gegen sie kann man ein Argument ins Feld führen, das Aristoteles gegen die megarische These (M) vorbrachte: Der Arzt würde dann schnell und mit Leichtigkeit seine Kunst verlieren und wieder erwerben. Die Erfahrung hingegen zeigt, daß das Studium der Medizin langwierig und mühsam ist. Daher sollte man eine Interpretation ablehnen, die eine solche Ungereimtheit zur Folge hat.

Wesentlich sinnvoller ist es, den „wenn“-Satz als eine Erläuterung des „wie“ (hôs, 1048a15) im vorangegangenen Satz zu verstehen. Dann drückt der

„wenn“-Satz keine notwendige Bedingung aus für das Vorliegen eines Vermögens, sondern die Art und Weise, wie über dieses Vermögen verfügt wird. Und zum Vorliegen eines rationalen Aktivvermögens gehört, wie etwa im Fall der Heilkunst, daß die Verwirklichung nur stattfinden kann, wenn sich das Erleidende in räumlicher Nähe befindet. Der „wenn“-Satz drückt also vielmehr eine notwendige Bedingung der Verwirklichung des Vermögens aus und keine Bedingung des Verfügens über das Vermögen:[3] Ein Arzt kann sein Vermögen, die Heilkunst, nur verwirklichen, wenn ein Patient anwesend ist. Ansonsten ist keine Verwirklichung möglich, wiewohl der Arzt über sein Wissen verfügt. Aber die Heilkunst ist gewissermaßen definiert als die Kunst, anwesende Patienten zu heilen.[4] Bei abwesenden Patienten kann der beste Arzt nichts ausrichten.

Die Anwesenheit des Patienten ist also als notwendige Verwirklichungsbedingung bereits in der Definition der Heilkunst enthalten. Diese Beobachtung überträgt Aristoteles auch auf die übrigen Bedingungen, die zur Verwirklichung des Vermögens notwendig sind:

to ga mhqenoj tw½n eÃcw kwlu/ontoj prosdiori¿zesqai ou)qe eÃti deiÍ: th ga du/namin eÃxei w¨j eÃsti du/namij tou= poieiÍn, eÃsti d' ou) pa/ntwj a)ll' e)xo/ntwn pw½j, e)n oiâj a)forisqh/setai kaiì ta eÃcw kwlu/onta: a)faireiÍtai ga tau=ta tw½n e)n t%½ diorism%½ proso/ntwn eÃnia:

Denn das Nichtvorhandensein der äußeren Hindernisse braucht man keineswegs zusätzlich anzugeben. Denn man hat das Vermögen so, wie es Vermögen ist zu bewirken, es ist es aber nicht auf jede Weise, sondern man hat es nur so, daß auch die äußeren Hindernisse schon ausgeschieden sind. Denn diese hindern in den in der Definition enthaltenen [Situationen der Nichtverwirklichung]. (Met. IX 5, 1048a16-21)

Es geht also bereits aus der Definition eines jeden Vermögens hervor, unter welchen Bedingungen es verwirklicht wird. Wenn wir von jemandem behaupten, er könne sehen, so wird dies nicht dadurch widerlegt, daß diese Person nichts sieht, wenn es dunkel ist. Denn das Vermögen, daß wir mit jener Behauptung zuschreiben, ist eben die Fähigkeit, visuelle Sinneseindrücke zu empfangen, wenn Licht mittlerer Intensität in die geöffneten Augen fällt.[5] In der Definition des Vermögens selbst werden also schon diejenigen Bedingungen aufgezählt, die für die Verwirklichung des Vermögens notwendig sind. Wenn man daher auf die Definition des Vermögens verweisen kann, muß man bei der Vorhersage der Verwirklichung keine Klausel der Art „wenn kein äußeres Hindernis davon abhält“ hinzufügen.[6]

Durch die Angabe des „Wie“ kann man beispielsweise das Sehvermögen eines Kurz- und dasjenige eines Weitsichtigen unterscheiden: Der eine sieht einen Gegenstand, wenn er nahe genug ist, der andere, wenn er weit genug entfernt ist. Das Sehvermögen einer Eule kommt mit wesentlich weniger Licht aus als das eines Menschen, ein Falke kann auch in großer Entfernung noch kleine Details unterscheiden. All diese Unterschiede schlagen sich in unterschiedlichen Verwirklichungsbedingungen nieder: Im ersten Fall wird das Sehvermögen verwirklicht, wenn der Gegenstand nahe am Auge ist, im zweiten Fall, wenn er weiter entfernt ist. Im Fall der Eule wird das Vermögen bei wesentlich weniger Licht verwirklicht, im Fall des Falken bei wesentlich größerer Entfernung. Das Sehvermögen, von dem wir beim Kurzsichtigen, Weitsichtigen, bei der Eule und beim Falken sprechen, ist also keineswegs stets das gleiche: Wir haben es jeweils mit unterschiedlichen Verwirklichungsbedingungen zu tun.

  • [1] Vgl. u.a. die Kontroverse zwischen Bärthlein 1963 und Stallmach 1965
  • [2] Ross Met. II 249 und vor ihm Christ und vielleicht auch Alexander schließen das erste poiein in 1048a16 aus; dies ist aber nicht notwendig, da der Satz auch ohne eine solche Korrektur gut zu konstruieren ist und das erste poiein sachlich sinnvoll ist; so auch Liske 1996, 270 Anm. 10
  • [3] Vgl. Stallmach 1965, Moline 1975
  • [4] Im Zeitalter der Telekommunikation kann die erforderliche Nähe des Patienten in manchen Fällen sicher auch durch Telefon, Fernsehen oder Internet vermittelt sein
  • [5] Ein Zuwenig an Licht führt nicht zur Verwirklichung des Sehvermögens, ebensowenig auch ein Zuviel an Licht, durch das der Sehsinn auch dauerhaft zerstört werden kann; vgl. An. II 12
  • [6] Vgl. Moline 1975
 
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