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5.3 Wann liegen Vermögen vor? (IX 7)

5.3.1 Ist die Konsistenzbedingung hinreichend?

Ich habe im Zusammenhang mit Met. IX 3 die Konsistenzbedingung nur als notwendiges Kriterium diskutiert, obwohl der Wortlaut nahelegt, es auch als hinreichendes Kriterium zu verstehen. Gerechtfertigt habe ich dieses Vorgehen durch den Kontext von Met. IX 3: Denn die megarische These (M) wird von Aristoteles nur insofern destruiert, als sie eine notwendige Bedingung für Vermögen angibt. Auch der Anfang von Met. IX 4, der auf die Konsistenzbedingung zurückverweist, paßt gut zu der Vermutung, die Konsistenzbedingung solle lediglich eine neue notwendige Bedingung angeben. Denn dort heißt es ja, die Konsistenzbedingung charakterisiere insofern das Vermögende, als sie dem Vermögenden „folgt“ (1047b3), das heißt: Insofern alles, was vermögend ist, die Konsistenzbedingung erfüllt, insofern also die Konsistenzbedingung eine notwendige Voraussetzung für das Vermögendsein ist. Doch ist die Interpretation von Met. IX 4 zu umstritten, als daß dies als klares Indiz zählen könnte. Die endgültige Bestätigung findet sich erst zu Beginn von Met. IX 7. Dort behandelt Aristoteles die Frage, zu welcher Zeit denn ein x dem Vermögen nach (dynamei ) F ist und wann nicht (1048b37; vgl. Kap. 3.2.4), welche hinreichende Bedingung also für das Vermögendsein zu einer bestimmten Zeit erfüllt sein muß. Wäre nun die Konsistenzbedingung bereits hinreichend, wäre diese Frage schon längst beantwortet. Auch ist in Aristoteles' Antwort in Met. IX 7 vom Konsistenz-Test gar nicht die Rede, was aber mehr als nahe gelegen hätte, wenn er die Konsistenzbedingung als hinreichend angesehen hätte. Zudem gibt es ein systematisches Argument dagegen, die Konsistenzbedingung als hinreichendes Kriterium anzusehen: Es wäre nämlich nicht operationalisierbar. Es ist zwar leicht, von einer beliebigen Menge von Sätzen zu zeigen, daß sie einen Widerspruch enthalten; hingegen gibt es kein allgemeines Verfahren, für beliebige Mengen von Sätzen zu zeigen, daß sie widerspruchsfrei sind.

Statt auf das Konsistenz-Kriterium rekurriert Aristoteles auf den in Met. IX 5 beschriebenen Verwirklichungs-Automatismus, um die Frage nach der hinreichenden Bedingung für das Vermögendsein zu beantworten. Aristoteles' These in IX 7 ist: Es gibt zeitliche Restriktionen für das Vorliegen von Vermögen. Hatte er in IX 4 gezeigt, daß nicht alles zu allem vermögend ist, weil es ja das Unmögliche gibt, so zeigt er jetzt, daß auch im Bereich des Möglichen die entsprechenden Vermögen nicht zu jeder Zeit vorliegen (ou gar hopoteoun, 1049a1).

Es ist naheliegend zu sagen, daß die Materie eines Dinges das Vermögen hat, eben dieses Ding zu bilden: Der Kasten besteht aus Holz, Holz scheint also dem Vermögen nach ein Kasten zu sein (1049a23). Doch diese Überlegung will Aristoteles nicht generell zulassen. Denn parallel zum KastenBeispiel könnte man sagen: Nach der antiken Elementenlehre besteht ein Mensch unter anderem aus dem Element Erde; die Erde scheint daher dem Vermögen nach ein Mensch zu sein. Doch das scheint Aristoteles zu weit zu gehen; recht vorsichtig verneint er dieses:

oiâon h( gh= aÅr' e)stiì duna/mei aÃnqrwpoj; hÄ ouÃ, a)lla ma=llon oÀtan hÃdh ge/nhtai spe/rma, kaiì ou)de to/te iãswj;

Ist zum Beispiel die Erde dem Vermögen nach ein Mensch? Oder nicht, sondern eher, wenn [die Erde] Sperma geworden ist, und vielleicht auch dann nicht. (Met. IX 7, 1049a1ff)

Warum ist nun zwar das Holz dem Vermögen nach ein Kasten, die Erde (und vielleicht auch das Sperma) aber nicht dem Vermögen nach ein Mensch, obwohl der Mensch auch aus dem Element Erde besteht? Aristoteles zieht ein weiteres Beispiel heran, um diese Frage näher zu untersuchen, das „dem Vermögen nach Gesunde“, das das passive Vermögen hat, geheilt zu werden:

wÐsper ouÅn ou)d' u(po i¹atrikh=j aÀpan aÄn u(giasqei¿h ou)d' a)po tu/xhj, a)ll' eÃsti ti oÁ dunato/n e)sti, kaiì tou=t' eÃstin u(giaiÍnon duna/mei.

Wie ja auch weder durch die Heilkunst alles geheilt würde, noch durch Zufall – vielmehr gibt es etwas, das [zum Geheiltwerden] vermögend (dynaton) ist, und dieses ist das dem Vermögen nach Gesunde (hygiainon dynamei ) . (IX 7, 1049a3ff)

Wie schon bei der Darstellung der passiven Vermögen diskutiert wurde, muß etwas, um geheilt werden zu können, zunächst ein solches Ding sein, auf das Ausdrücke wie „ist krank“, „ist gesund“ und „wird geheilt“ überhaupt sinnvoll angewandt werden können; es muß im Anwendungsbereich dieser Ausdrücke liegen. Sätze wie „Der Tisch ist krank“ und „Der Stein wird geheilt“ sind zwar syntaktisch wohlgeformt, sind aber vom semantischen Standpunkt unsinnig: Weder Tische noch Steine gehören zu der Art von Dingen, bei denen man sinnvoll von gesund, krank und Heilung reden kann. Davon kann nur bei Lebewesen sinnvoll die Rede sein. Viele Kranke genesen durch die Anwendung der Heilkunst (hypo iatrikês, 1049a3), viele sogar ohne Hinzuziehen eines Arztes, also gewissermaßen zufällig (apo tychês, 1049a4). Aber nicht bei allen Krankheiten kommt es zu Selbstheilungen, sondern nur in ganz bestimmten Fällen. Und auch der Arzt kann nicht in jedem Fall helfen: Gegen manche Krankheiten ist seine Kunst machtlos; entweder weil noch kein Heilmittel gefunden ist oder weil es prinzipiell kein Heilmittel geben kann. Sollte es nun ein Heilmittel geben, muß eine dritte Bedingung erfüllt sein, damit der Kranke „dem Vermögen nach gesund“ genannt werden kann: Der Kranke muß in einem Zustand sein, der die Anwendung des Heilmittels tatsächlich erlaubt. Wenn beispielsweise eine Operation notwendig wäre, muß sein Zustand diese auch erlauben. Wenn es ein Medikament gibt, darf er keine Unverträglichkeit gegen dieses Medikament haben.[1]

Es gibt also zum einen die semantische Bedingung, daß die entsprechenden Prädikate überhaupt sinnvoll zugeschrieben werden können. Zweitens muß die äußere Bedingung erfüllt sein, daß ein entsprechendes aktives Vermögen vorhanden ist, und drittens muß, als innere Bedingung, der Kranke in einem solchen Zustand sein, daß der Arzt durch sein Aktivvermögen die Heilung tatsächlich in Gang setzen kann. Diese drei Bedingungen sind nun aber keine neuen, zu ergänzenden Forderungen; sie sind nur eine Erläuterung des in der Definition des Vermögens angegebenen „Wie“ der Verwirklichungsbedingungen:

oÀroj de tou= me a)po dianoi¿aj e)ntelexei¿# gignome/nou e)k tou= duna/mei oÃntoj, oÀtan boulhqe/ntoj gi¿gnhtai mhqenoj kwlu/ontoj tw½n e)kto/j, e)keiÍ d' e)n t%½ u(giazome/n%, oÀtan mhqe kwlu/v tw½n e)n au)t%½:

Die Bestimmung (horos) dessen, was aufgrund von Überlegung verwirklicht wird aus dem, was dem Vermögen nach ist (ek tou dynamei ontos), ist, daß es immer dann entsteht, wenn es gewollt wird und nichts von dem Äußeren hindert, dort aber in dem Gesundwerdenden, wenn nichts in diesem [daran] hindert. (Met. IX 7, 1049a5-8)

Wenn also, gegeben der jetzige Zustand von x, bei Vorliegen aller in der Definition vorhandenen Verwirklichungsbedingungen auch die Verwirklichung eintritt oder einträte, dann hat x jetzt das auf diese Weise definierte Vermögen. Wenn aber, gegeben der jetzige Zustand von x, die Verwirklichung nicht eintritt, wenn die Verwirklichungsbedingungen erfüllt sind, dann ist die innere Bedingung nicht erfüllt und x hat nicht das so definierte Vermögen. Am Beispiel des Materials, aus dem ein Haus gebaut wird, erläutert Aristoteles noch einmal, was das heißt:

ei¹ mhqe kwlu/ei tw½n e)n tou/t% kaiì tv= uÀlv tou= gi¿gnesqai oi¹ki¿an, ou)d' eÃstin oÁ deiÍ prosgene/sqai hÄ a)pogene/sqai hÄ metabaleiÍn, tou=to duna/mei oi¹ki¿a:

Ähnlich das, was dem Vermögen nach ein Haus ist (dynamei oikia): Wenn nichts von dem, was in diesem und dem Stoff ist, daran hindert, daß es ein Haus werde, und nichts da ist, was hinzugefügt oder weggenommen oder verändert werden muß, ist dieses dem Vermögen nach ein Haus. (Met. IX 7, 1049a9-11)

Wenn man also eine Ansammlung von Baumaterial „dem Vermögen nach ein Haus“ nennt, können zwei Arten von Fehlern passieren: Man kann erstens zuviel oder zuwenig Material auswählen; dann ist es nicht genau die ausgewählte Menge Materials, die das Haus bilden kann. Zweitens kann es passieren, daß das ausgewählte Material noch nicht im richtigen Zustand ist und erst noch bearbeitet werden muß, bevor der Baumeister es verwenden kann. Man kann beispielsweise genau die richtige Menge Lehm auswählen, die für ein Haus notwendig ist, ohne daß diese „dem Vermögen nach ein Haus“ wäre, da der Lehm erst zu Ziegeln gebrannt werden muß, um für den Baumeister verwendbar zu sein. Damit eine Menge Baumaterial also dem Vermögen nach ein Haus ist, muß es die richtige Menge des richtigen Materials sein.

Diese Ergebnisse, die Aristoteles am Beispiel dessen gewonnen hat, was durch die Einwirkung eines äußeren Prinzips entsteht, überträgt Aristoteles auch auf Prozesse organischer Entwicklung, wo das sich Entwickelnde selbst das Prinzip der Entstehung in sich enthält (1049a11-14), wo das sich Entwickelnde also, „wenn keines der äußeren Hindernisse vorliegt, durch sich selber sein wird“ (1049a14). Daher kann Aristoteles vor diesem Hintergrund nun auch begründen, warum das Sperma (und, a fortiori, die Erde) noch nicht dem Vermögen nach ein Mensch ist:

oiâon to spe/rma ouÃpw ādeiÍ ga e)n aÃll% <peseiÍn> kaiì metaba/lleinŸ, oÀtan d' hÃdh dia th=j au(tou= a)rxh=j vÅ toiou=ton, hÃdh tou=to duna/mei: e)keiÍno de e(te/raj a)rxh=j deiÍtai

So ist etwa das Sperma noch nicht [dem Vermögen nach ein Mensch], denn es ist notwendig, daß er in ein anderes <kommt> und sich verändert. Wenn etwas aber schon durch ein eigenes Prinzip so beschaffen ist, [daß die Verwirklichung stattfinden kann], dann ist es dieses dem Vermögen nach (dynamei ) . Jenes [das Sperma] braucht aber ein anderes Prinzip. (Met. IX 7, 1049a14-17)

Das Sperma ist also deswegen noch nicht dem Vermögen nach Mensch, weil es sich nicht aus sich selbst heraus zum Menschen entwickeln kann. Denn für die Ontogenese des Menschen ist auch nach der Embryologie des Aristoteles das Sperma allein nicht ausreichend; der Mensch kann sich nur entwickeln, wenn „ein anderes Prinzip“ hinzukommt:[2] Er bedarf auch der von der Mutter stammenden Materie. Wie beim Bau des Hauses das Material noch nicht dem Vermögen nach ein Haus ist, wenn es noch ergänzt oder verändert werden muß, so ist auch das Sperma noch nicht dem Vermögen nach ein Mensch, weil es noch ergänzt und verändert werden muß. Noch mehr Veränderungen muß natürlich das Element Erde mitmachen, bevor aus ihm ein Mensch geworden ist; daher kann auch bei ihm nicht die Rede davon sein, daß es dem Vermögen nach ein Mensch ist. Ja, die Erde ist nicht einmal dem Vermögen nach eine Statue (andrias dynamei ) , denn aus ihr muß erst Metall gewonnen werden (1049a17-18). Nur mit dem durch eine Veränderung der Erde gewonnenen Metall kann der Bildhauer etwas anfangen; die unveränderte Erde kann nicht als Material etwa für einen Bronzeguß dienen.

Damit ist auch gezeigt, daß die Konsistenzbedingung kein hinreichendes Kriterium für das Vorliegen eines Vermögens ist. Denn es ist ja durchaus konsistent vorstellbar, daß aus jenem Haufen Lehm ein Haus wird, daß aus jener Erde irgendwann eine Statue wird und daß sich aus einem Spermium ein Mensch entwickelt. Dennoch soll der Lehmhaufen noch nicht dem Vermögen nach ein Haus sein, die Erde noch nicht dem Vermögen nach eine Statue und das Spermium noch nicht dem Vermögen nach ein Mensch. Bloße Konsistenz der Annahme der Verwirklichung ist also nicht hinreichend dafür, daß etwas dem Vermögen nach etwas ist bzw. ein bestimmtes Vermögen hat. Aristoteles' Antwort auf die Frage, wann Vermögen vorliegen, beruht vielmehr auf dem Verwirklichungs-Automatismus der Vermögen: Wenn die Verwirklichung bei Vorliegen der Verwirklichungsbedingungen eintritt oder eintreten würde, dann liegt das Vermögen vor. Wir können also folgendes hinreichende Kriterium für das Vorliegen eines Vermögens festhalten: Ein Vermögen liegt vor, wenn das kontrafaktische Konditional

(KK) Wenn die Verwirklichungsbedingungen vorliegen, dann tritt die Verwirklichung unter diesen Bedingungen ein.

wahr ist. Aufgrund des Verwirklichungs-Automatismus ist dieses hinreichende Kriterium zugleich notwendig. Denn bei Vorliegen eines Vermögens gilt eben das kontrafaktische Konditional (KK): Wenn die Verwirklichungsbedingungen vorliegen, dann tritt auch die Verwirklichung ein. Für das kontrafaktische Konditional werde ich im folgenden Lewis' Symbol „□→“ verwenden.[3] Es gilt dann:

(H7) dynt1 (Bt2.Ft2) x º (Bt2 x □→ Ft2 x)

Aus der Wahrheit von (KK) ergibt sich übrigens auch, daß das Konsistenzkriterium erfüllt ist. Denn wenn ein kontrafaktisches Konditional wahr sein soll, dann muß das Konsequens möglich sein. (KK) ist also sowohl notwendig als auch hinreichend für das Vorliegen eines Vermögens.

  • [1] Diese drei Bedingungen hat M. Frede 1994 klar herausgearbeitet
  • [2] Vgl. Furth Met. 135 mit Verweis auf GA I 21, 729a34ff, vgl. auch Berti 1993
  • [3] Vgl. Lewis 1973
 
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