Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Philosophie arrow Tun und Können
< Zurück   INHALT   Weiter >

5.4 Transferprinzipien für Vermögen (IX 4)

5.4.1 Zwei Aussagen über Vermögen und Verwirklichung

In der zweiten Hälfte von IX 4 argumentiert Aristoteles für zwei Prinzipien, deren Interpretation stark umstritten ist. Das erste dieser Prinzipien formuliert Aristoteles so:

aÀma de dh=lon kaiì oÀti, ei¹ tou= A oÃntoj a)na/gkh to B eiånai, kaiì dunatou= oÃntoj eiånai tou= A kaiì to B a)na/gkh eiånai dunato/n:

Zugleich aber ist klar, daß, wenn das A ist, notwendig auch B ist, dann auch dann, wenn das A zu sein vermag, notwendig das B zu sein vermag. (Met. IX 4, 1047b14ff)

Das zweite Prinzip gibt sich als das zum ersten Prinzip konverse Konditional:

kaiì ei¹ tou= A dunatou= oÃntoj a)na/gkh to B dunato eiånai, ei¹ eÃsti to A a)na/gkh eiånai kaiì to B.

Und wenn, wenn etwas vermögend ist, A zu sein, es notwendig ist, daß es auch vermögend ist, B zu sein, dann ist es notwendig, wenn das A ist, daß auch das B ist. (Met. IX 4, 1047b26f)

Viele Interpreten haben in diesen beiden Prinzipien modallogische Aussagen gesehen. Von einem solchen Standpunkt aus können diese beiden Prinzipien versuchsweise wie folgt paraphrasiert werden:

(T1) Wenn gilt: Wenn A, dann B, dann gilt auch: Wenn möglich A, dann möglich B.

(T2) Wenn gilt: Wenn möglich A, dann möglich B, dann gilt auch: Wenn A, dann B.

Aussagen dieser Art nennt man „Transferprinzipien“, weil sie es erlauben, unter bestimmten Bedingungen etwas von einem auf etwas anderes zu „übertragen“. So erlaubt uns (T1) zum Beispiel, das Möglichsein von A auf B zu übertragen, wenn das Antezedens „Wenn A, dann B“ wahr ist; (T2) erlaubt uns andererseits, das Wirklichsein von A auf B zu übertragen, wenn das Antezedens von (T2) wahr ist.

Aristoteles argumentiert in 1047b14-26 für (T1), während er (T2) wesentlich kürzer in 1047b26-30 behandelt. Ein Argument für (T1) findet sich auch in APr I 15, 34a5-12. Diese Dopplung hat A. Becker zum Anlaß genommen, die Authentizität der Passagen 1047b14-26 und b26-30 in Frage zu stellen. Die erste Passage, 1047b14-26, sei höchstwahrscheinlich eine spätere Interpolation, weil es erstens die Dopplung in APr I 15 gebe und der Beweis in IX 4 weniger klar sei als dort,[1] weil zweitens in IX 4 kein Anlaß für diese Bemerkung bestehe außer einem bloßen Stichwortanschluß[2], es drittens aber

„eine bemerkenswerte äußerliche Verknüpfung“[3] gebe, die ein späterer Bearbeiter zum Anlaß genommen haben könnte, eine APr I 15, 34a5-12 aufnehmende Passage in IX 4 einzufügen: In APr I 15 schließt die Behandlung von (T1) an die Worte touto de pseudos men, ou mentoi adynaton (34a37f; vgl. auch 34a25-29) an. Ganz ähnlich lautet nun die vorhergehende Bemerkung in IX 4 (pseudos men, ouk adynaton de, 1047b14).[4] Aber: „Ein logischer Zusammenhang, wie ihn das [...] überleitende hama de dêlon kai ... zu behaupten scheint, besteht jedoch keineswegs.“ Becker vermutet daher, „daß die Worte pseudos men, ouk adynaton de die Verbindung zum 15. Kapitel der Anal. Pr. I vermittelt und die Veranlassung gegeben haben“,[3] die Passage 1047b14-26 an dieser Stelle einzuschieben.

Die Passage 1047b26-30, in der (T2) behandelt wird, findet in Beckers Augen noch weniger Gnade: „Diese Behauptung, die nur hier auftritt, ist dem für die Sache interessierten Leser ein Stein des Anstoßes; sie leuchtet nicht im geringsten ein, ja ein genaueres Nachdenken kann sie leicht als unhaltbar erweisen.“[6] Aber nicht nur die These, sondern auch ihre Begründung erscheint Becker seltsam: „Die Implikation zwischen der Möglichkeit von A und der Möglichkeit von B soll gleichbedeutend sein mit der Implikation zwischen A und B selbst. Wäre Aristoteles wirklich dieser höchst sonderbaren Auffassung gewesen, so hätte er doch nicht nötig gehabt, seinem Satze [(T1)] selbst eine so ausführliche Begründung zu widmen, wie es tatsächlich geschieht.“[7] Becker kommt daher zu dem Ergebnis, „daß die beiden letzten Sätze von Θ 4 ein auf einem Mißverständnis des Beweises von [(T1)] beruhender unechter Zusatz sind, nachdem es uns vorher schon als sehr wahrscheinlich erschienen war, daß bereits von Zeile 14 an eine spätere Hand am Werke gewesen ist“.[8]

  • [1] A. Becker 1934, 448
  • [2] Vgl. A. Becker 1934, 449: „Die sachlichen Berührungen mit dem umgebenden Text beschränken sich darauf, daß es sich eben um den Begriff dynaton handelt.“
  • [3] A. Becker 1934, 449
  • [4] Becker hält übrigens auch diese Bemerkung in 1047b12ff für nach-aristotelisch, vor allem aus inhaltlichen Gründen: Er kann keinen Zusammenhang mit dem Vorangehenden ausmachen. Vgl A. Becker 1934, 449 Anm. 2
  • [5] A. Becker 1934, 449
  • [6] A. Becker 1934, 449 mit Verweis auf O. Becker 1930, 505-506, bes. 506 Anm. 1
  • [7] A. Becker 1934, 449. Hier und im folgenden Zitat habe ich Beckers Siglum „(H)“ durch das von mir verwendete „(T1)“ ersetzt
  • [8] A. Becker 1934, 450
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften