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6.3.4 Das Spontaneitäts-Problem

Bisher haben wir vor allem Probleme diskutiert, die (V4) betrafen. Aber auch (V1) ist nicht unproblematisch. In VII 9 diskutiert Aristoteles ein Phänomen, das als Gegenbeispiel für (V1) herangezogen werden könnte. Vieles, was durch eine Kunst entstehen kann, kann auch ohne diese Kunst entstehen (1034a9f), zum Beispiel die Gesundheit: Ein Patient kann auch von alleine gesund werden, ohne daß er den Rat eines Arztes einholt. Hier ist zunächst nicht zu sehen, was das bewirkende andere ist. Erst bei genauerer Analyse der Verursachung einer solchen Spontanheilung zeigt sich dieses verursachende andere Seiende: Aristoteles erklärt derartige spontan ablaufende Prozesse dadurch, daß ein Stoff manchmal das notwendige Bewegungsprinzip von Natur aus in sich hat und deshalb das externe Bewegungsprinzip der Kunst nicht notwendig ist (1035a10-14). Der Arzt würde beispielsweise durch sein medizinisches Wissen erkennen, daß dem Patienten Wärme zugeführt werden müßte (VII 7, 1032b8). Ein Feuer, das den Patienten wärmt, kann nun aber auch zufällig, ohne Mittun eines Arztes, den Patienten wärmen und diesen dadurch heilen (1034a17f). Das bereits der Verwirklichung nach seiende andere ist in diesem Fall das Feuer. Das Feuer ist per se (kath' hauto) Ursache des Wärmens, und es ist der Verwirklichung nach warm, während der Patient vorerst nur dem Vermögen nach warm ist. Dadurch, daß das Feuer den Patienten wärmt, ist es akzidentell (kata symbebêkos, vgl. Phys. II 3, 194a32-35) auch Ursache der Gesundheit. (V1)-(V4) finden offensichtlich keine Anwendung auf die akzidentelle Verursachung: Das Feuer hat nicht die Form der Gesundheit. Hinsichtlich der Ursache per se haben (V1)-(V4) aber durchaus auch bei spontanen Prozessen Gültigkeit; dies spricht dafür, die entsprechenden Prioritätsthesen auf diese Fälle der Verursachung per se zu beschränken.

6.3.4 Das Henne-Ei-Problem

Schließlich muß darauf hingewiesen werden, daß These (P2) eine recht schwache These ist. Sie ist nämlich durchaus vereinbar mit (P4), die entsprechend die zeitliche Priorität des Vermögens hinsichtlich des der Art nach Identischen formuliert:[1]

(P4) Sei F eine Tätigkeit. Dann gibt es für jedes Individuum, das an einem Zeitpunkt t2 F-t, einen Eidos-Begriff G, unter den dieses Individuum fällt, und einen früheren Zeitpunkt t1, zu dem ein unter G fallendes Individuum das Vermögen hat, zu F-en. D.h.:[2] ("x)("t2)($G)(((G(x, t2) & F(x, t2))

É ($y)($t1)(t1 < t2 & G(y, t1) & dyn F(y, t1)))

Denn dem Erwachsensein der Kinder geht das Samenstadium der Kindergeneration, aber auch das Samenstadium der Elterngeneration zeitlich voraus. Dem Gebildetsein des Schülers geht das Ungebildetsein des Schülers zeitlich voraus, aber auch das Ungebildetsein des Lehrers. Das folgt unmittelbar aus These (P1) von der zeitlichen Priorität des Vermögens hinsichtlich des numerisch Identischen. Es handelt sich um dieselbe Struktur, die auch dem HenneEi-Problem zugrunde liegt: Vor der Henne war das Ei, vor dem Ei die Henne. Wenn biologische Arten konstant bleiben und es keinen Anfang der Zeit gibt, dann ist klar, daß es keine Antwort gibt auf die Frage: „Was kam zuerst, die Henne oder das Ei?“ Denn eine Antwort auf diese Frage würde voraussetzen, daß es eine „früheste“ Henne oder ein „frühestes“ Ei gibt. Das aber ist durch die Annahme der Anfangslosigkeit der Zeit ausgeschlossen. Hingegen gilt analog zu (P2), daß die Henne hinsichtlich des der Art nach Identischen zeitlich vorausgeht: Vor jedem Ei, aus dem eine Henne schlüpft, gab es eine Henne, die dieses gelegt hat. Umgekehrt gilt aber auch analog zu (P4) die zeitliche Priorität des Eies vor der Henne hinsichtlich des der Art nach Identischen: Vor jeder Henne gibt es ein Ei, aus dem ihre Eltern geschlüpft sind.

Wie bei Henne und Ei scheint es auch bei Vermögen und Verwirklichung kein zeitlich „Frühestes“ zu geben. Und ebensowenig wie bei Henne und Ei ist die zeitliche Priorität hinsichtlich des der Art nach Identischen eindeutig zu beantworten: Zwar findet Aristoteles Argumente dafür, daß dem Vermögen die Verwirklichung eines Artgleichen vorangeht. Daß die zeitliche Priorität des Vermögens hinsichtlich des numerisch Identischen auch eine entsprechende Priorität des Vermögens hinsichtlich des der Art nach Identischen impliziert, wird von Aristoteles nicht diskutiert. Dieser Zusammenhang zeigt aber, wie schwach die These (P2) von der zeitlichen Priorität der Verwirklichung hinsichtlich des der Art nach Identischen ist: Sie schließt These (P4) über die zeitliche Priorität des Vermögens hinsichtlich des der Art nach Identischen nicht aus. Mehr noch: Gemeinsam mit (P1) impliziert (P2) sogar (P4). Wenn also (P2) eine korrekte Wiedergabe dessen ist, was Aristoteles unter „zeitliche Priorität hinsichtlich des der Art nach Identischen“ verstanden hat, dann ist diese Prioritätsrelation keine antisymmetrische Relation, denn hinsichtlich des der Art nach Identischen ist sowohl Verwirklichung früher als Vermögen, als auch Vermögen früher als Verwirklichung.

  • [1] Dieses Problem ergibt sich nicht nur für (P3), sondern analog auch für die stärkere These (P2)
  • [2] Wie in (P3) wird auch hier von G nicht mehr verlangt, als das G ein Prädikat ist. (P4) folgt auch ziemlich leicht aus (P1). Denn da eine Veränderung im Wesen das Ende der Existenz eines Dinges bedeuten würde, gehört ein Ding zu allen Zeiten seiner Existenz derselben Art an. Wenn nun x zu t1 und t2 überhaupt existiert, dann gibt es trivialerweise ein G, dem x zu beiden Zeitpunkten angehört. Dann aber ist (P4) schon aufgrund dieses trivialen Falls der Identität von x und y erfüllt
 
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