Die metaphysische Priorität der Verwirklichungen (I): Entstandene Entitäten

Begründung durch die teleologische Struktur des Entstehungsprozesses

Nach der begrifflichen und zeitlichen Priorität behandelt Aristoteles getreu seiner Ankündigung (1049b10ff) die Priorität „dem Wesen nach“ (1050a4). Gegenstand der Untersuchung sind dabei zunächst die vergänglichen Dinge, was daraus ersichtlich ist, daß Aristoteles sich auf Aussagen über Entstehungsprozesse beruft (1050a4f, 7f):

[i] ¹Alla mh kaiì ou)si¿# ge, [ii] prw½ton me oÀti ta tv= gene/sei uÀstera t%½ eiãdei kaiì tv= ou)si¿# pro/tera [iii] āoiâon a)nh paidoj kaiì aÃnqrwpoj spe/rmatoj: [iv] to me ga hÃdh eÃxei to eiådoj to d' ouß, [v] kaiì oÀti aÀpan e)p' a)rxh badi¿zei to gigno/menon kaiì te/loj [vi] āa)rxh ga to ou eÀneka,

tou= te/louj de eÀneka h( ge/nesijŸ, [vii] te/loj d' h( e)ne/rgeia, [viii] kaiì tou/tou xa/rin h( du/namij lamba/netai. [ix] ou) ga iàna oÃyin eÃxwsin o(rw½si ta z%½a a)ll' oÀpwj o(rw½sin oÃyin eÃxousin, o(moi¿wj de kaiì oi¹kodomikh iàna oi¹kodomw½si kaiì th qewrhtikh iàna qewrw½sin: a)ll' ou) qewrou=sin iàna qewrhtikh eÃxwsin, [x] ei¹ mh oi¸ meletw½ntej: ouÂtoi de ou)xiì qewrou=sin a)ll' hÄ w¨di¿, €hÄ oÀti ou)de de/ontai qewreiÍn€.

[i] Nun [ist Verwirklichung] aber gewiß auch hinsichtlich des Wesens [früher]: [ii] Erstens, weil die der Entstehung nach (genesei ) Späteren der Form und dem Wesen nach (tôj eidei kai têj ousiaj ) früher sind

[iii] (wie zum Beispiel Mann [dem Wesen und der Form nach früher ist] als Knabe, und Mensch [dem Wesen und der Form nach früher ist] als Same;[1][iv] denn das eine verfügt bereits über die Form (eidos), das andere nicht), [v] und weil alles Entstehende auf ein Prinzip und Ziel hingeht

[vi] (denn Prinzip ist das Weswegen, um des Zieles willen aber [erfolgt] die Entstehung),

[vii] Ziel (telos) aber ist die Verwirklichung,

[viii] und um dieser willen wird das Vermögen erlangt.

[ix] Denn nicht, um Gesichtssinn zu haben, sehen die Lebewesen, sondern zum Sehen haben sie den Gesichtssinn; entsprechend hat man die Baukunst zum Bauen und die Fähigkeit zu wissenschaftlicher Betrachtung (theôretikê ) zum Betrachten, aber man betrachtet nicht, um über die Fähigkeit zu wissenschaftlicher Betrachtung zu verfügen,

[x] außer bei den Übenden: Diese aber betrachten nicht [im eigentlichen Sinne], sondern entweder auf bestimmte Weise oder weil sie nicht betrachten müssen.[2] (Met. IX 8, 1050a4-14)

Die Gliederung dieses Abschnittes ist nicht ganz einfach. Die auffallendsten Hinweise auf die Struktur des Abschnittes sind die Satzeinleitungen „erstens, weil“ (prôton men hoti, a4), „und weil“ (kai hoti, a6) und der Anschluß des folgenden Textes mit „weiterhin“ (eti, a15). Reale meint, die drei Konjunktionen leiten drei selbständige Argumente ein (a4-7; a7-a14; a15-b6), die die erste von zwei Serien von Argumenten für die metaphysische Priorität bilden.[3] Ross scheint ebenfalls drei Argumente zu sehen,[4] wie auch Schwegler, wobei letzterer aber meint, die beiden ersten Argumente würden „der Sache nach“ dasselbe sagen.[5] Bonitz gliedert ebenso, sieht aber nur ein Argument, das auf drei ähnliche Weisen vorgetragen wird.[6] Thomas von Aquin und Smeets sehen im Text zwei Argumente (a4-7 und a7-b6), wobei das „weiterhin“ (a15) lediglich einen Unterpunkt des zweiten Arguments einleitet.[7] Diese Vorschläge zur Gliederung bleiben unbefriedigend. Zum einen wäre das erste Argument (a4-7) über Gebühr knapp formuliert:[8] Aristoteles würde nur eine Prämisse nennen, für diese dann aber ausführlich zwei Beispiele anführen und sie begründen. Zum anderen bleibt unklar, wie sich die Argumente voneinander unterscheiden sollen.

Ich möchte einen neuen Vorschlag zur Gliederung des Textes machen, der diese Schwierigkeiten umgeht. Man wird dem Text am besten gerecht, wenn man erst mit dem „weiterhin“ (a15) ein neues Argument eingeleitet sieht und das erste Argument (a4-14) wie folgt strukturiert:

[i] Behauptung

Begründung: [ii] Erste Prämisse

[iii] Beispiele zur Motivation der ersten Prämisse [iv] Erläuterung der Beispiele

[v] Zweite Prämisse

[vi] Motivation der zweiten Prämisse [vii] Dritte Prämisse

[viii] Motivation der dritten Prämisse [ix] Beispiele dafür

[x] Diskussion einer Ausnahme

Der ganze Abschnitt (a4-14) stellt also ein durchgehendes Argument für die metaphysische Priorität der Verwirklichung dar. Die drei Prämissen sind:

[ii] Was der Entstehung nach später ist, ist dem Wesen[9] nach früher.[10]

[v] Entstehung geht auf ein Ziel. [vii] Die Verwirklichung ist Ziel.[11]

Zu diesen drei Prämissen kommt eine vierte, implizite Prämisse hinzu, die aufgrund von semantischen Überlegungen plausibel ist:

Das Ziel einer Entstehung ist der Entstehung nach später.

Zusammen mit dieser impliziten Annahme folgt aus [ii] und [v]: Das Ziel ist dem Wesen nach früher.

Aus diesem Zwischenergebnis folgt zusammen mit [vii] als dritter Prämisse die Behauptung:

[i] Die Verwirklichung ist dem Wesen nach früher.

Mittelbegriffe des Arguments sind also „der Entstehung nach später seiend“ und „Ziel“ (telos), nicht, wie Schwegler und Ross annehmen, Prinzip (archê ) .[12] Das so rekonstruierte Argument beruht auf zwei Aussagen über Entstehungsprozesse: Entstehungen sind erstens zielgerichtet, und zweitens ist das Ziel einer Entstehung ein Wesen (ousia). Dies setzt offensichtlich einen asymmetrischen Entstehungsbegriff voraus. Zunächst nämlich scheinen Entstehen und Vergehen zwei Seiten derselben Sache zu sein, was auch Aristoteles an mehreren Stellen ausführt: Das Vergehen des einen ist ein Werden eines anderen und das Entstehen des einen das Vergehen eines anderen (GC I 3, 318a23ff; 318b33f; Phys. III 8, 208a9f). Denn alles, was entsteht, wird aus etwas zu etwas anderem: Wenn eine Amphore entsteht, vergeht ein ungebrannter Tonklumpen. Wenn ein Baum entsteht, vergeht das Samenkorn. Und umgekehrt scheint auch jedes Vergehen ein Entstehen zu sein: Wenn eine Amphore vergeht, entstehen Scherben. Wenn ein Baum vergeht, entsteht Bauholz. Wenn ein Mensch vergeht, entsteht eine Leiche.

Ein solcher symmetrischer Entstehungsbegriff entspricht allerdings nicht dem üblichen Sprachgebrauch. Wir bezeichnen nur die Zeugung eines Menschen und die Herstellung der Amphore als Entstehen, den Tod allerdings und das Zerbrechen als Vergehen. Und in der Tat sieht auch Aristoteles eine Asymmetrie zwischen Entstehen und Vergehen, wenn er die SymmetrieThese wie folgt präzisiert: Entstehen ist das Vergehen des Nichtseienden, während umgekehrt Vergehen das Entstehen des Nichtseienden ist (GC I 3, 319a28f). Dies entspricht auch Aristoteles' Analyse der drei Prinzipien (archai ) von Veränderungsprozessen in Phys. I 6-8: Eine Entstehung ist dadurch zu erklären, daß etwas, das Zugrundeliegende (hypokeimenon), dem eine bestimmte Form fehlt (sterêsis), diese Form bekommt, wobei das Haben der Form die dem Fehlen entgegengesetzte Eigenschaft ist. In GC I 3 führt Aristoteles diesen Gedanken dahin gehend fort, daß er eine Entstehung als einen Prozeß von der Privation zum Haben der Eigenschaft ansieht, der zu einem „Mehr“ an Form führt. Aristoteles' Beispiel in GC I 3 sind „warm“ und „kalt“: Das Warme ist eine Form (eidos), während das Kalte eine Privation (sterêsis), das Fehlen dieser Form, ist (318b16ff). In Sinne eines solchen asymmetrischen Entstehungsbegriffes ist das Warmwerden eines Kalten, also etwa die Umwandlung des Elements Erde in das Element Feuer, eine Entstehung. Die Umwandlung des Elements Feuer in das Element Erde hingegen ist das Kaltwerden eines Warmen, also eine Bewegung von der Form zur Privation und damit ein Vergehen.

Ein solcher asymmetrischer Entstehungsbegriff wird in IX 8 vorausgesetzt. Entstehung ist demnach immer ausgerichtet auf die Verwirklichung eines Wesens; die Bewegung weg vom Wesen ist Vergehen. Dies motiviert die erste Prämisse des Arguments: Wenn die Entstehung immer auf das Wesen hin ausgerichtet ist, dann ist das, was in einem Entstehungsprozeß zeitlich später ist, eine immer stärkere Annäherung an das Wesen. Dann können wir als Regel formulieren:

Erstes Kriterium für Metaphysische Priorität. Wenn x eine stärkere Annäherung an das Wesen ist als y, dann ist x dem Wesen nach früher.

Der Mensch verfügt bereits über die Wesensform des Menschen, während sie im Samen erst als Anlage vorhanden ist. Das Beispiel illustriert die Regel: Der Mensch entsteht aus dem Samen und ist der Entstehung nach später als dieser, aber zugleich dem Wesen nach früher. Zwar ist nun auch die Leiche zeitlich später als der Mensch, doch folgt daraus nicht, daß sie dem Wesen nach früher ist als dieser. Denn der Übergang vom Menschen zur Leiche ist ein Vergehen, kein Entstehen. Und obwohl die Leiche zeitlich später als der Mensch ist, ist sie nicht „dem Entstehen nach später“. Daher ist der Verweis auf die Leiche kein Einwand gegen die in [ii] formulierte Prämisse.

  • [1] Aristoteles formuliert diese Beispiele sehr konzise mit Genitiv-Konstruktionen; in der Übersetzung müssen diese unter Rückgriff auf 1050a5 ergänzt werden
  • [2] Obwohl sie bei Alexander bezeugt ist, hat Jaeger die letzte Bemerkung „oder weil sie nicht betrachten müssen“ in 1050a14 im Anschluß an Bonitz streichen wollen, da er ihr keinen Sinn abgewinnen konnte. Ross Met. II 262 meint, die Stelle sei „excessively difficult“ und schlägt drei Varianten von Texteingriffen vor, um der Stelle Sinn abzugewinnen (II 263). Sie macht jedoch auch unverändert Sinn, wenn man sie, ebenso wie das „auf bestimmte Weise“, auf Lernsituationen bezieht: Der Schüler stellt „auf bestimmte Weise“ Betrachtungen an, wenn der Lehrer ihn anleitet; er bedarf (zur Reproduktion des richtigen Ergebnisses) überhaupt keiner Betrachtung, wenn er z.B. beim Auswendiglernen nur das vom Lehrer Vorgesagte wiederholt. In diesem Fall äußert der Schüler richtige Lehrsätze ohne Betrachtung
  • [3] Vgl. Reale Met. III 454-455
  • [4] Ross äußert sich nicht explizit; vgl. aber Ross Met. II 258 und 262
  • [5] Schwegler Met. IV 179; vgl. 177
  • [6] Vgl. Bonitz Met. 402: „tribus modis non multum inter se distantibus“
  • [7] Vgl. Thomas von Aquin, In Met. IX, lectio 8, nn. 1856-1865 und Smeets 1952, 169. Thomas' Gliederung des zweiten Arguments ist aus inhaltlichen Gründen nicht zu halten, da das Sehvermögen nicht, wie er behauptet, ein Aktivvermögen ist (potentia activa naturalibus, n.1858), sondern ein Passivvermögen
  • [8] Smeets 1952, 169 führt die Kürze des Arguments auf die Einfachheit des Gedankens zurück: Dieses erste, auf die Form zurückgreifende Argument (das zweite greift Smeets zufolge auf das Ziel zurück) sei „vanzelfsprekend en wordt ook tamelijk vlug afgehandelt“. Mir scheint der Gedankengang des Aristoteles hier allerdings keineswegs selbstverständlich oder trivial zu sein
  • [9] Das „und“ (kai, 1050a5) ist epexegetisch zu verstehen (vgl. Bonitz Met. 403, Smeets 1952, 110): Der Form nach früher zu sein heißt nichts anderes, als dem Wesen nach früher zu sein, denn die Form ist Wesen (vgl. z.B. Met. VII 17, VIII 1). Daher werde ich im folgenden auf das erläuternde „und der Form“ verzichten
  • [10] Dasselbe Prinzip wird auch in Met. I 8, 989a15 und PA II 1, 646a25-b1 formuliert
  • [11] Vgl. auch EE II 1, 1219a8
  • [12] Vgl. Schwegler Met. IV 179 und Ross Met. II 262
 
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