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6.7.4 Zweite These: Priorität der Vermögen vor den schlechten Verwirklichungen

Aristoteles bewertet ein Vermögen also als schlechter als seine gute Verwirklichung, weil es zugleich auch Vermögen für eine schlechte Verwirklichung ist, und er bewertet ein Vermögen besser als seine schlechte Verwirklichung, weil es zugleich auch Vermögen für eine gute Verwirklichung ist. Darüber hinaus behauptet er, die schlechte Verwirklichung sei „der Natur nach später“ (hysteron tê physei, 1051a 18) als die Vermögen. „Früher/später der Natur nach“ verwendet Aristoteles an anderer Stelle synonym mit „früher/später dem Wesen nach“ (Met. V 11, 1019a1-3, kata physin kai ousian). Wie paßt das also mit der von ihm in IX 8 vertretenen These zusammen, die Verwirklichung sei „früher dem Wesen nach“ als das Vermögen? Die Relation der metaphysischen Priorität bildet, wie ich in Kap. 6.5.1 gezeigt habe, hierarchische Ordnungsstrukturen unter anderem aufgrund von teleologischen Relationen zwischen den Relata: A ist dem Wesen nach früher als B, wenn A das telos von B ist. Das telos ist der Zweck einer Handlung oder der Zielzustand eines Dinges; Zwecke und Ziele aber sind immer Gutes,[1] denn alle Handlungen streben die Verwirklichung von etwas Gutem an.[2] Die Verwirklichung, von der in IX 8 gesagt wird, sie sei das telos des Vermögens, muß also die gute Verwirklichung sein.

Die gute Verwirklichung ist unter anderem deswegen dem Wesen nach früher als das Vermögen, weil das Vermögen ein Mittel für sie ist. Warum aber ist die schlechte Verwirklichung später als das Vermögen? Offensichtlich nicht deswegen, weil sie ein Mittel zur Erlangung des Vermögens ist. Denn das anzunehmen wäre absurd. Die Natur bringt das Sehvermögen hervor, und zwar als Mittel zum Zweck der guten Verwirklichung. Die schlechte Verwirklichung ist nun aber nicht telos, eben weil sie nicht gut, sondern schlecht ist. Sie stellt gerade eine Abweichung von der natürlichen Entwicklung dar und ist deswegen

„der Natur nach später“.

6.7.5 Diskussion: Komparabilität ohne Kommensurabilität

Kein noch so gutes Vermögen kann also besser sein als seine gute Verwirklichung. Diese These des Aristoteles vergleicht die Werte miteinander, die einem Vermögen und den diesem zugehörigen Verwirklichungen zukommen. Im folgenden will ich diese These kritisch diskutieren. Dazu definiere ich zunächst die Begriffe der reellen Kommensurabilität und Komparabilität[3] von Größen:

Reelle Kommensurabilität. Zwei Größen x und y sind reell kommensurabel, wenn es eine von Null verschiedene positive reelle Zahl r gibt, so daß gilt: x = ry.

Komparabilität. Zwei Größen x und y sind komparabel, wenn gilt: x > y oder x = y oder x < y.

Man beachte, daß die so definierte reelle Kommensurabilität gerade nicht die Kommensurabilität ist, die man der Diagonale des Quadrates abspricht: Die Diagonale des Quadrates heißt deswegen inkommensurabel, weil es keine rationale Zahl gibt, mit der man die Seitenlänge s multiplizieren könnte, um die Länge der Diagonale d zu erhalten. Im Unterschied dazu reicht es für die reelle Kommensurabilität aus, wenn es eine reelle Zahl mit dieser Eigenschaft gibt. Die Quadratdiagonale ist in diesem Sinne reell kommensurabel, denn es gilt:

d = s×

2 . In diesem Abschnitt wird nur von reeller Kommensurabilität die

Rede sein; ich werde daher im folgenden das Adjektiv „reell“ weglassen.

Sei D ein Vermögen, G und S seine Verwirklichungen für ein gutes bzw. ein schlechtes Ziel und W eine Funktion, die diesen ihren Wert zuordnet. Dann gilt also stets:

(W1) W(G) > W(D) > W(S)

Daraus folgt unmittelbar, daß die Werte eines Vermögens und seiner Verwirklichungen stets komparabel sind. Man sollte weiterhin annehmen, daß eine gute Verwirklichung einen positiven Wert, eine schlechte Verwirklichung hingegen einen negativen Wert hat, daß also gilt:

(W2) W(G) > 0 > W(S)

Daraus folgt nun, daß der Wert der guten Verwirklichung und der Wert der schlechten Verwirklichung konvers kommensurabel sind. Wie ist nun auf einer solchen Werteskala der Wert eines Vermögens einzutragen? Für Aristoteles haben Vermögen sicherlich keinen negativen Wert, auch wenn einige ihrer Verwirklichungen einen negativen Wert haben; sie sind nichts, das zu meiden ist:

(W3) W(D) ³ 0

Verschiedene Vermögen können sicherlich verschiedene Werte haben, und man kann diese Werte miteinander vergleichen, wenn es sich um Vermögen derselben Art handelt. Der Wert zweier medizinischer Ausbildungen kann gut miteinander verglichen werden: Derjenige, der mehr als ein anderer gelernt hat, der hat eine bessere Ausbildung als der andere und ein größeres Vermögen zu heilen.[4] Vermögen unterschiedlicher Arten sind hingegen kaum vergleichbar: Wieviel Muskelkraft-Vermögen soll etwa das Vermögen der Heil- kraft wert sein? Nicht alle Vermögen sind also auf der gleichen Werteskala miteinander vergleichbar, wie es auch nicht für alle Verwirklichungen eine gemeinsame Werteskala gibt.

Ist aber diejenige Werteskala, auf der wir Vermögen derselben Art miteinander vergleichen, dieselbe wie die, mit der wir auch die Verwirklichungen dieser Vermögen messen? Ich denke nicht. Wenn wir sagen, das Heilvermögen des einen Arztes sei größer als das Heilvermögen eines anderen, dann befinden wir uns auf einer anderen Skala als wenn wir sagen, daß Heilen besser sei als Krankmachen. Denn auch wenn Vermögen und ihre Verwirklichung miteinander komparabel sind, folgt daraus nicht, daß sie auch kommensurabel sind. Im Gegenteil, einiges spricht dafür, daß Vermögen und Verwirklichungen in der Tat inkommensurabel sind, daß also gilt:

(W4) ¬($r) (W(G) = rW(D))

Denn wenn dem nicht so wäre, könnte ein besonders wertvolles Vermögen wertvoller sein als eine gute Verwirklichung. Ein solches besonders wertvolles Vermögen könnte zum Beispiel die Heilkunst eines Arztes sein, die auf einer besonders guten medizinischen Ausbildung beruht. Wenn dieses wertvolle Vermögen aber nicht genutzt wird, so scheint der kleinste Heilerfolg eines anderen Arztes besser zu sein als dieses brachliegende Vermögen.[5] Die Werteskala, auf der wir den Wert eines Vermögens mit den Werten seiner Verwirklichungen vergleichen, ist also nicht dieselbe, wie die, auf der wir die Vermögen untereinander vergleichen. Da die Werte von Vermögen und ihrer Verwirklichungen komparabel sind, haben die Werte der Vermögen auch auf der Werteskala der Verwirklichungen ihren Platz, aber sie lassen sich nicht weiter differenzieren: Die verschiedenen Heilvermögen haben auf der Skala der Werte der Verwirklichungen allesamt den Wert „Null“. Durch keinen Multiplikator können sie größer werden als der Wert einer Verwirklichung des Guten. Allerdings können sie, wie gesagt, auf der Skala der Werte der Vermögen durchaus differenziert bewertet werden.

Der eigentümliche Platz der Vermögen auf der Skala der Werte der Verwirklichungen ist, wie gesagt, bedingt durch ihre Ergebnisoffenheit: Die gleichen Vermögen können Gutes und Schlechtes bewirken. Ein Vermögen, das besonders viel Gutes bewirken könnte, könnte auch besonders viel Schlechtes bewir- ken; ein Vermögen, das nur ein wenig Gutes bewirken kann, kann auch nur wenig Schlechtes bewirken: Ein hervorragender Arzt kann viele Leute heilen, er kann durch sein Wissen aber auch viele Leute töten. Ein schlechter Arzt kann nicht so viele Leute heilen, er kennt dafür aber auch nicht so viele Arten, seine Patienten absichtlich krank zu machen. Nun mag es sein, daß ein schlechter Arzt viel Schaden anrichtet durch Fehldiagnosen und unwirksame oder gar schädliche Therapien. Dieser Schaden wird aber gerade nicht durch sein medizinisches Wissen verursacht, sondern durch sein Unwissen. Diesen Schaden richtet der schlechte Arzt gerade deshalb an, weil er nicht in ausreichendem Ausmaß über das Vermögen der Heilkunst verfügt, weil er sich nicht hinreichend vom Nichtarzt unterscheidet (vgl. Kap. 2.4.4).

  • [1] Das telos ist eben nicht irgendein Ende, sondern das beste Ende; Phys. II 2, 194a30-33, 195a25f; NE III 9, 1115a26
  • [2] Diese Grundregel praktischen Überlegens hat bereits Sokrates immer wieder betont, der von ihr ableitete, daß niemand willentlich oder wissentlich Schlechtes tun würde (z.B. Prot. 351-358)
  • [3] In Anlehnung an Euklid, El. I Ax.1: Zwei Größen sind komparabel, wenn sie vervielfacht einander übertreffen
  • [4] Aristoteles selbst vergleicht z.B. in Phys. VIII 10, 266a26ff die Stärke von Vermögen miteinander. Auch Aristoteles' Begriff des qualifizierten Vermögens beruht darauf, daß Vermögen eine verschiedene Güte haben können; vgl. Kap. 2.2.4
  • [5] Ganz analog verhält sich Heraklits Diktum (DK 22 B82-83 = Platon, Hip. mai. 289a-b), der schönste Affe sei häßlich verglichen mit dem Menschen, der weiseste Mensch aber häßlich im Vergleich mit den Göttern
 
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