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7. Zusammenfassung und Ausblick

Nach diesem Durchgang durch Met. IX 1-9 ist es an der Zeit, die wichtigsten Ergebnisse zusammenzutragen. Ich habe mit der Beobachtung begonnen, daß Aristoteles die Ausdrücke dynamis, dynaton und dynamei in der Regel in Verbindung mit Prädikaten verwendet (Kap. 1.5.1). Daraus habe ich die Vermutung abgeleitet, daß Aristoteles' Vermögenstheorie allein mit Hilfe von Satzmodalitäten nicht adäquat zu interpretieren ist. Als Analyseinstrument habe ich vielmehr Prädikatmodifikatoren eingeführt, die mit Prädikatnamen kombiniert wieder einen Namen für ein Prädikat ergeben (Kap. 1.5.2). Auf diese Weise kann z.B. mit „dyn F“ das Vermögensprädikat bezeichnet werden, das dem jeweiligen Subjekt das Vermögen zu F-en oder F zu sein zuschreibt. Diese Strukturhypothese hat (mindestens) zwei interpretatorische Fragen aufgeworfen: (1) Mit welchen Prädikaten kann ein solcher dyn-Modifikator kombiniert werden? Und: (2) Wann ist eine Aussage wahr, die einem Subjekt das modifizierte Prädikat „dyn F“ zuspricht?

(1) Aristoteles beginnt seine Untersuchung aus methodischen Gründen mit den kinetischen Vermögen. Diese sind „das für uns Bekanntere“, mit dem eine Untersuchung von Prinzipien beginnen muß. Die Prädikate, auf die der dyn-Modifikator angewandt wird, sind zunächst solche Prädikate, die durch Verben des Bewegens ausgedrückt werden (Kap. 2.1). Durch die Pros-henRelation wird der Anwendungsbereich des dyn-Modifikators in einem ersten Schritt auch auf solche Prädikate ausgeweitet, die ein Bewegtwerden, ein gutes Bewegen oder ein gutes Bewegtwerden oder ein einer Bewegung Widerstehen ausdrücken (Kap. 2.2). In einem zweiten Schritt weitet Aristoteles auf dem Weg der Analogie die Anwendung des Vermögensbegriffs auf alle Prädikate aus, die überhaupt ein Sein ausdrücken (Kap. 3).

(2) Eine notwendige Bedingung für die Wahrheit eine Vermögensprädikation entwickelt Aristoteles in der Auseinandersetzung mit den Megarikern. Soll ein Vermögensprädikat einem Subjekt zukommen können, dann darf die Tätigkeit, für die diesem Subjekt das Vermögen zugeschrieben wird, nicht unmöglich sein. Eine hinreichende Bedingung für die Wahrheit einer Vermögensprädikation ergibt sich aus der Frage, wann es zur Verwirklichung eines Vermögens kommt. Hier muß Aristoteles zwischen zwei Arten von Vermögen unterscheiden, den rationalen und den nichtrationalen Vermögen. Ein nichtrationales Vermögen, in einer bestimmten Situation etwas Bestimmtes zu tun, kann einem Subjekt zugesprochen werden, wenn es immer dann, wenn es in diese Situation kommt, dies auch tut. Ein rationales Vermögen, in einer bestimmten Situation etwas Bestimmtes zu tun, kann einem Subjekt zugesprochen werden, wenn es immer dann, wenn die entsprechende Situation gegeben ist und es den entsprechenden Willen hat, dies auch tut.

Aristoteles führt Vermögen als Prinzipien der Bewegung und als Prinzipien des Seins ein. Sie spielen eine wichtige explanatorische Rolle. Es ist aber nicht klar, ob alles, was geschieht, aufgrund eines Vermögens geschieht. Zunächst kennt Aristoteles auch die physis als explanatorisches Prinzip von Veränderungen im Träger des Vermögens als solchem; zum Ende seiner Vermögensabhandlung aber ordnet Aristoteles die physis zusammen mit den Vermögen unter ein gemeinsames Genus, von dem er dann ebenfalls als dynamis spricht.

Komplizierter stellt sich das Problem dar, ob die ewigen Aktivitäten der unvergänglichen Dinge auf Vermögen beruhen (Kap. 6.6):

(a) Will man die These aufrecht erhalten, daß alles, was geschieht, aufgrund eines Vermögens geschieht, dann müssen inklusive Zuschreibungen von Vermögen möglich sein: Vermögensprädikationen müssen also auch dann wahr sein können, wenn gerade die entsprechende Tätigkeitsprädikation wahr ist. Zudem können dann nicht alle Vermögen zweiseitig sein, weil die dadurch eingeführte Kontingenz mit der Notwendigkeit des Ewigen unverträglich wäre.

(b) Beschränkt man hingegen den Anwendungsbereich der Vermögenstheorie auf die sublunare Welt der vergänglichen Dinge, kann auch eine Logik der Vermögensprädikationen Sinn machen, die universelle Zweiseitigkeit und Nichtinklusivität fordert.

Für die Gliederung von Met. IX 1-9 ergibt sich folgendes: Aristoteles führt in IX 1 die kinetischen Vermögen ein. In IX 2 unterscheidet er rationale und nichtrationale kinetische Vermögen voneinander; diese Unterscheidung spielt in IX 5 eine entscheidende Rolle und sie wird auch in IX 8 und in IX 9 wieder aufgegriffen. Noch im Rahmen des Paradigmas der kinetischen Vermögen polemisiert Aristoteles in IX 3 gegen die Megariker und verwirft deren Auffassung, ein Vermögen könne nur dann vorliegen, wenn es verwirklicht sei. Diese megarische Aktualitätsbedingung ersetzt Aristoteles durch seine Konsistenzbedingung als notwendige Bedingung für das Vorliegen eines Vermögens. In IX 4 zeigt Aristoteles, daß seine Abweichung von der megarischen Position keineswegs dazu führt, daß nun alles zu allem vermögend ist. Aus dem Verwirklichungsautomatismus der nichtrationalen Vermögen ergibt sich in IX 5 eine hinreichende Bedingung für ihr Vorliegen; auch für die rationale Vermögen kann eine hinreichende Bedingung formuliert werden, wenn zusätzlich der Wille des Handelnden berücksichtigt wird. Die metaphysische Motivation der Vermögensabhandlung als Fortschreibung der Untersuchung des Seins aus Met. VII-VIII führt Aristoteles dann in IX 6 zur Ausweitung der Untersuchung auch auf die ontologischen Vermögen, die nicht länger Vermögen sind, etwas Bestimmtes zu werden, sondern Vermögen, etwas Bestimmtes zu sein. Das „dem Vermögen nach Seiende“ (dynamei on, mit on als Platzhalter für beliebige Prädikate) bestimmt Aristoteles in IX 7 im Rückgriff auf die passiven kinetischen Vermögen: Dem Vermögen nach ein F ist dasjenige, das das Vermögen hat, ein F zu werden. Die Prioritätsfragen in IX 8-9 beenden die Vermögensabhandlung mit einer sowohl metaphysischen als auch naturphilosophischen Verortung von dynamis und energeia.

Damit ist gezeigt, daß Met. IX 1-9 als zusammenhängende Abhandlung über Vermögen interpretiert werden kann. Es gibt keine Notwendigkeit, den Text so zu zerstückeln, daß Aristoteles in verschiedenen Abschnitten einander widersprechende Theorieentwürfe vorbringt. Vielmehr tragen alle diese Kapitel des neunten Buches wichtige Aspekte zu einer kohärenten Theorie der Vermögen bei. Die Strukturhypothese, daß sich Aristoteles' Vermögensprädikationen mit Hilfe von Prädikatmodifikatoren analysieren lassen, hat sich damit bewährt. Zweitens hat sich gezeigt, daß zumindest drei der üblichen Einwände gegen eine Theorie der Vermögen nicht gegen Aristoteles' Vermögenstheorie ins Feld geführt werden können:

(1) Ein Einwand, der oft gegen eine Theorie der Vermögen oder der Potenzen vorgebracht wird, ist, daß eine solche Theorie eine „Gespensterwelt“[1] von möglichen Dingen zwischen dem Seienden und dem Nichtseienden schafft (Kap. 3.2.4). Ein solcher Vorwurf ist allerdings im Theorierahmen des Aristoteles nicht gerechtfertigt, da zu diesem Theorierahmen auch das Trägerprinzip gehört: Wie alle Eigenschaften benötigen auch Vermögen einen Träger. Ein Vermögen existiert dann und nur dann, wenn es einen Träger gibt, der es hat. Und aufgrund des Aktualitätsprinzips (Kap. 3.1.4) sind auch diese Träger keine bloßen Possibilia, sondern aktual existierende Substanzen oder Materialien.

(2) Den populären virtus dormitiva-Einwand habe ich dadurch entkräftet, daß eine Vermögenszuschreibung deswegen informativ ist, weil sie mitteilt, welche Eigenschaft welcher Substanz in einem komplexen Geschehen kausal relevant ist (Kap. 1.2.4). In modernem Gewande taucht der Vorwurf der explanatorischen Unergiebigkeit einer Vermögenszuschreibung oft als die Vorstellung auf, es sei die Aufgabe der Naturwissenschaften, die „vormodernen“ und „okkulten“, auf Vermögen verweisenden Erklärungen zu eliminieren und die Phänomene stattdessen durch die Beschreibung von Mikrostrukturen zu erklären. Molières Medizinstudent könnte also darauf verweisen, daß Opium unter anderem den und den Stoff enthält und das dieser Stoff die und die chemische Struktur hat. Aber würde das reichen? Ich denke nein. Denn zusätzlich benötigen wir die Information, daß jener Stoff das Vermögen hat, einzuschläfern, bzw. daß eine so beschaffene chemische Struktur das Vermögen hat, im Organismus die und die Reaktion auszulösen, die dann zu Schlaf führt. Eine Erklärung kann also nie durch den bloßen Verweis auf eine bestimmte Struktur, auf bloße kategoriale Eigenschaften einer Mikrostruktur geschehen, sondern stets nur durch den Verweis auf kategoriale und dispositionale Eigenschaften einer Struktur. Vermögen können also nicht auf bloße kategoriale Eigenschaften von Mikrostrukturen zurückgeführt werden, sondern nur auf kategoriale Eigenschaften plus andere Vermögen. Daher ist auch der Vorwurf Russells unbegründet, der meinte, Aristoteles' Vermögensoder Potentialitätsbegriff sei „one of the bad points in his system“: „The concept of potentiality is convenient in some connections, provided it is so used that we can translate our statements into a form in which the concept is absent. ‚A block of marble is a potential statue' means ‚from a block of marble, by suitable acts, a statue is produced.' But when potentiality is used as a fundamental and irreducible concept, it always conceals confusion of thought.“[2] Was sollen aber die „suitable acts“, die „geeigneten Mittel“, sein? Doch wohl Mittel, „die es ermöglichen, aus dem gegebenen Material eine Statue zu machen“[3]. Alles, was Russell gelingt, ist also, wie von Fritz zu Recht bemerkt, Vermögen, Potentiale und Möglichkeiten „durch einen Schleier etwas anders lautender Worte dem Leser unsichtbar“ zu machen.[4]

(3) Drittens wird Vermögenstheorien oft die empirische Unzugänglichkeit von Vermögen vorgeworfen. Schließlich können wir nie die Vermögen, sondern stets nur ihre Verwirklichungen beobachten. Vor dem Hintergrund empiristischer Sinnkriterien muß dies natürlich zu dem Vorwurf führen, Vermögen seien eine Ausgeburt schlechter Metaphysik. Nimmt man ein solches Sinnkriterium aber beim Wort, muß eine jede Aussage über einen Sachverhalt in der „externen Welt“ schlechte Metaphysik sein. Denn auf die Existenz der „externen Welt“ können wir ja nur aufgrund unserer fehlbaren Sinneswahrnehmungen zurückschließen. Ein solches Sinnkriterium führt uns also zum Idealismus und Skeptizismus, scheint also zu stark zu sein. Denn ganz offensichtlich lernen wir durch unsere Wahrnehmung, daß es eine Welt gibt und wie sie beschaffen ist. Und ebenso entdecken wir Vermögen dadurch, daß wir ihre Verwirklichungen beobachten. Im Unterschied zu den kategorialen Eigenschaften geben die Verwirklichungsbedingungen eines Vermögens (Kap. 5.2.3) auf analytischem Wege eine Operationalisierung des Vermögens vor, während bei kategorialen Eigenschaften (wie Größe oder Masse) dieser Schritt synthetisch ist.[5] Liegen die Verwirklichungsbedingungen vor und findet die Tätigkeit statt, dann können wir aufgrund des Ermöglichungsprinzips (Kap. 5.1.5) darauf schließen, daß zuvor das Vermögen für die Tätigkeit unter diesen Bedingungen vorlag. So können Vermögenszuschreibungen verifiziert werden. Wenn hingegen die Tätigkeit nicht stattfindet, obwohl die Verwirklichungsbedingungen gegeben sind, dann sagt uns der Verwirklichungsautomatismus (Kap. 5.2.1), daß das Vermögen nicht vorhanden war. So können wir Vermögensaussagen falsifizieren.

Die drei Standardeinwände gegen Vermögen treffen Aristoteles' Vermögenstheorie also nicht. Die Erwiderungen auf die Einwände haben vielmehr gezeigt, daß Aristoteles' Vermögenstheorie wichtige Elemente für eine Theorie von Vermögen und Dispositionen enthält, die auch für heutige Philosophen in systematischer Hinsicht attraktiv sind.

  • [1] Hartmann 1938, 5
  • [2] Russell 21961, 180
  • [3] Von Fritz 1971, 685 (Kursiv im Original)
  • [4] Von Fritz 1971, 685
  • [5] Vgl. Mumford 1998, 77; dazu Jansen 2000b
 
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