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3.2 Die Entstehung der Wohlfahrtsverbände in Deutschland

Als Wohlfahrtsorganisationen werden private Vereine bezeichnet, die weder eindeutig dem Markt noch dem Staat zugeordnet werden können. Sie sind staatsergänzend, nicht (ausschließlich) an Gewinn orientiert (non-profit), werden eigenständig und unabhängig vom Staat verwaltet, aber größtenteils durch kollek-tive Entgelte und staatliche Zuwendungen finanziert (Anheier et al. 1998, S. 29 ff.; Bode 2003, S. 141 ff.; Boeßenecker 2005, S. 81 ff.; Chevalier 2004; Enste

2004; Gabriel 2007, S. 38; Hammerschmidt 2005, S. 15 ff.; Rock 2003, S. 157

ff.; Scharnagel 2003, S. 11; Sprengel 2007; Zimmer und Priller 1998, S. 249 ff.). Die Wohlfahrtsverbände arbeiten in den Bereichen Bildung, Entwicklungshilfe, Forschung, Gesundheit, Kultur und Freizeit, Pflege, Politik, soziale Wohlfahrt, Umwelt- und Tierschutz und vielfältigen sozialen Bereichen. Die christlich und jüdisch orientierten Wohlfahrtsverbände sind zudem auch in der Bereitstellung religiöser Dienste tätig (ebd.).

3.2.1 Die Wohlfahrtsverbände im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts

Die Entwicklung der Wohlfahrtsverbände begann bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts, als durch die Industrialisierung, wie schon erwähnt, ungebildete und schlecht bezahlte Arbeitskräften in die Städte wanderten, wodurch die Anzahl und Größe von Armenvierteln zunahm (Boeßenecker 2005, S. 17; Hammerschmidt 1999, S. 57; Notz 1987, S. 28; Riesenberger 2002, S. 19; Sachße und Tennstedt 1980, S. 193). Neben den zu öffentlichen Stadtämtern verpflichteten Bürgern schlossen sich vereinzelte wohltätige Gruppen und Initiativen[1] zusammen und trieben so eine Professionalisierung der Armenpflege voran (ebd.). Vor allem Frauenvereine[2] engagierten sich Anfang des 19. Jahrhunderts bei kriegerischen Auseinandersetzungen in Lazaretten und pflegten Verletzte und Kranke (Sachße und Tennstedt 1980, S. 223; Schulze 2004, S. 64). Kriegsgefangene, Witwen, Waisen und von Armut betroffene Personen gehörten ebenfalls zu dem Kreis der Unterstützten, wenn auch in geringerem Maße (Gurlt 1873, S. 381; Notz 1987, S. 28; Sachße und Tennstedt 1980, S. 223; Sahner 1993, S. 17; Schulze 2004, S. 64). Die Betätigung von Frauen ist deshalb hervorzuheben, da es sogar bis ins preußische Vereinsrecht hinein Frauen weder erlaubt war, sich zu organisieren, noch sich politisch zu beteiligen (Juchacz 1979, S. 39). Ihr Engagement war gleichzeitig Ausdruck einer voranschreitenden Frauenbewegung, ihrer Pädagogisierungsbestrebungen sowie der Einforderung ihrer Bürgerrechte (Kopke und Lembcke 2005, S. 27; Sachße und Tennstedt 1980, S. 223).

Auch die christlichen Einrichtungen engagierten sich besonders nachdrücklich, wie z.B. die „Patriotische Gesellschaft“ in Hamburg für Kinder in Not (Dann 1993, S. 129; Schäfer und Herrmann 2005, S. 56). Gurlt (1873, S. 385) verzeichnet in seiner Schrift zur Geschichte der Krankenpflege im Krieg 334 Hilfsvereine, die zwischen den Jahren 1813-1815 in den preußischen Provinzen des Deutschen Bundes tätig waren. Nach den Napoleonischen Kriegen lösten sich viele der Vereine zunächst auf, da die Staaten in Friedenszeiten nicht nur keinen Bedarf an den Hilfeleistungen sahen, sondern patriotische Vereinigungen sogar als Bedrohung für den Alleinherrschaftsanspruch der Monarchien betrachtet[3] wurden (Hueber 1984, S. 117; Riesenberger 2002, S. 22). Dennoch blieben einige Vereine[4] weiterhin aktiv und konzentrierten sich nunmehr auf Arme und Bedürftige statt auf die alleinige Versorgung von verwundeten Soldaten (Riesenberger 2002, S. 23). So wurden „Verwahrungsschulen“ oder auch „Speiseanstalten“ eingerichtet (ebd.).

Das durch Johann Hinrich Wichern 1833 gegründete „Rauhe Haus“ gilt als eine der ersten und auch als bekannteste Einrichtung des heutigen Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland (Sachße und Tennstedt 1980, S. 229; Schäfer und Herrmann 2005, S. 56). Es handelte sich zunächst um ein Kinderheim, das verwahrloste Kinder aus armen Familien aufnahm, um diesen eine neue „pädagogische Familie“ zu geben (ebd.). 1836 folgte das erste Diakonissenhaus[5] (ebd.). Der 1848 gegründete „Central-Ausschuss für die Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche“ als Vorgänger des Diakonischen Werks war der erste Verein, der den Wohlfahrtsverbänden im heutigen Sinne ähnelt (Boeßenecker 2005, S. 121). Zwischen 1877 und 1898 zählen Schäfer und Herrmann (2005, S. 59) 2.500 Diakone und 12.000 Diakonissen, die in der Inneren Mission und den protestantischen Schwesternschaften tätig waren.

1859 folgte die Gründung des „Badischen Frauenvereins[6], der den späteren Friedensnobelpreisträger Henry Dunant im Rahmen der Genfer Konvention 1863 mit der Entstehung des „Württembergischen Sanitätsvereins“ zunächst zu der Gründung des „Internationalen Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege“ inspirierte (Deutsches Rotes Kreuz 2011b; Karmon 1987, S. 177; Riesenberger 2002, S. 33; Schäfer und Herrmann 2005; Schulze 2004, S. 9). Die selbstgestellten Aufgaben der Frauen waren fortan, neben Menschen zu unterstützen, die durch den Zweiten Italienischen Unabhängigkeitskrieg, in den Österreich gemeinsam mit Preußen und dem Deutschen Bund gegen das Königreich Sardinien verwickelt war, in Notsituationen geraten waren, die Sanitätsausbildung von evangelischen und katholischen Schwestern (Prieschl 2010, S. 189- 207). 1876 wurde die Gesellschaft in „Internationales Komitee vom Roten Kreuz[7] gegründet (Deutsches Rotes Kreuz 2011b; Prieschl 2010, S. 218; Riesenberger 2002, S. 29). Im Verlauf des Ersten Weltkriegs engagierten sich bereits knapp eine Million Freiwillige in 6.300 Vereinen im Namen des Roten Kreuzes (Boeßenecker 2005, S. 220). Die Diakonissen der Diakonie und die RotKreuz-Schwestern sowie katholische Ordensschwestern waren bereits im Jahr 1867 unter dem Dachverband des Preußischen Vaterländischen Frauenvereins organisiert (Sachße und Tennstedt 1980, S. 224 f.). 1897 hatte der Dachverband bereits 140.470 Mitglieder in 844 Mitgliedsvereinen, unterhielt mindestens 46 Krankenhäuser, 181 Heime für Kinder, über 100 Suppenküchen und viele weitere Einrichtungen (ebd.). Auch andere Provinzen organisierten sich in ähnlichen Zusammenschlüssen, wie z.B. der Bayrische Frauenverein vom Roten Kreuz, der Albertverein in Sachsen, der Alice-Frauenverein in Hessen oder im Herzogtum Anhalt der Vaterländische Frauenverein (ebd.).

Ebenfalls im Jahre 1897 gründete der katholische Priester Lorenz Werthmann den „Caritasverband für das Katholische Deutschland“, der die katholisch geprägten Vereine im Kaiserreich flächendeckend miteinander verbinden sollte (Boeßenecker 2005, S. 81; Deutscher Caritasverband 2011; Priller und Winkler 2002, S. 178; Sachße und Tennstedt 1980, S. 228; Wollasch 2008, S. 2). Im überwiegend protestantischen Preußen war es nicht zuletzt der Gedanke der Erweiterung des politischen Einflusses der katholischen Kirche, der zu einer Verschmelzung kleinerer katholischer Einrichtungen führte, doch erst 19 Jahre später erkannte die katholische Kirche den später in „Deutscher Caritasverband“ (DCV) umbenannten Verein als Sozialverband der katholischen Kirche an (ebd.).

Auch die 1917 gegründete „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden“ (ZWST) sollte die jüdischen Initiativen der Armenfürsorge koordinieren und unter einem gemeinsamen Dachverband vereinen (Boeßenecker 2005, S. 237; Hollweg und Franke 2000, S. 12). Der Verein entwickelte sich aus verschiedenen Initiativen, die sich 1812 in Preußen gegründet hatten (Landwehr 1985, S. 44). Einen großen Anteil an der Etablierung der jüdischen Wohlfahrtspflege hatte trotz großer Anfeindungen die jüdische Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts [8] mit wichtigen Persönlichkeiten wie Bertha Pappenheim und Gudrun Maierhof (Grandner und Saurer 2005, S. 25; Landwehr 1985, S. 44). Die jüdische Wohlfahrtspflege entsprach, anders als die anderen Vereine in dieser Zeit, eher einer Selbsthilfebewegung, die sich um die von der öffentlichen Armenfürsorge ausgeschlossene jüdische Bevölkerung kümmerte und ihre staatsbürgerlichen Rechte vertrat (Landwehr 1985, S. 44, 46). Auch die religiöse Erziehung der zum Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmenden Anzahl armer russisch-jüdischer Einwanderer[9] zählte zu ihren Aufgaben (ebd., S. 46 f.). Vereine wie der Dachverband für Jüdische Wohlfahrtspflege, der alle Einrichtungen Berlins umfasste, oder der Hilfsverein der deutschen Juden zur Linderung der Ostjudennot gründeten sich bereits 1899 und 1901 (Sachße und Tennstedt 1980, S. 233). In der Weimarer Republik gelangte die jüdische Wohlfahrtspflege zu immer mehr Einfluss, konnte ihre Strukturen festigen und Organisationen ausbauen (Landwehr 1985, S. 46 f.). 1923 hatte die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden bereits 200.000 Mitglieder und über 2.000 Mitgliedsvereine, die sich aus Armenküchen, Heimen für Schwestern, Flüchtlinge und Alte, geschlossenen Anstalten und vielen anderen Einrichtungen zusammensetzten (Sachße und Tennstedt 1980, S. 233).

Die konfessionslosen Verbände wurden dagegen verhältnismäßig spät gegründet. Die „Arbeiterwohlfahrt“ (AWO) wurde 1919 von Marie Juchacz aus der Tradition der Arbeiter- und auch Frauenbewegung als Selbsthilfeorganisation der Arbeiterschaft gegründet (Hollweg und Franke 2000, S. 12; Juchacz 1979, S. 78;

Lemke 1979, S. 83; Roehl 1961, S. 74 ff.; Schulze 2004, S. 9). Die Verwaltung übernahmen Abgeordnete der SPD [10]; viele wichtige jüdische Persönlichkeiten wie Jeanette Wolff, die zweite Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, waren ebenfalls Gründungsmitglieder (AWO 2011).

1924 entstand der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV) zunächst unter dem Namen „Der Fünfte Wohlfahrtsverband“ bzw. „Verband der freien gemeinnützigen Wohlfahrtseinrichtungen Deutschlands[11] (Schulze 2004, S. 9). Dessen heute größter Mitgliedsverein, der „Arbeiter-Samariter-Bund“, war bereits während der Arbeiterbewegung 1888 durch die Initiative von Handwerkern, die mit der fehlenden medizinischen Versorgung ihres Berufsstandes unzufrieden waren, gegründet worden (Boeßenecker 2005, S. 157, 189; Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2009, S. 51; Hollweg und Franke 2000, S. 12, 15; Müller 1998, S. 10). Fast 70 Jahre blieb der ASB selbstständig agierender Verband und wurde erst 1955[12] Mitgliedsverein des Paritätischen (Müller 1998, S. 132). Der Paritätische Wohlfahrtsverband selbst hat im Gegensatz zu den anderen Verbänden keine ideologische Prägung und fühlt sich trotzdem der „bedingungslosen Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit“ verpflichtet (Boeßenecker 2005, S. 190; Reiche 1927/28, S. 148 zitiert nach Hollweg und Franke 2000, S. 15, 32). So erklärte der Vorstand 1924 in seinem Bericht zur Vereinigung der Freien privaten gemeinnützigen Wohlfahrtsverbände Deutschlands, dass der Verein allen Mitgliedern offen stünde, die weder konfessionell gebunden seien noch dem Roten Kreuz[13] angehören würden (Hollweg und Franke 2000, S. 16, 19). Daher kann er als der vielfältigste Verein aller Wohlfahrtsverbände gesehen werden. Er entwickelte sich in Abgrenzung zu den anderen Verbänden, fungiert für seine Mitgliedsvereine als reiner Dachverband und sorgt vornehmlich für die wirtschaftliche Existenzsicherung seiner Mitgliedseinrichtungen (ebd., S. 32).

1921 gründeten die bis dahin etablierten Verbände – das Rote Kreuz, die Diakonie, der Caritasverband, der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden, die „Reichsarbeitsgemeinschaft der Hauptverbände der Freien Wohlfahrtspflege“ (Boeßenecker 2005, S. 39; Schul-ze 2004, S. 9). Der Dachverband entstand als Interessenvertretung für diese fünf Mitgliedsverbände und versucht seither, Einfluss auf die Sozialpolitik zu nehmen. 1924 wurde er umbenannt in die „Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege“. 1926 wurden die Verbände offiziell als Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege anerkannt (Hollweg und Franke 2000, S. 14). 1946 kam als letzter Verband die Arbeiterwohlfahrt hinzu (Boeßenecker 2005, S. 38; Hollweg und Franke 2000, S. 12).

  • [1] Zur ausführlichen Geschichte von Wohltätigkeit, Ehrenamt und der Armutsbewegung seit der vorrömischen Zeit vgl. u.a. Engel (1994); Sachße und Tennstedt (1980); Schäfer und Herrmann (2005)
  • [2] Motiviert durch den Aufruf der Prinzessinnen der 38 Fürstentümer und freien Städte des napoleonischen Rheinbundes am 1. April 1813 das bedrohte Vaterland zu unterstützen
  • [3] 1816 wurde das Verbot politischer Vereine in Preußen erlassen
  • [4] Z.B. „Weimarisches Patriotisches Fraueninstitut“ von 1814 unter der Leitung von Erbprinzessin Maria Pawlowna von Sachsen-Weimar
  • [5] Als Diakonissen werden evangelische Frauen bezeichnet, die sich einer protestantischen Gemeinde anschließen, in der sie meist ihr gesamtes Leben verbringen und Aufgaben wie z.B. die Krankenpflege übernehmen. Im Gegensatz zu Nonnen ist es ihnen jedoch erlaubt, zu heiraten und Privatvermögen zu besitzen (Jüttemann 2008, S. 180 f.)
  • [6] Hier weicht die Darstellung der Vereinsgeschichte auf der Internetseite des DRK von der Darstellung Riesenbergers ab. Während Riesenberger sowohl die Gründung des Badischen als auch des Bayrischen Frauenvereins im Jahre 1859 als erste für das DRK relevanten Vereine erwähnt, stellt die Internetseite des DRK ausschließlich die Gründung des Badischen Frauenvereins als ersten Verein des Roten Kreuzes heraus
  • [7] 1921 umbenannt in „Deutsches Rotes Kreuz“ (DRK)
  • [8] Mehr zur jüdischen Frauenbewegung im 19. und 20. Jahrhundert in Grandner und Saurer (2005)
  • [9] Diese wurden zunehmend als Gefährdung für den Ruf des jüdischen Volkes betrachtet, weil sie sich vornehmlich aus sog. Wanderbettlern zusammensetzen, die vor den wirtschaftlichen Problemen und der Verfolgung nach dem angeblichen Anschlag auf den Zaren durch Juden in Russland flohen (Aronson 1990, S. 228; Landwehr 1985, S. 46, 47)
  • [10] Zwei von ihnen – Louise Schröder und Robert Görlinger – wurden später Bürgermeister/in in Berlin und Köln. Auch der amerikanische Universitätsprofessor Walter Friedländer war Vorstandsmitglied
  • [11] Hier unterscheiden sich die Angaben in den unterschiedlichen Quellen
  • [12] Einzelne Vereine des ASB wie z.B. Arbeiter-Samariter-Bund Berlin e.V. bereits 1954 (Hollweg und Franke 2000, S. 206)
  • [13] Diese Abgrenzung kann als Anspielung auf die enge Zusammenarbeit des DRK mit den Nationalsozialisten verstanden werden
 
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