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3.3 Die Wohlfahrtsverbände heute

Die Freie Wohlfahrtspflege ist heute definiert als Gesamtheit aller freigemeinnützigen Einrichtungsträger, deren Tätigkeit im Sektor der sozialen Dienstleistungen nicht erwerbswirtschaftlich, sondern auf Bedarfsdeckung ausgerichtet ist (Boeßenecker 2005, S. 32). Es werden alle Einrichtungen und Dienste als Freie Wohlfahrtspflege bezeichnet, die sich in organisierter Form in sozialen Bereichen und im Gesundheitswesen engagieren und einem freien gemeinnützigen Einrichtungsträger statt staatlichen Einrichtungen (sog. öffentlichen Trägern) unterstellt sind (Boeßenecker 2005, S. 34; Deutscher Verein für Öffentliche und Private Fürsorge 2007, S. 344; Schulze 2004, S. 10). Die freien Träger sind in selbstständigen, rechtlich unabhängigen Verbänden auf den einzelnen Stufen der Gebietskörperschaften wie Bundes-, Landes-, Kreis- und Bezirksverbänden[1] organisiert, denen kleinräumiger arbeitende Einrichtungen unterstehen. Wohlfahrtsverbände sind zugleich politisch tätig, indem sie sich für Gruppen einsetzen, die in irgendeiner Form benachteiligt sind, aber sie bieten auch Freizeitmöglichkeiten und Orte der Begegnung (Schulze 2004, S. 14). Weiterhin sind sie bestimmten Weltanschauungen verpflichtet, die sie nach außen vertreten, und sie bieten vielfältige Dienstleistungen im sozialen, Gesundheitsoder Bildungsbereich an (ebd.).

Die Mitgliedschaft von Einrichtungen in der föderalistischen Struktur der Verbände der Freien Wohlfahrtspflege ermöglicht ihnen den Zugang zu zentral vergebenen öffentlichen Fördermitteln, gemeinsame Werbekampagnen sowie die Ein- und Anwerbung von Spenden und freiwilligen Mitarbeitern. Zudem können die Verbände so gemeinsame Interessen bündeln und sie gegenüber dem Staat besser durchsetzen. Die gemeinsame Corporate Identity erleichtert die Zusammenarbeit (ebd.).

Tabelle 2 zeigt die Verteilung der Einrichtungen, Betten, Plätze und die Anzahl der Beschäftigten nach Arbeitsbereichen der Freien Wohlfahrtspflege im Jahr 2012[2]. Insgesamt unterhielt die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) 105.295[3] Einrichtungen und Dienste mit insgesamt 3.702.245 Betten und Plätzen in Heimen und Krankenhäusern (Bundesarbeits-gemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2012, S. 10). Sie beschäftigt 1.673.861 hauptamtliche Mitarbeiter[4] (davon Vollzeitbeschäftigte 43,5 % und 56,5 % Teilzeitbeschäftigte). Der Aufgabenbereich mit der größten Anzahl von Voll- und Teilzeitbeschäftigten ist die Altenhilfe (hier vor allem in vollstationären Einrichtungen), gefolgt von der Jugendhilfe (Erzieher und Lehrer) und der Behindertenhilfe [!] (ebd.).

Die Jugendhilfe hat den größten Anteil an Betten und Plätzen, wozu Heime, Wohngemeinschaften und andere stationäre Einrichtungen sowie Tageseinrichtungen wie Kindertagesstätten und Horteinrichtungen, aber auch allgemein- und berufsbildende Schulen zählen (Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2012, S. 14, 2009, S. 25-26).

Finanziert werden die Dienste der Freien Wohlfahrtspflege hauptsächlich durch Steuern und sog. Leistungsentgelte (Boeßenecker 2005, S. 255, 257-258; Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2009, S. 48). Bei Letzteren handelt es sich um Beiträge und Pflegesätze, die durch Sozial-, Krankenoder Pflegeversicherung abgedeckt werden. Weiterhin gibt es Eigenanteile, die in Einrichtungen wie z.B. Krankenhäusern und Kindergärten erhoben werden und je nach Finanzlage der Klienten von Jugendhilfe-, Sozialhilfeträgern oder öffentlichen Leistungsträgern erstattet werden können. Mehr als zwei Drittel der Kosten für wohlfahrtsstaatliche Leistungen werden so öffentlich finanziert, was im Vergleich zu anderen Ländern weit über dem Durchschnitt liegt (Archambault 2001, S. 185; Dekker 2001, S. 166). So stiegen diese in den 1990er Jahren durch die Wiedervereinigung deutlich an (1990: rd.15.000.000 €[5], 1991: rd. 34.000.000 €), sanken jedoch danach kontinuierlich (Boeßenecker 2005, S. 258). Im Jahr 2004[6] betrugen die Bundeszuschüsse18.800.000 € (ebd.). Noch nicht darin enthalten sind Zuwendungen auf Länderebene, verschiedener Ministerien oder Behörden [7].

Einen kleineren Teil der Einnahmequellen der Wohlfahrtsverbände machen Spenden, Mitgliedsbeiträge, der Verkauf von Wohlfahrtsbriefmarken, Vermögensverwaltung und Stiftungsgelder aus (Boeßenecker 2005, S. 262; Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2009, S. 48). Auch die Rubbellose und Soziallotterien „Ein Platz an der Sonne“ der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) „Aktion Mensch“, die eng mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) zusammenarbeitet oder die „Glücksspirale“ der Lotto-Toto GmbH unterstützen und fördern die Wohlfahrtsverbände in mehrstelliger Millionenhöhe (Boeßenecker 2005, S. 262, 272). So konnte z.B. die Aktion Mensch am 31.12.2009 einen Umsatzerlös von 447.595.000 € verzeichnen (Aktion Mensch e.V. 2010). Die christlichen und der jüdische Verein erhalten weiterhin Mittel aus den Kirchenbzw. Gemeindesteuern.

Durch den kollektiven Eigennutz, den die Wohlfahrtsverbände im Rahmen ihrer Dienstleistungen erbringen, die als den Staat entlastende Tätigkeiten gelten, erhalten sie Vergünstigungen bei der Gewerbe-, Körperschafts- und Umsatzsteuer und können Dienste daher kostengünstiger anbieten (Boeßenecker 2005, S. 264; Hunn 2005, S. 6 ff.). Zudem sind durch ihren gemeinnützigen Charakter Spenden von Abgaben befreit (ebd.).

Doch eine der wichtigsten Unterstützungen erfahren die Verbände durch die Arbeit der freiwilligen Mitarbeiter. Die Anzahl der Freiwilligen, die sich in den Vereinen und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege betätigen oder die in Selbsthilfegruppen beschäftigt sind, wird auf 1,5 bis 3,0 Millionen Personen geschätzt (Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2009, S. 10; Hoof 2010, S. 33; Peglow 2002, S. 33). Ihre Leistungen sind schwierig in Geld messbar, aber vor allem viele kleinere Einrichtungen würden ohne ihre Hilfe kaum existieren können. In den 1980er Jahren fand eine zunehmende Professionalisierung sozialer Arbeit statt und die freiwilligen Mitarbeiter in den Einrichtungen spielten nur noch eine kleine Rolle (Mühlum 1982, S. 36).

Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege zeichnen sich auch heute noch durch ihre unterschiedlichen ideologischen oder religiösen Motive und Ziele aus (Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2004): der Deutsche Caritas Verband (DCV) als Verband der katholischen Kirche, das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (DW der EDK), die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), als Organisation mit einem sozialdemokratischen Hintergrund die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die konfessionell und politisch neutrale Organisation Deutsches Rotes Kreuz (DRK) und in der Tradition der Gewerkschaften der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV). Die beiden Mitgliedsvereine, die in die vorliegende Untersuchung mit aufgenommen werden, sind die Heilsarmee, die selbst als evangelische Freikirche eine Religionsgemeinschaft darstellt, und der Arbeiter-SamariterBund (ASB), der ebenfalls aus der Tradition der Arbeiterbewegung entstand. Im Folgenden werden die Daten und Tätigkeitsfelder der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege sowie der beiden Mitgliedsvereine Heilsarmee und ASB vorgestellt. Diese Vorstellung wird durch Ergebnisse der Studie FACIT – Faith-Based Organisations and Social Exclusion in European Cities ergänzt (Dierckx et al. 2009; Friedrichs und Klöckner, 2009, 2011). Im Rahmen dieses Forschungsprojekts wurden zwischen 2008 und 2009 insgesamt 34 qualitative Interviews mit Personen in Leitungsfunktionen von Wohlfahrts- und Migrantenvereinen in Deutschland geführt (Tabelle A 87) (Friedrichs und Klöckner 2009, 2011).

Tabelle 2: Verteilung der Einrichtungen, Betten, Plätze und Beschäftigten der BAGFW

Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. (2012, S. 14), eigene Darstellung.

Die Vereine wurden zu ihren sozialen Dienstleistungen, ihrer Organisationsstruktur sowie ihren Netzwerken, Zielen und Aufgaben befragt.

  • [1] Die Bezeichnungen variieren je nach Verband
  • [2] Letzte und damit aktuellste Gesamtstatistik aus dem Jahre 2008
  • [3] Nicht in den Zahlen enthalten sind zeitlich befristete soziale Maßnahmen, Auslands- und Katastrophenhilfe, Beratungsstellen, mobile Dienste, Selbsthilfegruppen und Gruppen des bürgerschaftlichen Engagements (Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2012, S. 10)
  • [4] Ohne Honorarkräfte und Auszubildende
  • [5] Der Vergleichbarkeit halber sind alle Zahlen in Euro umgerechnet
  • [6] Keine aktuelleren Zahlen verfügbar
  • [7] Exakte Informationen über Zuschüsse und Finanzierungen der Gesamtverbände sind äußerst schwierig in Erfahrung zu bringen bzw. zu interpretieren. Auch die Dokumentationen der Mitgliedsvereine sind sehr unterschiedlich (vgl. Boeßenecker 2005, S. 158)
 
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