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4 Arbeitsmigration, türkische Muslime und türkisch-islamische Vereine in Deutschland

Die folgenden Kapitel stellen einen kurzen Abriss der Geschichte der Arbeitsmigration nach Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts dar mit den Fokus auf die Migranten aus der Türkei. Anschließend werden aktuelle Zahlen des Ausländeranteils und des Anteils der Muslime in Deutschland präsentiert. Außerdem wird die Entwicklung der türkisch-islamischen Vereine seit Beginn des letzten Jahrhunderts dargestellt. Abschließend werden die vorliegende Arbeit relevanten türkisch-islamischen Vereine vorgestellt sowie ihre aktuellen Mitgliederzahlen und Ziele.

4.1 Abriss der Geschichte der Arbeitsmigration nach Deutschland

Im ausgehenden 19. Jahrhundert waren 1,2 Millionen, vor allem italienische, polnische, österreichische und russische Arbeitskräfte im Bergbau, der Landwirtschaft und in den neuen industriell produzierenden Fabriken in Deutschland tätig (Oltmer 2010, S. 32 ff.). Während der Aufrüstungsphase in der Zeit des Ersten Weltkriegs stieg die Zahl der ausländischen Beschäftigten in Deutschland um mehr als das Doppelte auf 2,5 Millionen Personen an, um während der Weltwirtschaftskrise in den frühen 1930er Jahren wieder stark abzusinken (ebd).

Die Zwangswanderung und die kriegerische Expansion des Deutschen Reichs, die während des Nazi-Regimes durchgeführt wurde, führten dazu, dass 1944 acht Millionen Ausländer zu verzeichnen waren, während 1933 noch 756.800 Personen gezählt wurden (Oltmer 2010, S. 43; Statistisches Bundesamt 2010a, S. 23). Von diesen fast zwei Millionen Kriegsgefangenen und sechs Millionen Arbeitern stammte beinahe ein Drittel aus der UdSSR, ein Viertel aus Polen und die restlichen Personen aus Italien, Belgien, Jugoslawien und der Tschechoslowakei (Oltmer 2010, S. 43).

Nach der Integration von Vertriebenen und Flüchtlingen in Umsiedlungsprogramme in den Nachkriegsjahren wurden für den Wiederaufbau 1955 die ersten Arbeitsmigranten aus Italien rekrutiert[1] (Oltmer 2010, S. 52). Erst mit den Gastarbeiterverträgen der 1960er Jahre kamen türkisch-muslimische Arbeiter nach Deutschland, die langfristig blieben. Nach der Abriegelung des Ostblocks durch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) 1961 und dem Bau der Berliner Mauer wurde die Arbeitsmigration aus Osteuropa abrupt gestoppt (Firat 1987, S. 118; Herbert 2001, S. 208; Hunn 2005, S. 29; Knortz 2008; Oltmer 2010, S. 52). Zudem wurde die Arbeitszeit von 44 Stunden auf 42,5 Stunden gesenkt und so war Deutschland gezwungen, sich um Arbeitskräfte aus anderen Ländern zu bemühen (IG Metall 2011).

Neben Italien, Spanien und Portugal wurden Gastarbeiter aus Tunesien, Marokko und vor allem aus der Türkei bevorzugt (Bahadir 1978, S. 475; Firat 1987, S. 118, Herbert 2001, S. 69, 74, 208; Hunn 2005, S. 29; Knortz 2008; Lemmen 2000, S. 17, 2002, S. 17; Matschke 2004, S. 337; Meyer 2003, S. 70; Rieker 2003). Die Arbeiter aus diesen Regionen waren besonders beliebt, weil sie aufgrund ihres jungen Alters, ihrer schlechten oder gar keiner Ausbildung und der hohen Analphabetenrate besonders wenig kosteten (ebd.). Der Anteil der Facharbeiter unter den türkischen Arbeitern lag jedoch mit 38,0 % noch deutlich über dem Anteil der italienischen (20,9 %), griechischen (10,0 %) oder spanischen (5,7 %) Facharbeiter (Jamin 1998a, S. 77, 1998b, S. 152). Innerhalb von nur neun Jahren stieg die Zahl der Migranten von 686.200 (1,2 %) 1961 auf 2.600.600 (4,3 %) im Jahr 1970 (Meyer 2003, S. 70; Schill 1965, S. 17). 1960 lebten noch 1.503 türkische Staatsbürger in Deutschland, zwischen 1961 und 1973 immigrierten fast 650.000[2] Personen aus der Türkei nach Deutschland (Erylhmaz 1998, S. 108).

In der DDR hatte es ebenfalls seit den späten 1970er und Anfang der 1980er Jahre Anwerbeabkommen mit sozialistischen Ländern wie Kuba, Vietnam und Mosambik gegeben (Gemende 2002, S. 66, 69; Oltmer 2010, S. 54). Die streng von der Bevölkerung segregierten, oft in lagerähnlichen Unterkünften lebenden Arbeitsmigranten wurden für durchschnittlich viereinhalb Jahre beschäftigt, bevor sie in ihre Heimatländer zurückkehren mussten (ebd.). Zum Zeitpunkt der Auflösung des Anwerbeabkommens 1989 lebten 191.190 Ausländer in der ehemaligen DDR (Gemende 2002, S. 66, 69; Oltmer 2010, S. 54).

Mit der Rezession während der Ölkrise 1973 und 1974 stoppte die Anwerbung von Gastarbeitern in Westdeutschland, doch statt wie die Gastarbeiter an-derer Herkunftsländer in ihre Heimatländer zurückzukehren, nutzten viele der vor allem jungen türkischen Arbeiter die Möglichkeit des Nachzugs von Familienangehörigen (Erylhmaz 1998, S. 119; Firat 1987, S. 125; Herbert 2001, S.228; Jamin 1998b, S. 169; Lemmen 2002, S. 26; Meyer 2003, S. 72; Oltmer 2010, S. 53 f.). So kamen auch ihre Ehefrauen und die gemeinsamen Kinder nach Deutschland. Im Jahr 1970 lebten 70.000 Kinder türkischer Eltern in Deutschland (Hunn 2005, S. 208). Sie wuchsen in Deutschland auf und gingen in Deutschland zur Schule (Hunn 2005, S. 208). Der Status der Gastarbeiter ging allmählich in den Status der Einwanderer über. Der jahrelange Aufenthalt in Deutschland hatte dazu geführt, dass sich viele türkische Gastarbeiter ein Leben in der alten Heimat[3] nicht mehr vorstellen konnten, wenn auch viele dies nicht artikulierten (Bozay 2009, S. 169; Hunn 2005; Jamin 1998b, S. 169).

Die Politik stellte sich jedoch nicht auf diese Entwicklung ein und hielt stattdessen an ihrem „Rotationsprinzip“ fest (Firat 1987, S. 125; Jamin 1998b, S. 169; Lemmen 2000, S. 26; Mueller et al. 2000, S. 939). Zwischen 1961 und 1976 kehrten nur etwa 30 % der türkischen Arbeitsmigranten in ihr Heimatland zurück, was deutlich unter den Rückwanderungsquoten von Arbeitern anderer Länder lag. Auch die Belohnung für Rückwanderer von 10.500 €, die Anfang der 1980er Jahre eingeführt wurde, veränderte dies nicht maßgeblich (Arslan 2009,

S. 25; Deutscher Bundestag 1983; Mueller et al. 2000).

  • [1] Das Statistische Bundesamt führt nach 1933 erstmals für das Jahr 1961 wieder Bevölkerungs- und Ausländerzahlen (Statistisches Bundesamt 2010a, S. 23)
  • [2] Andere Quellen sprechen von bis zu 865.000 Personen z.B. Jamin (1998b, S. 150). Hunn (2005, S. 207) nennt 605.000 Personen
  • [3] Im Gegensatz zu den Gastarbeitern Spaniens, Italiens und Griechenlands, deren Heimatländer durch massive politische Veränderungen und Demokratisierungsbewegungen von einem „Modernisierungsschub“ profitierten (Jamin 1998b, S. 169)
 
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