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4.2.1 Exkurs zur islamischen Religion

Das Wort Islam (arab. f"ş l, 'islam) bedeutet wörtlich übersetzt Hingabe an Gott (Ünalan 2007, S. 43; Wehr 1977, S. 593). Der Islam kennt wie das Christentum verschiedene Konfessionen. Die beiden wichtigsten Ausrichtungen sind der sunnitische und der schiitische Islam[1], die sich aufgrund von Erbfolgestreitig- keiten nach dem Tode des Propheten Mul)ammads [2] entwickelten (Busse 2005, S. 28 f.; Kaplan 2004, S. 15; Kettermann und Heine 2008, S. 23). Während die Schiiten[3] 'Ali als Vetter und gleichzeitigen Schwiegersohn Mul)ammads als dessen direkten rechtmäßigen Nachfolger sehen, folgen die Sunniten den historischen Ereignissen und erkennen damit die Rechtsgelehrten in der Reihenfolge Abu Bakr 'Abdallah ibn Abi Qul)afa aş-Siddiq (573-634 n.Chr.), 'Umar (oder auch Omar) ibn al-tiattab (auch al-Chattab) (592-644 n.Chr.), 'Utman (auch Othman oder Osman) ibn Affan (574-656 n.Chr.) und an vierter Stelle erst 'Ali ibn Abi Talib (598-661 n.Chr.) als Nachfolger an (ebd.). Die unterschiedlichen Kalifen interpretierten die bis dahin nur mündlichen Überlieferungen der Worte Allahs (arab. I, dt. Gott), die Mul)ammad als Prophet verkündete, und zogen auch überlieferte Verhaltensweisen (arab. 4.l , Sunna, dt. Brauch) zur Erläuterung heran, um nach der Offenbarung leben zu können (Tworuschka 2003, S. 131 f.; Wehr 1977, S. 37). Diese wurde zwar als verbindlich betrachtet, aber unterschiedlich interpretiert (Inam 2007, S. 89; Radtke 2005, S. 55, 64; Wehr 1977, S. 602). Insgesamt sollte sich jeder Muslim an das islamische Recht (arab. šari'a) halten, was verschiedenste Vorschriften beinhaltet, die sich ebenfalls aus dem Koran ableiten.

Im 7. Jahrhundert wurde die Offenbarung niedergeschrieben und als Koran (arab. wljiJl, qur'an, dt. Lesung, Rezitation) veröffentlicht (Busse 2005, S. 26; Wehr 1977, S. 1013). Rechts- und Schriftgelehrte und Imame werden bis heute zurate gezogen, wenn aus Koran und Sunna keine eindeutigen Verhaltensregeln abzuleiten sind (Inam 2007, S. 89). Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich daraus und nach unzähligen kriegerischen Auseinandersetzungen unterschiedliche Strömungen des islamischen Glaubens mit sich voneinander unterscheidenden Überzeugungen, Riten und Traditionen. Insgesamt wird davon ausgegangen, dass 72,0 % der Muslime weltweit Sunniten sind und 13,4 % Schiiten (Ende 2005; Kettermann und Heine 2008, S. 173). Weitere Konfessionen sind u.a. Zaiditen, türkische oder syrische Aleviten, Yeziden, Drusen, Nizariten und Ismailiten, die sich vornehmlich auf den südlichen Teil Zentralasiens, Süd- und Vorderasien, Nordafrika und nördliche Teile Südamerikas verteilen (ebd.).

Der wichtigste Grundpfeiler des sunnitischen und schiitischen Glaubens ist das Einhalten der fünf religiösen Pflichten (Arkan), die für alle anderen sichtbar und teils in Gemeinschaft anderer Gläubigen verrichtet werden müssen (Tworuschka 2003, S. 102 ff.). Die erste und sicherlich wichtigste Pflicht ist das Glaubensbekenntnis. Dabei wird bezeugt, dass Allah der einzige Gott und Mul)ammad sein Prophet ist (Kaddor et al. 2008, S. 20; Tworuschka 2003, S. 102 ff.). Da der Islam sich als natürliche Religion begreift, die jeder Mensch von Geburt aus hat, gibt es keine Initiierungsriten[4], wie z.B. die Taufe im Christentum, mit der zum Islam beigetreten wird, oder eine „Mitgliedschaft“, die mit einer Steuer verbunden ist (Tworuschka 2003, S. 102 ff.; Ünalan 2007, S. 43). Das Pflichtgebet (Salat), an das von dem Muezzin, dem Gebetsrufer erinnert wird, wird fünfmal täglich verrichtet. Vor dem Gebet muss sich der Betende einer rituellen Waschung unterziehen, die ein Symbol für innere Reinheit sein soll. In Richtung Mekka gewendet, werden Suren des Korans rezitiert und die Unterwerfung vor Gott durch die wechselnden Körperhaltungen (Knien, Liegen, Stehen) ausgedrückt. Freitags wird das Gebet gemeinsam mit anderen Gläubigen in der Moschee unter Anleitung eines Imams verrichtet (ebd.). Frauen beten von den Männern getrennt, je nach Rechtsschule in einem Nebenraum der Moschee oder zu Hause (Tworuschka 2003, S. 104). Zakat wird die Pflichtabgabe an Arme genannt, die mindestens 2,5 % des Nettoeinkommens betragen soll. Heute wird Zakat oft für soziale Einrichtungen und Wohlfahrtsleistungen verwendet (ebd.). Auch das Fasten im Ramadan (Rama<an) ist Pflicht. Der Ramadan wird gefeiert, um dem Koran zu huldigen. Die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch, arab. :Iagg) ist die letzte der fünf Grundpflichten und geht auf Mul)ammad zurück, der vor seinem Tod nach Mekka und zu der Kaaba (arab. al-Ka ba, dt. Würfel) pilgerte (Tworuschka 2003, S. 108 f.). Die Kaaba beherbergt den heiligen Schwarzen Stein (arab. l)agar al-aswad), der bereits in vorislamischer Zeit verehrt wurde und – einst weiß – sich aufgrund der Sünden der Menschheit verfärbt hat. Das Küs- sen oder Berühren des Steins bekräftigt das Bekenntnis zu Allah (ebd., S. 111).

  • [1] Eine weitere Gruppe sind die Kharidjiten (auch Charidschiten)
  • [2] Mul)ammad (arab. ..i....:....) wurde als Sohn von 'Abdallah ibn 'Abd al-muttalib in Mekka geboren und empfing kurz vor seinem 40. Lebensjahr die göttlichen Offenbarungen durch den Erzengel Gabriel, die er fortan in die Welt trug (Kettermann und Heine 2008, S. 21)
  • [3] Ableitungen des arabischen Wortes 4..:1... ,šhi'a, dt. Anhänger (Wehr 1977, S. 51)
  • [4] Der Gebetsruf, der sieben Tage nach der Geburt eines Kindes diesem ins Ohr geflüstert wird, ist eher traditionellen als religiösen Ursprungs (Ünalan 2007, S. 43)
 
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