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5 Forschungsstand empirischer Studien zu freiwilliger Arbeit

Durch die Literaturrecherche zum Thema freiwillige Arbeit konnten insgesamt 65 sozialwissenschaftliche Studien seit 1990 ausfindig gemacht werden. Sie sind in Tabelle A 1 aufgeführt. Doch sind nicht alle Studien, die sich mit freiwilliger Arbeit auseinandersetzen, für die vorliegende Arbeit gleichermaßen relevant und brauchbar. Bis Ende der 1990er Jahre wurde an dem Stand der Forschung zu freiwilliger Arbeit in der deutschen Literatur bemängelt, dass es keine verlässlichen Angaben zu der Zahl Freiwilliger und deren Sozialstruktur gab (EnqueteKommission 'Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements' Deutscher Bundestag 2002b, S. 66; Künemund 2006, S. 112; Rauschenbach 2002, S. 71; Steinbacher 2004, S. 66). Darüber hinaus wurden auch keine Längsschnittoder Panelanalysen im benötigten Umfang erhoben (Enquete-Kommission 'Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements' Deutscher Bundestag 2002b, S. 121).

Daher kann auch keine empirisch überprüfte Aussage darüber getroffen werden, ob es, wie in der einschlägigen Literatur postuliert wird, tatsächlich zu einem Rückgang der freiwilligen Arbeit gekommen ist oder ob sich die Motive der Freiwilligen von der Gemeinwohlorientierung zu individualistisch-liberalen Beweggründen entwickelt haben (Enquete-Kommission 'Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements' Deutscher Bundestag 2002b, S. 66, 122; Kolland und Oberbauer 2006, S. 168; Künemund 2006, S. 112; Rauschenbach 2002, S. 71)[1]. In den drei Wellen des für Deutschland repräsentativen Freiwilligensurveys konnte jedenfalls kein Rückgang verzeichnet werden (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010). Weiterhin gibt es kaum deutsche Studien, die die Vereine und Organisationen als strukturelle Ebene in ihre quantitativen Analysen aufgenommen haben, was jedoch äußerst wünschenswert wäre, gerade um den vermeintlichen Strukturwandel des Engagements von institutionalisiertem Ehrenamt zur Selbsthilfe abzubilden (siehe Kapitel 1) (EnqueteKommission 'Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements' Deutscher Bundes-tag 2002b, S. 121). Dabei sind die Mitarbeiter in vielerlei Hinsicht von den institutionellen und strukturellen Bedingungen der Organisationen z.B. durch die Anbindung an Tarifverträge, die Zusammensetzung der Mitarbeiter oder Tätigkeitsfelder, aber auch deren Ziele und Wertebasen betroffen. So müssen Mitarbeiter der kirchlichen Wohlfahrtsverbände in „verkündigungsnahen“ Positionen z.B. das Bekenntnis der zugrundeliegenden Religion besitzen um zu gewährleisten, dass die Aufgaben im Sinne der Kirche erfüllt werden (Bundesministerium der Justiz 2009b, § 9).

In verschiedenen Studien, die sich mit den Einflüssen der Organisationsmerkmale auf die freiwillige Arbeit beschäftigen, wird darauf hingewiesen, dass z.B. Merkmale wie die Größe der Einrichtung, ihre finanziellen Mittel, Konkurrenz unter den Gemeinden und konservative und orthodoxe religiöse Werte der Einrichtung zu vermehrter freiwilliger Arbeit ihrer Mitglieder führen (Finke et al. 2006, S. 622 ff.). Vor allem aber Studien zu Spendenverhalten von Personen konnten einige dieser Annahmen bestätigen (Olson und Caddell 1994, S. 172; Wiepking und Bekkers 2010, S. 14).

Dennoch gibt es bisher keine Analyse, welche die verschiedenen Makrovariablen mit aufnimmt und ihren Einfluss auf die Motive Freiwilliger testet (Rauschenbach 2002, S. 75). Studien, die nur in einem Verband, Verein oder einer Einrichtung durchgeführt werden (z.B. Reihs 1995; Ronge 1994; Schulz 2006), haben das Problem der mangelnden Vergleichsmöglichkeit, weil zu vermuten ist, dass sich selektive Gruppen in bestimmten Vereinen engagieren, wie z.B. Schüll (2004) in seiner bayrischen Studie freiwilliger Mitarbeiter dreier Vereine feststellt (Beher et al. 1998)[2]. Auch die Studie von Bierhoff (1995) reicht nicht aus, um Kontexteffekte der verschiedenen Wertorientierungen der Organisationen zu messen. Zwar wurden Personen unterschiedlicher Organisationen befragt, doch ist die Stichprobe mit 200 Personen verteilt auf AWO, Diakonie, Malteser Hilfsdienst, ASB, Telefonseelsorge etc. so klein, dass teils nur sechs Personen pro Organisation befragt werden konnten (Ditton 1998, S. 125; Leventhal und Brooks-Gunn 2000, S. 312). Weiterhin fehlen Migrantenorganisationen völlig in der Untersuchung. Von solchen Ergebnissen lässt sich nicht auf die Allgemeinheit schließen (Beher et al. 1998).

Ein wichtiger Aspekt bei der quantitativen empirischen Erforschung der Motive für freiwillige Arbeit ist der methodische Ansatz. Hier lassen sich jene Stu- dien unterscheiden, u.a. Jakob (1993), Nadai (1999) und Rudolph (2000), die rein deskriptiv vorgehen und die Motive mit offenen Fragen erheben. Dies hat den Vorteil, dass jedes mögliche Motiv erfasst werden kann. Anschließend werden sie zu sog. Motivgruppen oder Motivbündeln zusammengefasst[3] (Heinze und Keupp 1997, S. 24). Doch fehlen in diesen Studien weiterführende multivariate Analysen, um über die Determinanten der Motive Aussagen treffen zu können, oder es handelt sich um explorative Studien, die nicht über ausreichend große Stichproben verfügen, um verlässliche quantitative Analysen durchführen zu können (Cnaan und Goldberg-Glen 1991).

Zweitens gibt es Studien, die eine Liste von Motiven abfragen, so u.a. (Braun und Klages 2001; Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010; Gensicke und Geiss 2004; Picot 2001; Prognos und AMB Generali 2009). Wird mit vorgegebenen Motiven und geschlossenen Fragen gearbeitet, muss damit gerechnet werden, dass nicht alle möglichen Motive erfasst werden. Der Vorteil dieses Verfahrens ist jedoch die Vergleichbarkeit der Studien, sofern die gleichen Antwortmöglichkeiten verwendet werden. Mit solchen Itembatterien können meistens größere Stichproben befragt werden. Doch konnten Cnaan und Goldberg-Glen (1991) in ihrer Metaanalyse von 27 Studien feststellen, dass keine Einigkeit über die Motive besteht und die Klassifizierungen, Interpretationen und Bewertungen der Motive sehr unterschiedlich sind. Zudem zeigen die Autoren (1991), dass viele dieser Studien auf teils sehr kleinen Stichproben beruhen oder nur Freiwillige einer Organisation untersucht wurden und Kontrollgruppen fehlen.

Dies ist auch bei Studien ein Problem, die sich bestimmten Gruppen Freiwilliger widmen. So beschäftigen sich z.B. Düx (2008) oder Homfeld (1995) mit freiwilliger Arbeit von Jugendlichen, Braun (1999), Hank et al. (2006), Rohleder und Bröscher (2002), Schumacher (1996) und Wouters (2005) ausschließlich mit älteren Freiwilligen. Es können aber keine gültigen Aussagen zu Freiwilligen insgesamt getroffen werden.

Verschiedene Studien beschäftigen sich mit Ländervergleichen, wie Anheier (2002), Gaskin (1996), Hank et al. (2006), Priller (2001; 2002). Auch diese Studien sind nicht unproblematisch, da die Heterogenität der Wohlfahrtsstaaten berücksichtigt werden muss und fraglich ist, ob unter unterschiedlichen Bedingungen Aussagen über allgemeine Motivlagen freiwillig Engagierter gemacht werden können. So ist z.B. Deutschland mit seinem Subsidiaritätsprinzip und dem Zusammenspiel von Staat und Verbänden nicht nur in Europa einzigartig (siehe Kapitel 1.1).

Der Fokus liegt daher auf Studien, die die Gesamtbevölkerung und nicht nur bestimmte Bevölkerungsgruppen wie z.B. Ältere oder Jugendliche betrachten, um einen allgemeinen sozialstrukturellen Überblick über die Freiwilligen in Deutschland zu ermöglichen. Untersuchungen selektiver Gruppen werden jedoch dann herangezogen, wenn sie zum Erkenntnisinteresse der vorliegenden Untersuchung beitragen. Weiterhin werden Studien berücksichtigt, die Freiwillige in formalen Organisationen (Vereinen) untersucht haben, da die vorliegende Arbeit ebenfalls nur Freiwillige in solchen Organisationen untersucht. Studien zu informeller Hilfe oder Selbsthilfe werden nur dann vorgestellt, wenn formell tätige Freiwillige anderen Helfern gegenüber gestellt werden.

Weiterhin umfasst die vorliegende empirische Erhebung Personen in Deutschland, weshalb der folgende Abschnitt sich zunächst auf den Forschungsstand deutscher Studien beschränkt. Studien der deutschsprachigen Nachbarländer Österreich und der Schweiz werden jedoch zu Vergleichszwecken herangezogen. An dem Vergleich lassen sich die Besonderheiten deutscher Freiwilliger festmachen.

Der folgende Abschnitt 5.1 gibt einen Überblick über die Demographie freiwillig tätiger Personen. Dabei werden zunächst die Engagementquoten der wichtigsten deutschsprachigen Studien referiert und anschließend regionale Unterschiede dargestellt. Weiterhin werden die soziodemographischen und sozioökonomischen Merkmale der Freiwilligen vorgestellt. Danach werden die Ergebnisse zu der Beteiligung in verschiedenen Engagementbereichen und der Zeitaufwand vorgestellt. Studien über Freiwillige mit Migrationshintergrund bilden den letzten Teil des Abschnitts. In diesem Teil werden auch internationale Studien berücksichtigt, da es zu wenige deutsche Untersuchungen gibt, um einen ausreichenden Einblick in das Thema zu liefern.

Anschließend an den Forschungsstand zur Demographie der Freiwilligen werden Studien zu Religion, Religiosität und freiwilliger Arbeit (Kapitel 5.2) vorgestellt. Dieser Abschnitt bedient sich ebenfalls internationaler Studienergebnisse, weil es auch hier nur wenige deutsche Studien gibt, die sich mit diesen Themen in angemessener Form auseinandersetzen.

Zuletzt widmet sich das Kapitel 5.3 den Studien zu Motiven freiwilliger Arbeit. Hier wird ebenfalls der internationale Forschungsstand aus denselben Gründen referiert. Ein spezielles Augenmerk wird auf Studien zu religiösen Motiven für freiwillige Arbeit sowie der Bündelung von Motivgruppen gelegt.

  • [1] Ausführliche methodische Kritik z.B. bei Künemund (2006)
  • [2] Schüll (2004) befragte schriftlich 55 männliche und 35 weibliche freiwillige Mitarbeiter des Naturschutzbundes Bayern, des Motorradstreifendienstes des Bayerischen Roten Kreuzes sowie des Frauenhauses Bayreuth
  • [3] Dies sollte genau dokumentiert werden, um die Ergebnisse mit denen anderer Studien vergleichen zu können
 
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